Archive for the ‘Geschichte’ Category

4878: Bauhaus und Nationalsozialismus

Dienstag, Juli 2nd, 2024

Viele von uns halten die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunst- und Architekturschule Bauhaus (später Dessau und Berlin) für eine moderne Stilrichtung, die auch politisch fortschrittlich sein wollte. Aber ganz so einfach ist es nicht. Das zeigen drei Ausstellungen in Weimar: Museum Neues Weimar, Bauhaus Museum, Schiller Museum. Dazu kommt noch das Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Alle vier differenziert. Deswegen geben sie uns Grund zum Nachdenken.

Vom Bauhaus Museum zum KZ Buchenwald ist es nicht weit. Über dessen Eingang prangte das vom Bauhäusler Franz Ehrlich gestaltete Motto „Jedem das Seine“, der damals als Bauhäusler bereits in Haft saß. 1933 wurde das Bauhaus von den Nazis geschlossen. Das hatten sie schon 1924 vorgehabt. Sein Leiter Ludwig Mies van der Rohe, der sich noch um einen Kompromiss bemüht hatte, musste in die USA emigrieren.

Allerdings bestand das Bauhaus nicht nur aus antifaschistischen Widerstandskämpfern. Zwischen 1919 und 1933 gab es 1253 Studierende. 188 engagierten sich in der NSDAP, 15 in der SA und 14 in der SS. Einige von ihnen waren bei der Beschlagnahme „entarteter Kunst“ dabei. Es ist also alles nicht so einfach. Anlässlich der Ausstellungen kehren jetzt aber manche Bildnisse von Paul Klee bis Lionel Feininger nach Weimar zurück. Ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit. Wir kommen aber nicht daran vorbei anzuerkennen, dass der Nationalsozialismus sich bei seiner ästhetischen Strategie auch aus dem Arsenal der Moderne bedient und Bauhaus-Teile angeeignet hat (Gerhard Matzig, SZ 8./9.5.24).

4876: Ultraorthodoxe Juden lehnen für sich den Wehrdienst ab.

Dienstag, Juli 2nd, 2024

Der oberste Gerichtshof Israels hat entschieden, dass es keine juristische Grundlage dafür gibt, ultraorthodoxe Juden vom Wehrdienst (32 Monate) zu befreien. 3000 Torah-Studenten sollen sofort eingezogen werden. Am Sonntag protestierten tausende Haredim („Gottesfürchtige“) gegen die Entscheidung. Die Regierung Netanjahu gerät weiter unter Druck. Sie wird von den Haredim gestützt. Im Frühjahr hatte das oberste Gericht Israels entschieden, dass die staatlichen Subventionen für religiöse Schulen gestrichen werden müssen.

Die Regierung Netanjahu verfügt über 64 der 120 Parlamentssitze. 32 davon die Likud-Partei. Sie benötigt also das „Vereinigte Thora-Judentum“ (7) und die „Schas“-Partei (11). Diese fürchten, bei Neuwahlen in der Opposition zu landen. In Israel werden wegen des Gaza-Kriegs und der Kämpfe mit der Hisbollah im Libanon die Kampfeinsätze immer länger. Dies lässt die Ausnahmen für die Haredim noch ungerechter erscheinen. Netanjahu muss seine Regierung also entweder auf Linie bringen oder seine Partner vertrösten.

In Israel leben 1,3 Millionen Haredim, das sind 13,5 Prozent der Bevölkerung. Und ihr Anteil wächst wegen ihrer hohen Kinderzahl , eine ultraorthodoxe Jüdin bekommt im Schnitt sieben Kinder. Das erschwert die Situation. Aber die Haredim sind gespalten. Am Sonntag gingen vor allem

Antizionisten

auf die Straße. Die wollen den Staat Israel abschaffen. Bei der Gründung des Staates hatte David Ben-Gurion es genehmigt, dass 400 Ultraorthodoxe Männer nicht zur Armee mussten und die Thora studieren konnten. Das sollte nach dem Holocaust das Judentum stärken. Heute studieren aber 60000 junge Männer Thora und Talmud und sind nicht bei der Armee. Eine schwierige Situation gerade angesichts der Kriege, in die Israel verwickelt ist (Matthias Kolb, SZ 2.7.24).

4873: Tarifeinigung mit Gewerkschaftsbonus

Freitag, Juni 28th, 2024

In der deutschen Chemie-Industrie haben sich Arbeitgeber und IG BCE auf einen zusätzlichen freien Tag nur für Gewerkschaftsmitglieder geeinigt. Erstmals wurde damit neben den allgemeinen Gehaltssteigerungen um 6,85 Prozent exklusive Vorteile für Gewerkschafter in einem großen Flächtarifvertrag festgeschrieben. Ziel der Vereinbarung sei die Steigerung der Tarifbindung (SZ 28.6.24).

4872: Jüdischer Student klagt gegen FU Berlin.

Freitag, Juni 28th, 2024

Der jüdische Student Lahav Shapira wurde im Februar 2024 an der FU Berlin durch eine schwere Körperverletzung beeinträchtigt. Nun klagt er gegen die FU vor dem Verwaltungsgericht Berlin, „dass antisemitische Sprache sich zu Taten konkretisiert hat“.  Ein 23-jähriger propalästinensicher, deutscher Kommilitone hatte ihm mehrere Knochen im Gesicht gebrochen. Shapira kam in die Klinik.  Die Attacke war antisemitisch motiviert (SZ 27.6.24).

4871: Anne Applebaum bekommt den Friedenspreis.

Donnerstag, Juni 27th, 2024

Die amerikanisch-polnische Historikerin und Publizistin Anne Applebaum (geb. 1964 in Washington als Kind jüdischer Eltern) bekommt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Das wird heikel; denn Applebaum unterstützt nicht nur die Verteidigung der Ukraine gegen das imperialistische Russland, sie hat auch den Irakkrieg der USA befürwortet. „Ihre Stärke: Mut zur Klarheit, Freude an Zuspitzungen, Sinn für intellektuelle Überraschungen. Ihre Schwäche: genau dasselbe.“ (Sonja Zekri, SZ 26.6.24)

Seit 1992 ist sie mit dem ehemaligen konservativen polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski verheiratet, seit 2013 polnische Staatsbürgerin. Sie lehrt an den berühmtesten Hochschulen in den USA und Großbritanniens. Ihr Buch „Gulag“ bekam den Pulitzerpreis. Und genau wie der andere einschlägige Forscher, Timothy Snyder, wandelt sie auf dem schmalen Grat zwischen differenzierter Historiografie und ukrainischem Nationalismus. Sie hat den „Holodomor“, den Völkermord an den Ukrainern 1931/32, genau beschrieben. Russland traut sie nicht zu, demokratisch zu agieren. Die Jury erkannte bei Applebaum die Verbndung zwischen historiografischen Erkenntnissen mit wacher Gegenwartsbeobachtung.

4870: Adam Soboczynski sieht in Jenny Erpenbecks BRD-Bild („Kairos“) den Konsumterror.

Mittwoch, Juni 26th, 2024

Adam Soboczynski („Die Zeit“) sieht in dem Bild, das Jenny Erpenbeck in ihrem ausgezeichneten (Internationaler Bookerpreis) Roman „Kairos“ von der BRD zeichnet, die „obszöne Freiheit des Konsums“. Er schreibt:

„… was sie im Westen erblickt, ekelt sie einfach nur an: Bettler am Bahnhof, der klinisch reine McDonald’s, Ramschläden in der Fußgängerzone. Die Neugierde treibt sie schließlich in einen Sex-Shop: ‚(…) offene Münder, offene Arschlöcher, pralle Schamlippen, faltige Hoden, alles wetzt sich aneinander, reibt sich, zieht sich auseinander, presst, würgt, lutscht sich aus, saugt sich fest, spuckt sich an, sie sieht also hier, am Grunde der Freiheit, Titten und Schwänze und Fotzen, sieht Ständer und Mösen, sieht dicke Dinger, geile Zungen, sieht Flüssigkeiten hervorquellen aus Eicheln (…)‘ Das ist der Westen, und viel mehr wird von ihm hier nicht gezeigt. Freiheit? Das ist in ‚Kairos‘ nur die obszöne Freiheit des Konsums. Bei Erpenbecks Darstellung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit von einem Zerrbild zu sprechen, wäre ein Euphemismus. Man meint, teilweise in die agitatorischen DDR-Fernsehsendung ‚Der schwarze Kanal‘ geraten zu sein.“ (13.6.24)

4868: Deutschland ist tief gespalten.

Dienstag, Juni 25th, 2024

Der Anteil der Menschen, die gegen eine militärische Unterstützung der Ukraine durch den Westen sind, ist in der ehemaligen DDR signifikant (also nicht zufällig) höher als im Westen. Das dient der AfD. Mittlerweile muss Friedrich Merz (CDU) sogar den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) in Schutz nehmen, der aus wahltaktischen Gründen ähnlich falsche Positionen vertritt. Durch Verschweigen und Wegsehen wird dieser tiefe Riss durch Deutschland nicht verschwinden.

Im Osten ist eben die Skepsis gegenüber den USA und der Nato ungeheuer groß, eine Folge der SED-Propaganda.

Und der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine ist zu einem Treiber dieser Entfremdung geworden. Er stützt unsere Ossis. Und er vertieft die Abneigung gegen ukrainische Bürgergeld-Empfänger. Die deutsche Vereinigung war von Illusionen begleitet. „Zu den Irrtümern jener Tage gehörte auch die Vorstellung, die Menschen aus der DDR hätten sich in ihrer Gesamtheit nach der Zugehörigkeit zum politischen Westen gesehnt.“ (Daniel Brössler, SZ 25.6.24)

4867: Angriffe auf Muslime nehmen zu.

Dienstag, Juni 25th, 2024

2023 hat die „Claim Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit“ 2000 Fälle von antimuslimischen Rassismus in Deutschland registriert. Ein Anstieg um 110 Prozent. Darunter vier versuchte Tötungen und 90 Angriffe auf religiöse Einrichtungen (SZ 25.6.24).

4866: Die Migrationspolitik scheitert.

Montag, Juni 24th, 2024

Die Wahlerfolge der AfD gehen weiter. Wegen der scheiternden Migrationspolitik. Speziell im Osten muss die CDU um ihre starke Rolle dort fürchten, die SPD ist dort keine Volkspartei mehr. In Thüringen hat sie sieben Prozent. Asylverfahren außerhalb der EU durchführen zu wollen, funktioniert nicht. In Großbritannien gewinnt Labour die nächste Wahl. Angela Merkels (CDU) Slogan „Wir schaffen das!“ (2015), war falsch. Ankündigungen von deutschen Innenministern zur Verbesserung der Migrationspolitik hat es immer wieder gegeben. Geändert hat sich fast nichts. Es gelingt nicht, das gültige Recht auf Asyl zu wahren und die politischen Fehler zu korrigieren.

Die Lage bei der Migration ist aussichtslos.

Das lässt weitere Verwerfungen nach rechts erwarten. Die EU, die es schaffen könnte, sich von den

Fehlern Russlands, Chinas, Indiens, der USA, Brasiliens und der Südafrikanischen Union freizumachen,

schafft es nicht. Sie verliert an Attraktion, aber die Migranten kommen weiter. Und deswegen ist die Lage hier bei uns bedrohlich (Roland Preuß, SZ 22./23.6.24).

4862: Viele Pilger sterben wegen Hitze in Mekka.

Samstag, Juni 22nd, 2024

Bei der alljährlichen muslimischen Pilgerfahrt nach Mekka sind in diesem Jahr Hunderte Gläubige bei sengender Hitze ums Leben gekommen. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt. Das saudische Staatsfernsehen berichtete, dass in der großen Moschee 51,8 Grad Celsius im Schatten gemessen worden seien. 3000 Pilger mussten ärztlich behandelt werden (SZ 20.6.24).