Archive for the ‘Geschichte’ Category

4313: Wagner-Chef droht mit Rückzug.

Samstag, Mai 6th, 2023

Der Chef der kriminellen Wagner-Milizen, Jewgenij Prigoschin, droht mit dem Abzug seiner Truppe aus dem ukrainischen Bachmut. Wegen Munitionsmangel. Das ist Kritik an der russischen Militärführung. Beim Atomkraftwerk Saporischja wird vor Hochwasser gewarnt ( SZ 6./7.5.23).

4312: Schröder verliert.

Freitag, Mai 5th, 2023

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden, eine Klage des SPD-Politikers und ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) gegen einen Beschluss des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags zurückzuweisen. Er hat keinen Anspruch auf ein Bundestagsbüro.

Schröder ist Lobbyist für den russischen Kriegsverbrecher Wladimir Putin.

Im Mai 2022 hatte der Haushaltsausschuss Schröder einen Teil seiner Sonderrechte entzogen und sein Büro stillgelegt. Es wird erwartet, dass das Verfahren in  die nächgste Instanz geht. Früher war es üblich, dass ehemalige Bundeskanzler und Bundespräsidenten nach dem Ende ihrer Amtszeit auf Lebenszeit ein Büro erhielten. Im Frühjahr 2022 hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages die Alimentierung davon abhängig gemacht, ob die Politiker noch Aufgaben im Zusammenhang mit ihrem früheren Amt übernommen hatten (SZ 5.5.23).

4310: Hans Abich, Alfred Bauer, Luggi Waldleitner waren Nazis.

Donnerstag, Mai 4th, 2023

Hans Abich hatte als Leiter der Filmaufbau Göttingen, Intendant von Radio Bremen und ARD-Programmdirektor große Verdienste. Ich habe ihn selbst als Volontär bei Radio Bremen erlebt und bewundert. Aber Hans Abich war seit 1937 Mitglied der NSDAP und arbeitete 1943 für das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Das hatte er weithin verschwiegen. Ein Artikel in der „Zeit“ von November 2021 brachte es ans Licht. Die historische Kommission der ARD hat das durch ein Gutachten bestätigen lassen. „Seine Rolle als NS-Publizist verschweigt er größtenteils, teilweise lügt er in Interviews, vor allem im Hinblick auf seine NSDAP-Mitgliedschaft. Er hat auch später jede selbstkritische Reflexion unterlassen.“

Ebenfalls ans Tageslicht gekommen ist die SA-Mitgliedschaft und seine Mitarbeit im Propagandaministerium des Berlinale-Gründungschefs Alfred Bauer. Auch der nach 1945 äußerst erfolgreiche Filmproduzent Luggi Waldleitner war Nazi. Bekannt geworden ist dies alles erst in letzter Zeit durch die Arbeit von freien Historikern und Hobbywissenschaftlern (Katja Nicodemus, Zeit 4.5.23).

So schlimm dies auch ist, verwundern dürfte es uns kaum. Denn seit langem wissen wir doch, dass im Nationalsozialismus das Kernpersonal in der NSDAP war und teilweise nach 1945 weiter in seinem Beruf gearbeitet hat: Juristen, Lehrer, Soldaten, Psychotherapeuten, Unternehmer, Professoren, Verwaltungsbeamte, Pastoren, Journalisten.

4304: Ist Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ Schul-Lektüre ?

Sonntag, April 30th, 2023

Wolfgang Koeppens großer Roman „Tauben im Gras“ (1951) erzählt von den Aufbaujahren nach 1945 in München. Es ist ein düsteres Panorama. Im Zentrum zwei Paare. Und dann ein Dutzend weitere Akteure: ein Musikdirektor, Nazis, ein Abtreibungsarzt, ein abgetakelter Filmstar et alii. Sie alle kämpfen ums Überleben. Im Koeppen-Sound. Mit verblasener Geistigkeit, kalkulierender Bosheit, verdeckter Geilheit, Nazisprüchen. Positive Perspektiven sind kaum zu erkennen. Wie Matthias Greffrath (taz 19.4.23) schreibt, handelt es sich um die „Verdichtung einer Epoche auf einen Tag“. Für uns Leser ist Wolfgang Koeppen einer der wichtigsten Autoren. Und sein Roman ein gültiges Panorama jener Tage.

Nun will eine Ulmer Lehrerin mit einer Petition erreichen, dass der Roman vom Lektüreplan der Gymnasien in Baden-Württemberg gestrichen wird. Wegen Antisemitismus und einer Menge N-Wörtern. Der Roman sei ein Angriff auf die Menschenwürde ihrer Schüler. Greffrath untersucht den Fall. Als Mitglied der von Günter Grass und Peter Rühmkorf gegründeten Wolfgang-Koeppen-Stiftung ist er zwar Partei, aber es gelingt ihm, der Petition der Lehrerin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er weiß, dass sich gegen niemand argumentieren lässt, der sich verletzt fühlt. Ist da überhaupt etwas zu machen bei der Vergegenwärtigung von Ideologien, Sprechweisen, Unmoral? Der Streit ist unversöhnlich. Auch angesichts des Auftauchens diskriminierender Wörter in Zitaten. Greffrath fragt sich, ob die neue Sensibilität nicht auch eine Verarmung nach sich zieht, den Verzicht der Verletzten, sich über die Empfindung hinaus auf eine durchwachsene Realität einzulassen. Darf man heute noch singen „Lustig ist das Zigeunerleben“? Es geht in der Auseinandersetzung mit dem Koeppen-Buch um Literatur als Form der Erkenntnis. Vielleicht ist der Text für heutige Abiturienten einfach zu komplex. In unserer Einwanderergesellschaft hat ein gutes Viertel unserer Jugendlichen keinen Bezug mehr über Eltern und Großeltern  zur deutschen Geschichte.

4300: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck befürchtet Spaltung der Gesellschaft.

Freitag, April 28th, 2023

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck fürchtet um die Demokratie. Die außenpolitische Bedrohung durch Russland treffe die Gesellschaft „in einem Zustand erheblicher Verunsicherung und Selbstbefragung“. Die Kluft zwischen den progressiven Kräften in Deutschland und den Gruppen, die sich von den Veränderungen der Moderne überfordert fühlten, wachse. Es sei wichtig zu begreifen, „dass sich nicht alle in gleichem Umfang und in gleichem Tempo dem forcierten Wandel, den technischen Innovationen und den neuen geopolitischen Realitäten anpassen und – wie auch in früheren Zeiten – in unpolitischen Individualismus flüchten.“ „Wir müssen immer einen Weg suchen zwischen dem Frust und den Ängsten der einen und den fast missionarischen Absichten der Erneuerer.“ In Zeiten des forcierten Wandels schlage „die große Stunde der Verführer und Nationalisten“. (SZ 27.4.23)

4296: Evan Gershkovich in Moskau festgehalten

Mittwoch, April 19th, 2023

Der „Wall Street Journal“-Reporter Evan Gershkovich wird in Moskau festgehalten und vor Gericht gestellt. Vor drei Wochen war er auf einer Recherchereise in Jekaterinburg wegen Spionage festgenommen worden. Joe Biden hat seine Freilassung gefordert. Gershkovichs beide Verteidigerinnen haben gegen die Haftbedingungen Berufung eingelegt. Eine Kaution wurde abgelehnt. Es ist alles so ähnlich wie zu Stalins Zeiten. Der eignet sich ja ohnehin allenthalben als Putins Vorbild. Vermutlich wollen Putins Schergen einen Austausch mit einem in den USA inhaftierten russischen Journalisten. Aber einen solchen haben die USA zur Zeit gar nicht.

Mittlerweile konnte die US-Botschafterin in Moskau, Lynne Tracy, Gershkowich besuchen. Dessen Eltern sind 1979 aus der Sowjetunion in die USA ausgereist. Ihnen hat Evan Gershkovich mitgeteilt, dass er viel Sport macht und Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ (auf russisch) liest (Silke Bigalke, SZ 19.4.23).

4292: Mathias Döpfner entschuldigt sich.

Montag, April 17th, 2023

Mathias Döpfner entschuldigt sich für seine Kritik an den Ossis, Muslimen, Angela Merkel und anderen. Wörtlich:

„Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich mit meinen Worten viele gekränkt, verunsichert und verletzt habe.

Wenn ich wütend oder sehr froh bin, wird mein Handy zum Blitzableiter. Ich schicke dann manchmal Menschen, denen ich vertraue, Worte, die ‚ins Unreine‘ gesagt oder getippt sind. Weil ich davon ausgehe, dass der Empfänger weiß, wie es gemeint ist. Und weil ich mir nicht vorstellen kann oder will, dass jemand diese Worte an Dritte weitergibt.“ (Laura Hertreiter, SZ 17.4.23)

4291: Der Fall Mathias Döpfner

Samstag, April 15th, 2023

Mathias Döpfner ist einer der erfolgreichsten Verleger der Welt. 2019 hat ihm Friede Springer, die Witwe Axel Springers, Aktien im Wert von rund einer Milliarde Euro geschenkt. Und ihr komplettes Stimmrecht. Döpfner setzt mit Erfolg auf Digitalisierung (hauptsächlich in den USA). Er investierte in „Stepstone“, die die alten Stellenanzeigen abgelöst hat. Er kaufte das Online-Magazin „Business Insider“ und 2021 die Exklusivnachrichten „Politico“. Und Mathias Döpfner leitet den Springer Konzern mit Online-„Sendschreiben“. Das ist nicht ganz ungefährlich, wie die Ablösung des ehemaligen „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt gezeigt hat, woraus ein große Affäre über sexuelles Fehlverhalten und Machtmissbrauch erwuchs. Darüber hat in seinem neuesten Roman „Noch wach?“ Benjamin von Stuckrad-Barre geschrieben, der lange von Doepfner finanziert wurde. Der Roman erscheint demnächst.

Doepfner thematisiert in seinen „Sendschreiben“ auch so heikle Objekte wie die Ossis, den Klimawandel, Muslime, Donald Trump, die FDP, Angela Merkel, Markus Söder. Hier hat er sich zu teilweise scharfen Äußerungen hinreißen lassen, die nachträglich mehrfach als „Ironie“ deklariert wurden. Mehr oder weniger glaubwürdig. So sagte er über die Ossis: „Die Ossis sind entweder Kommunisten oder Faschisten. Dazwischen tun sie es nicht. Eklig.“ Und hinterher: „Ich habe natürlich keinerlei Vorurteile gegenüber Menschen aus dem Osten Deutschlands. Aber ich bin seit Jahrzehnten enttäuscht und besorgt, dass nicht wenige Wähler in den neuen Bundesländern von ganz links nach ganz rechts geschwenkt sind. Der Erfolg der AfD beunruhigt mich.“

Ist das falsch?

„Ich halte den Klimawandel für real und bedrohlich, aber nehme mir das Recht, mich trotzdem über manche Reaktionen auf dieses Thema lustig zu machen.“

„Ich habe nicht die geringsten Vorurteile gegen Muslime und habe großen Respekt vor der Religion des Islam. Aber ich halte den Islamismus, also die terroristische Radikalisierung des Islams, für eine Bedrohung demokratischer Werte und unserer Sicherheit.“

„Zur These, Mathias Döpfner nehme Einfluss auf ‚Bild‘, kann ich nur sagen: ich hoffe doch sehr. Das ist als CEO und Miteigentümer mein Job. Aber über allem steht die Freiheit der Redaktionen. Und nicht schütze ich so sehr und leidenschaftlich.“

Über die Berichterstattung des Konkurrenten „New York Times“ zur „Bild“-Reichelt-Affäre schreibt Doepfner: „Die Story hat das Potential, uns in den USA zu killen. Meinen Board Seat bei ‚Netflix‘ werde ich als erstes verlieren.“

Mathias Döpfner steht auf gutem Fuß mit Peter Thiel und Elon Musk. Er will in den USA dazugehören.

Döpfner hat Angela Merkel scharf kritisiert. Zur möglichen Kanzlerkandidatur Markus Söders schrieb er: „Ich wandere aus.“ Dass er Donald Trump und die FDP lobt, ist nahezu unverzeihlich. So wird Deutschlands immer noch größter Verlag geführt (Laura Hertreiter/Cornelius Pollmer, SZ 14.4.23; Laura Hertreiter/Willi Winkler, SZ 15./16.4.23; Cornelius Pollmer, SZ 15./16.4.23).

4290: Bischof erwartet weitere Kirchenaustritte.

Samstag, April 15th, 2023

Der designierte bayerische Landesbischof Christian Kopp erwartet weiterhin starke Austrittszahlen bei den beiden großen christlichen Kirchen. „Seit zwanzig Jahren verlieren beide großen christlichen Religionsgemeinschaften kontinuierlich Mitglieder Und, ja, das wird so weitergehen.“ Obwohl die Gründe dafür vielfältig seien, könne man zwei gesellschaftliche Entwicklungen als Hauptursachen identifizieren:

die Individualisierung und die Singularisierung.

In Deutschland seien die Austrittszahlen im Vergleich zu unseren Nachbarn sogar noch gemäßigt. Die Menschen schauten „sehr stark auf den Nutzen“, den ihnen eine Organisation bringt. „Wenn man davon wenig spürt oder die Kirche als nicht wichtig empfunden wird für das eigene Leben, dann stellt sich die Frage: warum da noch Mitglied sein?“ (SZ 15./16.4.23)

4289: Österreich: Vorurteile gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis

Freitag, April 14th, 2023

Im kaiserlichen Österreich waren Wissenschaftsfeindlichkeit und Zensur stark verbreitet. Und es war der christlich-soziale Abgeordnete Hermann Bielohlawek, der in decouvrierenden Klarheit formulierte: „Wissenschaft ist das, was ein Jud‘ vom andern abschreibt.“ Ja, eine gehörige Portion Antisemitismus war stets mit dabei. Deshalb fiel es den Nazis 1938 in Österreich auch so leicht, jüdische Wissenschaftler, und waren sie auch noch so hochangesehen, wenn nicht zu ermorden, dann wenigstens zu verjagen. Und die Corona-Pandemie 2020-2023  stand in Österreich weithin in dem Ruf, ein Produkt der jüdischen Pharmaindustrie zu sein. Der FPÖ-Vorsitzende empfahl statt einer Impfung Entwurmungsmittel für Pferde. Hier will die ÖVP nun aufholen. Ihr Innenminister Gerhard Karner sagte: „Die Empirie, die Wissenschaft ist das eine, die Fakten sind das andere.“ Solche dummen Sprüche schaden Österreich nachhaltig (Karl-Markus Gauß, SZ 14.4.23).