Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3074: Regelung für Restitutionen

Sonntag, Oktober 4th, 2020

2017 hat der französische Präsident Emmanuel Macron versprochen, innerhalb von fünf Jahren „die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika“ zu schaffen. Die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihre Kollegin Felwine Sarr sind nach Afrika gereist und haben sich in einem Gutachten für großzügige Restitutionen ausgesprochen. Der Streit um Restitutionen hat sich beruhigt, seit kaum noch jemand sich dagegen ausspricht. Bund, Länder und Kommunen haben sich 2019 mit dem „Ersten Eckpunkten zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ die Position von Savoy und Sarr zu eigen gemacht. Die Intransparenz der Museen soll beendet werden. Aber immer fehlen noch digitale Inventare.

Viele Fachleute finden, dass die Kolonialzeit andere Verfahren erfordert als das NS-Raubgut. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda verweist auf das Hamburger Museum am Rothenbau. Es hat im Juni etliche Inventarlisten online gestellt. Das ändert leider nichts daran, dass manche Inventarlisten fehlerhaft, überholt und rassistisch sind. Manchmal denkt der deutsche Museums- und Wissenschaftsbtrieb noch zuerst an sich selbst. Trotzdem wird an einem Verfahren gearbeitet, mit dem ethnologische Museen ihre Bestände digital aufnehmen können. Wie das finanziert werden soll, ist noch unklar. „Die Politik beginnt zu verstehen, was für eine große, langfristige Aufgabe das ist. Es ist ein langer Weg, den man aber konsequent gehen muss.“ (Jörg Häntzschel, SZ 30.9.20)

3073: Louis Begley ist beschämt.

Sonntag, Oktober 4th, 2020

Der berühmte US-amerikanische Schriftsteller Louis Begley (u.a. „Lügen in Zeiten des Krieges“ 1994, „Schmidt“ 1997, „Ehrensachen“ 2007) ist beschämt über seine Schadenfreude über Donald Trumps Covid 19-Krankheit. Er schreibt (FAS 4.10.20):

„Ist es beschämend, dass ich so böswillig bin? Zweifellos, und meine Scham sitzt um so tiefer, als der Präsident nun im Walter Reed-Militärkrankenhaus ist, wo er, wie die offizielle Bekanntmachung hieß, für ein paar Tage bleiben soll. Aber die monströse Hybris dieses Präsidenten verdient Strafe, und ich kann nicht anders, als mich darüber zu freuen, dass es diesen 74 Jahre alten Fettsack erwischt hat, der öffentlich vernünftige Maßnahmen verächtlich gemacht hat, die das Risiko einer Ansteckung verringert hätten; der höhnisch über die Gefahr der Pandemie weggegangen ist, um seine Chance auf eine Wiederwahl zu stärken; der eine gewaltige Verantwortung für die mehr als 200.000 Amerikaner trägt, die das Virus getötet hat, für eine abgewürgte Wirtschaft und für eine zahlungsunfähige Staatskasse.“

3072: Leo Löwenthal „Falsche Propheten“ (1949)

Samstag, Oktober 3rd, 2020

In den aktuellen Verschwörungstheorien finden wir die abwegigsten Hypothesen. Und können sie uns meistens gar nicht erklären. Wie in anderen Fällen auch, stoßen wir auf plausible Annahmen, wenn wir uns mit der „Frankfurter Schule“ (u.a. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer) befassen. Hier mit Leo Löwenthals (1900-1993) Studie „Falsche Propheten“ aus dem Jahr 1949. Ich fasse hier die Thesen Thomas Assheuers dazu (Die Zeit 1.10.20) zusammen:

1. Bei den meisten Verschwörungstheorien handelt es sich um eine Mischung aus Paranoia, Elitenhass und Judenfeindlichkeit.

2. Viele ihrer Anhänger sind ökonomisch nicht zurückgefallen. Trotzdem fühlen sie sich frustriert, wertlos und unfrei. Sie klagen über Fremdbestimmung, Kontrollverlust und das Treiben verborgener Mächte.

3. Die Verbreiter von Verschwörungserzählungen operieren mit Misstrauen, Abhängigkeit und Ausgeschlossensein. Sie liefern entstellte Versionen echter sozialer Probleme.

4. Ein zentrales Verschwörungsnarrativ der Gegenwart ist die QAnon-Theorie. Danach strebt eine pädophile Elite nach der Weltherrschaft und verwendet das Blut von Kindern zu ihrer Verjüngung. Q steht für einen Propheten. Der geheimnisvolle Unbekannte („anon“ = anonymus) kennt die Hintermänner und Drahtzieher, hauptsächlich Juden.

5. Verschwörungserzählungen konfrontieren unser Alltagsbewusstsein mit „bad news“: islamistischer Terror am 11.9.2001; sinnloser Irakkrieg; Beinahe-Zusammenbruch des Finanzkapitalismus; Klimawandel; Abschmelzen der Polkappen; Tod der Arten; Tod der Regenwälder; Jahrhunderthochwasser; Jahrhundertbrände; Armutswanderungen; Flüchtlingsbewegungen; Handelskriege; Chinas ökonomischen Imperialismus; Ende des transatlantischen Westens; CumEx-Geschäfte; Massenbetrug deutscher Autobauer etc.

6. Der psychische Apparat des Einzelnen wird konfrontiert mit der verwirrend komplexen Gegenwart.

7. Auf den Anti-Corona-Demonstrationen finden wir dementsprechend nicht nur Rechtsextremisten, sondern auch Graswurzelbewegte, gläubige Impfgegner, laktosefreie Anthroposophen und andere.

8. Ein teuflisches Komplott aus Juden, Freimaurern, Liberalen und anderen Aufklärern bekämpft die Ordnung der Welt. So ähnlich hatte es schon der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985), ein Rassist und Nazi, verbreitet („Politische Theologie“ 1922, „Der Begriff des Politischen“ 1927/1932).

9. Insofern gilt heute etwa George Soros, ein erfolgreicher Unternehmer und Mäzen, als Feind der Welt.

10. Leo Löwenthal lässt am Ende seiner „falschen Propheten“ einen fiktiven Demagogen eine Rede halten: „Meine Freunde, ich biete euch nicht eine Utopie, sondern einen realistischen Kampf um den Knochen im Maul des anderen Hundes. Nicht Frieden, sondern ständiger Kampf ums Überleben. Und ich bin euer Führer. Ich werde für euch denken und euch sagen, wann was zu tun ist. In meiner Führerrolle werde ich euch euer Leben vorleben, und ich werde euer Beschützer sein. In der Hölle meiner Erbarmungslosigkeit winkt euch ein trautes Heim.“

3071: Die permanente Krise der katholischen Kirche

Freitag, Oktober 2nd, 2020

Es mag heikel sein, als Nicht-Katholik über die katholische Kirche zu schreiben. Aber es muss sein, weil die Krise dort ein Ausmaß erreicht hat, das kaum zu beherrschen ist, wie mir Katholiken, und gerade die, versichern. Und weil es uns nicht gleichgültig sein kann, was mit einer solch großen, traditions- und hilfreichen Institution geschieht. Ich kenne sehr viele Katholikinnen und Katholiken. Bei vielen ist mir wohl gar nicht bewusst, dass sie welche sind, weil sie damit nicht auffallen. Sie sind genau so schlau, doof, friedlich, fortschrittlich, traditionsbewusst, menschlich wie andere Zeitgenossen auch. Mit einigen von ihnen habe ich sehr gut zusammengearbeitet.

Zugleich widmen sich ernst zu nehmende Autoren wie Annette Zoch (SZ 24.9.20) und Heribert Prantl (SZ 2./3./4.10.20) der permanenten und anwachsenden Krise ihrer Kirche. Die beiden sehen zwei Krisenpunkte: a) in der Behandlung von Frauen als Menschen zweiter Klasse und b) im massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester.

Ich versuche ihre Darlegungen treffend zusammenzufassen:

1. Heute müssen sich Gläubige immer häufiger dafür entschuldigen, noch in der Kirche zu sein.

2. Der sexuelle Missbrauch hat das Grundvertrauen in Kirche in Grundmisstrauen gegen Kirche verwandelt.

3. 1950 gehörten 96,5 Prozent der Menschen in beiden deutschen Staaten den beiden großen Kirchen an. Heute sind es noch 52 Prozent.

4. Die Diskussion um die Rolle der Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche hat eine nie gekannte Dringlichkeit erreicht.

5. Sie ist angekommen bei all den Frauen, die in Pfarreien Chöre leiten, die Kindergottesdienste halten, Kommunionkinder und Firmlinge vorbereiten, Pfarrbüros organisieren, bei all den weiblichen Gottesdienstbesuchern selbst in tiefkatholischen Gegenden.

6. An der Frauenfrage wird sich die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland wahrscheinlich entscheiden.

7. „An gesellschaftlichen Megatrends wie der Säkularisierung und der Individualisierung können auch katholische Diakoninnen wenig ändern.“

8. „Wie will (die Kirche) einerseits für die Gleichheit aller Menschen einstehen, für die Menschenliebe, ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung? Und gleichzeitig 50 Prozent der Menschheit in die zweite Reihe verweisen? Die Kirche muss sich dieser Frage auch theologisch stellen.“

9. Beim sexuellen Missbrauch ist das Selbstmitleid der Institution Kirche immer noch größer als das Mitleid mit den Opfern.

10. „Keinen deutschen Bischof hat das Leid der Opfer so umgetrieben, dass es ihn zum Rücktritt gedrängt hätte.“

11. „Es wird vertuscht, wie sehr vertuscht wurde.“

12. „Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht daher in der Kritik, sondern die Kirche als solche.“

13. „Die Kirche kann, wenn es gut geht, ein Ort sein, an dem der Himmel offen gehalten, an dem der Himmel nahe ist – weil Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit und Gnade dort ihren Platz haben; …“

14. „Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige schänden, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-jährigen sind.“

15. „Die sexuelle Ausbeutung von Wehrlosen ist das Risiko einer zwangszölibatären, autoritären Kirche, die in 2.000 Jahren zwar die Frauen aus allen Machtpositionen vertrieben hat, aber den Menschen nicht die Sexualität austreiben konnte.“

16. Heute müssen in der katholischen Kirche das Pflichtzölibat aufgehoben und Frauen zur Ordination zugelassen werden.

3070: DDR: Staatsmacht versus Staatsvolk

Freitag, Oktober 2nd, 2020

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth, hat die „Vollendung der inneren Einheit“ als „bleibende Aufgabe“ bezeichnet. Das gelte im Hinblick auf die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, aber etwa auch im Hinblick auf die Repräsentanz in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft“. Wenn rückblickend die DDR betrachtet werde, komme oft nur unzureichend die

Differenz zwischen Staatsmacht und Staatsvolk

zum Ausdruck. Am Unrechtscharakter der Herrschaft bestehe kein Zeifel. Das Leben der Menschen müsse freilich individuell betrachtet werden. Auch in „der Einparteiendiktatur haben Ärztinnen ihre Patienten behandelt, Handwerker, Lehrerinnen und Erzieher ihre Arbeit verrichtet und Nachbarn einander geholfen“. Es habe zum „Zynismus der Staatsmacht der DDR“ gehört, „die Leistungen dieser Menschen als Beitrag zum Gelingen des Systems umzudeuten“ (Mü, FAZ 2.10.20).

3069: Historiker-Brief an Politiker

Freitag, Oktober 2nd, 2020

Der Vorstand des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, Eva Schlotheuber und Eckart Conze, hat an die brandenburgische Finanzministerin Katrin Lange (SPD) und die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), geschrieben. In dem Brief kritisiert der Vorstand die Aussetzung des Verfahrens am Potsdsamer Verwaltungsgericht im Hohenzollern-Streit über eine Entschädigung. „Wir möchten als Vertreter des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. mit Nachdruck darauf verweisen, dass wir diese Entwicklung für sehr problematisch halten.“ Es herrsche „Konsens im Fach, der auf intensiver Forschung und umfassender Quellenkenntnis beruht, dass Kronprinz Wilhelm und verschiedene andere Familienmitglieder dem Nationalsozialismus substantiell und anhaltend Vorschub geleistet haben“. Es sei „zentral“, dass das Verfahren zu Ende geführt und nicht durch „nichtöffentliche Einigungsgespräche unterlaufen wird“ (Mü., FAZ 2.10.20).

3068: Kreuzberg-Friedrichshain lehnt Hilfe der Bundeswehr ab.

Freitag, Oktober 2nd, 2020

Der Berliner Stadtbezirk Kreuzberg-Friedrichshain lehnt in der Pandemiebekämpfung Hilfe der Bundeswehr ab. Der Bezirk ist grün-rot dominiert. Zuständig ist Stadtrat Knut Mildner-Spindler (Die Linke). Nach Angaben der Bundeswehr haben elf von zwölf Berliner Bezirken das Angebot der Bundeswehr angenommen, in den Gesundheitsämtern insbesondere bei der Nachverfolgung von Infektionsketten zu helfen.

Die Berliner Linken-Vorsitzende Katina Schubert behauptete, es gäbe ein klares Trennungsgebot zwischen zivilen und militärischen Aufgaben. Das stimmt aber gar nicht. Nach Art. 35 GG sind Behörden des Bundes und der Länder einander zur Amtshilfe verpflichtet. Angesichts solcher politischer Unfähigkeit bei Grünen und Linken zeigte sich Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) empört (pca., FAZ 2.10.20).

An dem Beispiel zeigt sich deutlich, was uns drohen könnte, falls Grün-Rot mal richtig das Sagen kriegen würde. Da sei der Wähler davor!

3067: Weltweites Interesse für Gerhard Richters Kirchenfenster

Mittwoch, September 30th, 2020

Weltweites Interesse haben die Kirchenfenster in der Abtei Tholey (Saarland) nach einem Entwurf von Gerhard Richter ausgelöst. Der Geschäftsführer der St. Mauritius Tholey GmbH, Thorsten Klein, sagte, im Oktober sei bereits für jeden Tag mindestens eine Gästeführung gebucht. Tholey rechnet mit 100.000 Besuchern im Jahr. In der Eröffnungswoche seien alle Veranstaltungen ausgebucht gewesen. Die Zahl der Gäste musste wegen der Hygiene-Bestimmungen auf 70 beschränkt werden.

Tholey gilt mit der urkundlichen Ersterwähnung 634 als ältestes Kloster Deutschlands. Dort leben heute zwölf Mönche (SZ 30.9.20).

3066: Blutdoping-Prozess: Geständnis

Mittwoch, September 30th, 2020

In dem Blutdoping-Prozess vor dem Landgericht München II hat der Erfurter Arzt Mark Schmidt durch seine Verteidiger ein Geständnis ablegen lassen. Von 2012 an hat er hauptsächlich Winter- und Radsportler beim Eigenblutdoping betreut. „Doping ist an der Tagesordnung, wenn man erfolgreich sein will.“ Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe (SZ 30.9.20).

3065: Trump zahlt kaum Steuern.

Dienstag, September 29th, 2020

750 Dollar Einkommenssteuer hat Donald Trump 2016 und 2017 gezahlt. Davor viele Jahre gar nichts. Das mag legal gewesen sein, in jedem Fall aber illegitim. Denn dann hat Trump weniger gezahlt als die Arbeiter, als deren Fürsprecher er sich permanent gebärdet. Hubert Wetzel schreibt dazu (SZ 29.9.20):

„Aber es ist eigentlich nichts Neues. Donald Trump ist das öffentliche Wohl völlig egal. Die Allgemeinheit, der Staat, die Gesellschaft, all das schert ihn einen Dreck. Für ihn ist wichtig, dass er seinen Schnitt macht. Die Rechnung bezahlen am Ende die ‚kleinen Leute‘.“