Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3409: Rahel Varnhagen – vor 250 Jahren geboren

Mittwoch, Mai 19th, 2021

1771 wurde Rahel Varnhagen als Jüdin Rahel Levin in Berlin geboren. 1833 starb sie als Rahel Varnhagen van Ense. Und sie markiert als erste eine zentrale Phase der Aufklärung, der freien Kommunikation. Die in der Zeit üblichen Demütigungen für Juden musste sie alle ertragen, überwand sie aber in ihrem Salon in der Jägerstraße. Sie war gleich dreifach benachteiligt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schrieb. Im Salon traf sich tout Berlin. Der Prinz von Preußen, die Brüder Humboldt, Schleiermacher, Friedrich Schlegel, der Antisemit Brentano, Chamisso, die Brüder Tieck und Jean Paul. Später, nach dem Ende der napoleonischen Besatzung

Heinrich Heine.

Rahel war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundschaft und ein Genie der Feder. Geheiratet hatte sie den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen van Ense (1785-1858), der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisches Erbe kümmerte. Hannah Arendt fühlte sich Rahel Varnhagen anscheinend biografisch verbunden.

Rahel Varnhagen war die Inkarnation des Milieus, das Jürgen Habermas (geb. 1929) für seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert hatte. Kennzeichnend war „Publizität“ an Stelle der Arkanpolitik des Feudalismus. Das räsonnierende Publikum stellte Öffentlichkeit her. Allerdings kam es mit der Pressefreiheit und dem Entstehen der großen Pressekonzerne Ullstein, Mosse und Scherl zu einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“. Sie erscheint angesichts der gewalttätigen Hetze in den sozialen Medien heute wie ein Windhauch, auch wenn sie zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hatte (z.B. Hugenberg-Konzern).

Entdeckt hatte Hannah Arendt (1906-1975) Rahel Varnhagen für ihr Habilitationsprojekt „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, das 1938 in Paris abgeschlossen wurde und auf Deutsch erst 1959 erscheinen konnte. Arendts Rahel-Buch trägt autobiografische Züge. Sie erkannte in Varnhagen eine „seelenverwandte Jüdin“ und entwickelte den Begriff Paria. Rahel hatte 1819 die ersten antijüdischen Pogrome in Preußen erlebt. Ihr Judentum empfand sie zeitweise als Schmach. Arendts Lektor für ihr Buch im Piper Verlag, war, ohne dass Arendt es wusste, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und ein Ex-SS-Mann.

An Gershom Scholem schrieb Arendt: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich Rahel hatte, als ich über sie schrieb.“ „Hannah Arendt scheint im Rahel-Buch auch ihre dramatische Liebesbeziehung mit Martin Heidegger zu verarbeiten, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweihten konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpost, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.“ (Michael Maar, SZ 19.5.21)

Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespondenz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Varnhagen rühmte sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausend Briefe von ihr. Um Johann Wolfgang Goethe trieb sie einen regelrechten Kult.

„Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanzipation kämpfend, Freidenkerin – alles wahr, aber das Entscheidende ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschlägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee.“

3408: Attila Hildmann in die Türkei geflüchtet.

Dienstag, Mai 18th, 2021

Der Vegankoch und Verschwörungsideologe Attila Hildmann ist in die Türkei geflüchtet. Von dort hat er ein Foto gepostet. Hildmann hat 100.000 Anhänger auf Telegram. Gegen ihn war ein Haftbefehl erlassen worden wegen Volksverhetzung, Bedrohung und Beleidigung. Anscheinend hatte er einen Tipp aus Kreisen der Justiz erhalten. Der Kreis der Eingeweihten, die von dem Haftbefehl wissen konnten, ist überschaubar.

„Bin seit ein paar Wochen im wohlverdienten Urlaub! Was will man aktuell in Mao-Merkels-GULAG?“ Seit Mitte Dezember 2020 war Hildmann nicht mehr in seiner Villa im brandenburgischen Wandlitz aufgetaucht. Kürzlich postete er auf Telegram eine Fotomontage mit Angela Merkel in KZ-Kleidung und schrieb dazu: „Sperrt diese Untermenschen Jüdin endlich nach Auschwitz wo sie hingehört bevor noch mehr Kinder Selbstmord begehen und wehrlose Alte mit Judenspritzen ermordet werden!“ Hildmanns Porsche GT 911 hat die Polizei in Berlin-Adlershof gefunden. Er steht zum Verkauf (Florian Flade/Ronen Steinke, SZ 18.5.21).

3407: Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Montag, Mai 17th, 2021

Theodor Lessing (1872-1933) war Hannoveraner. Er wurde eines der ersten Opfer von Nazimördern. Zu seinen Jugendfreunden hatte Ludwig Klages gehört. Er hatte Medizin und Philosophie studiert und in München in Philosophie promoviert. Dann arbeitete er als Aushilfslehrer und von 1906 bis 1907 als Theaterkritiker bei der „Göttinger Presse“.

Nach seiner Rückkehr nach Hannover griff er den Kritiker Samuel Lublinski in einer Satire an. Thomas Mann verteidigte Lublinski, der als einer der ersten das Format der „Buddenbrooks“ erkannt hatte. Mann publizierte unter dem Titel „Der Doktor Lessing“ eine Polemik. Lessing wurde zum Begründer der Volkshochschule in Hannover, später Philosophieprofessor. Durch seine Schriften über den Massenmörder Fritz Haarmann (der ein Polizeispitzel war) und den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg („hinter einem Zero verbirgt sich immer ein künftiger Nero“) machte er sich in Hannover unbeliebt. Studenten der Technischen Hochschule Hannover störten Lessings Vorlesungen mit Gewalt und trieben antisemitische Hetze. Sie vertrieben den Philosophen aus Hannover, ein Schandfleck der deutschen Geistesgeschichte.

Aus seinen Publikationen ragen drei heraus:

„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ (1908),

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919) und

„Der jüdische Selbsthass“ (1930).

In dieser letzten Schrift ist enthalten die Geschichte von Maximilian Harden (Felix Ernst Witkowsky) (1861-1927). Er wurde in Berlin als Jude geboren und konvertierte 1878 zum Protestantismus. Der Zwölfjährige musste auf Druck seines Vaters das

Französische Gymnasium

verlassen. Er wurde Schauspieler und arbeitete für renommierte Zeitungen als Theaterkritiker. 1892 gründete Harden die Zeitschrift

„Die Zukunft“ (bis 1922),

in der er sich, geprägt von Elitenbewusstsein, scharf zu politischen und künstlerischen Fragen äußerte. In seiner Zeitschrift bekam aber auch die Sexualreformerin Helene Stöcker eine Plattform. Ab 1906 griff Maximilian Harden scharf das homosexuelle Milieu im persönlichen Regiment des Kaisers an (Philipp Eulenburg), es kam zu mehreren Prozessen. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus aus Wien in seiner Schrift „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ mit Harden ab.

Den Ersten Weltkrieg gegenüber wurde Maximilian Harden immer kritischer. Er war von der Kriegssschuld Deutschlands überzeugt. Am Ende des Krieges bezog er sozialistische Positionen. Wenige Tage nach dem Mordanschlag auf seinen früheren Freund Walther Rathenau verübten Freikorps-Männer am 3. Juli 1923 vor seinem Haus im Grunewald einen Mordanschlag auf Harden. Er überlebte schwer am Kopf verletzt. Kurt Tucholsky kritisierte in der „Weltbühne“ die Behandlung der Attentäter durch die deutsche Justiz.

Die Verteidiger der Attentäter sind „deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten Mordversuch an einem Juden, der keiner sein will. Und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist durch seine Artikel selbst schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten.“

In Wien wurden die Täter als „gedungene Meuchelmörder“ verurteilt. Maximilian Harden emigierte in die Schweiz, wo er 1927 starb, ohne die „Die Zukunft“ weitergeführt zu haben. Theodor Lessing wurde im August 1933 in Marienbad/Tschechoslowakei von drei Nazis erschossen.

(Johanna Adorjan, SZ 11.5.21)

3406: Erich Fried 100

Sonntag, Mai 16th, 2021

Mit Erich Fried hatte ich immer Schwierigkeiten. Die waren aber nicht literarischer, sondern politischer Art. Etwa darin, dass er sich bemüht hatte, mit dem Neonazi Michael Kühnen (1955-1991) Freundschaft zu schließen. Oder dass er Israel einmal das Existenzrecht absprach. Das Werk des 1921 in Wien geborenen Österreichers ist für mich gekennzeichnet durch Wortspiele, ironische Figuren und eine plakative politische Didaktik. Und Liebesgedichte. 1938 musste er aus Österreich nach London fliehen. Sein Vater Hugo Fried war dort gerade an den Misshandlungen durch die Gestapo gestorben. Seine Großmutter wurde in Auschwitz ermordet. Erich Fried kam nie aus London zurück. Er starb dort 1988 an Krebs.

In seinem Nachruf unter dem Titel „Ein deutscher Dichter“ zählte Marcel Reich-Ranicki Fried zu den „bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern nach 1945“. 1966 war Frieds erster politischer Gedichtband „und Vietnam und“ erschienen, den man nicht vergisst. Von Ludwig Marcuse wurde der vehement abgelehnt. 1968 vollzog Fried eine Kehrtwende. Er wurde zum engagierten Lyriker der Studentenrevolte und reiste viel nach Deutschland. Seine Liebesgedichte verkauften sich 150.000 mal. 1983 erhielt Erich Fried den Bremer Literaturpreis, 1968 den Büchnerpreis.

Aber es gab auch harte Kritik. Jörg Drews nannte Erich Fried einen „Merkverselieferanten“. Und in seiner unnachahmlichen Schärfe charakterisierte Henryk M. Broder Fried als „Mutter Teresa für den kritischen Studienrat mit SDS-Erfahrung“. Da ist was dran. Die Linken hören so etwas natürlich nicht gerne. Erich Fried gebärdete sich als „Antizionist“. Aber Marcel Reich-Ranicki schrieb: „Der Name Erich Fried wird nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Das stimmt (Jan Süselbeck, taz 6.5.21).

3405: US-Republikaner leben mit Trump-Lüge.

Samstag, Mai 15th, 2021

Liz Cheney wurde von ihrem Posten als stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Republikaner im Repräsentantenhaus abgewählt. Die Tochter des ehemaligen Verteidigungsministers Dick Cheney hatte als einzige prominente Republikanerin der Lüge von Donald Trump widersprochen, er sei um den Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen betrogen worden. Vielmehr sei er abgewählt worden und habe dann versucht, sich mit illegalen Methoden an der Macht zu halten, und seine Anhänger am 6. Januar 2021 zum Sturm auf das Kapitol aufgehetzt.

Ein beispielloser Angriff eines US-Präsidenten auf die amerikanische Demokratie.

Die Republikaner haben sich ihm unterworfen und wollen mit der Trump-Lüge leben. „Sie beschädigt die Legitimität jenes Verfahrens, durch das in einer Demokratie die politische Macht friedlich verteilt wird und ohne das es keine Demokratie gibt – Wahlen.“ Wenn in den USA eine von zwei Parteien den demokratischen Konsens aufkündigt, kann dann die Demokratie überleben? Jedenfalls stecken die USA in einer tiefen Krise.

„Donald Trump wurde zwar abgewählt, aber das Gift, das er verspritzt hat, bleibt. Es frisst sich weiter durch die Gesellschaft und die politischen Institutionen in Amerika. Die Wähler und die Wahrheit können es aufhalten. Aber es gibt keine Garantie, dass das tatsächlich gelingt.“ (Hubert Wetzel, SZ 14.5.21)

3403: Volker Weidermann geht zur „Zeit“.

Freitag, Mai 14th, 2021

Volker Weidermann war bisher (seit 2015) Literatur-Redakteur beim „Spiegel“. Ab 1. Oktober wird er Feuilletonchef der „Zeit“. In einer sehr bemerkenswerten internen Mail an die Kollegen hat er das damit begründet, dass ihm der Schritt leicht gefallen sei auf Grund eines Klimas von „Angst, Misstrauen, Beharrungswillen, Unmut und Kontrollwahn“. Erst kürzlich waren Melanie Amann und Thorsten Dörting in die Chefedaktion des „Spiegels“ berufen worden, nachdem Barbara Hans hingeschmissen hatte. Das lässt auf ein hoch aggressives Klima beim „Spiegel“ schließen.

Volker Weidermann (geb. 1969) ist ein hochverdienter Literatur-Journalist. Schon sein erstes Buch „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ (2006) hatte mich begeistert. Weidermann schreibt kurz, pointiert, stilistisch brillant und lässt den Leser über seine Meinung nicht im Unklaren (seine weiteren Werke: „Das Buch der verbrannten Bücher“ 2008, „Max Frisch“ 2010, „Ostende 1936“ über Stefan Zweig und Joseph Roth 2014, „Dichter treffen“ 2016, „Träumer“ über die Münchener Räterepublik 2017, „Das Duell“ zwischen Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass 2019 und „Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko“ 2020). Von 2015 bis 2019 moderierte er im ZDF das „Literarische Quartett“. Vorher war er Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) (Carolin Gasteiger, SZ 14.5.21).

3402: Caren Miosga bekommt den Grimme-Preis.

Mittwoch, Mai 12th, 2021

Die diesjährigen Grimme-Preise sind von der Direktorin des Adolf-Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, vergeben worden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk schneidet dabei gut ab. „Angesichts der aktuellen Debatte um manipulierte Dokumentationen sind wahrhaftige Produktionen, die journalistische Standards strikt einhalten, wichtiger denn je.“ Für ihre Art, Nachrichten zu präsentieren, wurde die Tagesthemen-Moderatorin Caren Misoga besonders geehrt (Carolin Gasteiger, SZ 12.5.21). Sehr zu Recht!

3401: Das „Luf-Boot“

Dienstag, Mai 11th, 2021

Das aus der Südsee stammende, imposante „Luf-Boot“ wurde 2018 vom Ethnologischen Museum Dahlem ins Humboldt-Forum in Berlin-Mitte expediert. Unter großem Aufwand. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Dr. Hermann Parzinger, erklärte es für „erworben“. Also als keine Raubkunst.

Der Historiker Götz Aly widerspricht dem in seinem neuesten Buch. Darin erzählt er, wie die Deutschen die Bewohner der Hermitinseln, deren größte Luf ist, töteten, vergewaltigten und zur Zwangsarbeit auf den Kokosplantagen verschleppten. Aly ist familiär verstrickt. Sein Urgroßonkel war als Militärpfarrer bei der Deutschen Kriegsmarine und wirkte an der Unterwerfung der Ureinwohner mit. Die dort tätigen deutschen Unternehmen betrachteten die Inselbewohner vor allem als kostenlose Arbeitskräfte. Die meisten von ihnen sahen ihre Heimatinseln nie wieder. Sie starben vor Erschöpfung oder an eingeschleppten Krankheiten (Mark Siemons, FAS 9.5.21; Jörg Häntzschel, SZ 10.5.21).

3400: Ist Peter Handke ein Faschist ?

Dienstag, Mai 11th, 2021

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke (Nobelpreisträger für Literatur 2019) hat am Wochenende in Serbien und in der bosnischen Serbenrepublik Orden und Preise entgegengenommen. Kritiker hatten darauf verwiesen, dass Handke serbische Kriegsverbrechen während der Jugoslawien-Kriege bagatellisiert hatte. Den Orden der Republica Srbska hatte Handke aus der Hand der Präsidentin Zeljka Cvijanovic erhalten. In Visegrad überreichte ihm der Regisseur Emir Kusturica den Ivo-Andric-Preis. Am Sonntag erhielt Handke einen Orden aus der Hand des serbischen Präsidenten Aleksander Vucic.

Bosnien reagierte entsetzt. Das kroatische Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Zeljko Komsic, sagte: „Handke mag ein Nobelpreisträger zum Quadrat sein, aber in den Tiefen seiner Seele ist er ein Faschist.“ (SZ 10.5.21)

3399: Jürgen Habermas lehnt einen Preis ab.

Montag, Mai 10th, 2021

Unabhängig davon, wie wir den deutschen Philosophen Jürgen Habermas, geb. 1929, betrachten, sofern wir uns überhaupt dazu ein Urteil erlauben, ist es eine Tatsache, dass er ein riesiges Werk geschaffen hat, das nahezu unüberschaubar ist und viele Fächer berührt („Strukturwandel der Öffentlichkeit“ 1962, „Erkenntnis und Interesse“ 1968, „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ 1973, „Theorie des kommunikativen Handelns“ 2 Bde. 1981, „Der philosophische Diskurs der Moderne“ 1985). Mein Fach, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, war durch den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ unmittelbar berührt. Entsprechend ernst wurde Habermas bei uns genommen.

Das Erstaunliche bei Habermas war aber, sofern wir hier überhaupt kritisch herangehen wollen, dass es erstaunte, welcher Aufwand betrieben werden musste, um zu bestimmten Erkenntnissen zu gelangen. Die Bedeutung Europas hatten etwa Charles de Gaulle und Konrad Adenauer dreißig Jahre vorher ohne Philosophie erkannt.

Jürgen Habermas hatte den mit 225.000 Euro dotierten „Sheikh Zayed Book Award“ von Abu Dhabi zunächst angenommen. Dann abgelehnt mit der Begründung: „Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht.“ Das berührt die alte Streitfrage, ob wir die Chancen höher bewerten, die ein Dialog verspricht, oder das Risiko, Autokraten bei der Verschleierung der wahren Natur ihrer Herrschaft zu helfen. Mit Verzögerung hat Jürgen Habermas für sich die Frage beantwortet. Klar. Auf dem Freiheits-Index der Organisation Freedom House steht Abu Dhabi mit 17 von 100 Punkten auf einer Stufe mit Iran und Swasiland.

Es versteht sich von selbst, dass Habermas‘ Entscheidung kritisiert wurde. Etwa von dem Übersetzer Stephan Weidner, der darin ein „Lehrstück für die moralische Überheblichkeit des Westens“ sieht. Sie zeige, dass es Araber und Muslime der westlichen Welt nie rechtmachen könnten. Abu Dhabi sei ein Staat, der mit Israel Frieden schließe und die Tauwetter-Politik am Golf mittrage.

Vermittelt hatte die Preisvergabe an Jürgen Habermas Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse. Er sagt: „Er (Habermas) hat sich über den Preis informiert und sich nach einigen Tagen Bedenkzeit entschieden, ihn anzunehmen.“ Boos ist der Meinung, dass wir demokratische Werte „besser vertreten, wenn wir Präsenz zeigen, als wenn wir die Distanz größer werden lassen“. Er unterstreicht, dass er von Abu Dhabi nur Reisekosten bekomme (Moritz Baumstieger, SZ 10.5.21).