Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2984: Olaf Scholz‘ Kanzlerkandidatur stärkt die SPD.

Mittwoch, August 12th, 2020

Die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz (SPD) kommt für manche überraschend, nachdem kurz davor die Parteispitze ihre Sympathie für ein Linksbündnis (Grüne/SPD/Linke) verkündet hatte. Trotzdem ist die Entscheidung richtig. Und die SPD bemüht sich bereits jetzt um große Geschlossenheit. Scholz hat als Finanzminister in der Corona-Krise überzeugt. Der frühere Sparsamkeitsapostel bewies seine Fähigkeit zum Schuldenmachen in großem Stil. Er erschien täglich im Fernsehen und erwies sich auch rhetorisch als der Sache gewachsen.

Das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die SPD in verschiedene Lager gespalten ist. Kevin Kühnert sprang über seinen Schatten und versicherte Scholz seiner Unterstützung. „Nächstes Jahr ist Elfmeterschießen angesagt, und da spielen wir im gleichen Team.“ Die Jusos und die Parteilinken würden Scholz mit tragen. Der Parteivorsitzende Norbert Walter-Borjans, ein Kämpfer für Steuergerechtigkeit, sagte: „Wir haben mit vielen Menschen in der SPD gesprochen, und am Ende war klar, dass Olaf Scholz der beste Kandidat für die Partei und für das Land ist.“

Gut gemacht, SPD. Das hätte man euch ja bald nicht mehr zugetraut.

Bestimmte Tatsachen sind nicht zu übersehen. Die Abneigung zwischen Scholz und Kühnert und ihr kühles Verhältnis. Die SPD muss sich darüber klar sein, dass ohne Begeisterung für die Person an der Spitze auch das beste Programm wenig bringt. Für Scholz enthält das Verhalten der Parteilinken eine Botschaft: dass dieser Wahlkampf kein Spaß wird. Noch nie war ein Kanzlerkandidat der SPD demonstrativ so eingegrenzt. Anders geht es momentan nicht (Boris Hermann, SZ 12.8.20; Stefan Braun, SZ 12.8.20).

Stärke gewinnt die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten aus der Schwäche der Konkurrenten. Bei der Union (CDU/CSU) ist das Rennen zwischen Markus Söder, Armin Laschet, Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Jens Spahn noch nicht gelaufen. Bei den Grünen zeigt Robert Habeck zunehmend Schwächen. Und auf der Linken ist außer Dietmar Bartsch überhaupt niemand erkennbar, der für höhere Ämter geeignet ist. Das stärkt die Position der SPD.

2983: Incels – die Verlorenen

Dienstag, August 11th, 2020

1. Wir Chauvis sind ja nun wirklich nicht besonders fortschrittlich und vorbildlich. Aber wir freuen uns, dass es so viele kluge und schöne Frauen auf der Welt gibt.

2. Als unser Gegenbild haben sich die Incels (involuntary celibate = die unfreiwillig Zölibatären) konstruiert.

3. Der antisemitische Attentäter von Halle hörte auf der Fahrt zum Attentat frauenfeindliche Musik in seinem Auto.

4. Dem BKA liegen über die Incels keine polizeilichen Erkenntnisse vor.

5. Die Incels fühlen sich nicht wahr- und ernstgenommen. Sie leben mit Verunglimpfungen: „Verpiss dich mit diesem Autismus, du einsamer masturbierender Incel.“

6. Incels bezeichnen Frauen als toilets (Toiletten) und holes (Löcher).

7. Ihre Vorstellungen von unserer Welt stammen aus dem Film „Matrix“ (1999, 2003) mit seinen Blackpills, Redpills und Bluepills.

8. Wer Blackpills schluckt, akzeptiert, „dass Männer, die klein und hässlich sind, niemals eine Frau finden werden“.

9. Incels verlangen „go ER“, also einen Amoklauf zu machen und sich dann selbst „auszuschalten“.

10. Incels posten etwa, „eine Fotze wie diese verdient es, brutal beiseitegeschafft zu werden“.

11. Incels laden „Gifs“ hoch: Aufnahmen von Suiziden in Dauerschleife.

12. Bevorzugte Reiseziele von Incels sind Indien, Nepal und Bangladesh, dort würden „Töchter als Last angesehen“.

13. Dort hätten Frauen es noch gelernt, sich unterzuordnen.

14. Als Verachtungsformel benutzen Incels „AWALT“, „all women are like that.“

15. Viele Incels erfahren sich als weiß, arbeitslos und rechts.

16. Tatsächlich haben viele Incels einen Migrationshintergrund, sie leiden unter Rassismus-Erfahrungen („Die Art, wie die Leute dich ansehen, ist brutal. Sie sehen dich an, als wärst du eine Kreatur, kein Mensch.“).

17. „Ein Mädchen weinte, weil es sich neben mich setzen musste.“

18. Incels verwirklichen sich darin, sich gegenseitig weiter runterzuziehen.

19. Incels bezeichnen Frauen oft als genetischen Müll, Vergewaltigung sei okay und „der dümmste Move von Männern war, den Löchern Rechte und Freiheit zu geben“.

20. Als die „Zeit“-Reporterin Isabell Beer (30.7.20) einen Incel fragt, was Frauen ihm denn eigentlich angetan hätten, antwortet dieser: „Die haben mich ausgelacht. Einfach so, ohne Grund. Als Ausländer, du weißt nicht, wie das ist, man wird angeguckt wie ein Vergewaltiger. … Du bist immer alleine, du kennst das nur so.“

2982: Die Stärke der Wissenschaft

Dienstag, August 11th, 2020

„Die vermeintliche Schwäche – dass Forschungsergebnisse immer wieder umgestoßen werden – ist also in Wirklichkeit die Stärke der Wissenschaft: Ihr Weltbild ist jederzeit offen dafür, durch neue, bessere Einsichten korrigiert zu werden. Der Erkenntnistheoretiker

Karl Popper

hat daher die ‚Falsifizierbarkeit‘ zum wichtigsten Merkmal wissenschaftlicher Theorien erhoben: Absolute Wahrheit gibt es in der Wissenschaft nicht, keine Erkenntnis kann abschließend verifiziert werden, sie kann nur falsifiziert, durch Gegenbeweise widerlegt werden. Das unterscheidet sie auch von

Verschwörungstheorien,

die sich im Besitz der Wahrheit wähnen und hermetisch gegen jedwedes Gegenargument abschotten.“ (Maximilian Probst/Ulrich Schnabel, Die Zeit 30.7.20)

2981: SPD-Führung will Links-Bündnis.

Montag, August 10th, 2020

Die SPD hat permanent der Bundesrepublik Deutschland gedient. Auch als etwa die FDP ihre Verantwortung bei der Regierungsbildung nach der letzten Bundestagswahl nicht nachkommen konnte. So geriet die SPD ungewollt in eine große Koalition, machte dort gute Arbeit. Jetzt hat sie den Salat.

Die SPD-Chefin Saskia Esken strebt „ein progressives Bündnis an, um – im tiefen Respekt für jeden Einzelnen – eine mutige und gerechte Politik für die vielen zu gestalten.“ Esken will ein Bündnis links von der CDU. Genau wie die Linken-Vorsitzende Katja Kipping. Die wollen also eine Koalition von

Grünen, SPD und Linken.

Gegenwärtig haben sie dafür noch keine Mehrheit (SZ 10.8.20). Aber die Hoffnung darauf. Das Problem sind die Linken, die noch nicht voll aus ihrem DDR/SED-Mief raus sind. Sie sind Putin-Freunde und rechtfertigen die russische Annexion der Krim. Sie befinden sich im Einvernehmen mit dem venezolanischen Potentaten Maduro, dem syrischen Machthaber Assad und dem weißrussichen Diktatur Lukaschenko. Sie sind gegen die Bundeswehr und die NATO und lehnen Auslandseinsätze ab. Sie sind nicht im Westen angekommen, sondern fest im 20. Jahrhundert sitzen geblieben. Mit denen ist keine Bundesregierung zu machen.

Stellen wir uns einmal vor, dass demnächst die Bundesregierung von Personen wie Anna-Lena Baerbock (Grüne) als Bundeskanzlerin und Ministern wie Rolf Mützenich (SPD) und Bernd Riexinger (Linke) gebildet wird. Dabei habe ich ein schlechtes Gefühl. Aber wenn Frau Esken und Herr Walter-Borjans meinen! Was macht dann eigentlich Olaf Scholz, ein bewährter und geeigneter Minister?

2980: Der weite Weg der Monika Maron

Sonntag, August 9th, 2020

Mit „Flugasche“ (1981) hat sie unsere Herzen erobert. Eine große Schriftstellerin: Monika Maron. Auch noch mit „Stille Zeile Sechs“ (1991) oder „Animal Triste“ (1996). Sie kannte sich in der Liebe aus. Seither hat sie einen weiten Weg gemacht. Anscheinend politisch motiviert. Alle Rezensenten ihres neuen Romans „Artur Lanz“ (Verlag S. Fischer, 19,90 Euro) und ihre Interviewer haben sich um Fairness bemüht.

Aber Julia Encke schreibt in der FAS (9.8.20): „Wir leben in einem Land, so suggeriert es uns Maron allen Ernstes in ihrem toxischen Cocktail aus Selbstgerechtigkeit, Ressentiment und Machotum, in dem die Meinungsfreiheit wieder eingeschränkt wird wie in der DDR. … Wobei ‚uns‘ natürlich falsch ist. Nur die Männer. Die sollen wieder Helden werden und Männer sein dürfen. Am besten Biker-Typen. Die Frauen sind sowieso nur durchideologisierte Denunziantinnen im Genderwahn.“

2979: Journalistischer Machtkampf

Freitag, August 7th, 2020

1. Seit die „New York Times“ ihren Kommentator James Bennett und die prägende Kolumnistin Bari Weiss verloren hat, steht fest, dass im Journalismus ein Machtkampf tobt, der noch wesentlich schärfer werden wird.

2. Grund für den Verlust war der Gastkommentar des Republikaners Tom Cotton, der gegen Randalierer den Einsatz von Militär gefordert hatte.

3. Der Kampf wird ausgetragen zwischen identitätspolitisch Aufgeklärten und Liberalen (vorzugsweise alte weiße Männer, zu denen ich auch gehöre).

4. Die Identitätspolitiker wollen die „richtigen“ Ansichten zu Wort kommen lassen für bislang unterdrückte Gruppen, sie wollen keine Gefühle verletzen und Minderheiten fördern.

5. Die alten Liberalen wollen Aufklärung und einen freien Austausch zwischen allen.

6. Die Identitätspolitiker sind eher nach 1980 geboren, die alten Liberalen davor.

7. In Deutschland hat sich der Streit an dem (nach der Meinung von W.S. völlig unmöglichen) Kommentar von Hengameh Yaghobifarah (in der „taz“) entzündet, in dem sie Polizisten auf den Müll wünschte.

8. Nach Meinung des stellvertretenden „Welt“-Chefredakteurs Robin Alexander steht uns in Deutschland die harte Auseinandersetzung erst noch bevor.

9. Die Massenmedien selbst sind permanent zum Gegenstand massiver Kritik („Lügenpresse“, „Mainstream-Medien“) geworden.

10. Sie werden kritisiert wie die Gesellschaft insgesamt.

11. Die „sozialen Medien“ bilden inzwischen so etwas wie eine digitale Gegenwelt.

12. Die Mainstream-Medien sind nur noch eine Quelle unter vielen.

13. Immer häufiger stehen die Namen von Journalistinnen und Journalisten auf rechtsextremen Todeslisten.

14. Journalisten überschätzen den Einfluss von „sozialen Medien“ eher, weil sie selbst dort häufiger unterwegs sind als andere.

15. Die Medienskepsis ist nicht unbedingt größer als früher, aber sichtbarer. Damit verunsichert sie.

16. Journalisten und Politiker sind in hohem Maße aufeinander angewiesen. Dadurch beeinflussen sie die gesellschaftlichen Machtverhältnisse.

17. Im Journalismus fehlen Vertreter von Einwanderern.

18. Gatekeeping war einmal das Vorrecht der Massenmedien. Es ist zum Verdachtsgegenstand diskriminierender Verhältnisse geworden (Meredith Haaf, SZ 7.8.20).

2978: „Otto – Der Film“ (1985) ist rassistisch.

Donnerstag, August 6th, 2020

Der erfolgreichste Film, den Otto Waalkes gemacht hat, ist „Otto -Der Film“ (1985). Er ist rassistisch. Darin bietet „Otto“ einer reichen Dame den „farbigen“ Schauspieler Günther Kaufmann (1947-2012) als „Sklaven“ an. Kaufmann hatte sich als Schauspieler bei Rainer Werner Fassbinder und in Bremer Theaterinszenierungen durchgesetzt. Waalkes Filme richteten sich häufig gegen „die, da oben“.

In dem Film ist Silvia (Jessika Cardinahl) so gezeichnet, dass wir den Film heute auch als sexistisch empfinden. Zudem verulkt er die Alten. Auf Ottos Frage „Seid ihr alle da?“ antworten sie „Ja!“. Darauf Otto: „Aber nicht mehr lange!“ Da haben wir’s. Solche seinerzeit möglicherweise noch nicht unkorrekten Filme wurden für Otto Waalkes häufig geschrieben von Autoren wie Bernd Eilert, Robert Gernhardt und Peter Knorr. Sie gehörten zur „Neuen Frankfurter Schule“. Die war also auch rassistisch (Wilfried  Hippen, taz 30.7.20).

Vielleicht geht mancher Schenkelklopfer heute in sich?

Damit rechne ich nicht. Otto Waalkes Filme gelten auch heute noch als fortschrittlich.

Was machen wir nun?

2977: Ehrendoktorwürde für Wolf Biermann

Donnerstag, August 6th, 2020

Der Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau verleiht dem Autor und Liedermacher Wolf Biermann die Ehrendoktorwürde. Damit werden seine besonderen Verdienste um Literatur und Wissenschaft geehrt. Die Verleihung findet am 28. Oktober im Theater Koblenz statt (SZ 5.8.20).

2976: dpa mit zentralem Desk

Mittwoch, August 5th, 2020

Aus Einsparungsgründen arbeitet die „Deutsche Presse-Agentur“ (dpa) neuerdings mit einem zentralen Desk. Alle Meldungen und Berichte des Basisdienstes und der zwölf Landesdienste werden in Berlin herausgegeben. Dadurch würden Einsparungen „im niedrigen sechsstelligen Bereich“ erzielt, so die stellvertretende Chefredakteurin Jutta Steinhoff. Insgesamt sei das zentrale Desk um 16 Stellen erweitert worden. Bei den Landesdiensten seien zehn Stellen weggefallen (SZ 5.8.20).

2975: Wilhelm Schmid bekämpft das *.

Dienstag, August 4th, 2020

Der Philosoph Wilhelm Schmid ist gegen das * (FAS, 2.8.20).

„Das Anliegen. Es steht mehrheitlich wohl kaum in Frage, auch wenn viele glauben, es gehe nur darum, dass das weibliche neben dem männlichen Geschlecht Anerkennung findet. Die Akzeptanz unterschiedlicher gesellschaftlicher Orientierungen, auch solcher, die über Homosexualität hinausgehen und neutral als ‚divers‘ bezeichnet werden können, ist jedenfalls in dieser freiesten Gesellschaft, die je unter deutschem Namen firmierte, wenig umstritten.“

„Ein umfangreicheres Problem des Gendersternchens besteht darin, dass damit keineswegs nur ein drittes oder viertes Geschlecht, sondern darüber hinaus auch noch ein dreißigstes und vierzigstes gemeint sein soll. Asexuell, bisexuell, pansexuell, transsexuell, intersexuell und so weiter, tendenziell jede, jeder und divers mit individuellem Geschlecht. Das ist vielen zu viel. Dem berechtigten Anliegen einer Anerkennung sämtlicher Diversitäten erweist das ausufernde Sternchen einen Bärendienst. Es ist zu einem quasi-religiösen Symbol geworden, das für eine Überzeugung steht, nämlich dass so altbackene Phänomene wie Mann und Frau überholt sein sollen.“

„Wie starr Identitäten sind, zeigen alle ihre Varianten. Identitätspolitik, welcher Art auch immer, heißt abgrenzen, ausgrenzen, die eigenen Reihen schließen, Andere zurückweisen. Nationale Identitäten und rechtslastige identitäre Bewegungen werden gerne beklagt, um dasselbe in Grün zu betreiben. Das Gemeinsame ist, auf den Ausschluss von Anderen und Anderem angelegt zu sein. Wie menschenverachtend das auch unter emanzipatorischen Sternchen ausfallen kann, stellte jüngst der vieldiskutierte Artikel in der alternativen Berliner „taz“ unter Beweis, wonach Polizisten auf den Müll geworfen werden sollten. Identitätsgesättigt bringen auch ausgewiesene AntidiskriminiererInnen wieder nichts als blinde Diskriminierung hervor. Kommt heftige Widerrede auf, handelt es sich dabei aus ihrer Sicht wieder um Diskriminierung. Und prompt erschallt der Ruf nach der Polizei, denn wer sonst könnte sie wirksam schützen, also wieder runter vom Müllhaufen.“