Archive for the ‘Geschichte’ Category

4413: Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ ist nicht für’s Gendern.

Samstag, Juli 15th, 2023

Der 2004 gegründete und 41 Personen umfassende Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich wie 2018 und 2021 dazu entschieden, beim Gendern keine Ratschläge zu erteilen. Er will weiter beobachten. Das von ihm genehmigte Regelwerk ist verbindlich für Schulen und Behörden. Gendersternchen gehörten nicht zum Kernbestand deutscher Orthografie. „Ihre Setzung kann in verschiedenen Fällen zu grammatischen Folgeproblemen führen, die noch nicht geklärt sind.“ Der Rat achtet darauf, dass die deutsche Sprache verständlich und lesbar ist. Das ärgert Feministen und Fortschrittliche maßlos. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hingegen sagt: „Mit jeder gegenderten Nachrichtensendung gehen ein paar hundert Stimmen mehr zur AfD.“ Ja, liebe Freunde des Fortschritts, vielleicht hat er Recht. Aber das ist Ihnen egal (Marie Schmidt, SZ 15./16.7.23).

4412: Staatliche Institutionen sind anfällig für rechtsextreme Veränderungen.

Freitag, Juli 14th, 2023

In einem Interview mit Ronen Steinke (SZ 4.7.23) erklärt uns die Verfassungsrechts-Professorin Nora Markard (Münster) die Gefährdungen unserer Verfassung durch Rechtsextreme.

SZ: Wenn schon bisher die Parteien einen solchen Einfluss auf die unabhängige Justiz haben, dann wäre es ganz normal, dass ihn auch die AfD hätte?

Markard: Ein Unterschied besteht allerdings. Bisher gilt in Deutschland ein demokraischer Comment. Man strebt bei der Wahl von Richtern einen gewissen Konsens an. Wer politisch in der Mehrheit ist, der geht trotzdem fair um mit der Minderheit. Weil allen klar ist: Ich könnte ja bald selbst wieder in der Minderheit sein.

SZ: In Hessen hat ein Richter unlängst ausgeführt, die NPD-Parole „Migration tötet“ sei völlig korrekt. Gleichzeitig war er am Verwaltungsgericht für Asyl zuständig. In Sachsen ist gerade ein Richter aufgefallen, der asylkritische Texte in der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ schreibt.

Markard: Solche Äußerungen von der Richterbank sind katastrophal, weil sie diesen Positionen eine ganz andere Legitimität verleihen können. Diese Beispiele zeigen auch, dass wir gar nicht nur über ferne Szenarien einer plötzlichen AfD-Machtübernahme sprechen müssen. Die Erosion findet auch heute schon statt und muss bekämpft werden. Es bröckelt schon.

SZ: Was bräuchte es, um unsere Demokratie gegen autoritäre Übernahmen resilienter zu machen?

Markard: Rechtliche Sicherheitsmechanismen zu stärken, ist immer möglich. Zum Beispiel, indem man Regelungen aus einfachen Gesetzen künftig sicherheitshalber in der Verfassung verankert. Aber Gesetze allein reichen nicht. Demokratie braucht Demokraten, in den Gerichten, in der Polizei, in der Regierung, in der Zivilgesellschaft.

SZ: Ein anderes Instrument, für das sich Autoritäre immer interessieren, ist der Zugriff auf die Medien. In Deutschland gibt es die Rundfunkräte. Sie kontrollieren ARD und ZDF. Sie sind politisch besetzt.

Markard: In den Rundfunkräten sind vielfältige gesellschaftliche Gruppen repräsentiert, Kirchen, Gewerkschaften, Wirtschaft und so weiter. Politiker dürfen maximal ein Drittel stellen. Aber es stimmt. Welche Gruppen aus der Zivilgesellschaft Vertreter entsenden dürfen, entscheidet der Gesetzgeber, also die Regierungsmehrheit. Eine autoritäre Mehrheit könnte die Gewichte verschieben und sich dann viel härter bei ARD und ZDF einmischen.

SZ: Wenn die AfD in Thüringen an die Macht käme, dann würde sie dort nicht länger vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden?

Markard: Nein. Ich würde davon ausgehen, dass eine Landesregierung unter AfD-Beteiligung einer solchen Einstufung und Beobachtung sofort den Stecker ziehen würde. Zu Extremisten erklärt würden dann in Thüringen eher andere. Vielleicht die Linkspartei oder sogar Teile der Grünen. Und natürlich zivilgesellschaftliche Organisationen, denen dann auch wichtige Gelder gestrichen würden.

SZ: Unser staatliches Institutionegefüge ist, wie Sie es beschreiben, äußerst anfällig. Das sind doch beängstigende Aussichten.

Markard: Allerdings. Wer in der Bundesrepublik eine politische Mehrheit erringt, der hat sehr viele Möglichkeiten. Das ist so in einer liberalen Demokratie. Wer sie erhalten will, muss also im demokratischen Wettstreit mitstreiten – und wählen gehen.

4411: Milan Kundera ist gestorben.

Donnerstag, Juli 13th, 2023

Der Einmarsch der Sowjetunion (mit dem Warschauer Pakt) in die Tschechoslowakei 1968 war entscheidend für Milan Kunderas Weltanschauung. Er wandte sich vom Kommunismus ab und widmete sich der Freiheit. 1975 ging er mit seiner Frau ins französische Exil, wo er als Professor lehrte und sehr zurückgezogen lebte. Seine Freunde und Förderer waren

Philip Roth, Salman Rushdie, Yasmina Reza und Bernard-Henry Levy.

Dem Fernsehen stand Kundera sehr kritisch gegenüber. Nach 1990 kehrte er nicht mehr in seine Heimat zurück. Seine Romane fanden unzählige Leser. Der Höhepunkt war

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1984).

Bis in die Gegenwart hinein hatte Milan Kundera mit dem tschechoslowakischen und anderen Geheimdiensten zu kämpfen. Fälschlicherweise wurde er der Zusammenarbeit mit ihnen bezichtigt. Dagegen ist fast jeder machtlos (Nils Minkmar, 13.7.23).

4410: Heide Simonis ist tot.

Donnerstag, Juli 13th, 2023

Sie war die erste Ministerpräsidentin eines Bundeslandes. 1993 für die SPD in Schleswig-Holstein. Und die Umstände ihres Abgangs 2005 sind in die Geschichte eingegangen. Sie wurde in vier Wahlgängen nicht wiedergewählt, weil jeweils eine Stimme aus dem eigenen Lager fehlte. Seither wird gerätselt, wer der „Heide-Mörder“ war. Zu ihrem Tod sagte Wolfgang Kubicki (FDP): „Mit Heide Simonis ist eine starke Persönlichkeit, eine große Ministerpräsidentin, eine außerordentliche Sozialdemokratin und eine Freundin von uns gegangen.“ Ministerpräsident Daniel Günther (CDU): „Ich trauere um eine große Politikerin und um eine leidenschaftliche Schleswig-Holsteinerin.“ Wir werden Heide Simonis so schnell nicht vergessen (Ralf Wiegand, SZ 13.7.23).

4408: Wilhelm Heitmeyer: Die AfD ist mehr als eine Protestpartei.

Mittwoch, Juli 12th, 2023

In einem Interview mit Peter Laudenbach (SZ 10.7.23) macht Wilhelm Heitmeyer, 78, bis 2013 Direktor des Instituts für Gewalt- und Konfliktforschung in Bielefeld, weitgehende Bemerkungen über die AfD.

1. „Es ist ungenau, wenn die AfD immer wieder verharmlosend als rechtspopulistisch gekennzeichnet wird. Jetzt wird auch die Verlegenheitsformel ‚ als in Teilen rechtsextrem‘ verwendet.“

2. „… die AfD kommt in ihrer Selbstdarstellung in der Regel ohne die rechtsextreme Gewaltattitüde aus.“

3. „Das Erfolgsrezept der AfD ist der autoritäre Nationalradikalismus.“

4. „Dadurch ist sie anschlussfähig und akzeptabel für ein Milieu, das ich rohe Bürgerlichkeit nenne. Hinter einer glatten Fassade bürgerlicher Respektabilität wird dort ein Jargon der Verachtung gepflegt.“

5. „Der autoritäre Nationalradikalismus verstärkt und bedient dieses Ressentiment gegen Fremde, aber auch zum Beispiel gegen sozial Schwache, gegen Homosexuelle und andere Minderheiten.“

6. „Auf der sozialen Ebene kann einm vieles abhanden kommen – der Arbeitsplatz, der Status, die soziale Sicherheit oder die Familie. Aber das Deutschsein kann einem niemand nehmen.“

7. „Krisen sind erstens dadurch gekennzeichnet, dass vielfach die herkömmlichen Instrumente der Politik nicht mehr schnell funktionieren, und zweitens dadurch, dass die Zustände vor den Krisen nicht wieder herstellbar sind.“

8. „Menschen mit Kontrollverlusten sind besonders anfällig für Verschwörungstheorien.“

9. „Das ist wirksam, auch wenn diese Fiktion der Rückkehr in ein irgendwie besseres, vertrautes, geordnetes Früher völlig illusionär ist.“

10. AfD-Wähler fühlen sich im Osten häufig als Wendeverlierer, es gibt die Nichtwähler, die Gefolgschaft bei Handwerkern und Industriearbeitern, auch bei Gewerkschaftsmitgliedern, und das Milieu der rohen Bürgerlichkeit.

11. AfD-Wähler fühlen sich nicht sichtbar. „Diese Repräsentationslücke muss man durchaus ernstnehmen.“

12. „Offenbar wird es in bestimmten Milieus als Bedrohung erlebt, wenn in den Medien gerne etwas buntere, nicht traditionelle Lebens- und Familienformen gezeigt werden.“

13. „Viele Leute fühlen sich in ihren Lebensformen und kulturellen Präferenzen nicht mehr repräsentiert.“

14. „Aber die erhebliche Differenz dessen, was die Medien abbilden, zur Alltagsrealität ziemlich großer Bevölkerungsgruppen sollte man in ihrer Wirkung nicht unterschätzen.“

15. „Es ist kein Zufall, dass die AfD in Sozialräumen von starker sozialer und kultureller Homogenität besonders erfolgeich ist, im ländlichen Raum, in Dörfern und Kleinstädten. Diese Homogenität erfordert Konformität, wird aber auch als Schutz, als Geborgenheit erlebt.“

16. „Deshalb ist es auch verkürzt und naiv, das einfach als Protestwahl zu verharmlosen. Das war seit Gründung der AfD immer wieder eine fatale Beruhigungsformel. Wir müssen angesichts von Krisen und Kontrollverlusten damit rechnen, dass der autoritäre Nationalradikalismus ein Erfolgsmodell ist.“

4407: Streit bei der Aufarbeitung der DDR-Diktatur

Dienstag, Juli 11th, 2023

Ines Geipel war in der DDR eine Weltklassesprinterin, wurde selbst Opfer des Staatsdopings und beteiligt sich seit langer Zeit (u.a. mit mehreren Büchern) an der Aufarbeitung der DDR-Diktatur. Sie blickt besonders schonungslos auf den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Inzwischen ist sie Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Bei anderen „Aufarbeitern“ ist sie nicht besonders beliebt. So bei Ilko-Sascha Kowalczuk und Rainer Eckert. Dessen letztes Buch

Umkämpfte Vergangenheit. Die DDR-Diktatur in der aktuellen Geschichtspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Leipzig 2023, 435 S., 40 Euro

ist besonders umstritten. Es zeigt nochmals, dass die DDR-Opposition keine homogene Gruppe war. Nach der Vereinigung brach sie wieder auseinander und ist heute an den verschiedensten Stellen, in Parlamenten und Parteien aktiv. Es ist von „Heimtücke“, „Verleumdung“ und „geringer Expertise“ die Rede. Umstritten sind die Gedenkstätte Hohenschönhausen und die Historische Kommission beim Parteivorstand der SPD. In manchen Aufarbeitungsgruppen dominieren Narrative über die DDR, die weniger die Diktatur als die „Heimat“ im Blick haben (Norbert F. Pötzl, SZ 10.7.23).

4405: Der Westen gibt uns die Werte.

Montag, Juli 10th, 2023

Der langjährige Mitherausgeber der „Zeit“, Josef Joffe, erläutert uns den „Westen“ (29.6.23). Ich numeriere einige Argumente, andere lass ich weg.

1. Imperialismus, Kolonialismus und Sklaverei sind keine Erfindung des Westens (ab 1776), sondern schon viel früher in die Welt gekommen.

2. Das Böse gibt es nicht erst seit den Raubzügen des weißen Mannes (ab 1500).

3. Sklaverei gab es im alten Ägypten, in China, Indien, Mittelamerika, eigentlich fast überall auf der Erde.

4. Die indigenen Machthaber haben ihre eigenen Leute versklavt und verkauft.

5. Die Azteken hielten Sklaven Jahrhunderte vor den spanischen Conquistadores.

6. In Afrika fingen die Häuptlinge die Menschen ein, arabische Mittelsmänner verkauften sie, in die USA wurden etwa sieben Millionen verbracht.

7. Die Briten haben den Handel mit Menschen 1807 verboten, darufhin wurde allmählich die Sklaverei abgeschafft.

8. Die Sklaverei wurde in der islamischen Welt erst ab 1950 beseitigt.

9. Die Perser drangen bis Salmis vor, die Türken bis Wien.

10. Ein Übel des Westens ist der Toralitarismus. Robespierre entfesselte den Terreur ab 1793.

11. Den Totalitarismus perfektionierten die Bolschewiken und die Nazi-Deutschen.

12. Danach Mao Tse Tung, Koreas Kims und Saddam Hussein.

13. Die Chinesen haben über tausend Jahre Vietnam beherrscht. die Russen die Völker der Sowjetunion. Entschuldigt haben sich beide bisher nicht.

14. Das Schuldbekenntnis ist ein Kern der jüdisch-christlichen Ethik.

15. Die Migranten drängen heute nicht nach China und Russland, sondern nach Europa und Amerika.

16. Michel Foucault, die Dekonstruktivisten und Postkolonialisten lehren, dass die noblen Werte des Westens nur die Machtinteressen der Eliten verschleiern.

17. Vorher tat das schon die kritische Theorie (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno).

18. Zu den Stärken des Westens gehört die Selbstkritik.

19. Litereaturnobelpreisträger Octavio Paz: „Die Besiegten zu idealisieren ist so trügerisch, wie die Sieger zu idolisieren. Das Unmenschliche kommt nicht von Hautfarbe, Glauben oder Herkunft. Die Geschichte kann nicht exorziert werden. Wir sollten sie studieren und konfrontieren.“

 

4402: Nationalpreis für Anselm Kiefer

Freitag, Juli 7th, 2023

Im Französischen Dom in Berlin erhielt der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer den Deutschen Nationalpreis. Er ist der erste bildende Künstler, der ihn erhält. Bisherige Preisträger waren etwa Wolf Biermann oder Vaclav Havel und andere. Laudatoren waren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Philosoph und Schriftsteller Florian Illies. Letzterer betonte Kiefers Verdienste um die deutsche Geschichte. Gerade als nach 1945 die deutsche Gesellschaft den Hang hatte, die Nazizeit unter den Teppich zu kehren, habe Anselm Kiefer zu denjenigen gehört, die auf der Auseinandersetzung damit bestanden hätten. Dies habe man zuerst im Ausland verstanden (Frankreich, Israel, USA), dann auch in Deutschland. Schließlich ging es auch um die Aussicht osteuropäischer Länder, eines Tages in die EU aufgenommen zu werden. Ganz im Sinne des Philosophen Karl Raimund Popper: Gerade wenn die Geschichte keinen Sinn habe, sei es an uns, ihr einen zu geben. In seiner Dankesrede sprach Anselm Kiefer über Sinn, Unsinn und die Dialektik von Grenzen (Peter Richter, SZ 7.7.23).

4401: Wolf Biermann-Ausstellung in Berlin

Freitag, Juli 7th, 2023

Im „Deutschen Historischen Museum“ in Berlin findet eine große Wolf Biermann-Ausstellung statt. Sie wird gespeist aus dem Vorlass Biermanns, der seit zwei Jahren in der Berliner Staatsbibliothek liegt: „Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher aus Deutschland“. Eine Ausstellung am richtigen Ort und zur rechten Zeit. Biermann war ja als 17-Jähriger in die DDR übergesiedelt, um beim Aufbau dieses Staates mitzuhelfen. Seinen Vater hatten die Nazis als Juden und Kommunisten in Auschwitz ermordet. Kurz nach Bertolt Brechts Tod 1956 kam Biermann als Regieassistent ans Berliner Ensemble und begann als Sänger und Liedermacher.

Das konnte in der DDR nicht lange gutgehen. Biermann bestand auf seiner Freiheit und künstlerischen Unabhängigkeit. Er wurde einer der fulminantesten Kritiker des deutschen Arbeiter- und Bauernstaats. Seine Lieder erschienen auch im Westen. Das war für die DDR besonders schmerzlich. In der Ausstellung können wir Biermann vollständig begreifen und verstehen. Nach dem Konzert in Köln 1976 kam es zur Ausbürgerung. Anders wusste die DDR sich nicht zu helfen. Biermann hatte wesentlich zum allmählichen Untergang beigetragen. Es gab den Protestbrief gegen seine Ausbürgerung von Sarah Kirsch, Jurek Becker und anderen. Es gab auch einen Protestbrief aus Paris von Romy Schneider. Biermann musste sich im Westen partiell neu erfinden. Etwa mit dem „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ des in Auschwitz ermordeten Dichters Jizchak Katzenelson. Als die Mauer fiel 1989, wurde Biermann wieder der preußische Ikarus und hat sich verdient gemacht bei der Verhinderung der Vernichtung der Stasiakten. Davon profitieren wir heute noch (Hilmar Klute, SZ 7.7.23).

4399: Neuregelung der Sterbehilfe

Donnerstag, Juli 6th, 2023

Unter dem Einfluss der Kirchen war es viele Jahrhunderte bei uns nicht erlaubt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Ein von Gott geschenktes Leben dürfe nicht einfach weggeworfen werden. Diese Position hat das Bundesverfassungsgericht vor drei Jahren korrigiert. Seither hat jeder das Recht auf Sterben und auf Hilfe beim Sterben. Nur ein Gesetz gibt es noch nicht. Dafür liegen jetzt zwei Entwürfe vor. Einer, der liberalere, unter der Ägide von Renate Künast (Grüne) und Katrin Helling-Plahr (FDP). Der andere unter der Führung von Lars Castelucci (SPD) und Ansgar Heveling (CDU). Beide sind von tiefem Ernst und gutem Willen getragen. Die Abstimmung ist nur dem Gewissen der Abgeordneten unterworfen. Grundsätzlich sollten Suizide ja verhindert werden. Hier gibt es eine Schutzpflicht des Staates. Die Älteren etwa müssen vor dem Eindruck geschützt werden, sie fielen der Gesellschaft nur zur Last. Es kommt auf eine fundierte Beratung an. Die Prävention gilt nicht nur für Alte und Kranke, sondern sollte schon bei Kindern beginnen. „Wie man mit schwierigen Lebensphasen umgeht, wie man seinem Leben Sinn gibt, das lernt man am besten schon als junger Mensch.“ (Christina Bernst, SZ 4.7.23)