Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2963: Deutsche trennen ihren Müll falsch.

Mittwoch, Juli 29th, 2020

Jeder Deutsche entsorgt im Schnitt 128 Kilo Restmüll im Jahr. Aber nur ein knappes Drittel dessen, was gemessen am Gewicht in den Restmülltonnen landet, gehört da auch hin. Bei 50 Kilo pro Kopf im Jahr handelt es sich stattdessen um Garten-, Küchen- und Essensabfälle. Sie müssen in der Biotonne entsorgt werden, um anschließend zu Kompost und Biogas weiter verarbeitet werden zu können.

Der zweite große Fehlwurf entfällt auf Wertstoffe wie Altpapier, Altglas und Kunststoffe. Vor allem vom Kunststoff wird vieles über den Restmüll entsorgt. Insgesamt 700.000 Tonnen Plastik entgehen so dem deutschen Recyclingsystem. Das entspricht 8,6 Kilo Kunststoff pro Kopf. Bewohner von Städten trennen ihren Müll tendenziell schlechter als Menschen auf dem Land (Sz 29.7.20).

2962: „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ reformieren.

Dienstag, Juli 28th, 2020

Nach einer von Kulturtaatsministerin Monika Grütters vor zwei Jahren beim Wissenschaftsrat in Auftrag gegebenen Evaluation soll die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ reformiert werden. Heute umfasst die SPK 15 Museumssammlungen, die Staatsbibliothek, das Ibero-Amerikanische Institut, das Institut für Musikforschung und das Preußische Staatsarchiv. Das Haus mit seinen 2.000 Mitarbeitern soll in vier selbständige Einheiten verwandelt werden. Der SPK-Präsident Hermann Parzinger unterstützt die Reformvorschläge. Die Museen arbeiten bisher unterhalb ihres Potentials, die Sammlungen können sich auch im Vergleich mit London und Paris sehen lassen, erreichen aber zu wenig Publikum.

Preußen wurde 1947 vom Alliierten Kontrollrat aufgelöst, weil in ihm ein Wegbereiter des Nationalsozialismus gesehen wurde. Völlig zu Recht. Für Hitler war Preußen allerdings eher ein Hindernis. Die Bundesrepublik und die Bundesländer übernahmen die Verantwortung vor der Geschichte. Preußen gehört zur deutschen Vergangenheit. So oder so. Die SPK organisierte so etwas wie ein „kulturelles Gedächtnis“. Das wurde insbesondere nach der Wiedervereinigung 1990 eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Die Mitte Berlins wurde neu erfunden. 1980 hatte es in der Bundesrepublik und in der DDR bereits eine Preußen-Renaissance gegeben. Dafür standen eine Preußen-Ausstellung und die Aufstellung des Reiterstandbilds von Friedrich dem Großen Unter den Linden.

„Das Preußen nicht des Generalstabs, sondern das der Reformer Stein und Hardenberg und der Weltgelehrten Alexander und Wilhelm von Humboldt wurde zur Bezugsgröße der neu geschaffenen Republik, für die Museumsinsel genauso wie für den Reichstag.“ (Ijoma Mangold, Die Zeit 16.7.20)

Insofern ist eine Reform der SPK möglich, ohne Preußen zu verleugnen. Es gehört zur deutschen Geschichte. Wer Preußen exorziert, kann sich mit der Vergangenheit nicht mehr kritisch auseinandersetzen. „Diesen Gedächtnisverlust können wir nicht wollen.“

2961: BER ist fertig.

Dienstag, Juli 28th, 2020

Der Berliner Flughafen (BER) sollte am 24. Mai 2012 eröffnet werden. Nun, am 31. Oktober 2020, ist es wahrscheinlich so weit. Zwischendurch gab es Probleme mit der Sicherheitsinstallation und weitere Pannen, Undurchsichtigkeiten und Absurditäten. Das „German Engineering“ hatte versagt. Wie schon beim Stuttgarter Bahnhofsloch, dem Schummel-Diesel und der Elb-Philharmonie.

In Istanbul wurde ein Großflughafen in vier Jahren errichtet. Aber der ist mit dem BER kaum zu vergleichen. „Berlins neuer Flughafen ist eine perfekt konzipierte, perfekt konstruierte Maschine.“ Die Architekten Gerkan, Marg und Partner (gmp) sind dafür verantwortlich. Vorfeld, Terminal und die Airport City mit den peripheren Nutzungen (Parkhäuser, Hotels, Firmengebäude)  liegen zwischen den beiden Landebahnen. Wachstum ist geplant, damit es keinen Wildwuchs gibt wie in Heathrow. Alle Maße entsprechen dem Grundmodul von 1,25 Metern. Bis hin zum Achsmaß der Flugzeugpositionen (43,75 Meter).

Elegantes Design prägt die Atmosphäre. Mit gedeckten Farben. Plakatflächen und Transparente sind in das Gestaltungssystem eingebunden. Die kurzen Wege von Tegel sind hier nicht zu erreichen. Trotzdem gibt es vergleichsweise kurze Strecken. Man steigt im Untergrund aus dem Zug, fährt zwei Rolltreppen hoch auf die Abflugebene und findet sich direkt in der Halle zum Check-in wieder. Der Passagier erkennt seinen Weg fast intuitiv. Die Gates richten sich nach den Flugzeugen der Kategorie C, Kurz- und Mittelstreckenmaschinen. Sie machen 90 Prozent der Flugzeuge aus.

Ziel ist ein Standzeit von 30 Minuten. Angestrebt ist die „bestorganisierte Gepäckabfertigungshalle“. Abgabeschalter werden nicht von den Airlines, sondern vom BER betrieben. 8.000 Gepäckstücke haben auf den Parkbändern in der mit 100 mal 180 Meter Abmaßen rekordverdächtigen vollautomatisierten Verteilerhalle Platz.

BER hat das Zeug dazu, aus den Schlagzeilen zu kommen (Falk Jaeger, FAZ 25.7.20).

2960: SPD-Kanzlerkandidat: Olaf Scholz

Dienstag, Juli 28th, 2020

Seit Monaten sprechen sich SPD-Spitzenpolitiker wie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer für Olaf Scholz als Kanzlerkandidat aus. Über die Massenmedien findet zur Zeit eine Art inoffizielle Abstimmung für Scholz statt. Das gegenwärtige SPD-Spitzenduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans hatte Scholz im innerparteilichen Wettbewerb noch als Grund für die Probleme der Partei genannt. Deutlicher kann ihr Scheitern nicht werden. Mit solchen Lagen kennt die SPD sich aus. Am Schwielowsee wurde 2008 Kurt Beck geschasst. Aber heute bewegt sich die Partei bei 15 Prozent. Für seinen Wahlkampf braucht Olaf Scholz eine Partei, in der Gegner und Befürworter einigermaßen in Frieden leben (Mike Symanski, SZ 28.7.20).

2959: Hans-Jochen Vogel ist gestorben.

Montag, Juli 27th, 2020

Mit 94 Jahren ist Hans-Jochen Vogel (SPD) gestorben. Er war Bürgermeister von München und Berlin, Bau- und Justizminister in Bonn, Kanzlerkandidat, Fraktionsvorsitzender im Bundestag und Parteivorsitzender. Der Jurist galt als Technokrat und Macher, er hat das Bild seiner Partei nach 1945 maßgeblich mitgeprägt. Früh nahm er Abschied vom Leitbild der autogerechten Stadt und holte die Olympischen Spiele 1972 nach München. Die wurden dann von einem palästinensischen Terroranschlag überschattet. Hans-Jochen Vogel war zur Stelle, wenn seine Partei ihn rief. Pflichterfüllung war sein Markenzeichen (SZ 27.7.20; Wolfgang Görl, SZ 27.7.20; Heribert Prantl, SZ 27.7.20).

2958: Rechtschreibung: Hohe Hürde für den Polizeidienst

Sonntag, Juli 26th, 2020

1. Der Polizeidienst ist in Deutschland sehr beliebt. In NRW standen 2019 10.000 Bewerber 2.500 Plätzen im gehobenen Dienst gegenüber.

2. Hauptschüler kommen dafür nicht in Frage, nur Gymnasiasten und Realschüler. In NRW braucht man einen Bachelor-Abschluss.

3. Überall ist ein dreitägiger Eingangstest zu bewältigen.

4. Erster Tag: Rechtschreibung, Grammatik, Mathematik, Reaktionsschnelligkeit. Zweiter Tag: Ein Thema muss bearbeitet werden.

5. Die Polizei Niedersachsen hat auf ihrer Homepage einen Übungstest eingestellt, bei dem Gesichter und Namen gemerkt, Zahlenreihen ergänzt und Rechtschreibfehler erkannt werden müssen.

6. Dennoch scheitert in Niedersachsen jeder zweite Bewerber.

7. Die Achillesferse für die meisten Bewerber ist die Rechtschreibung. Die Durchfallquote liegt bei 30 Prozent.

8. Gefolgt von Intelligenztest und Referat mit 27 Prozent.

9. 20 Prozent der Abiturienten und 45 Prozent der Bewerber mit mittlerer Reife scheitern am Diktat.

10. Die sportlichen Anforderungen haben nur sechs (6) Prozent nicht erfüllt (dpa, Die Welt 25.7.20).

2957: Das deutsche Volk bewies 1990 Vernunft.

Samstag, Juli 25th, 2020

Reinhard Mohr hat den Vorteil, dass er als ehemaliger Linker die Verirrungen der einschlägigen Intellektuellen besser und schärfer be- und verurteilen kann als andere. Er zeigt (Die Welt 25.7.20), dass Autoren wie

der Schriftsteller Günter Grass und der Philosoph Jürgen Habermas

die Vereinigung Deutschlands vor 30 Jahren nie wollten.

Der Soziologe Oskar Negt und der „postsozialistische Wendehals“ Gregor Gysi

stellten ab auf das „unsterbliche Ideal des Sozialismus“ und die „sozialistische Renaissance“.

Schon 1990 fragte Monika Maron, die den real existierenden Sozialismus besser kannte als die Sozialisten aus dem Westen, zurück, warum denn, bitte schön, nur die DDR die angeblich von „der Geschichte“ verhängte Kollektivstrafe absitzen musste. Grass tat so, als sei es uns „auferlegt“, „in zwei Staaten zu leben“. Auf der Linken kam schnell die Parole auf „Nie wieder Deutschland“, die Rede war von „nationalem Taumel“, von „Hinrichtungsvorbereitungen“ und vom „Vierten Reich“. Darauf konnten und können wir komplett verzichten.

„Das Resümee 30 Jahre später: Sieht man von den Rechts- wie Linksterroristen aller Couleur ab, von durchgeknallten Reichsbürgern, depperten Vollautonomen, verwirrten Aluhutträgern, Islamisten, Erdogan-Fans, Putin-Apologeten und Sektenpredigern, dann hat das deutsche Volk einschließlich aller Neubürger weitaus mehr Vernunft bewiesen als alle jene Kulturschaffende, deren Hauptaufgabe schon von Berufs wegen das klare Denken sein müsste. Wenn das nicht Mut zur Zukunft macht.“

Bei manchen Protagonisten frage ich (W.S.) mich, wie viel tausend Seiten sie eigentlich schreiben müssen, um zu belanglosen Ergebnissen zu gelangen oder sich vollkommen zu irren. Seien wir froh, dass sie politisch keinen allzu großen Einfluss haben. Ihre Verweigerung der Wiedervereinigung Deutschlands korrespondiert wohl am ehesten mit denjenigen, welche die Bundesrepublik Deutschland insgesamt ablehnen.

2956: Die Nazis kamen aus allen Schichten.

Freitag, Juli 24th, 2020

Der Politologe Prof. Dr. Jürgen W. Falter hat Zeit seines Berufslebens über die Struktur der NSDAP geforscht. 2012 wurde er emeritiert. In einer Publikation aus dem Jahr 1991 formulierte Falter sein Fazit folgendermaßen:

„Volkspartei des Protestes mit Mittelstandsbauch“.

Das modifiziert Falter in seiner neuesten Publikation zum Thema:

Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Frankfurt (Campus) 2020, 584 S., 45 Euro.

Er gleicht seine Daten mit gängigen Theorien ab: „Panik des Mittelstands“, „Extremismus der Mitte“. Er gelangt zu dem Schluss, dass zu jeweils bestimmten Phasen einige Theorien besser passen, aber niemals für die komplette Zeit (Robert Probst, SZ 22.6.20).

Christian Staas hat Jürgen W. Falter interviewt (Die Zeit, 25.6.20):

Zeit: Aus welchen sozialen Milieus rekrutierte die Partei ihre Mitglieder?

Falter: Aus allen. Sie war, wenn man so will, die erste deutsche Volkspartei. Auch damit widersprechen die Daten einer gängigen These – dass die NSDAP ganz überwiegend eine Mittelstandspartei gewesen sei. Diesen Befund muss man zumindest relativieren, denn mit bis zu 40 Prozent hatten auch die Arbeiter einen hohen Anteil. … Überproportional vertreten waren Angestellte und Beamte. Rund 60 Prozent aller Beamten dürften in der Partei gewesen sein, darunter auffallend viele Lehrer.

Zeit: Nur wenige Hundertprozentige, sozialer Druck, Opportunismus – Ihr Blick auf „Hitlers Parteigenossen“ fällt recht nachsichtig aus.

Falter: Es geht um Differenzierung, nicht um Nachsicht. Und nur weil jemand opportunistisch gehandelt hat, spricht ihn das noch lange nicht davon frei, als Partreimitglied das Regime gestützt zu haben. Es wäre außerdem irreführend, zu meinen, „echte Nazis“ seien nur in der NSDAP zu finden gewesen. Vor allem aber gab es sehr viel mehr Deutsche, die dem Regime zugestimmt haben, als die Partei Mitglieder hatte. Wie viel Schuld einer auf sich geladen hat, lässt sich nur im Einzelfall und gewiss nicht allein anhand des Parteiausweises bestimmen. Der individuelle Handlungsspielraum war im Guten wie im Schlechten größer, als viel im Nachhinein glaubten.

 

2955: Zipi Livni kritisiert Israels Politik.

Donnerstag, Juli 23rd, 2020

Zipi Livni war von 2006 bis 2009 Israels Außenministerin, später auch Justizministerin. 2008 bis 2012 war sie Vorsitzende der Kadima-Partei. In einem Interview mit Susanne Knaul (taz 18./19.7.20) kritisiert sie die aktuelle israelische Politik:

„Eine Annexion steht im Widerspruch zu den israelischen Interessen, sie beeinträchtigt die Möglichkeiten, zu einer Einigung mit den Palästinensern und überhaupt mit der arabischen Welt in der Region zu kommen.“

„Die einzige Lösung kann nur ein Staat für jedes Volk sein. Eine gerechte Lösung für die Palästinenser und für die Juden. Ich will meine Kinder und Enkel nicht vor die Wahl stellen, jüdisch oder demokratisch zu sein.“

„In den letzten Jahren beobachten wir besorgniserregende Entwicklungen, darunter Angriffe gegen die Gerichte, gegen die Medien und grundsätzlich die Rechtstaatlichkeit. Was mir ernsthaft Sorgen bereitet, ist, dass die Annexion innerhalb von nur drei Jahren zu einem Beinahe-Konsens geworden ist und dass die politische Debatte so populistisch ist.“

 

2954: Antisemitismus in alten, aber immer wieder variierten Versionen

Mittwoch, Juli 22nd, 2020

Es gibt so viel Antisemitismus in Deutschland, dass er sich immer wieder einmal in die Schlagzeilen drängt. Und ich habe Verständnis für alle Leser, die dem Ganzen allmählich überdrüssig werden. Anlässlich der Hallenser Morde von Stephan Balliet am 9. Oktober 2019 und dem Prozess dazu, ballen sich die abwegigen Thesen nochmals drastisch:

1. Danach sind die Juden Drahtzieher bei allem, was die Länder der Weißen gefährdet, heimlich im Bund mit Schwarzen, Muslimen, dem Fremden an und für sich.

2. Einerseits werden die Juden für die Übel des Kapitalismus verantwortlich gemacht, andererseits für den Kommunismus.

3. Einmal tragen die Juden schuld daran, dass es den Muslimen in aller Welt schlecht geht, zum anderen sind sie verantwortlich für die „Islamisierung“ westlicher Länder.

4. Stephan Balliet erscheint als „Sonderling“, er fühlt sich als Teil von etwas Großem, als Widerstandskämpfer gegen den „schleichenden Völkermord“ an den Weißen.

5. Der Veganer Attila Hildmann sieht Zionisten als Profiteure eines bevorstehenden Impf-Massenmords.

6. Für ihn will die „Judenrasse“ das „deutsche Volk ausrotten“.

7. Fast immer gehört eine Portion Frauenfeindlichkeit oder ein gestörtes Verhältnis zu Frauen dazu wie bei Stephan Balliet, für den Frauen wegen der Emanzipation nicht genug Kinder bekommen (Annette Ramelsberger, SZ 22.720; Ronen Steinke, SZ 21.7.20).