Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3252: Fehler der Heilpraktiker

Montag, Februar 1st, 2021

Wer Heilpraktiker werden will, muss einen Hauptschulabschluss haben und mindestens 25 Jahre alt sein. Sodann muss er einen Multiple-Choice-Test absolvieren. Darin befragt ihn der Amtsarzt nach Grundkenntnissen der Anatomie und Pathologie, es geht zudem um Berufs- und Gesetzeskunde. Insgesamt also eine Überprüfung, die zeigt, dass Heilpraktiker keine Ärzte sind. Das unterstreicht Dr. Jutta Hübner, Onkologin von der Universitätsklinik Jena. Sie ist zusätzlich qualifiziert in Naturheilkunde und Akupunktur und Expertin für alternative und ergänzende Heilverfahren. Im Heilpraktikergesetz von 1939 ist festgehalten, dass von der Tätigkeit von Heilpraktikern „keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung“ ausgehen darf. Viele Ärzte sehen es allerdings so, dass mannigfache Probleme vom Heilpraktikerwesen ausgehen.

Die Nachfrage nach Heilpraktikern erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass unser Medizinsystem, insbesondere in den letzten Jahren, einer ökonomischen Rationalisierung unterzogen worden ist, die keine ausführlichen Gespräche der Mediziner mit den Patienten mehr erlaubt. Diese Zeit nehmen sich die Heilpraktiker. Das Medizinsystem investiert in Geräte und teure Medikamente. Es bewegt sich anscheinend auf einem hohen technisch-wissenschaftlichen Niveau, genießt hohes Ansehen und demonstriert aufwendige Therapien.

Heilpraktiker dagegen wenden Methoden wie die Irisdiagnostik an. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich an bestimmten Zonen der Iris Befunde über einzelne Organe ablesen ließen. Nach ärztlicher Überzeugung ist die Methode nicht besser als Kaffeesatzlesen. Der Direktor des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Dr. Jürgen Windeler, sagt zur Studienlage bei der Irisdiagnostik: „Man hat verschiedenen Iris-Diagnostikern dasselbe Foto gezeigt, sie kamen jedoch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.“

Die Verzweiflung vieler Krebspatienten und ihrer Angehörigen treibt sie zu abwegigen Therapien. Das ist völlig verständlich. Hilft allerdings nichts. Viele Behandlungsfehler fallen dabei noch nicht einmal auf. Nach dem Tod vieler Menschen wird die Verantwortung meistens nicht beim Heilpraktiker gesucht. Das Bundesgesundheitsministerium hat 2019 ein Rechtsgutaschten in Auftrag gegeben, das eine Neuregelung des Heilpraktikerberufs prüfen soll, damit nicht so viele schwere Fehler auftreten. Die Heilpraktiker und ihre Verbände fürchten ein Verbot des Berufs. Das ist rechtlich wahrscheinlich kompliziert. In den letzten 75 Jahren sind schon mehrere solcher Versuche angestellt worden.

Durchgegriffen hat die Politik nie (Claudia Ruby, SZ 23./24.1.21).

3251: Korruption: Deutschland neunter (9.) von 180 Staaten

Montag, Februar 1st, 2021

„Transparency International“ hat den Korruptionswahrnehmungsindex veröffentlicht. Deutschland ist neunter (9.) von 180 Ländern, keine schlechte Placierung. Für die Beurteilung wurden von Experten Daten aus bis zu 13 Quellen genommen. Auf einer Skala von 0 bis 100. Den ersten Platz belegen mit 88 Punkten Dänemark und Neuseeland. Deutschland hat 80 Punkte, die Schlusslichter Südsudan und Somalia zwölf. „Je demokratischer ein Land ausgerichtet ist, desto geringer ist die Gefahr, dass es für Korruption anfällig ist.“ Polen und Ungarn, bei denen die Rechtsstaatlichkeit gefährdet ist, sind in den letzten Jahren auf dem Index abgerutscht (Katharina Kutsche, Sz 29.1.21).

3250: 2020: So viele künstliche Befruchtungen wie nie zuvor

Sonntag, Januar 31st, 2021

2020 hat es in Deutschland so viele künstliche Befruchtungen wie nie zuvor gegeben. Das ergibt die „Sonderauswertung Covid-19“ der nationalen Datenbank für künstliche Befruchtungen. Die deutschen Kinderwunschzentren nahmen 9,3 Prozent mehr Behandlungen vor als 2019, nämlich 108.000 gegenüber 99.000 im Jahr zuvor. Das erstaunt Fachleute; denn die Eizellen nehmen keinen Schaden, wenn man sie zunächst auf Eis legt. Außerdem hatten die Zentren im Frühjahrs-Lockdown keine neuen Behandlungen anzubieten. Im März und April 2020 brachen die Zahlen ein. Danach war die Nachfrage um so höher. Dafür erkennen die Experten zwei Gründe: einmal erhöhen die Homeoffice-Möglichkeiten die zeitliche Flexibilität. Zudem fielen Ausgaben für Restaurantbesuche und Urlaub häufig weg (maj., FAS 31.1.21).

3249: Biathlon: Korruption und Doping jahrelang vertuscht

Freitag, Januar 29th, 2021

Ein im November 2018 in Auftrag gegebener Bericht der Internationalen Biathlon Union (IBU) besagt, dass im internationalen Biathlon jahrelang Korruption und Doping vertuscht worden sind. Verantwortlich dafür waren der norwegische Präsident Anders Besseberg (1992-2018) und die Generalsekretärin Nicole Resch (Deutschland). Insbesondere russische Machenschaften haben sie dabei jahrelang gedeckt. Dafür wurde

Geld gezahlt, es gab teure Uhren, kostenlose Jagdausflüge, Luxusurlaube und die Dienste von Prostituierten.

Präsident Besseberg habe bei „allem, was er tat, konsequent russische Interessen bevorzugt“. „Das von Herrn Besseberg proklamierte Engagement für sauberen Sport war eine Farce.“ Frau Resch soll vor den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 abnorm hohe Blutwerte beim Russen Jewgeni Ustjugow ignoriert haben. Ustjugow gewann später gedopt mit der Staffel Gold. In Österreich und Norwegen laufen Strafverfahren gegen Besseberg und Resch. Der gegenwärtige IBU-Präsident Ole Dahlin zeigte sich über das Fehlverhalten seines Vorgängers schockiert (SZ 29.1.21).

3248: Margitta Gummel gestorben

Freitag, Januar 29th, 2021

1968 gewann sie in Mexiko für die DDR die Goldmedaille im Kugelstoßen der Frauen mit der damaligen Weltrekordweite von 19,61 m. Die Athletin von der SC DHfK Leipzig wurde zur Sportlerin des Jahres. 1972 holte sie noch einmal Silber. 1966, 1969 und 1971 unterlag sie nur knapp ihrer Dauerrivalin Nadeschda Tschichowa aus der UdSSR. Nach dem Ende ihrer Karriere diente sie dem Sport als Verbandsfunktionärin und war Mitglied im DDR-NOK. Nach der Wiedervereinigung gehörte sie bis 1993 dem deutschen NOK an. Margitta Gummel ist im Alter von 79 Jahren nach langer Krankheit gestorben (SZ 28.1.21).

3247: „Passen Sie auf auf unser Land.“

Donnerstag, Januar 28th, 2021

Anlässlich des Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz hat im Bundestag die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, 88, gesprochen. Sie war früher Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Knoblochs emotionale Rede hat viele innerhalb und außerhalb des Bundestags ergriffen. Die Präsidentin knüpfte an persönliche Erfahrungen an und sprach konkrete Mahnungen aus.

Sie selbst hatte auf dem Land in Mittelfranken bei Bekannten der Familie in „unsagbarer Einsamkeit“ überlebt. Ihre von ihr geliebte Großmutter wurde in Theresienstadt ermordet. Von ihr hatte sie die Grundlagen des jüdischen Glaubens gelernt. Von ihrem Vater die Liebe zu Deutschland. Die Eltern hatten sich unter dem Druck der Nazi-Repression getrennt. Knobloch sprach deutlich davon, dass 76 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz heute wieder der Antisemitismus Hochkonjunktur hat. Es finden sich auf den Anti-Corona-Demonstrationen Menschen mit Davidsternen und der Aufschrift „Ungeimpft“, ein schwerer Missbrauch der Shoah.

Charlotte Knobloch appellierte an die Bundestagsabgeordneten „Passen Sie auf auf unser Land.“ Dann wandte sie sich kurz an die AfD-Fraktion: „Sie haben ihren Kampf vor 76 Jahren verloren.“ Dafür bekam sie spontan Beifall. Außer von der AfD-Fraktion (Viktoria Spinrad, SZ 28.1.21).

3246: Felix Stephan bedauert den Rückgang der Literaturkritik.

Mittwoch, Januar 27th, 2021

Der WDR hat massive Streichungen in seinem Literaturprogramm angekündigt. Vier Literatursendungen stehen vor einer ungewissen Zukunft. Felix Stephan beklagt das (SZ 26.1.21):

„Das wäre tragisch genug: dass der WDR seine Rolle als ‚Business Angel für Intellektuelle‘, wie Frank Schirrmacher die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland beschrieben hat, leichtfertig und ohne jede öffentliche Diskussion aufgibt. Dass er mit den Rezensionen auch eine weiterführende Schule für republikanisches Dasein beseitigt, die Kunstkritik natürlich immer auch ist, eine Probebühne für Formanalyse und Begriffskritik.“

„Die Zeitschriften und Blogs der ganz rechten Infosphäre bauen ihre Literaturkritik kontinuierlich aus, und sie unterbreiten den freien Kritikern, die von den öffentlich-rechtlichen Medien stempeln geschickt werden, Angebote. Die antiglobalistische, völkische, deutschblütige Rechte hat genau verstanden, dass ein Land morgen von jenen geführt wird, die heute den Kanon formulieren.“

„Auf Youtube wimmelt es von völkischen Diskussionsrunden, die über die Verbindungen zwischen Hannah Arendt und Renaud Camus (dem Erfinder der Umvolkungs-These, eine Frechheit, W.S.) philosophieren; der Sloterdijk-Schüler Marc Jongen ist nicht nur AfD-Abgeordneter, sondern auch Obmann des Ausschusses für Kultur und Medien im Bundestag; in Radebeul ist der völkische Dichter Jörg Bernig als Kulturamtsleiter im vergangenen Jahr nur mit Ach und Krach verhindert worden. Die Rechten drängen in den kulturellen Raum, wo immer sie können, auf nationaler, regionaler, kommunaler Ebene, in den sozialen Netzwerken in Wort und Schrift, um ihre Sprache und ihre Begriffe zu platzieren.“

„Es wird bald das preiswerte Argument zu hören sein, die Sparmaßnahmen seien der ostdeutschen CDU zu verdanken, die eben erst die Erhöhung des Rundfunklbeitrags blockiert hat und zwar ausdrücklich, weil ihr die Berichterstattung nicht gefiel. Aber erstens gibt es kein Gesetz, das dem WDR vorschreibt, ausgerechnet da zu sparen, wo sich Deutschlands geistiges und ideelles Schicksal mit entscheidet – in der Literaturkritik. Und zweitens fehlte das Geld auch vorher schon an allen Ecken und Kanten.“

„Mehr als eine halbe Milliarde Euro zahlt der öffentlich-rechtliche Rundfunk allein für Renten, während junge Kritiker beim Radio heute kaum mehr ernsthafte Honorare erhalten.“

3245: Die Frau von morgen in der SPD: Manuela Schwesig

Mittwoch, Januar 27th, 2021

Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie agieren zwei SPD-Politiker in der ersten Reihe: der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Mit dem Ende der Pandemie wird Lauterbach sich zurückziehen. Schwesig verfolgt andere Ziele. Die frühere Bundesfamilienministerin kann in Mecklenburg-Vorpommern relativ gute Pandemie-Zahlen vorweisen. In den Konferenzen mit der Bundeskanzlerin hat sie früh aufbegehrt. Sie zeigt Freude an der Macht. Das fehlt der SPD-Spitze mit Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Und Olaf Scholz findet nicht in seine Rolle als Kanzlerkandidat. Manuela Schwesig, 46, entspricht der Sehnsucht der SPD nach einer starken Führungsfigur. Ihre Krebserkrankung 2019 hat sie überwunden. Und die Frau hat einen eigenen Kopf.

Ihr großes Handicap ist die Gründung einer Stiftung, die sich von Nord Stream 2 finanzieren lässt und unter dem Deckmantel von Klima- und Umweltschutz agiert. Schwesig verteidigt das Gas-Pipeline-Projekt gemeinsam mit Angela Merkel gegen US-Störmanöver. In Meckpomm winkt sie mit Arbeitsplätzen. Sie strebt eine weitere Zusammenarbeit mit dem russischen Autokraten Wladimir Putin an. Sie zeigt Flagge, wo Olaf Scholz sich nicht einmal traut, in der Debatte um Kampfdrohnen für die Bundeswehr klar Position zu beziehen. Manuela Schwesig erweckt den Eindruck, als könne sie den Zustand der SPD überwinden, bei dem wir alle nicht wissen können, was die Partei will (Mike Szymanski, SZ 27.1.21).

3244: Merkel räumt Fehler bei der Virus-Bekämpfung ein.

Mittwoch, Januar 27th, 2021

Auf dem virtuellen Weltwirtschaftsforum „Davos Agenda“ hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Fehler bei der Bekämpfung des Corona-Virus eingeräumt. Der Kampf gehe zu langsam vor sich und habe in Deutschland entscheidende Mängel bei der Digitalisierung offenbart. Wir fragen uns, warum Angela Merkel nicht mit einem besseren Zustand des Landes in ihren politischen Herbst schreitet. Hätte sie in den fünfzehn Jahren ihrer Regierungszeit daran nichts ändern können? Dass zu viel Bürokratie unser Land plagt, ist nicht gerade neu. Wir gelangen zu dem Ergebnis, dass Frau Merkel viele Änderungen gar nicht versucht hat. Ein trauriges Ergebnis (Stefan Braun, SZ 27.1.21).

3243: Gunnel Lindblom gestorben

Mittwoch, Januar 27th, 2021

Die schwedische Schauspielerin und Regisseurin Gunnel Lindblom ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Sie war in Göteborg geboren und ausgebildet worden und begann in den fünfziger Jahren am Stadttheater von Malmö mit

Ingmar Bergman

zu arbeiten. Dann war sie in seinen Filmen zu sehen. Etwa „Das siebente Siegel“ (1957) und „Wilde Erdbeeren“ (1957). Ihren Durchbruch hatte sie

1963 in „Das Schweigen“.

Die Sexszenen des Films ohne moralische Bemäntelung führten zu einem kassenträchtigen Skandal. Von den Siebzigerjahren an führte Lindblom selbst Regie im Theater, in der Oper und im Film. 2018 wurde ihr der Ehrenpreis des Stockholmer Filmfestivals verliehen (KHIL, SZ 27.1.21).