Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3546: Herfried Münkler: Was nun mit Afghanistan geschieht.

Donnerstag, September 2nd, 2021

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Herfried Münkler (vgl. hier 3533) analysiert, was nun mit Afghanistan geschieht (taz 28./29.8.21). Ich gliedere seine Ausführungen stärker:

1. „Die Entscheidung zum Truppenabzug war die Entscheidung, Afghanistan aufzugeben. Das hätte man kaum getan, wenn man sich den Zugriff auf die dortigen Bodenschätze hätte sichern oder das Land am Hindukusch als Bastion einer geopolitischen Kontrolle Zentralasiens hätte ausbauen wollen.“

2. Terrorbekämpfung allein kann nicht das Ziel des Afghanistan-Einsatzes gewesen sein.

3. Die permanente Bekämpfung von Terroristen hätte man mit einer Kombination von Kampf- und Spähdrohnen und einem gelegentlichen Einsatz von Spezialkommandos sehr viel billiger haben können.

4. Ziel muss infolgedessen die politische, gesellschaftliche und mentale Umgestaltung der afghanischen Gesellschaft gewesen sein, die aus den Fesseln von islamistischer Ideologie und bäuerlicher Tradition befreit werden sollte.

5. Die Sowjetunion hatte das ein Jahrzehnt früher auch schon nach ihren Vorstellungen versucht und war dabei gescheitert.

6. Die Fehlwahrnehmung des Westens bestand darin, die Sowjets als Unterdrücker zu sehen, sich selbst aber als Befreier, was in der afghanischen Gesellschaft anders betrachtet wurde. Sie sah den Westen als Besatzer.

7. Der Westen hatte nicht genau genug auf diejenigen geschaut, die in dem Land leben und sich der Religion und den Traditionen verbunden fühlen.

8. So kam es insbesondere in Deutschland zu einem Überbietungswettkampf der Werte, die man den Afghanen einpflanzen wollte.

9. Deswegen hielt man an dem Projekt noch fest, als sein Erfolg schon mehr als in Frage stand.

10. Das Ziel blieb die grundlegende Transformation der afghanischen Gesellschaft.

11. Den Rückzug hatte der US-Präsident Trump aus Wahlkampfgründen angeordnet. Und sein Nachfolger Biden hatte das nicht rückgängig gemacht, was möglich gewesen wäre.

12. Die USA haben sich von der Vorstellung einer wertebasierten Weltordnung verabschiedet.

13. Diese Idee weiter zu verfolgen ist zu teuer.

14. Eine Weltordnung, die zu ihrem Funktionieren auf einen Hüter angewiesen ist, steht nun ohne Hüter da.

15. Als Nachfolger kommt hauptsächlich China in Frage.

16. Wir dürfen aber auch die Nachbarn Russland, Iran und Pakistan nicht vergessen, die ebenfalls nach hegemonialem Machtgewinn streben.

17. Die Taliban haben heute schon mit China die Abmachung, dass sie sich nicht in die Unterdrückung der Uiguren dort einmischen.

18. Die Taliban brauchen wirtschaftliche Unterstützung.

19. Bei den Menschenrechten und anderen Werten haben die Taliban mit China keine Probleme, da es diese selbst nicht anstrebt.

20. Das westliche „Nation Building“ hat in Irak, Libyen und Afghanistan nicht funktioniert.

21. Die Vorstellung von einer regelbasierten globalen Ordnung lässt sich nur noch unter Minimalbedingungen aufrechterhalten.

22. Zu erwarten sind Einflusszonen: USA, China, Russland, Indien, Europäische Union (EU).

23. Der neuralgische Punkt dieser Ordnung sind die Überschneidungszonen und Zwischenräume sowie die Territorien, an denen keiner der großen Akteure wirtschaftlich interessiert ist und um die sich deswegen keiner kümmert.

24. Die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die als Wertebeobachter und Normverwalter auftreten, werden in globalen Fragen an Bedeutung und Einfluss verlieren.

25. Die Proliferation von Atomwaffen (siehe Iran) wird wieder eine stärkere Rolle spielen.

3545: Bayern lockert Corona-Beschränkungen.

Mittwoch, September 1st, 2021

Von Donnerstag an gibt es in Bayern keine FFP2-Maskenpflicht mehr, die allgemeinen Kontaktbeschränkungen, die Sperrstunde und die Kundenbegrenzung im Handel entfallen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bezeichnete das als „neues Kapitel“ im Kampf gegen Corona. Einen neuen Lockdown in der vierten Corona-Welle schloss er aus.

Christina Berndt (SZ 1.9.21) kritisiert das. Sie schreibt: „Grundsätzlich ist es richtig, angesichts wachsender Impfquoten die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus zu überdenken und zu reformieren. Wenn die meisten Menschen im Land einen Schutz vor Corona haben und sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr schwer krank werden, falls das Virus sich doch noch ihres Körpers bemächtigt, dann muss der Staat sie auch nicht mehr so intensiv schützen. Dann gilt es, die Grundrechtseingriffe, so gut es geht, wieder abzuschaffen und die Verhaltensregeln anzupassen. Dazu gehört gewiss, die Belegung der Krankenhausbetten stärker in den Fokus zu nehmen, wie dies jetzt auch in Bayern passieren soll. Richtig ist auch das klare Bekenntnis, dass Kinder im kommenden Schuljahr wieder in voller Klassenstärke in die Schule dürfen; dass es einen Lockdown nicht mehr geben wird; und schließlich auch, dass Menschen sich wieder ungehemmt in die Arme fallen dürfen.

Der Zeitpunkt aber für dieses „neue Kapitel im Kampf gegen das Coronavirus“, wie Markus Söder die veränderten Regeln nennt, ist falsch: die Neuregelung just dann zu verkünden, da die vierte Welle auf die Intensivstationen durchschlägt, ist das falsche Signal. Man kann sich gerade eben nicht locker machen. Maßnahmen werden  noch eine ganze Welie nötig sein. Und es wäre wichtig, das sehr deutlich zu sagen.“

3544: Raul Hilberg – der erste Pionier der Holocaustforschung

Dienstag, August 31st, 2021

Heute können wir es uns kaum noch vorstellen, wie lange es dauerte, bis Raul Hilbergs (1926-2007) Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ 1982 (ca. 800 Seiten) in dem kleinen Kreuzberger Verlag Olle & Wolter auf deutsch erscheinen konnte. Heute kriegt man es als Fischer Taschenbuch (1.351 Seiten) für 25,99 Euro. Diese Publikation wirft einen kritischen Blick auf die deutsche Verdrängung der Nazi-Verbrechen nach 1945.

Raul Hilberg wurde 1926 in Wien geboren. Er musste mit seinen aus Galizien stammenden Eltern seine Heimatstadt 1939 verlassen und kam in die USA. Mit 18 trat er in die US-Armee ein und wurde US-Staatsbürger. Im Zweiten Weltkrieg diente er in Europa. Hauptsächlich bei der Befragung von Kriegsgefangenen. Danach studierte er Politik und Geschichte an der Columbia-Unbiversität bei Franz Neumann („Behemoth“). Neumann gliederte die Nazi-Herrschaft in die vier Säulen

Armee, Verwaltung, Wirtschaft und Partei.

Dies Muster übernahm später Hilberg . 1950 promovierte er mit mehreren hundert Seiten seines späteren Standardwerks. Neumann verschaffte ihm eine Anstellung als Auswerter von deutschen Quellen, die 1945 von der US-Army beschlagnahmt worden waren. Es ging um einen gigantischen bürokratischen Prozess, die Strukturen bei der Durchführung des Holocaust. Heute erscheint es uns unwahrscheinlich, dass ein Einzelner die riesigen Informationsmengen bewältigen konnte. Aber Raul Hilberg machte sich damit nicht beliebt. Er fand auch in den USA keinen Verlag. Da kam ihm 1961 der Eichmann-Prozess in Israel zur Hilfe. Am 31. Juli 1961 erschien sein Riesenwerk. Und blieb zunächst weithin unbekannt. Der Name „Holocaust“ wurde erst 1979 durch Marvin Chomskys Seifenoper durchgesetzt, die auch in Deutschland einen großen Einfluss auf die Rezeption hatte.

Hilberg wollte die Täter beim Namen nennen. Das war damals in Deutschland noch nicht möglich. Er belegte, dass das Geschehen nicht vorherbestimmt war, sondern auf der politischen Überzeugung von Hitler und den Nazis beruhte. Und Raul Hilberg zeigte, dass die ganze deutsche Gesellschaft am Nazi-Terror und am Holocaust beteiligt war: Kirchen, Reichsbahn, Reichspost, Universitäten, Vereine, Banken, Versicherungen, Kommunalverwaltungen etc. Die Zustimmung in der deutschen Gesellschaft für die Nazis war sehr groß. Ebenso wie der ökonomische Nutzen, den Einzelne, Firmen, staatliche Institutionen aus dem Antisemitismus und dem Holocaust zogen. Kaum ein Beamter hat sich widersetzt.

Die weitgehende Passivität der jüdischen Opfer erklärte Hilberg als Folge einer 2000-jährigen Geschichte der Anpassung und Assimilation. Als Hannah Arendt das in in ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ übernahm, kam es zum Skandal, einer heftigen innerjüdischen Kontroverse. Erst 2012 ist eine hebräische Übersetzung von Hilbergs Buch erschienen. Das zeigt die Schwierigkeiten, die Israel hat. In Deutschland stieß Hilberg auf stärkste Widerstände. Etwa beim Institut für Zeitgeschichte in München. Allein das Namensregister des Hilberg-Buchs machte die Publikation in Deutschland lange unmöglich. Ein Verdikt über diese Gesellschaft. Erst als die zahlreichen Nazis nach und nach starben, kam es zu einer Öffnung für den Holocaust in der deutschen Gesellschaft.

Raul Hilberg charakterisierte sein Buch einmal mit den Worten: „Das Buch ist voluminös und komplex. Es ist dies notgedrungen, weil die Ereignisse, die es schildert, gewaltig und verwickelt waren (…). Es verkürzt nicht, um Maßnahmen uneingeschränkt schildern zu können, die uneingeschränkt ergriffen wurden.“

Hilberg hielt den Holocaust für singulär und für vergleichbar; denn wie jedes historische Ereignis hatte es eine lange Vorgeschichte. Es ist die Geschichte des Antisemitismus.

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt er, Geschichte „lässt sich nicht ungeschehen machen, erst recht nicht die Geschichte dieses Ereignisses, das im Zentrum einer Erschütterung stand, die die Welt verändert hat. Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt sich selber nicht zu begreifen.“

(René Schlott, Die Zeit 29.7.21)

3543: Karl Liebknecht 150

Montag, August 30th, 2021

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind für immer dadurch verbunden, dass sie Anfang 1919 von der Reichswehr ermordet wurden. Und zwar von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Hauptmann i.G. Waldemar Pabst (nach Rücksprache mit Gustav Noske, dem sozialdemokratischen Volksbeauftragten für Heer und Marine). Ein fürchterliches Verbrechen. Und wir fragen uns stets, ob mit Luxemburg und Liebknecht ein Weg des deutschen Kommunismus diesseits von Leninismus und Stalinismus (ab 1929) und Walter Ulbricht möglich gewesen wäre. Einiges spricht dafür, anderes lässt zweifeln. Leider wissen wir es nicht.

Karl Liebknecht gilt als Agitator. Er hatte am 9. November 1918 vor dem Berliner Schloß (heute: Humboldt-Forum) die sozialistische Republik verkündet. Er wird 150. Zur Jahreswende 1919 gehört er zu den Mitbegründern der KPD. Er ist vor allem Antimilitarist und ein Pfahl im Fleisch der SPD, die sich 1914 dem „Burgfrieden“ des Kaisers unterwirft und schließlich den Kriegskrediten zustimmt. Karl Liebknecht stimmt als einziger dagegen (2.12.1914). Damit beginnt die Spaltung der SPD.

Geboren wird Karl Liebknecht am 13. August 1871 in Leipzig als zweiter von fünf Söhnen des SPD-Mitbegründers Wilhelm Liebknecht. Er studiert Jura. Der Vater leitet den „Vorwärts“, der Sohn promoviert „magna cum laude“ und wird Sozius in der Kanzlei eines Bruders. Er heiratet die umschwärmte Julia Paradies. Liebknecht gilt als erfolgreicher Strafverteidiger. Er spricht bereits von der „Klassenjustiz“. Die SPD hat sich 1891 in Erfurt den Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat zu eigen gemacht. Seinerzeit gibt es noch das preußische Dreiklassenwahlrecht. Frauen dürfen ohnehin nicht wählen. Bei der Reichstagswahl 1912 gewinnt Karl Liebknecht zum ersten Mal den Wahlkreis Potsdam – Spandau – Osthavelland. 1907 hatte er für die Jugendarbeit der SPD die Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ verfasst. Das ist glasklarer Pazifismus. „Die Kolonialarmee, die sich vielfach aus dem Abhub der europäischen Bevölkerung zusammensetzt, ist das bestialischste und abscheulichste aller Werkzeuge unserer kapitalistischen Staaten.“

Karl Liebknecht ist kein Illusionist: „Das Proletariat ist in seiner überwiegenden Mehrheit noch nicht klassenbewusst, auch nicht sozialdemokratisch aufgeklärt, geschweige denn in jedem Fall für jene antipatriotische Aktion zu haben, die ebensoviel Opferwilligkeit und kalten Mut wie Besonnenheit im Strudel der leidenschaftlichsten chauvinistischen Brandung heischt.“ Für seine Aussage, dass die Soldaten nicht bei der Fahne bleiben würden, wenn sie zu denken anfingen, muss er ins Gefängnis. Dort kann er sich frei bewegen und nutzt die anderthalb Jahre zur Weiterbildung. Dann tritt eine zweite Frau in sein Leben, die er nach dem Tod seiner Frau 1912 heiratet, Sophie Ryss.

1910 hat Karl Liebknecht die USA bereist, von denen er wie sein Vater recht angetan ist. Am 28. Juni 1914 fallen die Schüsse von Sarajevo. Der Erste Weltkrieg beginnt. Der Kaiser kennt „keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr, (…) nur noch deutsche Brüder“. Am 2. Dezember stimmt Karl Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite. Er proklamiert: „Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land.“ Er bezieht die Massaker an den Armeniern im verbündeten Osmanischen Reich ein. 1916 spaltet sich die SPD in MSPD und USPD.

Liebknecht wird 1915 einberufen und erlebt die ganzen Demütigungen und Misshandlungen des Militärdienstes am eigene Leibe mit. 1916 wird er aus der SPD ausgeschlossen. Wegen seiner permanenten Agitationen wird er zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Am 3. November 1918 hat mit dem Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution begonnen. Friedrich Ebert hasst sie „wie die Pest“. Die SPD-Führung schließt ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung. Es führt zur Ermordung Luxemburgs und Liebknechts. Der Spartakusaufstand vom 5. bis 12. Januar 1919 scheitert mangels Massenbasis. So scheitert auch Karl Liebknecht. Er hat Humanismus gewollt (Christoph Dieckmann, Die Zeit 22.7.21).

Vertiefend: Klaus Gietinger (Hrsg.): Karl Liebknecht oder Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung! Berlin (Dietz) 2001, 200 S. 12,00 Euro.

3542: Zur Lage beim Impfen

Montag, August 30th, 2021

„Vieles deutet .. darauf hin, dass die vierte Welle vor allem von ungeimpften Menschen angetrieben wird. Ein Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) etwa belegt, dass die überwiegende Mehrheit der Patienten, die wegen einer Corona-Erkrankung ins Krankenhaus müssen, nicht geimpft ist. Impfdurchbrüche, also die Infizierung trotz Impfung, kommen demnach sehr selten vor.

Es steht jedem frei, das Infektionsrisiko einzugehen und sich nicht gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Allerdings muss er dann auch die Konsequenzen tragen und darf sich nicht beklagen,. wenn sein Leben kompklizierter wird. Niemand hat nämlich das Recht, andere zu gefährden: Menschen etwa, die sich auf Grund von Vorerkrankungen nicht impfen lassen können oder Kinder unter zwölf, für die es noch gar keinen Impfstoff gibt. Genau das tun Ungeimpfte, die etwa auf einer Bahnfahrt gemeinsam mit anderen in einem Abteil sitzen, ohne zu wissen, dass sie infiziert sind.“ (Tina Baier, SZ 30.8.21)

3541: Es droht ein „Linksbündnis“.

Sonntag, August 29th, 2021

Seit die SPD in Umfragen mindestens auf der gleichen Höhe liegt wie die Union und ihr Spitzenkandidat Olaf Scholz bei den Kanzlerkandidaten deutlich führt, hat Olaf Scholz ein Bündnis von SPD (22 Prozent), Grünen (20 Prozent) und Linken (6 Prozent), das „Linksbündnis“, expressis verbis nicht mehr ausgeschlossen.

Hiervor muss deutlich gewarnt werden.

Denn das würde bedeuten, dass die Linke in die Regierung kommt, die in der Außen- und Sicherheitspolitik äußerst unzuverlässig ist. Sie verlangt u.a. „die Abschaffung der NATO“. Auch die Grünen (Tobias Lindner, Florian Pfeffer, Astrid Rothe-Beinlich) möchten überwiegend die Linken nicht automatisch aus der Regierung ausschließen. Immerhin haben die Grünen Mitglieder wie Cem Özdemir, der ein guter Außenminister wäre und das „ideologisch getriebene Nein“ der Linken zur Bundeswehr kritisiert. Er interpretiert das als „klares Nein zur Übernahme von Verantwortung im Bund“. Er fügt hinzu: „Mir fehlt die Fantasie, mir vorzustellen, wie die Linkspartei in der verbleibenden Zeit (bis zur Bundestagswahl, W.S.) noch in der Wirklichkeit unseres Landes ankommen möchte“ (fbau./ul., FAS 29.8.21).

Am Beispiel des Linken-Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl und Co-Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion, Dietmar Bartsch, der mir persönlich nicht einmal unsympathisch ist, sehen wir, was es bedeutet, eine hasenreine Linken-Karriere gemacht zun haben: Geboren 1958 in Stralsund, 1976-1978 Fallschirmjägerbatailoon 40, 1977 Eintritt in die SED, Diplom-Wirtschaftswissenschaftler, promoviert 1990 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU, Geschäftsführer der kommunistischen Zeitungen „Junge Welt“ und „Neues Deutschland“. Sicher hat er 1979 dem Überfall der Sowjetunion auf Afghanistan zugestimmt.

Hände weg vom „Linksbündnis“ !

3540: Michel Barnier will französischer Präsident werden.

Sonntag, August 29th, 2021

Er hat die EU bei den Brexit-Verhandlungen mit Großbritannien zusammengehalten. Seriös, entschlossen, erfolgreich, Michel Barnier, 70. Nun will er französischer Präsident werden. Ein guter Kandidat. Er stellt eine Alternative dar zu Macron, der große Reden hält, an die sich die Franzosen dann nicht halten. Barnier hat sehr, sehr viele EU-Erfahrungen. Er beklagt zu viel Bürokratie, zu viel Naivität und zu viel Deregulierung. Sein kollektiver und respektvoller Führungsstil, heute beinahe entscheidend, verspricht Aussichten auf Erfolg für die ganze EU. Mit Deutschland kann Barnier sich arrangieren, sofern Deutschland konstruktiv mitwirkt.

Der konservative Politiker ist, zum Glück, sicherheitspolitisch ehrgeizig. Er will das französische Militärbudget auf 3 Prozent steigern. Sehr richtig! Für eine begrenzte Zeit will Barnier die französischen Grenzen schließen, damit die Einwanderungs- und Asylpolitik neu formuliert werden kann. Dazu stellt er ein Referendum im Mai 2022 in Aussicht. Der frühere Landwirtschafts- und Außenminister setzt auf Verlässlichkeit. Er saß im EU-Parlament, war zweimal EU-Kommissar. 1992 hatte er gemeinsam mit Jean-Claude Killy die Olympischen Winterspiele in seiner Heimatsatdt Albertville organisiert (Michalela Wiegel, FAZ 28.8.21).

3539: Georg Stefan Troller wird 100.

Freitag, August 27th, 2021

Einer der Großen im deutschen Journalismus, der am 10. Dezember 1921 in Wien geborene Georg Stefan Troller, wird bald 100 Jahre alt. Wer sich je einmal auf seine Präsentationen eingelassen hatte, stand fortan in seinem Bann, auch dem seiner Stimme. Er bestimmte das „Pariser Journal“ beim WDR und „Personenbeschreibung“ beim ZDF in den sechziger und siebziger Jahren. Im Vorlauf zu seinem Geburtstag wurde Troller von seinem Freund, dem Schriftsteller Peter Stefan Jungk, der in Paris lebt, in seinem Landhaus in der Normandie interviewt (Literarische Welt, 14.8.21).

Jungk: Ich weiß, du bist kein Freund der Psychoanalyse. Was sagt dir deine Selbstanalyse?

Troller: Ich habe mein Leben lang versucht, ein neuer Mensch zu werden – Transformation, Wandlung – das war mein Um und Auf. Ich wollte nicht der kleine, verhasste typische Jude sein, den man auf der Straße anspucken konnte. Dazu gehört, dass ich nie mit jüdischen Frauen geschlafen habe, die ich als meine Schwestern empfand, oder als mich selbst.

Jungk: Dein Vater hatte etwas Despotisches an sich, scheint mir.

Troller: Man durfte vor ihm nie von Sexualität sprechen. Als er mich einmal mit einem Buch von Sigmund Freud erwischte, es war „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, hat er mir das Buch aus der Hand gerissen: „Wir befassen uns nicht mit diesem Schmutzzeug.“ Dabei ging es doch bloß um jüdische Witze.

Jungk: Deine Stimme macht ja 50 Prozent der Wirkung aus!

Troller: Das wollte ich nie wahrhaben. Aber es war wirklich so, dass meine Texte, mein Kommentare, meine Interview-Fragen ihr eigenes Gewicht einbrachten. Ich hatte seinerzeit in der Schule bei „Faust“-Lesungen im Klassenzimmer das Gretchen zu lesen, weil meine Stimme so mädchenhaft klang. Und dann kam ich nach Amerika, arbeitete als erstes in einem Konfektionsladen, und da gab es viele schwarze Frauen. Eine von ihnen sagte zu mir: „Oh Mister – Ihre Stimme ist so schön! Sie sollten zum Radio gehen!“ Das war das erste Mal, dass ich so etwas zu hören bekam.

Jungk: Aber du hast diese Gefühle nie mit deiner jüdischen Herkunft verbunden?

Troller: Das Judentum hat mich immer etwas fremd gelassen. Das heißt nicht, dass ich mich zu einer anderen Religion bekehrt hätte, aber zu einer Art Pantheismus. Alles ist göttlich. Auch die menschliche Seele. Ich glaube allerdings nicht an Seelenwanderung, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben unsere Chance gehabt in dieser Welt. Das Göttliche mitgespürt zu haben, ist es schon wert, gelebt zu haben. Es war schön, wenn Mutter einem nachrief, als man mit den Männern zur Synagoge ging: „Bet‘ dir alles Gute aus!“ Das ist doch ergreifend.

3538: Erich Kästners „Fabian“ im Film

Donnerstag, August 26th, 2021

Erich Kästner (1899-1974) hat nicht nur „Emil und die Detektive“ (1929) geschrieben und „Das doppelte Lottchen“ (1949), sondern auch „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) (in der geschärften Version: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“). Hier gibt er mehr von sich selber preis. Eine große Portion Realitätssinn und Bitterkeit ist typisch für Erich Kästner. Er stand für die „innere Emigration“ und musste sich etwa von Walter Benjamin für seine „linke Melancholie“ tadeln lassen, wobei wir nicht genau wissen, welcher Melancholie sich Benjamin selbst verpflichtet sah, als Kommunist wahrscheinlich der sowjetischen, die konnten wir dann bis 1991 noch genießen. Und tatsächlich hat Erich Kästner (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) den „Münchhausen“ (1942) mit Hans Albers geschrieben, einen Film der Nazi-Propaganda. Alles nicht so einfach.

Erich Kästner hat nicht gewollt, dass sein „Fabian“ verfilmt wurde, so hat es Regina Ziegler geschildert, die so erfolgreiche Filmproduzentin, deren Mann Wolf Gremm (geb. 1942) 1980 den ersten „Fabian“ (mit Hans-Peter Hallwachs) herausbrachte. 2021 ist Dominik Grafs (geb. 1952) „Fabian“ erschienen, ein ganz anderer Film und doch auch Kästners Geist verpflichtet. Dieser war politisch relativ illusionslos. Sein Roman hatte keinen Plot und schilderte doch das Scheitern eines aufgeklärten männlichen Zeitgenossen vom Ende der zwanziger Jahre. Ungebunden, sexuell sehr aktiv und politisch illusionslos. Er ist bei Kästner, Gremm und Graf kein Held (Elmar Krekeler, Die Welt 7.8.21).

Erich Kästner hat gesagt, dass jeder Tag für den, der ihn erlebt, das Sitzen in einem verkehrten Zug in die falsche Richtung bedeutet. Und weil es so viele Möglichkeiten gebe, und sich nur eine als Tatsache zeige, verwirkliche sich das Unwahrscheinliche. Kein hoffnungsfroher Optimismus. Aber falsch? Dominik Grafs Film ruft viel Gegenwärtiges auf. „Mein Gefühl war, es sollte ein Film sein, in dem man das Pflaster von Charlottenburg spürt, den Staub auf den Steinen, die Hitze und den Zigarettenrauch in den Kneipen.“ Nach Katja Nicodemus (Die Zeit, 5.8.21) spielt Tom Schilling den Fabian so, als sei er ein Blitzableiter, der nicht merke, dass er selbst getroffen sei. Das ist Erich Kästners gnadenloser Blick. Unabhängig von allen Ideologien und Beschönigungen der Welt. Neben Tom Schilling werden einige großartige Schauspieler wie Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Joachim Nimtz und Jeanette Hain ihren Rollen vollkommen gerecht. Der Film charakterisiert Berlin ähnlich wie „Babylon Berlin“ (Volker Kutscher) oder „Weltpuff Berlin“ (Rudolf Borchardt). Und der Regisseur sagt schließlich: „Die Stadt Berlin enthält im Film alle Zeiten, auch die Katastrophe, die geschehen wird und noch nicht geschehen ist.“ Das ist spannend.

3537: Jonathan Lethem über Berlin

Mittwoch, August 25th, 2021

Wieland Freund interviewt in der Literarischen Welt“ (7.8.21) den US-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Lethem  über Berlin. Der sagt:

„Berlin hat eine mythische Kraft, nur leider wird die Stadt vor allem mit Filmen über Nazis assoziiert. Die habe auch ich zuerst kennengelernt, aber dann kamen ‚Emil und die Detektive‘, ‚Cabaret‘, ‚Berlin, Alexanderplatz‘. Das war verlockend, aber in der Vorstellung vermischt es sich natürlich mit dem, was nachher kam – fast wie in einem blödsinnigen Moralitätenspiel: Wenn du es zu bunt treibst, kommen die Nazis. Was ich sagen will: Man hat immer schon von Berlin geträumt, bevor man dort ankommt. Kennengelernt habe ich dann eine Stadt, die einerseits sehr 21. Jahrhundert ist, und in der man andererseits das Gefühl nicht los wird, auf einem Vulkan aus Geschichte zu stehen.“