Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2994: G.W.F. Hegel – der Erfinder des Weltgeists – 250 Jahre

Mittwoch, August 19th, 2020

Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in Stuttgart geboren. Das Oberhaupt des „deutschen Idealismus“ hat die Philosophie odentlich umgekrempelt und ist heute noch wichtig, obwohl er Thesen verfochten hat, die sich im Laufe der Zeit als fürchterlich erwiesen haben (z.B. Stalinismus). Und das nicht wegen seines ausgeprägten schwäbischen Dialekts und seiner vielen „Schwabismen“. Hegel favorisierte die Dialektik (These, Antithese, Synthese). Er proklamierte: „Was vernünftig ist, wird wirklich, und was wirklich ist, wird vernünftig.“ Wer das angesichts der Zustände in der Welt heute noch gelten lassen wollte, müsste sehr mutig sein. Zur Geschichtsphilosophie sagte Hegel, „dass die Vernunft die Welt beherrscht, dass es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen ist“ (Ronald Düker, Die Zeit 6.8.20). Überhaupt scheint sein Verhältnis zur Realität äußerst eigenwillig gewesen zu sein. So wird die Anekdote kolportiert, dass Hegel, nachdem er einmal von einem Studenten korrigiert worden war, ausgerufen haben soll: „Um so schlimmer für die Wirklichkeit.“

Hegels Denken enthält ein umfassendes System der Philosophie, eine Wissenschaft, „die alle Aspekte der Wirklichkeit vereinen und einem Vernunftganzen unterstellen soll. Ein Denken, in dem der Zufall keinen Platz hat“. Die politisch Handelnden sind darin die „Geschäftsträger des Weltgeists“. Die Legende behauptet, dass Hegel 1806 in Jena Napoleon begegnet sein soll: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekogniszieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ Können wir heute noch an einen „Weltgeist zu Pferde“, einen Endzweck glauben? An die Verwirklichung von Vernunft und Freiheit?

Ist es – mit Thomas Assheuer (Die Zeit 6.8.20) zu sagen – nicht vor allem das Negative, das den Weltgeist nach vorn in die Zukunft peitscht, sein Lebenselixier sind Gewalt und Zerstörung, es sind blutige Schlachten und große historische Feindschaften, die ganze mörderische Rivalität der Völker und Nationen.

Hegels Einstellung mit der Weltgeschichte als Weltgericht war für seine philosophischen Zeitgenossen Arthur Schopenhauer (1788-1860) und Sören Kierkegaard (1813-1855) ein Skandal. Hegel gehe über Leichen. Der Einzelne sei für ihn bloß Material zur Selbstverwirklichung des Weltgeists. Noch schärfer verurteilte ihn Friedrich Nietzsche (1844-1900).

Aber Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte – und das ist bis heute so – zahlreiche Anhänger. Sie werden gerne eingeteilt in Rechts- und Linkshegelianer. Zu ersteren gehören etwa Eduard Gans (1798-1839), Adolf Lasson (1832-1917) und Karl Larenz (1903-1993). Die alles überragende Figur der Linkshegelianer ist Karl Marx (1818-1883). Dessen Anhänger, welche die klassenlose Gesellschaft anstrebten und anstreben, haben in großem Umfang repressive und mörderische Systeme wie etwa die UdSSR errichtet (Josef Stalin 1878-1953). Andererseits war Marx die Galionsfigur der 68er-Bewegung, die, vielleicht zum Glück, nie einfach die Macht erringen konnte, sondern den Marsch durch die Institutionen antreten musste.

Hegels ernsthafteste Kritiker im 20. Jahrhundert waren die Philosophen Karl R. Popper (1902-1994) und Michel Foucault (1926-1984), aus ganz unterschiedlichen Gründen. Popper sah in Hegel den zynischen Wegbereiter des Totalitarismus („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ 1946). Foucault hielt Hegels Erzählung vom Weltgeiste für eine Lüge. Für ihn stand fest, dass „unsere gesamte Epoche“ danach trachte, „Hegel zu entkommen, sei es mit Marx oder mit Nietzsche“.

Für Thomas Assheuer steht fest, dass für Hegel Donald Trump zum oberen „Pöbel“ gehörte, der „Kehrseite“ des unteren „Pöbels“. Er meint damit die Reichen, deren Verhalten zum „Verlust des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und Ehre“ führt und das Gewebe der Sittlichkeit zerreisst. Assheuers Meinung nach sind Freiheit und Demokratie auf der Welt in die Defensive geraten und ihre Ausbreitung vegetiert „in chinesischen Umerziehungslagern, in iranischen, syrischen, türkischen, ägyptischen, russischen Gefängnissen dahin. Sie wird bedroht beziehungsweise abgeschafft in Ungarn und Polen, sie wird niedergeknüppelt in Minsk, Hongkong, Beirut oder Tunis, in Brasilien, Venezuela, Kolumbien, Nicaragua oder im neoliberalen Vorzeigeland Chile“.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte mit seinem totalitären Optimismus wohl doch nicht recht.

2993: Namibia lehnt Wiedergutmachung erneut ab.

Dienstag, August 18th, 2020

Die namibische Regierung hat das Wiedergutmachungsangebot der Bundesregierung für Gräuel in der Kolonialzeit erneut abgelehnt. Seit 2015 verhandeln Deutschland und Namibia über Zahlungen und eine Entschuldigung für Verbrechen an den

Herero und Nama 1904 bis 1908

im früheren Deutsch-Südwestafrika. Berlin ist bereit, zehn Millionen Euro zu zahlen und eine vorbehaltlose Entschuldigung auszusprechen. Die Bundesregierung lehnt den Begriff der Reparationen ab und spricht von „Wunden heilen“ (EPD, SZ 13.8.20).

2992: David Grossman begeistert Julia Encke.

Montag, August 17th, 2020

Der israelische Schriftsteller David Grossman, geb. 1954, trat 2009 mit dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht.“ hervor. Darin flieht die Protagonistin durch Galiläa, um nicht miterleben zu müssen, dass ihr die Nachricht vom Tod ihres Sohns gebracht wird, der Soldat ist. 2006 war Grossmans zweiter Sohn Uri als Panzersoldat im Libanon gefallen. 2010 erhielt David Grossman den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für sein Eintreten für den israelisch-palästinensischen Dialog.

Nun begeistert Grossman Julia Encke (FAS 16.8.20) mit seinem neuen Roman

„Was Nina wusste“.

München (Hanser) 2020, 352 Seiten, 25 Euro. Er spielt im kroatischen Lager Goli Otok, „Titos Gulag“. Encke schreibt: „Schon in eine ‚Eine Frau flieht vor einer Nachricht‘ konnte die Mutter das Leben des Sohnes, das sie erzählend schützen wollte, nicht retten. Und auch jetzt – alles andere würde zu Grossman nicht passen – entkommt keine der Figuren der Wahrheit. Doch schafft die Erzählung selbst eine Unterbrechung, die dem über Generationen weitergegebenen Trauma Einhalt gebieten kann. ‚Was Nina wusste‘ ist alles auf einmal: Kriegsbericht, historische Rekonstruktion, Liebesgeschichte und Familienroman und in jeder Hinsicht überwältigend. David Grossman ist einfach der größte lebende Schriftsteller.“

2991: Hans-Ulrich Jörges hört beim „Stern“ auf.

Montag, August 17th, 2020

Der „Stern“-Kolumnist Hans Ulrich Jörges, geb. 1951, beendet seine Karriere. Beim „Stern“ hat er knapp 1.000 Kolumnen geschrieben. Begonnen hat er bei vwd und Reuters, um dann über die „Süddeutsche Zeitung“ und die Wochenzeitung „Die Woche“ wieder beim „Stern“ zu landen. Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless haben ihn interviewt (stern 30.7.20).

Stern: Hanns Joachim Friderichs wird der Satz zugesprochen, ein guter Journalist mache sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Ist das auch dein journalistischer Grundsatz?

Jörges: Nein, den halte ich für den falschen Ansatz des Journalismus überhaupt. Unser Glaubensbekenntnis als Journalisten steht doch da oben, auf dem Transparent (er zeigt zum alten Museum): „Für Weltoffenheit und demokratische Werte. Gegen Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Hetze.“ Dafür arbeiten wir, und damit mache ich mich jeden Tag zehnmal gemein. Das ist ja der Inhalt unseres Berufes …

2990: Aufbau Verlag – 75 Jahre

Sonntag, August 16th, 2020

Noch vor Gründung der DDR und der Bundesrepublik wurde der Aufbau Verlag am 16. August 1945 in Ost-Berlin ins Leben gerufen. Und zwar vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ unter seinem Präsidenten Johannes R. Becher, dem nachmaligen kommunistischen Kultusminister der DDR. Die ersten Bände stammten von Maxim Gorki und Georg Lukacs. Seinerzeit in Auflagen von 10.000 bis 30.000. Erfolgsbücher wurden „Das siebente Kreuz“ von Anna Seghers, Heinrich Manns „Untertan“ und Theodor Pliviers „Stalingrad“. Wir sehen, dass es ein großes Programm gab.

Mit Gründung der DDR und der SED betrachtete diese den Verlag als ihr Eigentum. Der große literarische Anspruch blieb, aber die Propaganda hielt Einzug. Der Verlagsdirektor

Walter Janka,

KZ-Insasse, Exilant, Spanienkämpfer, bemühte sich um Unabhängigkeit. Er druckte Hemingway, Sartre und Bertolt Brecht (dank eines Abkommens mit Suhrkamp). Nach dem ungarischen Aufstand 1956 wurde er in einem Schauprozess verurteilt. Die Spannung zwischen der offiziellen Kulturpolitik und der ästhetisch-politischen Öffnung, für die der Verlag steht, bleibt erhalten. 1976 protestieren die Aufbau-Autoren Stephan Hermlin, Sarah Kirsch, Günter Kunert und Christa Wolf gegen die Ausbürgerung

Wolf Biermanns.

Verlagschef Elmar Faber hielt trotz alledem eine gewisse Liberalität durch. Victor Klemperers „Sprache des Dritten Reichs“ (1946) fand eine Fortsetzung in seinen Tagebüchern. Hans Fallada wurde mit der Originalfassung von „Jeder stirbt für sich allein“ wieder zum Bestseller-Autor. Im Rahmen der allgemeinen Privatisierung übernahm 1991 ein Immobilien-Investor aus Frankfurt den Verlag. Der bezog 2011, nach der Übernahme durch einen anderen Investor 2008, sein neues Domizil am Moritzplatz in Kreuzberg. Das Renommee des Aufbau-Verlags bleibt (Lothar Müller, SZ 14./15.8.20).

2989: Das Exilmuseum – eine Idee von Herta Müller

Samstag, August 15th, 2020

2009 erhielt die deutsche Schriftstellerin Herta Müller, geb. 1953 in Rumänien, den Literaturnobelpreis. Sie war 1987 ins deutsche Exil gegangen. Bekannte Werke von ihr sind: Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992), Herztier (1994) und Atemschaukel (2009). Sie wohnt seit längerem in Berlin-Charlottenburg. Jetzt hat sie die Idee eines Exilmuseums am Anhalter Bahnhof entwickelt. Es soll privat finanziert werden und dürfte auf Spenden angewiesen sein. Herta Müller hält das Exil seit 1933 für völlig unterschätzt. Ihrer Ansicht nach hätten die Exilanten nach Deutschland zurückgerufen werden sollen.

Marc Reichwein hat sie für die „Literarische Welt“ (15.8.20) interviewt.

Literarische Welt: Sehen Sie noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Müller: Man kann die Ex-DDR nur als Teil von Osteuropa verstehen. Ich weiß ja, wie Osteuropa aussah. Rumänien war, wegen des Clans um Ceaucescu und was die Armseligkeit und Verelendung angeht, sicher eines der finstersten Länder. Aber alle Osteuropäer einte dieselbe sozialistische Ideologie. Gerade für die Ostdeutschen, die im Gegensatz zu den Tschechen, den Polen oder den Ungarn keine sprachlich-kulturelle Einheit mit Alleinstellungsmerkmal bildeten, hat sich der Staat nur ideologisch definiert.

Literarische Welt: Kann Europa mit seinen unterschiedlichen  Mentalitäten jemals zusammenwachsen? Oder hat sich manche Spaltung nicht verfestigt?

Müller: Osteuropa hat sich immer noch nicht völlig demokratisiert. Die EU hat es auch nicht genügend verlangt, hat nur Aufnahmebedingungen definiert, aber kaum Regularien für Mitglieder, die die Wertegemeinschaft nicht mitleben. Siehe die Gleichschaltung der Medien in Ungarn. Oder die Justizreform in Polen. Orban wird mit Sicherheit auch Sanktionen gegen das Regime in Belarus blockieren. Und die EU hat keine Handhabe, keinen Hebel. …

Literarische Welt: Sind Sie ein politischer Mensch?

Müller: Ich stamme aus Rumänien, wo alle deutschsprachigen Bewohner noch nach dem Krieg als Nazis galten, obwohl mit Antonescu das ganze Land faschistisch war und die Juden aus der rumänischen Bukowina zur vollsten Zufriedenheit der Nazis vertrieben und vernichtet hatte. Mein eigener Vater war bei der SS, und ich habe mich immer gefragt: Was hätte er gemacht, wenn er die Eltern von Paul Celan hätte umbringen müssen. Natürlich hätte er den Befehl ausgeführt. Er war ja Soldat. Er wäre ja nicht desertiert, nur weil er jemanden erschießen musste. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen er getötet hat. Ich konnte mit ihm nie darüber sprechen. … Politisiert war ich automatisch. In einer Diktatur gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man kann sich arrangieren oder nicht. Und zu diesem Nicht gehört auch das Exil.

2988: Nord Stream 2 – bisher kein Erfolg

Freitag, August 14th, 2020

1. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat sich eine Sanktion für Nord Stream 2 durch die USA verbeten. Das ist ganz und gar richtig, fraglich ist nur der Erfolg.

2. Denn die Fertigstellung der Pipeline ist noch unklar.

3. Die USA könnten sich – wieder einmal – durchsetzen, weil das Amerikageschäft für europäische Unternehmen zu wichtig ist.

4. Die Europäer erleben gerade, wie aussichtslos es erscheint, das Atomabkommen mit dem Iran (gegen die USA) zu retten.

5. Auf lange Sicht wird die Kraftmeierei die USA schwächen.

6. Joe Biden hat kaum eine andere Position zu Nordstream 2 als Donald Trump.

7. Angela Merkel hat sich für Nordstream 2 einspannen lassen.

8. Widerstand dagegen leisten Estland, Lettland, Litauen, Polen und die Ukraine.

9. Die USA wollen ihr Flüssiggas verkaufen.

10. Wir können Russland als Gaslieferant nicht säuberlich trennen von dem Russland, das im Osten Europas aggressive Machtpolitik treibt (Daniel Brössler, SZ 13.8.20).

2987: Wie wir mit Plagiaten umgehen müssen.

Donnerstag, August 13th, 2020

1. Die Technische Universität Darmstadt geht im Plagiatsfall der Soziologin

Cornelia Koppetsch

bemerkenswert konsequent und schlüssig vor:

a) Sie sieht in dem Fehlverhalten der 53-jährigen „eine gravierende Missachtung guter wissenschaftlicher Praxis“,

b) sie verzichtet auf Relativierungen, wie sie mancherorts immer mehr um sich greifen,

c) sie geht vor gegen eine „Kultur“, in der Verstöße gegen grundsätzliche Standards dann in Kauf genommen werden, sofern sie „sekundäre Ersatzbelohnungen“ abwerfen.

2. Koppetschs Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ war 2019 ein Kritiker- und Publikumserfolg zugleich. Darin beschäftigt sich die Autorin mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus.

3. Als das Buch dann beim Bayerischen Buchpreis gut im Rennen lag, erklärte die FAZ-Kritikerin und Jurorin Sandra Kegel, ihr seien Vorwürfe „hinsichtlich der korrekten Zitierweise in diesem Buch“ bekannt geworden.

4. Der Juror Knut Cordsen teilte mit, Koppetsch habe den Begriff „Neogemeinschaften“ von dem Soziologen Andreas Reckwitz übernommen, ohne dies zu kennzeichnen, und überdies „zeilenlang ganze Satzperioden“ übernommen.

5. Kurz darauf wurden Koppetsch Übernahmen aus Büchern von Slavoj Zizek, Sighard Neckel, Maurizio Bach, Frank Riess und Wendy Brown nachgewiesen, und die TU Darmstadt setzte eine Untersuchungskommission ein.

6. Der Abschlussbericht der TU Darmstadt lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

7. Dichte und Häufigkeit der Plagiate sprächen sogar „eindeutig“ dagegen, den Text als Qualifikationschrift anzuerkennen.

8. Damit hätte Cornelia Koppetsch also nicht promoviert werden können.

9. Ähnlich hatte es ja bei der Dissertation der Bundesfamilienministerin, Franziska Giffey (SPD), ausgesehen. Bei ihr hatte die FU Berlin nur eine „Rüge“ ausgesprochen und darauf verzichtet, den Titel abzuerkennen.

10. Sie berief sich dabei auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Das hatte festgestellt, dass Plagiate nur dann zu sanktionieren seien, wenn „die Plagiatsstellen die Arbeit quantitativ, qualitativ und in einer Gesamtschau beider Möglichkeiten prägen“.

11. TU-Präsidentin Tanja Brühl teilte unmittelbar nach der Veröffentlichung des Untersuchunbgsberichts mit, dass sie ein Disziplinarverfahren gegen Koppetsch einleiten werde, dass diese im schlimmsten Fall ihren Beamtenstatus kosten könne.

12. Es ist sehr erfreulich, dass neuerdings unsere wissenschaftlichen Standards wieder entschiedener verteidigt werden, weil sie anscheinend ohnehin generell unter Druck geraten sind (Felix Stephan, SZ 13.8.20).

 

2986: George Soros 90

Donnerstag, August 13th, 2020

Körperlich wirkt er mittlerweile gebrechlich, George Soros, der 90 Jahre alt geworden ist. Aber immer noch trägt der Miliardär am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos seine Einschätzungen zur Weltlage vor. Er plädiert für einen Schuldenerlass für die ärmeren Länder. Er selbst hat als Hedgefonds-Manager seinen Weg (in den Reichtum) gemacht. Der Philantrop spendet immense Summen für den Aufbau „offener Gesellschaften“ in Osteuropa. Dafür wird er dort gehasst (Ungarn, Polen, Rumänien, Israel). Etwa vom Ministerpräsidenten seines ehenmaligen Heimatlandes, Ungarn, Victor Orban.

Der 1930 als György Schwartz in Budapest geborene Soros hatte seinen Vater Tivadar als Vorbild, der über das Überleben in der Nazizeit in Verstecken das Buch „Memoiren eines Lebenskünstlers“ geschrieben hat. 1947 floh die Familie vor dem Kommunismus aus Ungarn nach London. George Soros studierte an der „London School of Economics“. Dort wurde der ehemalige Österreicher,

Karl Raimund Popper,

sein Held mit dem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1946). Poppers Theorie der offenen Gesellschaft wurde für Soros zum Motiv für sein Mäzenatentum. Dadurch wurde er für Antisemiten zum Todfeind. Er spielt die Rolle, die bei den Nazis die Familie Rothschild innehatte.

Die von Soros begründete und finanzierte Privatuniversität „Central European University“ (CEU) in Budapest wurde 2019 von Victor Orban geschlossen. Dieser hatte übrigens nur mit einem von George Soros finanzierten Stipendium in Oxford studieren können. Soros gründete die CEU 2019 in Wien neu: „17.000 Studenten aus aller Welt haben ihren Abschluss gemacht. Wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, übernehmen sie oft Führungsaufgaben in Demokratien, die sich entwickeln. Darauf bin ich besonders stolz.“ (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 13.8.20)

 

2985: Weißrussische Präsidentschaftskandidatin nach Litauen geflohen

Mittwoch, August 12th, 2020

Swetlana Tichanowskaja, die oppositionelle Präsidentschaftskandidatin in Weißrussland, ist nach Litauen geflohen. Wahrscheinlich ihren beiden minderjährigen Kindern zuliebe. Noch am Montag nach der Wahl hatte die Kandidatin erklärt, dass sie die Wahl gewonnen habe und in Weißrussland bleiben wolle. Ihr Mann, Sergej Tichanowski, ein oppostioneller Blogger, sitzt bereits seit Mai im Gefängnis. Er war nicht zur Wahl zugelassen worden. Für ihn sprang seine Frau ein.

Frau Tichanowskaja sei in Litauen und in Sicherheit, teilte der litauische Außenminister, Linas Lincevicius, am Dienstag mit. Tichanowskajas politische Vertraute, Olga Kowalkowa, berichtete, dass die Präsidentschaftskandidatin nicht freiwillig gegangen sei. Vielmehr hätten die Behörden sie außer Landes gebracht. In einem Video sagte Tichanowskaja: „Viele werden mich verstehen, mich verurteilen oder hassen. Aber Gott bewahre, dass die je vor so einer Wahl stehen müssen, wie ich es musste.“ Ihre beiden Kinder hatte sie bereits vor der Wahl nach Litauen in Sicherheit gebracht.

In der Nacht zum Dienstag war es in Minsk und anderen Städten zu heftigen Protesten gegen Machthaber Lukaschenko gekommen. Die Polizei setzte Gummigeschosse, Blendgranaten und Tränengas ein. Hunderte wurden verletzt. Es gab einen Toten. 2.000 Menschen sind festgenommen worden. Bereits in der Nacht zuvor hatte es etwa 100 Verletzte und 3.000 Festnahmen gegeben. Internetseiten unabhängiger Medien und Kanäle in sozialen Netzwerken wurden blockiert (Silke Bigalke, SZ 12.8.20).

Die Vorgänge in Weißrussland erinnern unmittelbar an das Verhalten in der Sowjetunion. Regiert wird mit Polizei und Gewalt. Mit dem Unterschied, dass es heute eine bemerkenswerte Opposition gibt. Das war in der Sowjetunion unmöglich.

Hier können wir noch lange darauf warten, dass es endlich demokratische Verhältnisse gibt.