Archive for the ‘Geschichte’ Category

3450: Evelyn Zupke – SED-Opferbeauftragte des Bundestages

Freitag, Juni 18th, 2021

Die aus Binz auf Rügen stammende Evelyn Zupke, 59, gehörte in der DDR mit ihren Weggefährten zum

kirchlichen Friedenskreis Berlin-Weißensee.

Sie hatten sich vorgesetzt, an jedem 7. eines Monats gegen die Wahlfälschung bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 von 17.00 bis 17.01 Uhr an der Weltzeituhr am Alexanderplatz zu protestieren.

In der DDR gab es ja nur Wahlfälschungen, was heute anscheinend manche schon vergessen haben. Die SED ließ den Protest niederknüppeln, wie üblich. Evelyn Zupke konnte damals zunächst nicht wissen, was die Folge ihres Handelns war. Sie hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Proteste friedlich blieben und nicht zusammengeschossen wurden. Eine große Leistung. Am Donnerstag wurde Evelyn Zupke zur SED-Opferbeauftragten des Bundestags ernennt. Dadurch wird in den Blick gerückt, dass die SED die menschenfeindliche Unterdrückerin war und nicht allein die Stasi (Jens Schneider, SZ 18.6.21).

3448: Pandemie: In Russland sterben die Menschen leise.

Mittwoch, Juni 16th, 2021

In einer Diktatur wie Russland wird das Virus an die Politik angepasst. Die Zahlen sind dann eben so, wie sie sind. Der Lockdown 2020 endete mit der Parade zum Sieg im Zweiten Weltkrieg. Die Geschäfte öffneten, als Wladimir Putin gute Laune brauchte. Die braucht er weiterhin, bald sind Duma-Wahlen. Anders ist die unverantwortlich späte Reaktion der Behörden auf die steigenden Infektionszahlen nicht zu erklären.

Die Regierung will nicht riskieren, dass noch mehr Jobs verschwinden. Die wirtschaftliche Lage im Lande ist sehr ernst. „Über die Toten im Lande wird selten gesprochen, die Menschen sterben leise und werden oft nicht gezählt.“ (Silke Bigalke, SZ 15.6.21) Diese Politik der Täuschungen hat Nebenwirkungen. Eine Mehrheit will sich nicht impfen lassen – obwohl das Vakzin Sputnik V längst für jeden in Russland zugänglich ist. Viele Bürger fürchten sich nicht vor Ansteckung, weil sie schlecht informiert sind. Das Virus ist immun gegen Propaganda.

3446: Die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin

Montag, Juni 14th, 2021

Eine kurze Zeit lang erschien es vielen so, als hätten die Grünen die Bundestagswahl 2021 bereits gewonnen und würden die Bundeskanzlerin stellen. Nun ist es doch anders gekommen, aber das war ja zu erwarten. Immerhin aber wurde Annalena Baerbock mit 98,5 Prozent der Stimmen zur Kanzlerkandidatin gewählt. Fast einmalig.

„Die gefällige Inszenierung aber konnte nicht überdecken, dass die Kandidatin nicht mehr ist, wer sie mal war. Die Grünen haben jetzt in aller Brutalität erfahren, was es bedeutet, die Kanzlerschaft zu beanspruchen. Es ist höchste Zeit, dass die Partei sich professionalisiert und wappnet – auch mit Kaltblütigkeit. Denn es reicht eben nicht, dass sich in Annalena Baerbock eine einnehmende und kämpferische Politikerin aufgemacht hat, nächste Bundeskanzlerin zu werden. Ihre Kandidatur ist ein Signal der Erneuerung, für jüngere Generationen, für Frauen, für die Veränderungsbereiten im Land. Die blendenden Umfragewerte aber, die ihren Start zunächst begleitet haben, erwiesen sich als instabil. Nach einer Reihe von Fehlern zahlt Baerbock jetzt den Preis für den frühen Jubel. Obwohl der Parteitag ein ambitioniertes Wahlprogramm auf den Weg gebracht hat, wirkt die Kandidatin angeschlagen. Dass sie Kanzlerin wird, bezweifeln derzeit auch Parteifreunde. Aus gutem Grund.“ (Constanze von Bullion, SZ 14.6.21)

Hier gilt es aber, gerecht zu sein und zu konstatieren, dass Frau Baerbock so viel Hass und Frauenhass – auch in einem Teil der Massenmedien – auf sich zieht, wie es in der Geschichte der Bundesrepublik noch niemals der Fall war. Auch bei Angela Merkel nicht. Das analysiert und beschreibt exakt Jagoda Marinic in der SZ (11.6.21). Sie bezieht – erfreulicherweise – auch und gerade die ein, die eventuell politisch gar nicht voll auf Baerbocks Linie liegen. Denn bei dem Anlauf von Frau Baerbock geht es ja grundsätzlich um

Weltoffenheit, Modernisierung und Emanzipation.

Und die Anhänger dieser Werte sind doch deutlich zu unterscheiden von denjenigen, die eher mit Nationalismus, Patriarchalismus und Veränderungsfurcht zu identifizieren sind. Es steht also mehr auf dem Spiel als nur die politische Mehrheit bei der Bundestagswahl am 26. September.

„Ohne großes Tamtam haben die (grünen, W.S.) Delegierten die Konflikte im Wahlprogramm abgeräumt. Gefordert wird nun ein überschaubarer Anstieg des CO2-Preises und ein Sozialprogramm, das viel stärker als früher Geringverdiener in den Blick nimmt. Aber auch der Schulterschluss mit der Industrie wird gesucht. Mit dem Thema Freiheit begeben sich die Grünen in die Nähe liberaler Reviere. Die politische Konkurrenz wird sich anstrengen müssen, ähnlich differenzierte Antworten auf komplexe Fragen zu finden.“

„Baerbock braucht neben mehr Kaltblütigkeit auch professionelle Redenschreiberinnen und -schreiber und einen Stab, der imstande ist, die Angriffe in einem extrem beschleunigten, teils schon toxischen Wahlkampf abzuwehren. Sonst wird die Kandidatin nicht durchdringen mit der Botschaft, die auch von diesem Parteitag ausgegangen ist, dass die Grünen über enormes Potential verfügen.“ (von Bullion)

Die Grünen werden noch gebraucht.

3444: Documenta-Mitbegründer Haftmann – NS-Partisanenbekämpfer

Sonntag, Juni 13th, 2021

Werner Haftmann (1912-1999) war nach 1945 einer der bekanntesten Kunsthistoriker in Deutschland und hat mit Arnold Bode 1955 die Documenta in Kassel begründet (die kommende Documenta 15 wird von einem indonesischen Künstlerkollektiv vorbereitet). Dadurch wurde hier die klassische Moderne bekanntgemacht und durchgesetzt. Als Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin hat Haftmann sich mit populären Einkäufen verdient gemacht. Er hatte in den dreißiger Jahren in Florenz promoviert und sprach Italienisch. Sein zweibändiges Buch „Malerei im 20. Jahrhundert“ galt lange Zeit als Standardwerk.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass Haftmann NSDAP- und SA-Mitglied war und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien in der Partisanenbekämpfung eingesetzt wurde. Erforscht hat dies der Kölner Historiker Carlo Gentile, der am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität Köln arbeitet. Er konnte sich auf Quellen aus Archiven der ehemaligen Sowjetunion stützen. Während auf der ersten Documenta 1955 jüdische Künstler wie Otto Freundlich und Rudolf Levy und als „kulturbolschewistisch“ geltenden Künstler wie Käthe Kollwitz und George Grosz nicht gezeigt wurden, präsentierte man Ernst Barlach, Christian Rohlfs und Emil Nolde, der sich den Nazis als Vertreter einer „deutschen Sendung“ angedient hatte, aber nicht voll akzeptiert wurde. Unter Leitung seines neuen Direktors Raphael Gross zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin ab Mitte Juni 2021 die Ausstellung „Documenta Politik und Kunst“. Dort ist noch mehr über Werner Haftmann zu erfahren.

Gegen Ende des Krieges wurde Haftmann im Hinterland der Front in Italien zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Er bekleidete eine Leutnantstelle. Der Kampf wurde brutal und mit Folterungen geführt. Am Ende kommandierte Haftmann ein Jagdkommando von 40 Mann. Einzelne Partisanen wurden erschossen. Dieser Taten wurde Haftmann gleich nach 1945 beschuldigt. Es gelang ihm aber, seine Nazi-Vergangenheit zu verbergen. Erst nach seinem Tod 1999 erfolgte Aufklärung. So hat sich die Bundesrepublik mit der Hilfe alter Nazis den Weg zurück in den Kreis der Kulturnationen auch in der Kunst erkämpft. Mit Beschönigen, Beschweigen, Verbergen und Lügen (Catrin Lorch, SZ 7.6.21; Carlo Gentile, SZ 7.6.21; Interview von Niklas Maak mit Raphael Gross, FAS 13.6.21).

3433: Es geht der Falsche.

Samstag, Juni 5th, 2021

Das Rücktrittsgesuch von Reinhard Kardinal Marx wird in der katholischen Kirche mit Respekt und Bedauern zur Kenntnis genommen. In seinem Brief an den Papst vom 21. Mai hatte er geschrieben: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“ Es habe viel persönliches Versagen gegeben, aber auch und vor allem systemisches.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, bedauert den Schritt von Kardinal Marx. Das Rücktrittsangebot mache deutlich, dass die Kirche in Deutschland den begonnenen Synodalen Weg fortsetzen müsse. Der Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, Thomas Sternberg, sagte: „Es geht der Falsche.“ Marx hatte im Prozess der Aufarbeitung der Katastrophe des sexuellen Missbrauchs eine wichtige Rolle gespielt. Der Sprecher der Betroffeneninitiative, Matthias Katsch, sagte: „Marx hat verstanden, dass diejenigen, die den Karren in den Dreck gezogen haben, ihn nicht zugleich wieder rausziehen können.“ (tja./tobs., FAZ 5.6.21)

Joachim Käppner (SZ 5./6.6.21) nimmt sich die katholische Kirche systematischer und analytischer vor. Die Zivilgesellschaft und die katholische Kirche seien sich so fremd wie nie zuvor. Die Gläubigen ließen sich heute nicht mehr bevormunden und missbrauchen, sie forderten eine Erneuerung, Reformen, einen Wandel an Haupt und Gliedern. Es gehe um die Institution Kirche als Ganzes, von der Reinhard Kardinal Marx eine weltoffene Leitfigur gewesen sei.

Es ist typisch, dass diejenigen, die als erste grundlegende Einsichten haben und auf substanzielle Verbesserungen ausgehen, manchmal als erste resignieren („toter Punkt“), während die eigentlichen Reaktionäre und Beschädiger der Kirche bleiben. Die Kirche wird sich damit selbst zur größten Bedrohung. Und demokratische Strukturen für die Verbesserung besitzt sie nicht. Sie behandelt Frauen wie Unmündige und hält mit dem Zölibat an einem vormodernen Gebot fest, das nicht der Bibel entspringt, sondern einer Fundamentalistenbewegung des Mittelalters.

3432: Wie rechts ist der Osten ?

Freitag, Juni 4th, 2021

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Marco Wanderwitz (CDU, 1975 in Chemnitz geboren), bescheinigte den Ostdeutschen „gefestigte nichtdemokratische Ansichten“. Sie seien „teilweise in einer Weise diktatursozialisiert, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen“ sind. Von den AfD-Wählern sei nur ein geringer Teil „potentiell rückholbar“. Es bleibe das Hoffen „auf die nächste Generation“.

So kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni 2021 hören das die Wahlkämpfer nicht gerne.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch forderte von Wanderwitz, seine Aussagen zurückzunehmen und sich bei den Ostdeutschen zu entschuldigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) meinte, Wanderwitz habe „Probleme angesprochen, die uns alle Sorgen machen“. Es sei natürlich „beschwerlich, dass Menschen sich von unserer Demokratie abwenden“. Sie werde sich aber „nie damit abfinden, dass man das als gegeben hinnimmt“.

Die Ministerpräsidenten von Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD), und Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD) kritisierten Wanderwitz. Woidke störte sich insbesondere an dem Begriff „diktatursozialisiert“. „Wir dürfen es uns in der Politik nicht so leicht machen, Menschen abzuschreiben, weil sie vielleicht andere Auffassungen haben als wir.“ (Nico Fried, SZ 4.6.21)

Die Lage ist schwierig: Marco Wanderwitz hat zwar recht, aber die Wahlkämpfer müssen die Stimmen der Ostdeutschen gewinnen.

3431: Monika Maron 80

Donnerstag, Juni 3rd, 2021

Mit ihrem ersten Roman „Flugasche“ (1981) hatte sie ihren Durchbruch. Zugleich hatte sie sich damit endgültig etabliert. Monika Maron, die heute 80 Jahre alt wird. Es war der erste Umweltroman in ganz Deutschland, der natürlich nicht in der DDR erscheinen konnte, sondern in Frankfurt bei S. Fischer herauskam. Monika Maron war die Stieftochter des DDR-Innenministers Karl Maron und lebte in Ostberlin. Ihre Großeltern waren als polnische Juden im Holocaust ermordet worden.

Auf ihre Landsleute schimpfte sie manchmal ganz direkt: „Solange ich unter ihnen lebte, ist mir die außergewöhnliche Empfindsamkeit meiner ostdeutschen Mitmenschen verborgen geblieben. Im Gegenteil: Ich bin an ihrer Duckmäuserei und ihrem feigen Ordnungssinn oft verzweifelt.“ Nach der Vereinigung beklagte Monika Maron das Selbstmitleid der Ostdeutschen. Sie registrierte das Mitleid der Linken aus dem Westen, die glaubten, sich mit den ehemaligen DDR-Bürgern solidarisieren zu müssen.

Es begann Marons Weg weg von der verordneten Fortschrittlichkeit. Von 1988 bis 1992 lebte sie mit ihrem Mann in Hamburg, dann wieder in Berlin. Es erschienen ihre Romane „Stille Zeile Sechs“ (1991), „Animal triste“ (1996) und „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018). Es war nicht zu übersehen, dass Monika Maron zum Teil scharfe Kritik am Islam, an Angela Merkel, an Windenergie und gegenderter Sprache übte. „Die Wahrheit ist, dass ich vor dem Islam wirklich Angst habe. Aber warum ist das krankhaft und nicht vernünftig?“ Maron wurde immer kulturpessimistischer.

2020 kam es zur Trennung von ihrem Verlag S. Fischer, weil dieser nicht dulden wollte, dass eine Essaysammlung von Monika Maron im „Buchhaus Loschwitz“ erschien, das mit Völkischen wie Götz Kubitschek in Verbindung steht. Monika Maron fühlte sich politisch gegängelt. Sie schrieb sogar: „Nach zwölf Jahren Merkel-Herrschaft sehe ich in der politischen Figur Merkel einen Vampir, der jeder Partei und am Ende dem Parlamentarismus das Blut aussaugt.“ Starker Tobak. In der Wahrnehmung von Monika Maron gilt Aufklärung neuerdings als fundamentalistisch. Darüber hat sie schon 1998 in Bezug auf die DVU geschrieben. Sie ist sich treu geblieben. Und eine große Schriftstellerin (Marie Schmidt, SZ 2./3.6.21).

3430: In der Literatur über die DDR fehlen die Mitläufer.

Dienstag, Juni 1st, 2021

Felix Stephan macht in einem sehr gut durchdachten Beitrag (SZ 31.5.21) darauf aufmerksam, dass in der Literatur über die DDR die Mitläufer fehlen. Es kommen vor die überzeugten Täter (SED und nationale Front) und die Menschen im Widerstand, aber nicht die Mitläufer. Sie machen in jeder Gesellschaft den Löwenanteil aus, ohne sie geht gar nichts. Deswegen dürfen sie gerade in der Literatur nicht fehlen.

Nun gibt es ja viele Romane über die DDR, darunter sehr überzeugende. Felix Stephan nennt dafür die folgenden Autoren: Ines Geipel, Lutz Seiler, Alexander Osang, Helga Schubert, Eugen Ruge und Uwe Tellkamp. Das trifft zu. Was fehlt, sind Auseinandersetzungen über die persönliche Verantwortung. „Von den Einverstandenen und den Profiteuren, den Passiven und den Karrieristen ist in den DDR-Erzählungen der Nachwende kaum die Rede.“ Das betrifft breite Bevölkerungsschichten. Die Stasi (180.000 Mitarbeiter) hatte 1989 nur noch 2.500 Menschen als organisierte Widerständler registriert. Vorherrschend waren die Kollaborateure.

„Die allermeisten DDR-Bürger haben sich jahrzehntelang für die Anpassung entschieden, in der ostdeutschen Nachwendeliteratur jedoch tauchen sie kaum auf.“ In der Vereinigung haben sie „Erniedrigungen“ erfahren: Arbeitslosigkeit, Ausverkauf, Abwanderung. In der Literatur musste der Markt bedient werden, der vorwiegend aus westdeutschen Lesern bestand. Nach 1945 waren es gerade Karl Jaspers und Hannah Arendt gewesen, die sich mit der persönlichen Verantwortung der Mitläufer auseinandersetzten. Sie untersuchten die Formen der Verdrängung.

„Ist man unausgesprochen übereingekommen, dass die Verbrechen, die innerhalb des staatlichen Legitimationsrahmens der DDR begangen wurden – die Mordanschläge, die Zersetzung, die willkürlichen Verhaftungen – zwischen dem Holocaust, den Demütigungen durch die Treuhand und dem neu erwachten Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte verblassen? Oder hat man es hier doch mit einer vorbewussten Auslassung zu tun, liegt hier nicht doch eine Wunde offen?“

3428: Marx-Engels-Forum – ein deutscher Platz

Montag, Mai 31st, 2021

Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) sind zwei einmalige deutsche Philosophen und Politiktheoretiker. Man kann sie leicht abwürgen, wenn man sie für den realen Sozialismus verantwortlich macht. Aber dafür sind de facto mit Wladimir I. Lenin (1870-1924) und Josef W. Stalin (1878-1953) ein Russe und ein Georgier (Grusinier) hauptverantwortlich (Sie stehen für die seit Zarenzeiten rückständige russische politische Kultur, die wir heute in den Personen Waldimir Putin und Alexander Lukashenko wiedererkennen). Die DDR wurde gegründet noch ganz unter den stalinistischen (1929-1956) Vorzeichen. Dafür konnten die deutschen Kommunisten nichts.

Sie haben sich dann bemüht, Marx und Engels gerecht zu werden. Weil diese beiden weltweit vereinnahmt wurden, war das gar nicht leicht. Immerhin kam es dann 1986 mitten in Berlin zur Eröffnung des Marx-Engels-Forums zwischen dem Palast der Republik und dem Alexanderplatz mit einem Denkmal für Marx (sitzend) und Engels (stehend). Der hatte schon einen Ausreiseantrag gestellt (entsprechende Witze wurden von unseren Berlinern gerissen). Mit knapp vier Metern hatte das Monument eine angemessene Dimension, verweigerte den Titanismus der totalitären Denkmale. Die Ostberliner mochten das Marx-Engels-Forum (seinerzeit hieß die S-Bahn Station „Hackescher Markt“ auch noch „Marx-Engels-Forum“).

Mit der Vereinigung kam dann die (privat initiierte) preußische Rückbesinnung mit Schloss und allen entsprechenden Schikanen. Heute das Humboldt-Forum. Wo gerade die Bearbeitung der umfangreichen Raubkunst glatt in die Hose geht. 2010 wurde das Marx-Engels-Denkmal Unter den Linden gegenüber dem Berliner Dom versetzt. Dort hat es anscheinend einen würdigen und geeigneten Platz auf Dauer gefunden. Und in der Mitte unserer Hauptstadt charakterisiert eine bunte Mischung aus Bauwerken das Zentrum (Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert, Neptunbrunnen, das Rote Rathaus, der Berliner Regierungssitz, ein Denkmal Martin Luthers, der 1969 eingeweihte Fernsehturm). Lassen wir es so. Damit unsere Gäste ein Bild von der Vielfalt deutscher Geschichte bekommen.

3426: Stefan Aust 75: Hauptsache, nonkonformistisch

Sonntag, Mai 30th, 2021

Stefan Aust wird 75. Er hat veröffentlicht

„Zeitreise. Die Autobiographie.“ Piper, 656 Seiten, 26 Euro.

Darin lässt er sein journalistisches Leben Revue passieren. Es begann bei „konkret“ und den „St.Pauli Nachrichten“, ging über den NDR und Spiegel TV zur Chefredaktion des „Spiegels“ (1994-2008). Heute ist Aust Herausgeber der „Welt“ im Springer Verlag. Stefan Aust hatte Ulrike Meinhofs Zwillingstöchter aus Sizilien zurück zum Vater, Klaus Rainer Röhl, nach Hamburg geholt. Seine großen Recherchen waren der RAF und dem NSU gewidmet, dem Bernsteinzimmer und Uwe Barschel.

Für die „Zeit“ haben Kathrin Gilbert und Stefan Schirmer Aust interviewt (27.5.21), für die FAS Julia Encke und Tobias Rüther (30.5.21):

Aust: Ich leugne nicht den Klimawandel, sondern hinterfrage die Erklärung dafür kritisch. Ich wäre durchaus bereit, meine Position zu ändern, bloß sehe ich im Augenblick nicht, dass ich das müsste. …

Viele Debatten sind mir zu moralisch und vor allen Dingen politisch aufgeladen. Es geht doch um die simple Frage: Wie wichtig ist CO2 für den Klimawandel? Da gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Und es muss doch möglich sein, auf diese anderen Erklärungen hinzuweisen, ohne in die rechte Ecke gedrängt zu werden.

Zeit: Schon in den Neunzigerjahren haben Sie beim ‚Spiegel‘ eine Polemik über ‚Gutmenschen‘ zur Titelstory gemacht: ‚Feldzug der Moralisten‘. Autor war

Henryk M. Broder,

ihr Bekannter seit Jugendtagen, der heute auf dem von ihm mitgegründeten Blog ‚Die Achse des Guten‘ versucht, populären Mythen auf den Grund zu gehen.

Aust: Ich erinnere mich gut. Die deutsche Belehrungskultur hat mich schon damals gestört. Ich wurde ja in den Sechzigerjahren geprägt und war schon damals weder ein Anhänger der Freigabe von Marihuana – obwohl ich auch mal einen Joint geraucht hatte – , noch konnte ich etwas mit ‚Stricken für den Frieden‘ anfangen. Und dann habe ich gesehen, wie langjährige Bekannte auf einmal zu

Bhagwan

gingen, andere zur

DKP

und die Dritten zu den

Maoisten.

Alles nicht mein Ding. Leute, die mir früher vorhielten, ich sei nicht links genug, sitzen heute im Gefängnis, weil sie den Holocaust leugnen (Horst Mahler, W.S.).

Aust: Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass dieses Land nicht mehr gut funktioniert. Es wundert mich gar nicht, dass die Regierung in der Corona-Krise unfähig war, Masken zu besorgen oder die Bevölkerung schnell zu impfen.

Zeit: Ist es Ihnen egal, ob sie als links oder rechts gelten, Hauptsache, nonkonformistisch?

Aust: Das ist mir das Wichtigste. Ich möchte mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich denken darf.

Zeit: Sie kritisieren Angela Merkels Flüchtlingspolitik hart. Was wäre die Alternative gewesen?

Aust: Es wäre richtig und notwendig gewesen, an den Grenzen illegale Einwanderer zurückzuschicken.

Aust: … ich war weder der politische Aktivist noch jemand, der größere politische Vorträge halten wollte. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich kein großer Anhänger des Sozialismus bin.