Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3520: Habecks Ärger über verlorene Grünen-Stimmen im Saarland

Dienstag, August 10th, 2021

Der saarländsiche Landesverband der Grünen ist tief zerstritten. Es war ihnen nicht gelungen, eine geeignete Landesliste vorzulegen. Der Bundeswahlausschuss hat sie nicht zugelassen. Damit dürften den Grünen bei der Bundestagswahl 30.000 bis 70.000 Stimmen fehlen, was bei einem knappen Ausgang entscheidend sein kann. Grünen-Co-Chef Robert Habeck ärgert sich darüber sehr. Im Vorfeld sei nicht genug getan worden. Es sei nun der Plan, die Stimmen anderswo in der Republik zu holen.

Grüne und SPD liegen in manchen Umfragen gleichauf (SZ 9.8.21).

3519: Wolfgang Bosbach unterstützt Hans-Georg Maaßen.

Montag, August 9th, 2021

Der langjährige ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach hat im Bundestagswahlkampf in Thüringen den umstrittenen Ex-Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen (CDU) unterstützt. Der CDU-Kandidat in Thüringen Maaßen war als Verfassungsschutz-Chef entlassen worden. Auch danach hatte er noch Bemerkungen gemacht, die bestenfalls als am Rande des Grundgesetzes gelegen bezeichnet werden konnten. Das kritisierte auch Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Bosbach gab sich verwundert: „Ich mache 49 Jahre Politik und habe mir im angeblichen Land der Dichter und Denker nicht vorstellen können, welches Ausmaß an Hetze es gibt.“ Die Herren schlagen nun also mit dem Begriff der Hetze zurück.

Tolle CDU. Will sie bis zur Wahl am 26. September noch mehr Renommée verspielen?

3518: Scarlett Johansson verklagt Disney.

Sonntag, August 8th, 2021

Kino-Weltstar Scarlett Johansson verklagt Disney. Sie hat schon mit sehr vielen Regie-Stars gedreht. U.a. mit Woody Allen  („Match Point“ 1996). Ihre Klage hat in Hollywood ein Beben ausgelöst. Johansson hatte in dem Blockbuster „Black Widow“ mitgespielt. Üblicherweise bekommt sie dann eine Gage und eine Beteiligung am Kassenerfolg. Diese sieht sie jetzt gefährdet, weil der Streifen nicht nur im Kino, sondern auch auf Disneys Streamingdienst Disney Plus gestartet wird. Disney nutze die Pandemie als Vorwand, um Filme gleich online anzubieten und dadurch viel mehr Abonnenten zu gewinnen.

Disneys Antwort: Johansson habe ohnehin schon 20 Millionen Gage bekommen. Ihre Klage sei „eine gefühllose Missachtung der schrecklichen und dauerhaften Auswirkungen der Covid-19-Pandemie“. Disney befindet sich in einem Kampf ums Überleben und auch um sehr viele Arbeitsplätze. Johansson geht es möglicherweise gar nicht ums Geld. Sie gehört zu den wenigen, die sich eine Auseinandersetzung mit Disney leisten können. Ihre Zusammenarbeit endet mit „Black Widow“. Das Urteil in dieser Causa wird wahrscheinlich wegweisend für Hollywood (David Steinitz, SZ 31.7.21).

3517: Warum manchmal Kunst nicht zurückgegeben wird.

Samstag, August 7th, 2021

Der 1878 geborene erfolgreiche jüdische Textilfabrikant Robert Graetz war auch Kunstsammler. 1919 bezog er eine Villa in Berlin-Grunewald. Dort befand sich seine etwa 250 Kunstwerke umfassende Sammlung. Sie enthielt Werke von Otto Dix, Max Pechstein, Paula Modersohn-Becker, Karl Schmidt-Rottluff u.a. Eines war das Porträt von Alfred Kerr, dem berühmten Kunstkritiker, 1907 von Lovis Corinth gemalt. 1933 musste Familie Kerr aus Deutschland fliehen. Darüber hat Judith Kerr das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ geschrieben.

Robert Graetz konnte sein Villa 1935 nicht mehr halten. Er baute sie in ein Mehrfamilienhaus um. Viele seiner Kunstwerke gab er an eine Berliner Spedition, um sie bei der geplanten Ausreise mitzunehmen. Wahrscheinlich zählte auch das Kerr-Porträt von Corinth dazu. Graetz wurde 1942 kurz vor seiner geplanten Flucht deportiert und ermordet. Seine Bekannte Gertrud Kahle wurde nach der Beschlagnahme sämtlichen Vermögens ebenfalls nach Theresienstadt gebracht. Sie überlebte, beging aber 1945 in Berlin Selbstmord. Die Kinder von Robert Graetz machten nach 1945 Schadensersatz für die vom Deutschen Reich entzogenen Kunstwerke geltend. Die Behörden verlangten Dokumente, Beweise, Unterlagen. Aber wie wollen sie die von jemand vorlegen, von dem nicht einmal das Todesdatum bekannt ist? Die Wiedergutmachungsbehörde wies den Anspruch auf Rückgabe 1954 zurück.

Am 5. Februar 1956 veröffentlichte der Theaterkritiker Friedrich Luft in der „Welt“ den Beitrag „Ein Bild will nach Berlin. Das Kerr-Porträt von Lovis Corinth wird angeboten.“ Das Bild wurde von den Erben Gertrud Kahles auf den Markt gebracht und kurz darauf vom Schiller-Theater für 10.500 Mark erworben. Robert Graetz Erben machten geltend, dass unklar sei, wie es in den Besitz der Erben Kahles gekommen sei. Am Ende erhielten die Erben Graetz‘ 28,5 Prozent des Kaufpreises von den Erben Kahles, also 3.000 Mark. Auf Grund einer Übertragung vom Schiller-Theater auf das Berliner Stadtmuseum ist das Bild seit 1974 in dessen Besitz.

Die Erben von Robert Graetz verlangten nun von der

„Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischen Besitz“

die Empfehlung der Rückgabe des Gemäldes. Die Erben Kahles hatten in den fünfziger Jahren behauptet, dass Graetz das Bild Gertrud Kahle geschenkt habe. Das Bild soll von der Spedition beim Frachtkontor Fritz Kahle eingelagert worden sein, dem geschiedenen Mann von Gertrud Kahle. Dieser habe es für seine Kinder unterschlagen. Über den Wahrheitsgehalt der Aussagen wissen wir nichts. Die Erben von Robert Graetz konnten der Kommission keine Unterlagen vorlegen, die die Einlieferung des Gemäldes und des anderen Besitzes zu einer Einlagerung beweist. Deswegen hat die Kommission entschieden, für das „Porträt Alfred Kerr“ keine Rückgabeempfehlung an die Graetz-Erben auszusprechen.

Für Eigentumswechsel in jenem Zeitraum müssen nicht die Erben beweisen, dass das Kunstwerk verfolgungsbedingt entzogen wurde – das Museum muss beweisen, dass das Kunstwerk ohne Verfolgungsdruck zu einem angemessenen Preis veräußert wurde (Beweislastumkehr). Und vor allem, dass der Veräußerer frei über den Kaufpreis verfügen konnte. Es steht die Vermutung im Raum, dass der Vergleich auf Grundlage der falschen Annahme einer Schenkung von Graetz an Kahle geschlossen wurde. Der Kommisionsvorsitzende, der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier, hatte die Entscheidung in einem Aufsatz gerechtfertigt. Dabei hatte er auch auf die bis heute mangelhafte Verfahrensordnung der Kommission verwiesen. „Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass der zukünftige Umgang mit Raubkunst im Koalitionsvertrag Niederschlag finden muss.“ (Julien Reitzenstein, Welt 31.7.21)

3516: Die demokratische Regression

Freitag, August 6th, 2021

Armin Schäfer und Michael Zürn erläutern uns in einem Buch

Die demokratische Regression. Die politischen Ursachen des autoritären Populismus. Berlin (Suhrkamp) 2021, 247 S., 16 Euro.

Ihren Ausgangspunkt nehmen sie bei Branko Milanovics „Elefantenkurve“, der zufolge die Globalisierung zwar hunderte Millionen Menschen aus der absoluten Armut befreit hat, aber nur die neue Mittelschicht in den ostasiatischen Schwellenländern und die Allerreichsten dieser Welt massiv profitieren konnten.

Sie halten dem Populismus durchaus zugute, dass er sich bezieht auf die „Schieflage zugunsten der Bessergestellten“ in den westlichen Gesellschaften, wo in den Parlamenten Beamte und Unternehmer dominieren. An die Stelle von Parlamentsmehrheiten seien in letzter Zeit allerdings Zentralbanken, Verfassungsgerichte und internationale Organisationen getreten, die den „dreifachen Liberalismus“ aus individuellen Rechten, internationalen Regeln und freien Märkten durchsetzten. Der Populismus sei insofern aus einer Krise der Repräsentation hervorgegangen und nehme für sich in Anspruch, den Volkswillen zu kennen und zu repräsentieren. Auch daraus erkläre sich ihr antidemokratischer Charakter.

Bei Trump, Bolsonaro, Maduro, Modi, Putin, Orban, Erdogan und Kaczynski.

Mittlerweile gefährde der Antiinternationalismus die Wohlstandseffekte der Globalisierung und Bedingungen für das Gedeihen der Demokratie. „In dieser Grauzone der Regimetypen wird zwar gewählt, aber die Wahlen verlaufen mitnichten immer korrekt, und Rechtsstaatlichkeit, die Kontrolle der Exekutive durch Legislative und Judikative, Medienpluralismus, Minderheitenschutz und umfassende Menschenrechte sind nicht garantiert, sodass der Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie bis zur Unkenntlichkeit relativiert sein kann.“

Schäfer und Zürn schlagen die Direktwahl der Europäischen Kommission vor. Und die Förderung unterrepräsentierter Bevölkerungsgruppen wie etwa Frauen aus dem Dienstleistungsprekariat mit Migrationshintergrund. Abstrakt wird es da, wo die Autoren die „Anerkennung und Berücksichtigung von Komplexität“ und die „Förderung von Ambiguitätstoleranz“ verlangen. Es sei nicht vergessen, dass rund ein Viertel der AfD-Wähler einen Hochschulabschluss hat und drei Viertel von ihnen auf Beamte, Angestellte und Selbständige entfallen, also diejenigen Bevölkerungsgruppen, deren politische Privilegierung die Autoren zu Recht beklagen (Karsten Fischer, FAZ 31.7.21).

3515: „Weltspiegel“ ins Nachtprogramm ?

Donnerstag, August 5th, 2021

Den „Weltspiegel“ in der ARD gibt es nun seit fast 60 Jahren. Und ich war ziemlich von Anfang an mit einiger Verve als Zuschauer dabei. Deswegen bin ich darauf ähnlich fixiert, wie Jörg Lau („Die Zeit“ 15.7.21) es schildert. Über 100 Reporter aus 30 ARD-Studios rund um die Welt klären uns über die Politik der Welt auf. Und die Sendezeit vor der „Tagesschau“ trägt dazu bei, dass nicht nur Medienfexe und Akademiker das Magazin sehen. In einer Zeit voller internationaler Großkrisen. Lange Zeit kam der „Weltspiegel“ nach der „Lindenstraße“. Ins Leben gerufen wurde die Sendung von Journalisten wie Peter von Zahn, Peter Scholl-Latour, Lothar Löwe, Gerd Ruge und Klaus Bölling. Hochverdiente, für ihre Seriosität bekannte Journalisten.

Die Marktanteile stimmen auch heute noch. Rund zwei Millionen Zuschauer regelmäßig sind keine Kleinigkeit. Nun soll die Sendung auf den späten Montagabend nach den „Tagesthemen“ verlegt werden. Dafür fehlt vielen Nutzern jegliches Verständnis. Es würde den kompletten Austausch des Publikums bedeuten. Denn die heutigen Seher, zwei Drittel ohne höheren Bildungsabschluss, sind montags spät schon auf dem Weg ins Bett, weil sie am nächsten Morgen arbeiten müssen. Dem „Weltspiegel“ droht ein Tod auf Raten. Wir wollen doch nicht noch mehr Sport vor der „Tagesschau“. Der „Weltspiegel“ ist bisher ein Gegenmittel gegen vorgefasste Meinungen und Filterblasen. Das Programm ist eine Versicherung gegen Vorurteile. Wie sollen wir Donald Trump, den Brexit oder die zahlreichen russischen politischen Repressionen verstehen? Da müssen uns kundige Journalisten informieren. Es gibt heute auf der Welt schon genug Behinderung von seriösem Journalismus. Da sollte sich die ARD als einer unserer Anker für freie Meinungsbildung nicht selbst schwächen. Es läuft heute in der Welt ein postfaktischer Mehrfrontenkrieg gegen den Anspruch, dass es überhaupt eine verbindliche Wahrheit gebe. Gegen die billigen Hetzer der AfD hilft nur seriöser Nachrichtenjournalismus, der genug Zeit hat, seine Erkenntnisse auch auszubreiten.

3514: Erfreuliche Zahlen bei der F.A.Z.

Mittwoch, August 4th, 2021

Im Geschäftsjahr 2020 und in den ersten Monaten dieses Jahres haben sich die Geschäftszahlen der FAZ positiv entwickelt. Mit 225,7 Millionen Euro wurden die Erwartungen 2020 übertroffen. Mit dem dynamischen Wachstum des Digitalgeschäfts verband sich eine beachtliche Resilienz des Printgeschäfts. Daher konnte die FAZ zum 1. Juli 2021 die Gehälter der Mitarbeiter erhöhen und zusätzlich im Dezember wie im Juni 2021 eine Corona-Sonderprämie ausschütten. Eine rege Nachfrage findet auch das Bezahlangebot F+. Insgesamt zählte die FAZ zur Jahresmitte mehr als 180.000 digitale Abonnenten. Gerne gehört werden die Themenpodcasts wie „Einspruch“, „Digitec“, „Wissen“, „Gesundheit“. Nutzern von Smartphones stellt die FAZ Audioinhalte für das Auto über Apple CarPlay und Android zur Verfügung. In den kommenden Monaten wird die Zeitung weitere digitale Produkte auf den Markt bringen.

Auf das Digitalgeschäft entfallen schon 35 Prozent des Unternehmensergebnisses.

Insgesamt wird dadurch das Bedürfnis vieler Leser nach Qualitätsjournalismus gerade in bewegten Zeiten belegt.

Das Abonnementgeschäft der FAZ ist im zweiten Quartal 2021 um 10,1 Prozent auf 201.400 Exemplare gestiegen. Die Umsatzrendite erreichte ein Niveau wie in den neunziger Jahren. Das von FAZ und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ) zur besseren Vermarktung überregionaler Anzeigen gegründete Gemeinschaftsunternehmen Republic hat seine Arbeit erfolgreich aufgenommen. Ziel der Gründung ist es, gemeinsam eine noch höhere Reichweite in der Zielgruppe der Entscheider zu erreichen (FAZ 31.7.21).

3513: Bayerischer Minister gegen das Impfen

Samstag, Juli 31st, 2021

Hubert Aiwanger ist Vorsitzender der „Freien Wähler“ in Bayern, Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Er ist nicht nur privat gegen das Impfen und selbst ungeimpft. Er ist sich nicht sicher, ob nicht doppelt Geimpfte durch Nachlässigkeit beim Testen das Virus weiterverbreiten. Er hat von „massiven Impfnebenwirkungen“ gehört. Er sprach von einer „Apartheidsdiskussion“  zulasten Ungeimpfter. Er will mit den „freien Wählern“ in den Bundestag und muss dazu die Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Er sagt: „Die CSU hat offenbar Angst vor einem schlechten Bundestagsergebnis und greift deshalb ohne Not den eigenen Koalitionspartner an.“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) greift seinerseits Aiwanger und die „freien Wähler“ an. „Er wandelt auf einem schmalen Grat.“ Wer glaubt, „sich bei rechten Gruppen und Querdenkern anbiedern zu können, verlässt die bürgerliche Mitte und nimmt am Ende selbst Schaden.“ (Timo Frasch, FAZ 31.7.21)

Also große Uneinigkeit in der bayerischen Regierung. Wir bekommen den Eindruck, dass Markus Söder die ganze Mannschaft nicht mehr wirklich im Griff hat. Es rächt sich jetzt, dass die CSU sich über lange Zeit nicht klar genug von der AfD, Querdenkern und „freien Wählern“ abgegrenzt hat.

3512: Vor 50 Jahren gestorben: Ludwig Marcuse

Freitag, Juli 30th, 2021

Als ich ihn während meines Studiums in einem Fernseh-Interview 1968 mit Marcel Reich-Ranicki näher kennenlernte, war sein Namensvetter Herbert weit bekannter als er: Ludwig Marcuse (1894-1971), der deutsche Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er lebte seit 1962 wieder in Deutschland, in Bad Wiessee. Dieser wunderbare Individualist, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und tausend Anfälligkeiten ausgesetzt. Er musste 1933 ins Exil, zunächst nach Frankreich (Sanary-sur-mer), dann in die USA. Hier arbeitete er als Professor für Germanistik an der Universität von Los Angeles.

Der geborene Berliner aus einer jüdischen Familie interessierte sich wenig für berufliches Fortkommen und wirtschaftlichen Erfolg. Promoviert hatte er bei dem Religionsphilosophen Ernst Troeltsch („Die Individualität als Wert und die Philosophie Friedrich Nietzsches“). Nach dessen frühem Tod 1923 blieb ihm in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere versperrt, er arbeitete fortan als freier Schriftsteller und hatte viele Freunde und erbitterte Feinde. Besonders eng war er mit Joseph Roth befreundet. Er hielt sich an Friedrich Hebbels (1813-1863) Diktum: „Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, dass er Materialien zu seiner Biographie liefere. Hat der Mann keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiss auf mannigfachste Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit ebenso wichtig wie des größten Mannes Wahrheiten.“

Karl Marx hatte geschrieben (und Marcuse zitierte das gerne): „Die Liebe nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschott’schen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zur Liebsten und namentlich zu dir macht den Mann wieder zum Mann.“ Ludwig Marcuse hielt sich an Georg Büchner (1813-1867), wo der schrieb: „Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat: an Leibern, Christusbildern, Weingläsern, an Blumen oder Kinderspielsachen, es ist das nämliche Gefühl: wer am meisten genießt, betet am meisten.“

Aber Ludwig Marcuse war weit mehr als ein zur aufgeklärten Milde neigender Konservativer. Die ersten Bücher, die ich von ihm las, waren „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969). Er klärte darin u.a. auf, dass einer der ersten prominenten Psychoanalytiker, der schweizerische Staatsbüger Carl Gustav Jung (1875-1961), ein Nazi gewesen war. Das ist bis heute nicht aufgearbeitet und soll womöglich auch nicht geklärt werden. Die folgenden Zitate Jungs entnehme ich Marcuses Buch „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) auf den Seiten 141 bis 148.

Jung sagt 1933: „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ „Freud gründete sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“ „Als die physisch Schwächeren müssen sie (die Juden, W.S.) auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“ „Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische.“ „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“ „Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in einem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“ So weit unser Psycho-Nazi. Dazu schrieb der Nationalökonomie-Professor Wilhelm Röpke: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiss ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

Ludwig Marcuse hat sehr viele Bücher geschrieben, darunter auch einige nicht ganz so gute. Ungeduld war seine Schwäche. Aber er hat seinen Protagonisten Georg Büchner, Ludwig Börne, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud seine ganze Leidenschaft gewidmet. 1949 erschien seine „Philosophie des Glücks“, die sich heute noch zu lesen lohnt. Er hat die Tagebuchaufzeichnungen seiner Schwester Esther bis zu deren Ermordung durch die Nazis veröffentlicht, die in Deutschland geblieben war, um sich um ihre alte Mutter zu kümmern. Ludwig Marcuses Standardsatz, den wir uns merken sollten, lautete: „Es ist immer komplizierter.“

(Hinweise von Johann-Hinrich Claussen, SZ 30.7 21)

3511: Springer verkauft in Osteuropa.

Donnerstag, Juli 29th, 2021

Vor zwei Jahren trat der US-Investor KKR bei Springer („Bild“, „Welt“) mit ungefähr 50 Prozent ein. Die andere Hälfte halten Friede Springer und der Vorstandsvorsitzende Matthias Doepfner. Nun trennt sich Springer von fast allen journalistischen Aktivitäten in Osteuropa: Ungarn, Serbien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen. Es geht um mehr als 200 Digital- und Printprodukte mit mehr als 3.100 Mitarbeitern. Nur in dem recht großen Markt in Polen bleibt Springer aktiv.

Die abgegebenen Produkte übernimmt der Osteuropa-Partner von Springer, der Schweizer Verlag Ringier („Blick“). Springer will sich auf das Digitalgeschäft in den USA, Deutschland und Polen konzentrieren. Angestrebt wird eine Marktführerrolle. Diskutiert wurde vor allem über die „Welt“. Aber Friede Springer hat sich klar zu diesem Blatt bekannt. Die Samstagsausgabe (die ich wegen der „Literarischen Welt“ abonniert habe) wird gestrichen und durch die „Welt am Sonntag“ ersetzt, die samstags erscheinen soll. Warten wir es ab (Caspar Busse, SZ 29.7.21).