Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3893: Gene bestimmen unser Leben.

Sonntag, Juni 5th, 2022

1. Immer noch heißt es vielmals, und nicht nur in der Psychologie, sondern auch in vielen Sozialwissenschaften, wir kämen als weißes, unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt. Das werde dann im Laufe des Lebens beschrieben (Stefanie Kara/Rudi Novotny, Die Zeit 19.5.22)

2. Diese Aussage ist falsch.

3. 2018 haben 3,2 Millionen Menschen einen Psychotherapeuten aufgesucht.

4. Die Seele ist heute mehr und mehr Menschen geläufig.

5. In Studien werden diejenigen, die weniger über psychische Gesundheit wissen, häufiger als depressiv eingestuft.

6. Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung, Arbeitslose, Kranke oder Alleinlebende leiden deutlich häufiger unter Depressionen als andere.

7. Wenn jedes denkbare Problem personalisiert wird, können gesellschaftliche Schwierigkeiten leichter auf den Einzelnen abgeschoben werden.

8. In Deutschland fällt es immer noch vielen Angehörigen pädagogischer Berufe schwer anzuerkennen, dass Schulleistungen mit der Veranlagung (Begabung) zu tun haben. Sie halten sich lieber an Ideologien.

9. Das „sozialökonomische Panel“, in dem 30.000 repräsentativ ausgewählte Deutsche regelmäßig befragt werden und das hervorragende Ergebnisse liefert, ist neuerdings durch ein Genprofil erweitert worden (Ulrich Bahnsen/Martin Spiewak, Die Zeit 19.5.22).

10. Dadurch kann die Ungleichheit unter den Menschen besser bestimmt werden.

11. Denn wer über soziale Unterschiede forscht, bleibt ohne genetische Informationen auf einem Auge blind.

12. Unsere Anlagen bestimmen nämlich unser Leben weit mehr, als wir bisher manchmal dachten.

13. Die Wissenschaft beginnt, die Blackbox der Vererbbarkeit zu öffnen.

14. Vererbt sind unsere Körpergröße, die Anlage zum Herzinfarkt, unsere Gewissenhaftigkeit, unser Egoismus und unser beruflicher Erfolg und vieles andere mehr.

15. Vieles, auf das wir stolz sind oder über das wir uns ärgern, ist unserem Einfluss entzogen. Wir haben unsere Gene nicht verdient.

16. Sprachprobleme sind zu 90 Prozent genetisch bedingt.

17. Trotzdem hat es natürlich einen Einfluss auf Menschen, ob mit ihnen wenig gesprochen oder wenig vorgelesen wird. Gene und Sozialverhalten ergänzen sich.

18. Gene beeinflussen zwar die Wahrscheinlichkeiten unseres Verhaltens, aber sie bestimmen sie nicht endgültig. Ihnen liegen hunderte bzw. tausende von Genvarianten zugrunde.

19. Genetische Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren.

3892: Carolin Emcke: Wir hätten es wissen können.

Sonntag, Juni 5th, 2022

Die Publizistin Carolin Emcke beklagt, dass wir Russlands militaristisches und verbrecherisches Potential hätten kennen können, es aber vorzogen, dies zu übersehen (SZ 4./5./6.6.22):

„Dabei gab es ja nicht nur den Krieg im Kaukasus, nicht nur die Annexion der Krim oder die entgrenzte Gewalt in Syrien. Es gab nicht nur die Finanzierung trollig-orchestrierter Diskurs-Subvention und neo-völkischer rechter Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten. Sondern es gab auch die gnadenlose Repression im Innern, gegen politische Oppositionelle, gegen sexuelle Minderheiten, gegen kritische Journalistinnen und Journalisten. Sie wurden wahlweise erschlagen oder eingesperrt, vergiftet oder erschossen, verbrannt oder verhöhnt. Das geschah nicht im Verborgenen. Die Spuren wurden nicht verwischt. Das waren keine geheimen Taten. Das war immer schon zu sehen, aber es waren offensichtlich Körper, um die nicht getrauert wurde, es waren Minderheiten, denen nahegelgt wurde, sie müssten eben mehr Geduld haben mit ihrer Anerkennung oder ihrer Kritik, so eine Demokratie brauche eben etwas Zeit – …“

3891: Marcel Beyer über „prominente Intellektuelle“

Sonntag, Juni 5th, 2022

Der Schriftsteller Marcel Beyer empört sich in der FAS (5.6.22) über die „prominenten Intellektuellen“, die auf Initiative von Alice Schwarzer in einem offenen Brief die Ukraine zur Kapituation aufgefordert haben:

„Sie betrachten sich als unhintergehbare Macht.“

3890: Faschismus aus der Perspektive von Timothy Snyder

Samstag, Juni 4th, 2022

In einem Interview mit Konrad Schuller (FAS 5.6.22) erläutert der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder („Bloodlands“) seine Vorstellungen vom gegenwärtigen Faschismus.

FAS: Sie halten Russland für einen faschistischen Staat, warum?

Snyder: Gibt es etwas am russischen Staat, das heute nicht faschistisch ist? Hier eine Liste von Merkmalen des Faschismus, die auf Russland zutreffen:

Eins: Einparteienherrschaft.

Zwei: der Kult des Führers.

Drei: Kontrolle der Medien.

Vier: Kult des Imperiums, seiner Toten und seiner historischen Unschuld.

Fünf: Die Welt wird durch Verschwörungstheorien erklärt.

Sechs: ein Ständestaat nach dem Vorbild von Mussolinis Italien, nur noch radikaler.

Sieben: Vernichtungskrieg und Völkermord.

Acht: ein Kult des Willens und der Tat.

Russlands hybride Kriegsführung, diese Kombination aus Propaganda und Gewalt, kann als Triumph des Willens über die Realität gesehen werden. Und dann natürlich die Idee vom Feind. Der Ausgangspunkt des Faschismus ist der Begriff des Feindes, und der Feind Russlands in Putins Sicht ist der Westen. So hat

Carl Schmitt

das definiert: Politik heißt, zu bestimmen, wer der Feind ist.

FAS: Faschistische Denker glauben, dass Kompromisse immer nur Atempausen sind, die man hinnimmt, um für die Vernichtung des Feindes neue Kraft zu sammeln. Kann man mit Putin also einen dauerhaften Verhandlungsfrieden finden?

Snyder: Die westliche Idee vom Kompromiss lautet: Ich respektiere deine Interessen und du meine. Das ist mit Putin kaum möglich. Aber man kann trotzdem mit ihm verhandeln – wenn man zuvor einen Krieg gewonnen hat. Solange Putin glaubt, gewinnen zu können, ist das schwer denkbar.

FAS: Sie nennen Putin einen Faschisten. Würden Sie ihn mit Hitler vergleichen?

Snyder: Ich spreche vom Faschismus, weil Faschismus viele Gestalten hat. Es gibt britische, französische, italienische, deutsche oder amerikanische Faschisten, und alle sind ein wenig anders. Wenn ich jetzt sagen würde, Putin ist wie Hitler, dann wäre das zu eng gefasst. Außerdem würde es einen riesigen Aufschrei geben: Seht her, er bricht ein Tabu. Das wäre unglaublich langweilig. Trotzdem: Wo es um Ukraine geht, sind die Ansätze der Nazis und des heutigen russischen Regimes ähnlich. Dazu gehört, dass die Ukrainer als Kolonialvolk wahrgeommen werden, dessen Elite ausgelöscht werden muss.

FAS: Wie sah die deutsche Kolonialgeschichte in der Ukraine aus?

Snyder: Die Kolonisierung der Ukraine war Hitlers Hauptziel im Zweiten Weltkrieg. Er wollte ein deutsches Großreich, dessen Industrie von der Landwirtschaft der Ukraine getragen würde. Dabei sollten Millionen von Ukrainern dem Hungertod preisgegeben oder versklavt werden. Das war es, wofür deutsche Soldaten kömpften, aber ich glaube nicht, dass viele Deutsche das in Erinnerung haben.

FAS: Dem ukrainischen Botschafter hat ein deutscher Minister am ersten Tag des Krieges angeblich gesagt: Warum sollten wir euch helfen, wenn es euch in drei Tagen eh nicht mehr gibt?

Snyder: Und wegen dieser Fehlwahrnehmung müssen die Ukrainer heute ein absurdes Ausmaß von Leid ertragen. Aber niemand sollte einen Völkermord ertragen müssen, nur um seine Existenz zu beweisen. Die Deutschen hätten die Pflicht gehabt, das schon vor dem 24. Februar 2022 zu verstehen.

FAS: Und trotzdem haben Sie neulich geschrieben: „Deutschland ist die wichtigste Demokratie Europas, vielleicht sogar der Welt.“ Warum?

Snyder: Sehen Sie sich andere große Demokratien an. Amerika zum Beispiel ist zwar mächtiger als Deutschland, aber seine Demokratie ist schwächer. Wir haben gerade erst eine versuchten Putsch gehabt, und vielleicht kommt bald der nächste. Die Deutschen sollten nicht überrascht sein, wenn bald ganz neue Aufgaben auf sie zukommen.

FAS: Soll also wieder mal am deutschen Wsen die Welt genesen?

Snyder: Die Deutschen sollten so etwas nicht herumposaunen. Aber die deutsche Demokratie ist wichtig. Die EU ist ohne das demokratische Deutschland undenkbar. Für Berlin heißt das: Die Zeit ist vorbei, in der man sich die Welt vom Spielfeldrand aus anschauen konnte. Und für die Ukraine hat Deutschland als gewesene Kolonialmacht mehr Verantwortung als jeder andere Staat der westlichen Welt.

3889: Sozialausschüsse kritisieren die CDU/CSU.

Freitag, Juni 3rd, 2022

Der Vorsitzende der Sozialausschüsse innerhalb von CDU und CSU (Arbeitnehmerflügel), Karl-Josef Laumann, kritisiert die Absicht der Unions-Bundestagsfraktion, sich am Freitag bei der Abstimmung über den gesetzlichen Mindestlohn der Stimme zu enthalten. „Ich halte diese Entscheidung für falsch, weil die CDU den Mindestlohn von zwölf (12) Euro ja eigentlich befürwortet.“ Das Abstimmungsverhalten hätten die Mitglieder des Wirtschaftsflügels erzwungen. Laumann rechnet 2024 mit einer erneuten Erhöhung: „Zwölf Euro für die nächsten 18 Monate bei diesen Preissteigerunegn? Das wird knapp.“ (CWE, SZ 3.6.22)

3888: Kroatien bekommt den Euro.

Donnerstag, Juni 2nd, 2022

Kroatien ist seit einigen Jahren glücklicherweise Mitglied der EU. Mehr Europa als dort geht seit Joseph Roths „Radetzkymarsch“ nicht. Nun bekommt das Land zum 1.1.2023 den Euro und wird damit 20. Mitglied der Währungsunion. Das ist sehr gut so. Die EU-Kommission hat die dazu erforderliche positive Bewertung abgegeben. Nach der Meinung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dient das Kroatiens Wirtschaft und dem Euro (SZ 2.6.22).

EU und Nato müssen unbedingt bestrebt sein, alle Balkan-Staaten in Europa zu integrieren. Dazu bedarf es auch wirtschaftlicher Unterstützung. Ansonsten würden die bekannten Despotien (Russland, Türkei, Iran) zu viel Einfluss auf dem Balkan gewinnen.

3887: Nils Minkmar über den Rückzug des BDZV-Präsidenten

Mittwoch, Juni 1st, 2022

Der SZ-Autor Nils Minkmar schreibt (1.6.22):

„Wenn man an die Vielfalt und Exzellenz der deutschen Presselandschaft denkt und dann daran, wie diese jahrelang repräsentiert wurde, bekommt man unweigerlich die schlimmste Laune. Der vorzeitige Abgang von Mathias Döpfner wirkt da wie jener Moment nach einem absurden Traum, in dem man noch voller Empörung wach wird und sich darüber ärgert, was das Traumbewusstsein einem so zugemutet hat. Seit den von Döpfner zu verantwortenden Skandalen im von ihm geleiteten Springer-Verlag über Sex, Machtmissbrauch und Vertuschung bei der Bild-Zeitung, die für alle deutschen Journalistinnen schwer zu ertragende internationale Berichte in der New York Times und der Financial Times inspiriert haben, war allen, die sich für das Thema interessieren, klar, dass an einem Rückzug Döpfners vom Posten des BDZV-Präsidenten kein Weg vorbeiführt. Mit seinem Festhalten am ehemaligen Bild-Chef Julian Reichelt, noch lange nachdem klar war, bewies Döpfner mangelhafte Führungsqualität und wurde zur Belastung für die Branche, die er als Verlegerpräsident repräsentieren sollte.“

3886: Die Ukraine braucht Waffen.

Dienstag, Mai 31st, 2022

Daniel Brössler (SZ 31.5.22) schreibt:

„So sehr es im Einzelnen Gründe geben mag, diese oder jene Waffen nicht oder nicht sofort zu liefern: Im Ergebnis leistet – im Vergleich zu den USA oder zu den Osteuropäern – Deutschland einen viel zu geringen Beitrag zur Verteidigung der Ukraine.

Wer das als Besonnenheit lobt, verweigert sich der brutalen Wirklichkeit der Zeitenwende. Weniger Waffen schaffen nicht mehr Sicherheit und schon gar keinen Frieden. Diese Kernaussage der Rede des Kanzlers gilt auch für die Ukraine. Putin ist nur aufzuhalten durch eine Mischung aus massiver militärischer Gegenwehr und stetig steigendem wirtschaftlichen Druck. Erweist sich diese Mischung als zu schwach, wird das Versagen von heute morgen nicht mehr gutzumachen sein.“

3885: Wegen Fachkräftemangels braucht Deutschland Zuwanderung.

Dienstag, Mai 31st, 2022

Wegen des Fachkräftemangels braucht Deutschland Zuwanderung. Das sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele. Das müsse die Politik gut erklären, „um den Scharlatanen den Wind aus den Sgelen zu nehmen“. „Es gibt keinen Wettbewerb zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Kein Deutscher verliert seinen Job, weil jemand aus dem Ausland kommt. Deutschland braucht sie alle.“

Wenn die Behörden ab 1.6. für Geflüchtete aus der Ukraine zuständig seien, könne es in einigen Großstädten zu kurzfristigen Engpässen kommen. Von den 770.000 Ukrainern hätten nur 260.000 eine Bescheinigung, dass sie legal im Land seien. Die Aussetzung von Hartz-IV-Sanktionen hält Detlef Scheele für falsch. Man müsse mit den Betreffenden ins Gespräch kommen (AHA, SZ 31.5.22).

3884: Wie Timothy Snyder die deutsche Ukraine-Politik beurteilt.

Montag, Mai 30th, 2022

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, 52, lehrt in Yale. Er ist durch seinen Weltbestseller „Bloodlands“ (2012) bekannt geworden, in dem er die Mordpolitik der Nationalsozialisten im Gebiet von Ostpreußen, dem östlichen Polen, Teilen der Ukraine, Weißrussland, dem Westteil Russlands und dem Baltikum analysiert. In einem Interview mit Jochen Bittner (Die Zeit 19.5.22) macht er folgende Bemerkungen zur deutschen Ukraine-Politik:

„Dreißig Jahre lang haben Deutsche die Ukrainer über Faschismus belehrt. Als der Faschismus tatsächlich kam, haben die Deutschen ihn finanziert, während die Ukrainer im Kampf gegen ihn sterben.“

„Seltsam ist ja auch, dass so viel ausführlichger über die Rechtslastigkeit der Regierungen in Polen oder Ungarn gesprochen wurde als über die in Russland.“

„Der Kreml hat es verstanden, den Deutschen erst ein eindimensionales Schuldgefühl einzuimpfen und dieses Schuldgefühl dann auszunutzen. Über diese psychologische Ressource sprechen manche Russen übrigens sehr offen.“

„In Russland gibt es keinerlei Debatte über russische Kollaboration mit den Deutschen. Und natürlich darf man keine öffentliche Diskussion über

Stalinismus

führen.“

Das russische Regime darf man „faschistisch“ nennen „seit Februar dieses Jahres. Seitdem führt Russland einen Zerstörungskrieg mit dem Ziel der Vernichtung eines anderen Volkes. Zudem gibt es immer stärkere Unterdrückung im Innern und einen Kult des Anführers, des Sieges, der Toten.“

„Putins Lieblingsautor Iwan Iljin beschreibt eine verworrene und zerbrochene Welt, die Russland mit Gewalt heilen müsse, und zwar mit Hilfe eines starken Führers, der die Demokratie zum reinen Ritual macht. Das Projekt heißt: Die Welt ist nicht sie selbst, solange sie nicht russische Werte lebt.“