Archive for the ‘Geschichte’ Category

2227: Heinrich August Winkler 80

Donnerstag, Dezember 20th, 2018

Im „Historikerstreit“ 1986 sorgte nicht zuletzt Heinrich August Winkler dafür, dass die revisionistischen Thesen von Ernst Nolte sich in der Wissenschaft nicht durchsetzen konnten. Er bewirkte das mit historiografischer Präzision und Ironie. Heinrich August Winkler ist gerade 80 Jahre alt geworden. Er trat seinerzeit auch linken Thesen entgegen, etwa der, dass die Teilung Deutschlands eine Strafe für Auschwitz sei. Da war er mit Günter Grass nicht einig. Winkler war seit 1962 SPD-Mitglied. Er wandte sich gegen Oskar Lafontaines „Instrumentalisierung der Geschichte für tagespolitische Zwecke“.

Die größte wissenschaftliche Leistung des 1944 mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohenen Winkler war seine „Geschichte des Westens“. Ihn begreift der Historiker als normatives Projekt, zu dem zum Besten der Deutschen auch die Bundesrepublik endgültig gefunden hat. Winkler lehrte zwanzig Jahre Geschichte an der Universität Freiburg. Mit der Vereinigung Deutschlands ging er an die Berliner Humboldt-Universität und setzte dort gegen die DDR-Historiografie moderne professionelle Standards durch.

Heinrich August Winkler besticht in den wissenschaftlichen Diskursen durch Ruhe und Vernunft. Er mischt sich immer wieder ein und bezieht dabei einen aufklärerischen Standpunkt. Auslandseinsätze der Bundeswehr mit Auschwitz zu begründen, lehnt er ab. Die fehlende Kritik der deutschen Linken an Wladimir Putin und seiner Expansionspolitik ist ihm suspekt (Joachim Käppner, SZ 19.12.18).

2226: Das Faible der Rechtspopulisten für Russland

Dienstag, Dezember 18th, 2018

1. Viele meiner Bekannten verstehen nicht das Faible von Rechtspopulisten (etwa in der AfD) für Russland. Müssten sie nicht eigentlich als geborene Antikommunisten gegen Russlands illiberale Politik unter Putin sein (Annektion der Krim, Krieg in der Ukraine etc.)?

2. Tatsächlich war der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 gespeist von Antikommunismus und dem rassistisch fundierten Glauben an die deutsche Mission im Osten. Gekoppelt mit der These vom „Volk ohne Raum“ (Hans Grimm).

3. Ein großer der Teil der wilhelminischen Intelligenz und ihrer Nachfolger in der Weimarer Republik war allerdings strikt antiwestlich (etwa gegen die Wallstreet und Hollywood). Das hat sich bei eingen Gruppen bis heute gehalten.

4. „Ursprünglichkeit“ und „Seele“ fanden viele deutsche Literaten attraktiv in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, insbesondere bei Fjodor Dostojewski (1821-1881).

5. Der Herausgeber der ersten großen deutschen Dostojewski-Ausgabe war Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925), der später den Begriff vom „dritten Reich“ prägte.

6. Propagandist vom Licht im Osten war Dmitri Mereschkowski (1865-1941).

7. Er hatte Einfluss auf Thomas Mann (1875-1956) in dessen antiliberaler Phase und seine antiwestlichen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918).

8. Die Vorliebe für deutsche Sonderwege rührte her vom Hass auf den Liberalismus. Der habe aus Helden Händler gemacht.

9. Eine kleine Gruppe innerhalb der deutschen Rechten glaubte, den Diktator Wadimir I. Lenin (1870-1924) für ihre Politik der Niederringung des Westens einspannen zu können.

10. Autoren wie der Nationalbolschewist Ernst Niekisch (1884-1967) und der an der Ermordung Walther Rathenaus beteiligte Ernst von Salomon (1902-1972; „Der Fragebogen“ 1948) präferierten Russland.

11. Es gab eine enge Rüstungskooperation zwischen Deutschland und der Sowjetunion, um den Versailler Vertrag zu umgehen („Schwarze Reichswehr“).

12. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war der perverse Höhepunkt der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit. Er lief hinaus auf die vielen Millionen sowjetischer und deutscher Opfer im Zweiten Weltkrieg.

13. Die DDR war von 1949 bis 1990 ein Vasall der Sowjetunion.

14. Heute bewundern viele Rechtspopulisten die energische und aggressive Machtpolitik Wladimir Putins.

(Volker Weiss, Die Zeit 6.12.18)

2223: „Alter weißer Mann“

Sonntag, Dezember 16th, 2018

Felix Stephan diskutiert, warum die Dominanz des „alten weißen Mannes“, der als Wurzel vieler Übel identifiziert und beschrieben wurde, nicht schneller zu Ende geht (SZ 12.12.18). Als Protagonisten führt er ins Feld

Martin Walser,

Harald Martenstein und

Frank Castorf.

„Womöglich hat das mit dem Begriff selbst zu tun: Die Konjunktur des ‚alten weißen Mannes‘ markiert nicht nur eine demografische Machtverschiebung, sondern auch eine neue Wissenskultur. Die Theorie lautet: Wissen ist niemals unpolitisch oder gar objektiv, sondern stets abhängig von der Position seines Trägers. Deshalb liegt der Unterschied schon darin, ob das Wort von einem weißen Mann erhoben wird oder von einer türkischstämmigen Frau.“

„Der Begriff ‚alter weißer Mann‘ bezeichnet deshalb nicht nur ein demografisches Phänomen, er ist vor allem ein Slogan, eine Chiffre für

Rassismus, Patriarchat und Sexismus.

Er ist aber auch eine Chiffre für

Eurozentrismus und Imperialismus,

sogar für Aufklärung, Idealismus und Rationalismus.

Er meint alles, was irgendjemandem schon mal auf die Nerven gegangen ist und bietet damit Potenzial. Kaum ein Missstand, der sich nicht durch ihn begründen ließe.“

„Die pluralistische, feministische, postkoloniale Kulturrevolution hat ihren Gegenspieler, wie der Zauberlehrling, der von seiner eigenen Kreatur fast erschlagen wird, auf gewisse Weise erst erfunden.“

„Der Kampfbegriff ‚alter weißer mann‘ hat seine Verdienste, wenn es darum geht, Koalitionen zu schmieden und Reihen zu schließen. Eine Utopie, ein inspirierendes Gegenmodell zum Bestehenden deutet er eher nicht an. Gut möglich, dass die Diagnose, die der Historiker

Götz Aly

den Achtundsechzigern ausgestellt hat, auch auf die heutigen Kulturrevoltionäre zutrifft: Obwohl sie sich radikal anders begreifen als ihre Eltern, sind sie doch unverkennbar deren Kinder. Sobald man genauer hinschaut, wiederholen sich die Muster.“

Dies schreibt Ihnen ein alter weißer Mann. Mit Lust.

2218: Was ist mit der kolonialen Raubkunst ?

Mittwoch, Dezember 12th, 2018

1. Bevor nicht interessierte Kreise den Bau eines Schlosses in Berlin (mit Humboldt-Forum) durchgesetzt hatten, ging lange Zeit fast niemand in ethnologische Museen.

2. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stellte sich gegen die Politik aller Vorgänger und befreundeten Regierungen und erklärte, alle koloniale Raubkunst sei unverzüglich zurückzugeben.

3. Für viele Staaten wie Nigeria und Äthiopien ist die Forderung nach der Rückgabe der Raubgüter konstitutiv.

4. Außereuropäische Kunst befindet sich in Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart, München, Dresden und Köln sowie in den ethnologischen Sammlungen von Universitäten.

5. Nur ein bis zwei Prozent davon werden je ausgestellt, schätzt die frühere Direktorin des Frankfurter Weltkulturen-Museums, Clémentine Deliss.

6. Nach Europa gekommen sind die Objekte etwa seit den 1880er Jahren. Ihre Systematisierung führte zur Etablierung der Ethnologie, die wiederum die Sammelwut ins Unendliche trieb.

7. Die meisten der hier in Rede stehenden Fälle sind eindeutig Raubkunst, die seit langem auch auf Auktionen feilgeboten wird.

8. Dass sich die Washingtoner Prinzipien für NS-Raubkunst von 1998 auch für koloniale Raubkunst anwenden lassen, wird seit kurzem diskutiert.

9. Afrikanische Museen in Ghana, Togo, Kenia, Sambia, Botswana und Lesotho sind geeignet, die geraubten Objekte auszustellen.

10. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der das Konzept des Humboldt-Forums mitentwickelte, widersprach Macron und verwies auf die angebliche deutsche Sonderrolle als späte Kolonialmacht, ohne die Vernichtungskriege gegen die Herero, Nama und Maji-Maji zu erwähnen. Die deutschen Sammlungen hätten allein der Aufklärung gedient (Kolja Reichert, FAS 9.12.18).

2217: Harald Schmidts Altersweisheit

Dienstag, Dezember 11th, 2018

Peter Kümmel und Lars Weisbrod haben den größten deutschen Entertainer, Harald Schmidt, interviewt (Die Zeit, 29.11.18):

Zeit: ‚Das Traumschiff‘ ist die einzige Sendung, bei der Sie im Fernsehen noch mitmachen. Allerdings verlassen Sie bei ‚Traumschiff‘-Dreharbeiten nie das Schiff. Warum nicht?

Schmidt: Es bringt nichts. Die meisten Länder sind zu voll. Ich habe mir irgendwann eingestanden: Es interessiert mich nicht, an Land zu gehen.

Zeit: Das klingt ein bisschen nach Albert Einstein, der im Zug saß und den Schaffner fragte: Hält Zürich auch an diesem Zug?

Schmidt: Einstein? In der ‚Zeit‘ können Sie mit solchen Bildungsanspielungen vielleicht noch kommen. Aber anderswo wird es eng. Im deutschen Fernsehen ginge das nicht mehr.

Zeit: Sie haben einmal gesagt, man könnte das Kreuzfahrtgewerbe in Richtung Sterbebegleitung ausbauen. Stichwort: schwimmendes Hospiz. Haben Sie sich selbst überlegt, aufs Schiff zu gehen und es nicht mehr zu verlassen?

Schmidt: Man weiß ja nicht vorher, ob es das letzte Mal ist. Es gibt viele, die sich auf dem Schiff bestens erholen – sie waren todkrank an Bord gegangen, und zum Abschied sagen sie: Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Aber es gibt auch die schwereren Fälle: Auf Kreuzfahrtschiffen trifft man lauter Leute, die der Arzt auf See geschickt hat, damit sie nicht seine Statistik belasten, wenn sie sterben.

Zeit: Schreiben Sie Tagebuch?

Schmidt: Beim Tagebuchschreiben muss man aufpassen, dass man sich nicht zu ernst nimmt, sonst fängt man an zu sloterdijken.

Zeit: Sie sind also kein Nachwelt-Künstler?

Schmidt: Was heißt Nachwelt-Künstler?

Zeit: Elias Canetti zum Beispiel. Er hat immer gesagt: Er will in hundert Jahren noch gelesen werden. Nur deshalb schrieb er.

Schmidt: Aber wer sagt Canetti jetzt, dass ihn heute keiner mehr liest? Ich lese ihn noch, weil Thomas Bernhard ihn gehasst hat. Und spätestens seit diesem ‚Buch gegen den Tod‘ ist es bei mir auch aus. Späte Ehe, junge Frau: Das ist ja das Tolle am Älterwerden: Viele Titanen bröseln einfach weg.

2214: Die Islamverbände führen einen Kampf gegen den liberalen Islam.

Dienstag, Dezember 4th, 2018

Ahmad Mansour, 42, stammt aus Israel. Er ist Psychologe und Experte für Islamismus. Er gehört zu einer neuen Islam-Initiative. Dazu hat ihn Jochen Bittner für die „Zeit“ (22.11.18) befragt. Ich bringe hier Auszüge aus seinen Antworten.

„Wir wollen der Heterogenität der Muslime hierzulande Ausdruck geben, also Alternativen schaffen zum konservativen und politischen Islam. Wir zeigen, dass es in Deutschland Muslime gibt, die ihre Relgion säkular und im Einklang mit Demokratie und Menschenrechten verstehen.“

„Ich kenne keinen islamischen Verband in Deutschland, der Kritik am Islam übt. Oder am Patriarchat. Oder am Antisemitismus.“

„Kritische Muslime wie Mouhannad Korchide oder Seyran Ates werden ständig diffamiert. Und der Islam, der heute Europas Jugendkultur prägt, ist definitiv nicht liberal.“

„Ich glaube, der Bundesregierung ist immer noch nicht klar, was Integration sein soll. In Gesprächen mit Staatssekretären hatte ich oft den Eindruck, Integration ist für sie Arbeit minus Kriminalität plus Sprache. Das reicht nicht. Wo bleiben die Werte unserer Gesellschaft? Viele Migranten entwickeln Ängste, wenn sie sich mit dem Pluralismus in Deutschland konfontiert sehen. Diese Ängste müssen angesprochen werden. Sonst entsteht eine Distanz, die bis hin zur Abwertung der Mehrheitsgesellschaft führen kann.“

„Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, und das ist gut so. Aber nicht jede Kritik an religiösen Symbolen stellt die Religionsfreiheit infrage. Ich wünsche mir Neutralität für Vertreter des Staates, also keine Kopftücher, keine Kreuze, keine Kippas für Lehrer.“

2211: Russlands Außenbeziehungen

Donnerstag, November 29th, 2018

Russlands Außenbeziehungen werden im wesentlichen gekennzeichnet durch folgende Gegebenheiten:

1. die völkerrechtswidrige Annektion der Krim,

2. den Abschuss einer niederländischen Verkehrsmaschine mit fast 300 Passagieren,

3. staatlich angeordnetes flächendeckendes Doping,

4. Wahl-Hacking insbesondere in den USA,

5. neue russische Mittelstreckenraketen (Jörg Lau/Matthias Naß, Die Zeit 15.11.18),

6. Mordversuche an Ex-Agenten in Großbritannien.

Bei solch einem Partner müssen wir auf alles gefasst sein.

2210: Die Wahrheit in Syrien

Mittwoch, November 28th, 2018

Die Politologin Kirstin Helberg hat von 2001 bis 2008 aus Damaskus für deutsche Massenmedien berichtet. Sie arbeitet seither als freie Autorin. 2018 ist ihr Buch „Der Syrien-Krieg – Lösung eines Weltkonflikts“ bei Herder erschienen. In der „taz“ vom 15.11. macht sie sich Gedanken über eine wahrheitsgemäße Berichterstattung aus Syrien.

1. Viele von uns beruhigen sich zu leicht bei dem Satz, im Krieg sterbe zuerst die Wahrheit, und kümmern sich dann nicht mehr um Fakten.

2. Damit spielen sie den Verschwörungstheoretikern wie Donald Trump in die Hände, deren Interesse hauptsächlich darin besteht, Tatsachen unkenntlich zu machen und auf dem Friedhof des Postfaktischen verschwinden zu lassen.

3. Jeder von uns hat nicht etwa seine eigene Wahrheit, sondern seine Wahrnehmung, seine Sichtweise auf bestimmte Ereignisse.

4. Als Experten betrachten wir Menschen, die das Land persönlich kennen, die Sprache sprechen, unterschiedlichste Quellen auswerten und bei ihren Recherchen journalistischen Prinzipien folgen.

5. Einfache Erklärungen, insbesondere dann, wenn sie antiwestlich sind, verkaufen sich besser als differenzierte Analysen.

6. Vor allem die Linke und die Friedensbewegung stecken in den alten Denkschablonen vom guten, weil antikapitalistischen Osten und vom schlechten, weil rohstoffgierigen und imperialistischen Westen.

7. In Syrien gibt es gut und böse. Gut ist der Arzt, der Medikamente in ein abgeriegeltes Gebiet bringt, schlecht der Söldner, der sich an einem Checkpoint persönlich bereichert.

8. Ein unbewaffneter junger Mann, der für Frieden demonstriert, ist besser als der Milizionär, der auf ihn schießt.

9. Manche Pseudolinke sehen eine „demokratisch legitimierte syrische Regierung“ im Kampf gegen „westlichen Imperialismus“.

10. Der syrische Präsident ist nicht durch Wahlen legitimiert.

11. In 33 von 39 Fällen wurde Giftgas von der syrischen Regierung eingesetzt, die fehlenden sechs lassen sich nicht zuordnen. Das haben Untersuchungen der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) ergeben.

12. Der persönliche Sicherheitsberater des syrischen Präsidenten und der Luftwaffen-Geheimdienstchef werden mit internationalem Haftbefehl gesucht.

13. Kriterien für die Klassifizierung von Giftgasangriffen sind a) Uhrzeit, b) Einschlagskrater, c) Luftangriff, d) Symptome der Opfer, e) Blut und Bodenproben.

14. Deutsche Professoren, die behaupten, sämtliche Chemiewaffenangriffe hätten „unter falscher Flagge“ stattgefunden, sind keine Wissenschaftler, sondern Propagandisten von „Russia Today“ oder „Fox News“.

15. Wir können der Wahrheit in Syrien Geltung verschaffen, indem wir versuchen, unsere Wahrnehmungen zu verstehen, Analysen kontrovers diskutieren und Tatsachen als solche respektieren.

2209: Bernardo Bertolucci ist tot.

Dienstag, November 27th, 2018

Bernardo Bertolucci (geb. 1941) ist tot. Er war der Regisseur von Filmen wie „Der große Irrtum“ (1970), „Der letzte Tango in Paris“ (1972), „1900“ (1976), „Die Tragödie eines lächerlichen Mannes“ (1981) und „Der letzte Kaiser“ (1987). Der letzte gewann neun (9) Oscars. Der Marxist Bertolucci kam Zeit seines Schaffens nicht von seinem Vater los, einem berühmten Lyriker, und vom Thema 1968. Dies hat die Bandbreite seiner Werke auch eingeschränkt. Bertolucci überließ vieles beim Drehen der Spontaneität. So entstanden mehrdeutige Werke. Sein Stil war häufig opernhaft, romantisch (Doppelgängermotiv) und kannte Frauen meist nur als Nebenfiguren. Heute unmöglich. Bertolucci kam damit bis nach Hollywood.

Bertolucci startete als Lyriker, der sogar Preise gewann. Bei Pier Paolo Pasolini war er Regieassistent bei dessen Erstling „Accatone“ (1970). Sein großes Vorbild Jean-Luc Godard erreichte er nach eigenem Bekunden nie. Als er Godard seinen Film „Der große Irrtum“ (1970) zeigte, hatte dieser gerade „Le Mépris“ (beide Filme nach Alberto Moravia) abgedreht. Godard drückte Bertolucci einen Zettel in die Hand. Darauf stand: „Du musst gegen Individualismus und Kapitalismus kämpfen.“ Bertolucci begann eine lebenslängliche Psychoanalyse. Am Ende seines Lebens saß er auf Grund einer missglückten Rückenoperation im Rollstuhl.

Bertolucci machte eine internationale Karriere. Er kam ans große Geld und wurde zum Vorbild etwa für Paul Schraders „American Gigolo“ (1980). Sein Kameramann Vittorio Storaro drehte mit Francis Ford Coppola „Apocalypse Now“ (1979). Darin hat bekanntlich Marlon Brando (1924-2004) eine große Rolle als Colonel Kurtz. Mit Bertolucci hatte er 1972 „Der letzte Tango von Paris“ gedreht, einen Skandalfilm, in dem Brando als alter Mann für Anarchie und Freiheit steht. In einer leeren Pariser Wohnung drängt er einer jungen Frau, Maria Schneider, einen Geschlechtsverkehr auf. Er schmiert ihr Butter in den Hintern und penetriert sie. Bertolucci und Brando drohten Haftstrafen. Ich vergesse nicht die Aufregung, die der Film 1972 machte, als ich ihn in Paris sah. In der „Me Too“-Bewegung hieß es 2016, zwei alte Männer hätten Maria Schneider im Film vor laufender Kamera eine Vergewaltigung zugemutet. Frauen zeigten sich angewidert und forderten den Regisseur auf, seine Oscars zurückzugeben. Das bestimmt gegenwärtig das Bild, das in der Öffentlichkeit von Bernardo Bertolucci gezeichnet wird (Fritz Göttler, SZ 27.11.18).

2208: Kosmopoliten – angesehene und verachtete Grünen-Wähler

Dienstag, November 27th, 2018

Adam Soboczynski beschäftigt sich in der „Zeit“ (15.11.18) mit Weltbürgern (Kosmopoliten). Ich gebe das in meiner Struktur hier wieder.

1. Die Wahlerfolge der Rechtspopulisten können zum Teil erklärt werden als Reaktion auf die neue, an der Globalisierung partizipierende, urbane, akademische Mittelschicht (weltoffen und poyglott).

2. Sigmar Gabriel sagte der SPD: „Wer die Arbeiter des Rust Belt verliert, dem werden die Hipster in Kalifornien auch nicht mehr helfen.“

3. Der real existierende Sozialismus sah in „bürgerlichen Kosmopoliten“ Menschen, die zynisch alle moralischen Bindungen und Verpflichtungen gegenüber der Nation aufgekündigt hätten, für „Verschacherung“ und den „Verrat“ des Volkes stünden.

4. Stalin meinte im offiziellen kommunistischen Antisemitismus mit „wurzellosen Kosmopoliten“ in erster Linie Juden (Wallstreet, Hollywood usw.). Heute steht dafür George Soros.

5. Der Soziologe Stefan Reckwitz schreibt in seiner gesellschaftlichen Stukturanalyse von der neuen Mittelschicht: „Man wohnt vorzugsweise in den urbanen Vierteln westlicher Großstädte, wo es gesundes Essen, Geschlechtervielfalt, Migranten, georgische Chatschapuri-Restaurants, gute, vor allem besondere Schulen, niedrige Feinstaubwerte, Tempo 30-Zonen und so weiter gibt.“

6. Die Grünen sprechen dieses Milieu erfolgreich an. Dessen Selbstwidersprüche, auch in moralischer Hinsicht, sind Gegenstand des Feuilletons.

7. Ihm steht gegenüber die alte Mittelschicht, die zwar durchaus nicht verarmt ist, aber regelmäßig keine Universität besucht hat, eher in Kleinstädten lebt, keine Fremdsprachen spricht und die Region meistens nicht verlässt.

8. Es gibt noch das Milieu der verqualmten Eckkneipen mit Herrengedecken, Häkeldeckchen und schweren Soßengerichten.

9. Gegenüber der demonstrativen Weltoffenheit vor allem in Großraumbüros wirkt die traditionelle, würdevolle, bürgerliche Gesetztheit meistens lächerlich.

10. Weltbürger und Provinzler prallen in Deutschland besonders in Ostdeutschland aufeinander.