Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3638: Karneval in Corona

Sonntag, November 14th, 2021

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, 64 (parteilos), beantwortet Fragen von Christian Wernicke zum diesjährigen Karneval (SZ 11.11.21).

SZ: Frau Oberbürgermeisterin, die Kölner feiern Karneval – trotz Corona.

Reker: Köln feiert nicht unbeirrt Karneval. Wir haben vorgesorgt und etwa die 2-G-Regel eingeführt: In Kneipen und auf die Plätze, wo gefeiert wird, kommen nur Geimpfte und Genesene. Wir errichten Sperren, wir werden die Zugänge und die Abstände strikt kontrollieren. Köln feiert mit Vernunft.

SZ: Warum sagen Sie die fünfte Jahreszeit nicht wie voriges Jahr einfach ab?

Reker: Ich bin selbst Karnevalistin, ich verstehe, dass die Menschen an diesem Tag ihre Lieder für die Saison singen und hören wollen. Deshalb: Unsere Maßnahmen müssen nachvollziehbar sein – ein absolutes Verbot dieses Jahr wäre völlig unangemessen.

SZ: Sollte 2G in ganz NRW gelten, im Rheinland wie im weniger jecken Westfalen?

Reker: Ja, wenn es nach mir ginge, sollte diese 2-G-Regel oder noch besser 2G plus im ganzen Land gelten – und zwar sofort. Wir müssen jetzt handeln, bevor die Krankenhäuser wieder voll sind. Und egal, ob Karneval gefeiert wird oder nicht. Ministerpräsident Wüst sollte das jetzt tun.

3637: Deutschland hat die Pandemie romantisch unterschätzt.

Samstag, November 13th, 2021

Im Sommer 2021 wurde in Deutschland der Umgang mit der Pandemie immer sorgloser, in der Politik und bei den Menschen. Masken trug man nicht, und die Leute nutzten vollgestopfte Busse und Bahnen. Das tun sie heute noch. Und die verqueren Impf- und Maskengegner treiben alle in die Defensive. Was für ein Schwachsinn.

Das Ganze weithin auf dem Boden einer Geisteshaltung, wo die deutschen Romantiker die Richtung vorgegeben hatten: Weg vom Trubel der Städte, der Politik, hin in die sinn- und zweckfreie, eben romantische Erfahrung. Der Wald ist Balsam für die Seelen, und man soll der Natur ihren Lauf lassen. Darin der Narzissmus als Zelebration. Nur Wenige stellten sich die Frage, ob das Leben in der Republik nicht doch gewisse Implikationen habe. Ob nicht der einzelne Bürger um Staatsbürger zu sein, ein wenig Arbeit für andere verrichten müsse. Anscheinend ließ das der provinzialisierte Diskurs schon gar nicht mehr zu.

Anders als in Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron erklärte: „Wir sind eine Nation der Wissenschaft, der Aufklärung, die Nation von Louis Pasteur!“ Schon Jean-Paul Sartre hatte erklärt, dass es ihm nun mal wichtiger sei, ein Buch fertigzustellen, als lange indifferent vor sich hin zu leben. „Der Geist gestaltet die Natur und nicht umgekehrt.“ In Frankreich haben wir die Impfpflicht für Heilberufe, einen verbindlichen einheitlichen Sanitätspass und insgesamt eine deutliche und nachvollziehbare Linie. Das schaffen die deutschen Romantiker nicht. „Es ist unerträglich, dieses tödliche Zaudern des Staates.“ (Nils Minkmar, SZ 10.11.21)

3636: Steuerschätzung: Bis 2025 179 Milliarden Euro mehr in der Kasse

Freitag, November 12th, 2021

Der amtlichen Steuerschätzung nach werden Bund, Länder und Kommunen bis 2025 179 Milliarden Euro mehr in der Kasse haben. „Die nächste Bundesregierung kann auf einer soliden Haushalts- und Finanzpolitik aufbauen.“ (Olaf Scholz, gegenwärtiger Finanzminister, SPD) Der Bund wird der Prognose zufolge 11,7 Milliarden Euro mehr einnehmen, insgesamt 305,4 Milliarden. In den Folgejahren soll es ähnlich gut weitergehen. Bei den Bundesländern fällt das Plus am höchsten aus. Grund zum Optimismus gibt vor allem der erwartete wirtschaftliche Aufschwung nach Ende des Pandemie-Tiefs. Gegenwärtig wird er noch von Lieferengpässen und Corona-Folgen gedämpft (SZ 12.11.21).

3635: Frage

Donnerstag, November 11th, 2021

Soll eine Krebspatientin nicht operiert werden, weil ein Ungeimpfter das Bett belegt ?

3634: Putins Schleusersystem (mit Lukashenko und Erdogan) arbeitet.

Mittwoch, November 10th, 2021

Damit will er die EU spalten. Wie moralisch verkommen das ist, lässt sich kaum beschreiben. Menschenleben sind ihm egal. Wie in Russland. Es soll gezeigt werden, dass die EU keineswegs Migranten mit offenen Armen begrüßt. Nach Russland und Weißrussland will ohnehin kein denkender Mensch. Schwieriger wird die Lage dadurch, dass Polen sich nicht helfen lassen will. Auch Frontex hat keine Musterlösung für solche Krisen. Schlimm ist auch, dass Airlines Geld mit diesen perversen Aktionen verdienen.

3633: EKD versucht, sexuelle Gewalt in der Kirche aufzuarbeiten.

Dienstag, November 9th, 2021

Vor zwölf Jahren wurde der massenhafte sexuelle Missbrauch in der evangelischen Kirche bekannt. Die EKD hatte sich 2018 auf der Synode in Würzburg einen Elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt gegeben. Der Sprecher des Beauftragtenrats der EKD, Bischof Christoph Meyns (Braunschweig), sagte jetzt: „Ich bin zutiefst bestürzt darüber, dass in meiner Kirche so etwas möglich war und ist. Ich bin zutiefst betroffen über das Unrecht, das Menschen entgegen allem, wofür wir stehen, im Kontext von Kirche und Diakonie angetan wurde.“

Inzwischen gibt es Meldestellen in den Landeskirchen, eine zentrale Anlaufstelle bei der EKD, Anerkennungskommissionen und Anerkennungszahlungen. Betroffene kritisieren allerdings, es sei bisher viel zu wenig geschehen. „Eine gründliche Aufarbeitung muss passieren, sonst bleibt alles nur hohles Geklingel.“ Mit dem

Märchen vom Einzelfall.

Nach der Meinung Betroffener kann sich die Kirche nicht selbst aufarbeiten, sondern bedarf der unabhängigen Hilfe von außen.

Den Betroffenenbeirat gibt es nach inneren Querelen nicht mehr, er war praktisch gespalten. Das ehemalige Beiratsmitglied Katharina Kracht über Bischof Meyns: „Ich erlebe immer wieder, dass er über das Leid und den Schmerz redet. Aber dass es eine Verantwortung seiner Organisation gibt, das ist bei ihm nicht angekommen.“ Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, fordert die EKD auf,

Vernetzung der Betroffenen

zu ermöglichen. „Bis heute wird – wenn Täternamen bekannt werden – in Gemeinden nicht aktiv nachgeforscht, ob der Täter vielleicht auch woanders auffällig wurde.“ Bischof Meyns hat inzwischen eine Verschärfung der kirchlichen Disziplinarmaßnahmen in Fällen von sexueller Gewalt gefordert. (Annette Zoch, SZ 9.11.21)

3632: Juden haben in Europa keine Verbündeten.

Montag, November 8th, 2021

Der britische Schriftsteller und Komiker David Baddiel, dessen Mutter als deutsche Jüdin 1939 nach Großbritannien flüchten musste, hat ein Buch über linken Antisemitismus geschrieben:

Und die Juden? („Jews don’t count.“). München (Hanser) 2021, 136 S., 18 Euro.

Darin gebärdet sich Baddiel illusionslos und hoffnungslos. Bei den Linken in Europa hätten Juden keine Verbündeten. Anna Prizkau hat David Baddiel für die FAS (7.11.21) interviewt:

FAS: Sprechen wir über deutsche Mörder: Was fühlen Sie, wenn Sie aus dem Fenster ihres Hotels (in Berlin, W.S.) schauen auf das Land, in dem ihre Mutter geboren wurde und viele ihrer Verwandten ermordet worden sind?

Baddiel: Um ehrlich zu sein, denke ich darüber nach, mir die deutsche Staatsbürgerschaft zu holen, die meine Großeltern und meine Mutter mal hatten.

FAS: Wegen des Brexits?

Baddiel: Es hat natürlich alle möglichen seelischen, politischen, sozialen Gründe. Aber ja, auch weil ich nicht in dieser verdammt langen Schlange stehen kann. Ich hasse, hasse, hasse den Brexit. Er ist so unglaublich unjüdisch.

FAS: Warum ist denn der Brexit unjüdisch?

Baddiel: Weil Juden Immigranten sind. Sie mussten immer umherziehen und fliehen. Sie hassen geschlossene Grenzen. … Wo sind die Verbündeten der Juden? Und ja, es gibt keine! Wir sind ausgeschlossen und einsam.

 

3631: Warnung der CDU vor einer Urwahl

Sonntag, November 7th, 2021

Urwahl hört sich so demokratisch an. In der Weimarer Republik haben wir damit ja allerdings schlechte Erfahrungen gemacht. Nun will die CDU diese Methode anwenden, nachdem die letzten beiden Parteivorsitzenden,

Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet,

gescheitert sind. Beide wurden von der Partei nicht entschieden genug unterstützt. Sie ist zerrissen. Und Wähler verabscheuen nichts so sehr wie zerstrittene Volksparteien. Hier kommen wir auf das Problem bei Urwahlen:

Die Parteimitglieder repräsentieren nicht die Wähler.

Bei der CDU stehen sich Traditionalisten und Modernisierer (teilweise hasserfüllt) gegenüber. Angela Merkel hat alles verschlammt. Das macht es jetzt schwierig. Es droht die Gefahr der weiteren rasanten Talfahrt. Die CDU sollte sich daran erinnern, was sie in Baden-Württemberg für schlechte Erfahrungen mit Urwahlen gemacht hat. 44,2 Prozent bei der Landtagswahl 2006. 17 Prozent heute. Gratulation.

„Die Urabstimmung zerstörte Freundschaften, spaltete Kreisverbände, vor allem zwischen der traditionalistischen Landtagsfraktion und dem Landesvorsitzenden Strobl herrschte zwischen 2011 und 2021 selten Frieden. In der Frage, wie mit den Grünen umzugehen sei, fanden die Traditionalisten und die Modernisierer um Strobl bis zum Ende der ersten grün-schwarzen Legislaturperiode Anfang dieses Jahres keinen Konsens.“

(Rüdiger Soldt, FAS 7.11.21)

3630: Verschwinden Lokalzeitungen, steigt die Kriminaltät.

Sonntag, November 7th, 2021

Eine wissenschaftliche Studie in den USA von Jonas Heese (Harvard), Gerardo Perez Cavazos (San Diego) und Caspar David Peter (Rotterdam) belegt, dass dann, wenn Lokalzeitungen verschwinden, die Fälle von Betrug, Finanzvergehen, Wasser- und Luftverschmutzung sowie Verstöße gegen das Arbeitsschutzrecht zunehmen. Das Fehlen einer Lokalpresse wird anscheinend als Freifahrtsschein für Betrug und Regelverletzungen betrachtet.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die verkaufte Auflage aller US-Lokalzeitungen etwa halbiert. An manchen Orten gibt es gar keine freie Presse mehr. Die Forscher verwandten den „Violation Tracker“ der gemeinnützigen Organisation „Good Jobs First“, der auflistet, wie viele Strafzahlungen die 44 wichtigsten Ministerien und Regulierungsbehörden einem Unternehmen über einen gewissen Zeitraum aufgebrummt haben. Die „Deutsche Bank“ etwa und ihre Töchter  haben seit 2000 76 Regelverstöße begangen und dafür 18,3 Milliarden Dollar an Buße gezahlt.

In Kreisen, in denen es gar keine Lokalzeitungen mehr gab, erhöhte sich die Summe der Bußen um 36 Prozent. Der Ausstoß giftiger Gase stieg in Regionen, in denen Zeitungen geschlossen wurden, um 18,3 Prozent. „Ohne Lokalzeitung gibt es niemanden mehr, an den sich Mitarbeiter skrupelloser Unternehmen mit Informationen wenden können.“ Wenn es keine Lokalzeitung mehr gibt, kann ein bestraftes Unternehmen seiner Verurteilung nachkommen, ohne dass jemand darüber berichtet.

Das entspricht übrigens den Ergebnissen einer Stdie aus dem Jahr 2019 von Penjie Gao, Chang Lee und Dermott Murphy von den Universitäten Illinois und Notre Dame.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass Lokalzeitungen weithin ihre Überwachungsfunktion wahrnehmen und nicht nur Anhängsel von Anzeigenkunden sind.

(Claus Hulverscheidt, SZ 21.10.21)

3629: Verein hilft gegen Corona-Verschwörungs-Narrative.

Samstag, November 6th, 2021

Der Verein „Veritas“ hilft Angehörigen von Anhängern der Verschwörungs-Narrative. Durchschnittlich glauben in Deutschland 15 Prozent der Bevölkerung an Corona-Verschwörungs-Narrative. Deren Verwandten sind gefährdet, weil die Erzählungen bis in die Familien und Partnerschaften hinein wirken können. Geht es um Ehepartner, Geschwister, Eltern oder Kinder, kann der Leidensdruck hoch sein. Die Verschwörungs-Narrativ-Anhänger stellen plötzlich die gesamte Gesellschaft in Frage.

Die erste Regel, die dabei beachtet werden muss, lautet: Niemals in Diskussionen einsteigen.

Die Anhänger von Verschwörungs-Narrativen verteidigen ihren Schwachsinn, um mit dem ansonsten drohenden Kontrollverlust fertig zu werden. Unter Gleichgesinnten bedeutet das Festhalten an den Narrativen Sicherheit in der Gruppe. Sie verändern sich nicht auf Grund von Tatsachen, sondern Emotionen. Der Ausstiegsprozess hat zwei Ebenen: einmal den ideologischen Ausstieg und dann die Erkenntnis, dass da noch Menschen sind, die außerhalb der Verschwörungs-Erzähler für einen da sind (Verena Mayer, SZ 11.10.21).