Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3469: Jutta Brückner 80

Donnerstag, Juli 1st, 2021

Für ihren Spielfim „Hungerjahre“ (1980) bekam sie den Preis der deutschen Filmkritik. Es ist eine Mutter-Tochter-Geschichte aus den fünfziger Jahren. Zusammen mit den beiden voraufgegangenen Dokumentarfilmen „Tue recht und scheue niemand“ (1975) und „Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen“ (1977) bildet er eine Trilogie über die Geschichte der frühen Bundesrepublik. Als die damals Jungen erleben wir darin unser Leben. Wahrhaftig und großartig. Die ganze Enge der Gesellschaft ist erdrückend. Damit kannte Jutta Brückner sich aus.

Sie hatte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie studiert und 1973 promoviert und arbeitete mit Norbert Kückelmann und Volker Schlöndorff („Der Fangschuß“ 1976) zusammen. Ihre belletristischen Versuch stellte sie ein und verfasste einige Hörspiele. 1981 war sie Jurymitglied bei der Berlinale. 1986 bis 2006 wurde sie Professorin an der Hochschule der Künste in Berlin. Von 2003 bis 2009 war sie stellvertretende Direktorin der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste. In diesen Funktionen diente sie der deutschen Filmkunst, sie hat deren Defizite verringert. Ihre klare Sprache hilft uns allen. Jutta Brückner wird 80 Jahre alt (Fabian Tietke, taz 25.6.21).

3468: Fischer erklärt Grünen Außenpolitik: der einzige Bellizist ist Putin.

Mittwoch, Juni 30th, 2021

In einem Interview mit Peter Unfried erklärt Joschka Fischer den Grünen Außenpolitik (taz 22.6.21). Sie haben hier noch viel zu lernen.

taz: Konkret: Sollte man der Ukraine mit Waffen helfen, sich verteidigen zu können?

Fischer: Ich finde es völlig legitim, darüber nachzudenken, was man tun kann, um einem angegriffenen Nachbarn zu helfen, dem man in der Vergangenheit auch durch Russland die territoriale Integrität zugesichert hat im Tausch gegen seine Atomwaffen. Aber meine These lautet: Wir sollten das niemals national und alleine tun, nur in Verbindung mit unseren Partnern in der Allianz und EU. Und das ist gut so.

taz: Wenn man über militärische Hilfe laut nachdenkt wie die Grünen Habeck, Özdemir, Cohn-Bendit oder Fücks, dann ist man bei manchen ruck, zuck ein Bellizist.

Fischer: Entschuldigung, aber der einzige Bellizist, den ich in diesem Konflikt kenne, heißt Wladimir Putin.

taz: Warum Deutschland, kann nicht Frankreich oder Großbritannien die Waffen zur Verteidigung liefern?

Fischer: Das ist eine legitime Frage nach dem Handeln im Bündnis. Aber die Zeit, als andere für uns die Kohlen aus dem Feuer holten, ist definitiv vorbei. … Noch mal: Die deutsche Geschichte besteht aus mehr als zwölf Jahren, aber es führt an den zwölf Jahren kein Weg vorbei. Daraus ergeben sich Zwänge, denen man nicht entkommt. Von der Stärke der Wirtschaft, der Größe der Bevölkerung, der geopolitischen Lage in der Mitte Europas spräche alles dafür, dass unser Land im Interesse Europas versucht, sich neu zu definieren, aber es wird so einfach nicht gehen. Das Vertrauen in die deutsche Außenpolitik ist kein Selbstläufer.

taz: Sie haben als Außenminister die Nato-Intervention im Kosovo 1999 durchgesetzt, bei Bosnien 1994 waren Sie noch strikt dagegen. Wie sehen Sie das heute?

Fischer: Was ich mir selbst vorwerfe, ist, damals eine falsche Position vertreten zu haben. Nicht, weil ich für die Intervention im Kosovo war, sondern dass ich in Bosnien nicht energischer dafür war. Hätte die Nato in Bosnien früher interveniert und gesagt: Entweder ihr woll weiter zusammenleben, dann helfen wir euch bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Oder ihr macht weiter mit Krieg, Zerstörung, Folter, Massenvergewaltigungen, dann kommen wir mit 100.000 Mann und allem, was wir haben: Das hätte vielen Menschen vermutlich das Leben gerettet. Das ist der Vorwurf, den ich mir mache. Aber damals sah ich das anders. Ich weiß noch, wie schockiert ich bei den Römerberggesprächen war, als Dany frontal damit kam.

3467: Maas und Kramp-Karrenbauer für Verbleib in Mali.

Mittwoch, Juni 30th, 2021

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sprechen sich für einen Verbleib der Bundeswehr in Mali aus. Und das nach dem Abzug aus Afghanistan. Maas: „Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Region droht, zu einer Drehscheibe des internationalen Terrorismus zu werden.“ Kramp-Karrenbauer betonte, dass man sich „realistische Ziele“ setzen müsse. In Afghanistan seien diese zu hoch angesetzt und eigentlich unerreichbar gewesen (dpa, Mike Szymanski, SZ 29.6.21).

3466: Die deutsche Mannschaft war zu schlecht.

Dienstag, Juni 29th, 2021

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist bei der Europameisterschaft ausgeschieden. Zu recht. Sie ist nicht mehr leistungsstark genug. Die Gründe dafür liegen beim Bundestrainer, der in den ganzen letzten Jahren (Desaster 2018 und 2021) kein Konzept mehr entwickelt hat, wie unsere an Einzelspielern starke Mannschaft erfolgreich spielen konnte. Zum Glück ist er bald weg. Der zweite Fehler war die Überschätzung von Thomas Müller (FC Bayern), der jederzeit für ein großes Ballyhoo gut ist, aber die Leistung nicht mehr bringt. Auch der ist aus der Nationalmannschaft bald weg. Drittens fehlt uns ein starker Stoßstürmer. Viertens sind wir anfällig bei Standards. Fünftens wird Manuel Neuer (FC Bayern) immer schwächer.

Das bringt uns nicht vom Fußball weg. Die Bundesliga bleibt interessant. Und die Nationalmannschaft auch. Es lebe der Fußball!

3465: Genderkritik ist wieder erlaubt.

Dienstag, Juni 29th, 2021

Die Britin Maya Forstater hatte 2019 Klage beim Arbeitsgericht eingereicht, weil sie von ihrem Unternehmen wegen eines Tweets nicht weiterbeschäftigt worden war. Sie hatte geschrieben, dass

das biologische Geschlecht „unveränderbar“

sei. Diese Formulierung fand der Arbeitsrichter „des Respekts in einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig“ und wies Forstaters Klage ab. Der High Court hob das Urteil nun auf. Er bescheinigte Forstater zwar ebenfalls „genderkrtische Äußerungen“, sah diese aber von der Meinungsfreiheit gedeckt, da sie „nicht darauf gezielt haben, die Rechte von Transgender zu zerstören“. (Jochen Buchsteiner, FAS 27.6.21)

3464: Olaf Scholz (SPD) will Rentenbesteuerung entschärfen.

Montag, Juni 28th, 2021

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will als Reaktion auf ein Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) sowohl Beitragszahler als auch Rentner steuerlich weitreichend entlasten. „Erstens möchte ich die Beiträge zur Rentenversicherung nicht erst 2025 steuerlich voll absetzbar machen, sondern vorher. Zweitens will ich die volle Besteuerung der Renten weiter nach hinten schieben – sie soll erst 2060 wirksam werden und nicht, wie bisher vorgesehen, schon 2040.“

Damit können Millionen Beitragszahler schon in den nächsten Jahren mit umfassenden Steuererleichterungen rechnen. Der BFH hatte die verfassungswidrige Doppelbesteuerung  moniert. Rund 142.000 Rentner hatten schon vor dem Urteil Einspruch gegen ihre Einkommensteuerbescheide erhoben. Laut BFH können Männer häufiger als Frauen von Doppelbesteuerung betroffen sein. Weil ihre statistische Lebenserwartung kürzer ist und sie im Alter damit weniger Rente steuerfrei beziehen können. Scholz gab auch eine Garantie für ein

stabiles Rentenniveau von 48 Prozent ab (Hendrik Munsberg, SZ 28.6.21).

Erneut ein kühnes und ambitioniertes Projekt der SPD, das leider nur ständig von den Mützenichs in der SPD konterkariert wird.

3463: SPD verweigert Kampfdrohnen.

Montag, Juni 28th, 2021

Der terroristische Anschlag in Mali führt vor Augen, um welch einen gefährlichen Einsatz es sich dort handelt. Außerhalb geschützter Feldlager muss jederzeit mit einem Angriff gerechnet werden. Die Franzosen überdenken ihre Militärpräsenz in der Sahelzone. Der Bundestag muss sich die Frage gefallen lassen, ob er alles tut, was dem Schutz deutscher Soldaten dient.

„Die SPD verweigert der Bundeswehr bislang Kampfdrohnen. Aktuell lässt sich nicht seriös beantworten, ob in Mali ihr Einsatz geholfen hätte. Grundsätzlich sind Kampfdrohnen aber geeignet, Patrouilen abzusichern. Eingebettet in ein Korsett von Einsatzregeln versprechen sie mehr Sicherheit. Bewaffnete Drohnen müssen endlich angeschafft werden.“ (Mike Szymanski, SZ 28.6.21).

Parteien wie die SPD und die Linke gehören auf Grund ihrer unzulänglichen Sicherheitspolitik in den einstelligen Bereich. Allenfalls Opposition. Die Linke brauchen wir eigentlich gar nicht mehr. Als SED lobte sie 1979 den Überfall der Sowjetunion auf Afghanistan.

3462: Corona macht die Deutschen dick.

Sonntag, Juni 27th, 2021

1. 5,5 Kilo hat ein Deutscher im Schnitt in der Pandemie zugenommen.

2. Normalgewichtige haben sich 50 Prozent weniger bewegt, Übergewichtige 54, Adipöse 60.

3. Gestresste essen schlechter.

4. Von 100 Personen bekommen in den nächsten zehn Jahren  Diabetes: 8 Normalgewichtige , 22 Übergewichtige und 57 Adipöse.

5. Der Anteil übergewichtiger Erwachsener beträgt in

den USA              71 Prozent,

Australien           65 Prozent,

Großbritannien    64,

Deutschland        60,

OECD                 58,

Frankreich          49,

Österreich          47,

Italien                46,

Schweiz             42,

Japan                 26 (Dyrk Scherff, FAS 27.6.21).

3461: „Querdenker“ wollen das „System“ abschaffen.

Sonntag, Juni 27th, 2021

Die „Querdenker“ setzten sich im letzten Jahr bunt gemischt zusammen: Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Homöopathen, Waldorfianer, Bargeldfans, Reichsbürger, Identitäre und Neo-Nazis. Gegenwärtig erscheint es so, als setzten sie sich allmählich zur Ruhe.

Aber das täuscht gefährlich.

Denn der Bewegung geht es gar nicht um das Virus. Als Bodensatz waren diese diffusen Gruppen schon während der ganzen Geschichte der Bundesrepublik da. Sie lehnten sie ab. Gelegentlich treten sie als Windkraftgegner auf, mit verbrämten Vokabeln aus der Physik. Gespeist wird das aus den alten deutschnationalen (vgl. DNVP) Quellen, die schon die Weimarer Republik abgelehnt hatten (Nationalisten, Monarchisten, Großagrarier, Antisemiten). In die Öffentlichkeit trauten sich diese Kreise erst mit der Migrationspolitik seit 2015. Sie warten auf die nächste Krise. Sie rechnen mit einer internationalen Verschwörung, am liebsten von Juden aus New York.

3460: Was die Ära Trump für US-Amerikaner bedeutet

Samstag, Juni 26th, 2021

Die US-amerikanische Autorin und Literaturkritikerin Andrea Scrima sagt zur Ära Trump das Folgende (FAS 6.6.21):

„Für viele Amerikanerinnen und Amerikaner war Donald Trumps Präsidentschaft eine tägliche Dosis Verderbtheit, die wir uns bereitwillig verabreichen ließen, immer in der Hoffnung, unsere informierte Empörung könnte auf lange Sicht doch noch irgendwie ins Gewicht fallen. Die Trivialisierungen, die Unflätigkeiten, die Frauenfeindlichkeit, die selbstgefällige Logik der White Supremacy, den pubertären Charakter, den die landesweite Politik in dieser Zeit annahm, das Erodieren der Amtswürde, die Verrohung der Sprache sowohl in den Medien als auch in beiden Kongresskammern: wir dokumentierten dies alles sorgfältig, um uns damit unsere Zurechnungsfähigkeit und unseren Realitätssinn zu erhalten. Wir sahen mit an, wie sich das Erodieren der Sprache langsam, aber sicher zur anhaltenden Kakophonie verformte, die objektive Fakten durch alternative Narrative ersetzte, aus denen man, so wurde es uns nahegelegt, nach Belieben auswählen konnte. Wir waren aufgescheucht und alarmiert und wussten doch, dass wir uns zwangsläufig, durch die schiere Macht der Gewöhnung, letztendlich auch damit abfinden würden, das höchste Amt im Land von einem gefährlichen Witzbold bekleidet zu sehen.“