Archive for the ‘Geschichte’ Category

4449: Krawalle in Freibädern

Montag, August 7th, 2023

Krawalle in Freibädern einschließlich Massenschlägereien sind nicht Neues. In Großbritannien und Deutschland (bis 1990 beide deutsche Staaten) hat es sie seit den fünfziger Jahren gegeben. Täter sind immer junge Männer. Deutsche, Ausländer und Migranten. Zugenommen hat in Deutschland der Hang, Vorschriften bewusst und gezielt zu missachten. Besonders seit der Corona-Pandemie.

Vor allem leiden die öffentlichen Bäder aber an Personalmangel. Es fehlt an Bademeistern. Die Bauten und Geräte sind nicht auf dem letzten Stand. Nicht überall konnte der TÜV eine Genehmigung zur Benutzung erteilen. Manchmal fehlen 10-m-Türme. Seit 2017 sind in Deutschland 62 Freibäder geschlossen worden. Jährlich machen 80 Hallen- und Freibäder zu. Das sind ja öffentliche Einrichtungen besonders für diejenigen, die sich keinen Urlaub auf den Malediven erlauben können. Und deswegen gerade wichtig. Sie verkörpern einen Hauch von Freiheit. Sie können kleine Pardiese der Demokratie sein für Hipster, Burkini-Trägerinnen, Barbusige, Klappstuhl-Alte und Kühltaschen-Aficionados. Wir brauchen sie also und können uns dort keine Verwahrlosung erlauben. Auch hier sind Investitionen erforderlich (Mariam Lau, Die Zeit 20.7.23; Aurelie von Blazekovic, SZ 26.7.23; Bodo Mrozek, taz 29.7.-4.8.23).

4446: Katholische Krise

Sonntag, August 6th, 2023

Im Hinblick auf sexuellen Missbrauch agiert die katholische Kirche seit eh und je verlogen. Daran ändern auch riesige Teilnehmerzahlen beim Weltjugendtag nichts. Da sieht alles immer so schön einvernehmlich aus. Vor Kirchenvertretern erklärte Papst Franziskus, die Skandale hätten das „Antlitz der Kirche“ entstellt. Ja, geht es um das Antlitz der Kirche? Oder geht es um die geschändeten Opfer? „Ohne Letzteres ist das erste nur Fassadenmalerei.“ (Annette Zoch, SZ 5./6.8.23) Der katholischen Kirche geht es um den Erhalt ihrer Macht. Ein Gottesdienst für die Opfer sexueller Gewalt wurde auf dem Weltjugendtag wieder abgesagt.

4444: Womit die AfD Wähler gewinnt.

Samstag, August 5th, 2023

1. Sie gaukelt Rentnern vor, sie würden als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt.

2. Migration sieht sie als „Umverteilungswahnsinn“.

3. Die Abschaffung des Verbrennermotors lehnt sie ab.

4. Die Behandlung von Öl- und Gasheizungen durch die Bundesregierung bezeichnet sie als Abschaffung durch „Ökokommunisten“.

5. Frauen werden geködert mit dem Slogan „Wertschätzung statt Quote“.

6. Sie lehnt Zuwanderung aus Kulturkreisen ab, in denen Frauen weniger wert sind als Männer.

7. Die WHO sieht die AfD als Propagandainstitution für Bill Gates.

8. Die Pharmaindustrie habe ihre Interessen bei den Anti-Corona-Maßnahmen durchgesetzt.

9. Bill Gates wolle die zentrale Kontrolle unserer Gesundheit und unserer medizinischen Behandlung (Roland Preuß, SZ 5./6.8.23).

4433: Martin Walser ist tot.

Samstag, Juli 29th, 2023

Im Alter von 96 Jahren ist in seiner Heimat am Bodensee der deutsche Schriftsteller Martin Walser gestorben. Er war einer der größten deutschen Schriftsteller nach 1945. Und der streitlustigste. Er hat viele Kontroversen ausgelöst und über 50 Bücher geschrieben. Einige davon wohl zu viel. Walsers Spezialität war das deutsche Seelenleben. Zugleich war er ein messerscharfer Intellektueller.

Zu seinen wichtigsten Werken gehören: „Ehen in Philippsburg“ (1957), „Ein fliehendes Pferd“ (1978), „Dorle und Wolf“ (1987), „Die Verteidigung der Kindheit“ (1991), „Ein springender Brunnen“ (1998), „Ein liebender Mann“ (2008).

Martin Walser trat schon für die Vereinigung Deutschlands ein, als das unter Intellektuellen noch als dégoutant galt. Er nahm kein Blatt vor den Mund. So auch nicht bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998. Da betonte er, dass Auschwitz nicht als „Drohroutine“, „Moralkeule“, „Lippengebet“ verwandt werden dürfe. Und zog einen Sturm der Entrüstung auf sich. Meine Kollegin, Prof. Dr. Martina Thiele, Universität Tübingen, und ich haben in unserer Analyse geschrieben (Deutsche Studien Heft 142, 1999, S. 147-208):

Walsers Gegner versuchen, „Walser als jemanden zu entlarven, der schon immer nationalistisch, spießig und überheblich gewesen ist. Walsers Eintreten für die nationale Einheit zu einem Zeitpunkt, in dem der Gedanke daran als revanchistisch galt, seine Laudatio auf Victor Klemperer und nun die Friedenspreisrede haben diese Kritiker in iher Ablehnung bestärkt. Andere Gegner gestehen Walser seine politischen Überzeugungen bis zu einem gewissen Punkt zu, sie verreißen sein literarisches Werk. So stellt Marcel Reich-Ranicki im ‚Literarischen Quartett‘ am 14.8.1998 fest: ‚Aber Erzählen kann er ums Verrecken nicht.'“ (S. 198)

Reich-Ranicki nahm Martin Walser sich dann in seinem Roman „Tod eines Kritikers“ (2002) vor. Auch das erweckte Abscheu und Entsetzen. Am literarischen Rang Walsers ändert es nichts.

4426: Ostdeutsche sehen Russland positiver.

Dienstag, Juli 25th, 2023

Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) stimmten 37 Prozent der Befragten der Aussage zu, „Russland ist ein Land, mit dem sich die Bundesregierung besser gut stellen sollte“. Jeder Zweite äußerte sich dazu ablehnend. Im Osten Deutschlands stimmten mehr Menschen für einen vorsichtigen Umgang mit Russland als im Westen. Das hat auch mit Sorgen zu tun. Auf dem Gebiet der früheren DDR gibt es mehr Menschen, die Russland als Bedrohung empfinden. Unter den Wählern der AfD ist der Anteil derjenigen, die meinen, Deutschland solle sich mit Russland gut stellen, am größten.

63 Prozent aller Deutschen sehen Russland als Bedrohung. Die Sowjetunion, deren Machtzentrum Russland war, spielte eine prägende Rolle in der DDR. Diese war über Jahrzehnte wirtschaftlich, politisch und kulturell von der Sowjetunion abhängig. Die meisten ehemaligen DDR-Bürger sind auch der Meinung, dass das politische System der DDR für das berufliche Leben ihrer Bürger mehr Vor- als Nachteile hatte (SZ 25.7.23).

4425: Israel ist gespalten.

Montag, Juli 24th, 2023

Israel stimmt über die „Justizreform“ ab. Das Land ist tief gespalten. Das haben die religiösen Rechten erreicht. Für den Staat Israel schrecklich. Premierminister Benjamin Netanjahu ist zudem krank. Er bekam einen Herzschrittmacher eingesetzt. Die Spaltung des Landes erreicht sogar die Armee, den Sicherheitsgaranten für das Land. 1.100 Offiziere der Luftwaffe kündigten an, bei einer Verabschiedung des Gesetzes nicht mehr zum Reservedienst anzutreten. Dem schlossen sich weitere 10.000 Reservisten an. Mehrere frühere Armeechefs sowie die Chefs von Mossad und Schin Bet unterstützten in einem Schreiben den Protest der Reservisten (Peter Münche, SZ 24.7.23).

4424: Reinhart Kosselleck ist widerlegt.

Samstag, Juli 22nd, 2023

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Jena. Zudem schreibt er regelmäßig Kolumnen in der „Süddeutschen Zeitung“. Dieses Mal untersucht er den 2006 gestorbenen Historiker Reinhart Kosselleck, der jetzt 100 Jahre alt geworden wäre. Bei manchen Historikern gilt Kosselleck als vorbildlich. Er hat das „Historische Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland“ initiiert und durchgesetzt. Frei stört ein Kosselleck-Text aus dem Jahr 1995. Da schildert er, wie er als deutscher Soldat und sowjetischer Kriegsgefangener 1945 in Auschwitz-Monowitz Zwangsarbeit leisten musste. „Dort hörten wir, dass drüben bei Birkenau Millionen vergast worden seien.“ So entzieht Kosselleck seine eigenen Erfahrungen der Zäsur des Kriegsendes. Was nicht so sehr verwundert, wenn man weiß, dass er ein Schüler des Nazi-Sympathisanten Carl Schmitt war.

Kosselleck war 1993 gegen die von Helmut Kohl in Gang gesetzte Errichtung einer zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache (Unter den Linden) mit der vergrößerten Pietá von Käthe Kollwitz. Noch mehr dagegen war er fünf Jahre später beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas (dafür hatte sich ein Förderverein seit 1988 eingesetzt). Kosselleck sah darin eine Konsequenz der „Fehlentscheidung“ an der Neuen Wache. Ihn störte, dass dort nur der Juden gedacht wurde und nicht der anderen Opfergruppen. Inzwischen haben wir separate Gedenkstätten für Sinti und Roma, Homosexuelle und Euthanasieopfer. Kossellecks Kassandrarufe waren verfehlt (SZ 21.7.23).

4422: Der Berliner Antisemitismusstreit

Freitag, Juli 21st, 2023

58 Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist jetzt im Jüdischen Verlag, der zu Suhrkamp gehört, Walter Boehlichs zentraler Band:

Der Berliner Antisemitismusstreit. Neu herausgegeben und eingeleitet von Nicolas Berg. Berlin 2023, 544 S., 28 Euro

wieder publiziert worden. 1879 hatte der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke einen Aufsatz veröffentlicht unter dem Titel „Unsere Aussichten“. Er lief auf einen einzigen Satz hinaus: „Die Juden sind unser Unglück!“. Dieser Satz wurde später regelmäßig von Julius Streichers „Stürmer“ zitiert. „Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: Sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen.“ Zu dem Thema hatte der Hofprediger Adolf Stoecker schon dauernd von der „Nothwehr gegen die Juden“ gepredigt.

Treitschke: Es dringe „über unsere Ostgrenze Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen  Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen.“ Demgegenüber sei keine „weichliche Philanthropie“ mehr angebracht.

Treitschkes jüdische Kollegen waren entsetzt. Immerhin trat der Autor der „Römischen Geschichte“ und 1902 dann Literaturnobelpreisträger, Theodor Mommsen, mit einem Machtwort gegen Treitschke auf. Er warnte vor dem „Bürgerkrieg einer Majorität gegen eine Minderheit“. Es ist klar zu sehen, dass der mörderische Antisemitismus nicht erst 1933 in Deutschland auf den Plan trat, sondern schon sehr viel früher. Gerade auch in bürgerlichen und akademischen Kreisen, die später dann davon nichts mehr wissen wollten (Willi Winkler, SZ 17.7.23).

4420: Walter Ulbricht – der Protagonist des deutschen Kommunismus

Mittwoch, Juli 19th, 2023

Auf Befehl Josef Stalins kam Walter Ulbricht schon im April 1945 wieder zurück nach Deutschland („Gruppe Ulbricht“). Ilko-Sascha Kowalczuk widmet ihm eine ausführliche Biografie:

Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist (1893-1945). München 2023, 1.006 S., 49,99 Euro.

Der Autor ist bestrebt, dem Protagonisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber manches ließ sich wohl nicht geraderücken. Ulbricht wurde Erster Sekretär des ZK der SED und damit der entscheidende Mann nach 1945. Für die brutale Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni war er ebenso verantwortlich wie für den Bau der Mauer  am 11. August 1961. 1971 wurde er von Erich Honecker entmachtet und starb 1973. Kowalczuk stellt in seinem ersten Band Ulbrichts Leben bis 1945 dar.

Als junger Tischler in Leipzig wurde Ulbricht für seine Intelligenz und sein Organisationstalent bekannt. In der 1918/19 gegründeten KPD stand er zunächst in der zweiten Reihe. Nach dem Scheitern eines gewaltsamen Aufstandsversuchs 1923 wurde deutlich, dass die Partei damals bereits Erschießungslisten für den Fall der Machtübernahme führte. Schon in den zwanziger Jahren wirkte Ulbricht in Moskau, kam 1929 zurück. 1933 blieb nichts anderes als das Exil. In dem gewann er den Machtkampf gegen Willi Münzenberg, der 1940 unter ungeklärten Verhältnissen ums Leben kam. In der Sowjetunion war Ulbricht für die Bearbeitung deutscher Kriegsgefangener zuständig. Der großen „Tschistka“ (Säuberung) Ende der dreißiger Jahre, in der viele deutsche Kommunisten ermordet oder nach Sibirien (wie bei Putin) deportiert wurden, entging Ulbricht. Er hatte das Vertrauen Stalins gewonnen. Um dann nach 1945 um so unerbittlicher zu herrschen (Daniel Siemens, SZ 17.7.23).

4414: Weitere Argumente dafür, dass die Hohenzollern die Nazis unterstützt haben.

Sonntag, Juli 16th, 2023

Im März 2023 zog Georg Friedrich Prinz von Preußen die Klagen seines Hauses gegen die Abweisung von Entschädigungsansprüchen für Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone nach Kriegsende 1945 zurück. Keinen Anspruch auf Entschädigungsleistungen haben nach dem Gesetz (1994) diejenigen, die dem nationalsozialistischen Regime „erheblichen Vorschub“ geleistet hatten. Stephan Malinowski hatte in seiner Studie

„Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kolaboration.“ (2021)

den „Vorschub“, den die Hohenzollern geleistet hatten, aufgezeigt. Hauptsächlich ging es dabei um Wilhelm Prinz von Preußen (1882-1951). Er galt in der Öffentlichkeit ab dem Frühjahr 1932 als Gefolgsmann Hitlers, ohne in der NSDAP zu sein.

Jetzt ist ein Band des Historikers Jürgen Luh

„Der Kronprinz und das Dritte Reich. Wilhelm von Preußen und der Aufstieg des Nationalsozialismus.“

erschienen. Luh ist mit Biografien über den Großen Kurfürsten und Friedrich den Großen hervorgetreten. Er ist Direktor am Research Center Sanssouci (RECS) in Potsdam. Sein Buch zielt darauf ab, der Verzwergung des Ex-Kronprinzen Wilhelm von Preußen und eer Bagataellisierung seines Engagements für die Nationalsozialisten entgegenzuwirken. Luh stellt die öffentlichen Auftritte und Äußerungen des Ex-Kronprinzen in den Jahren 1930-1934 gegenüber. Wilhelm trug als öffentliche Figur und als Exponent der antirepublikanischen alten Eliten zur Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht unerheblich bei. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 rief er dazu auf, für Hitler zu stimmen und nicht für Hindenburg. Jürgen Luhs Buch enthält ein Vorwort von Stephan Malinowski und Georg Herbert. Letzterer hat im Juliheft 2022 der „Neuen Zeitschrift für Verwaltungsrecht“ den Artikel „Hochmut und Fehlurteil. Eine kurze Geschichte der Vorschubleistung der Hohenzollern.“ veröffentlicht.