Archive for the ‘Geschichte’ Category

3612: Deniz Yücel ist deutscher PEN-Präsident.

Donnerstag, Oktober 28th, 2021

Das deutsche PEN-Zentrum hat Deniz Yücel (u.a. „Die Welt“) zu seinem neuen Präsidenten gewählt. Seine Vorgängerin, Regula Venske, war nicht mehr angetreten. Yücel setzte sich gegen Marion Tauschwitz durch. Der 1973 in Flörsheim am Main geborene Journalist wurde 2017 in der Türkei verhaftet und saß ein Jahr in Untersuchungshaft wegen „Verunglimpfung“ der Türkei.

Yücel wollte sich nicht auf die Rolle des „deutschtürkischen Journalisten, der im Kerker des Kalifen saß“ festlegen lassen. Er habe aber gemerkt, dass diese Rolle auch Verantwortung mit sich bringe und nahelege, sich für andere einzusetzen. Yücel sprach sich für die „intellektuelle, politische und kulturelle Auseinandersetzung mit den Feinden der offenen Gesellschaft“ aus.

Yücel nahm Stellung zu den jüngsten Debatten auf der Frankfurter Buchmesse. Man müsse ertragen können, wenn jemand bei einer offiziellen Veranstaltung plötzlich ans Mikrofon dränge wie die Stadtverordnete Mirrianne Mahn (Grüne), um zu kritisieren, dass „schwarze Frauen auf der Buchmesse nicht willkommen“ gewesen seien. Befremdlich findet Yücel die Reaktion von Oberbürgermeister Peter Feldmann (CDU), daraufhin sofort nachzugeben und sich für den Ausschluss bestimmter Verlage auszusprechen (wiel, FAZ 28.10.21).

3611: Kohl-Witwe hat wenig Chancen.

Mittwoch, Oktober 27th, 2021

2016 klagte Helmut Kohl gegen Heribert Schwan, seinen ehemaligen Ghostwriter, von dem er sich 2009 getrennt hatte, für dessen Buch

Vermächtnis – Die Kohl-Protokolle,

das dieser gemeinsam mit Tilman Jens geschrieben hatte, der 2020 verstorben ist. Die ursprüngliche Klage ging über 5 Millionen Euro und die Streichung von 116 Stellen in dem Buch, die alle von Schwan stammten. 630 Stunden hatte Heribert Schwan auf Band, die für die vierbändigen Memoiren von Helmut Kohl gedacht waren. „Kohl hatte in den Gesprächen .. ungewöhnlich offenherzig vom Leder gezogen und seinem aufmerksamen Zuhörer viele deftige Zitate geliefert.“ (Wolfgang Janisch, SZ 26.10.21) Helmut Kohl starb am 16 Juni 2017.

Seine Witwe, Maike Kohl-Richter, verfolgte den Prozess weiter. Aber der Tod ändert juristisch alles. Zwar war Heribert Schwan zur Verschwiegenheit verpflichtet, aber der noch nicht rechtskräftig gewordene Anspruch war nicht vererbbar. Und: „Einem Verstorbenen kann Genugtuung nicht mehr verschafft werden.“ Bleibt die Frage, ob es Frau Kohl-Richter gelingt, wenigstens die rufschädigenden Zitate tilgen zu lassen. Ansonsten kommen wir vielleicht doch noch in den Genuss der „Wahrheit“ in der Form von deftigen Helmut-Kohl-Zitaten (z.B. über Heiner Geißler).

 

3610: Schwarze Frauen sind auf der Frankfurter Buchmesse durchaus willkommen.

Dienstag, Oktober 26th, 2021

Die Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt Frankfurt, Mirrianne Mahn (Grüne), hatte einen fulminanten Auftritt, als sie bei der Begrüßungsrede des Frankfurter Oberbürgermeisters, Peter Feldmann (CDU) auf der Buchmesse, diesen unterbrach und behauptete, dort seien schwarze Frauen nicht willkommen.

Aber das stimmt gar nicht.

Warum hat ihr nur keiner widersprochen? Die meisten sind dazu zu feige. Im übrigen waren auf der Buchmesse sehr viele schwarze Frauen da. Wie schon in den Jahren zuvor. Hier spazieren alle Geschlechter, Generationen und Hauttypen durch die Flure. Lediglich aus juristischen Gründen geduldet sind die Rechtsextremen. Sie selber würden solch eine Veranstaltung wie die Buchmesse sofort verbieten, wenn sie es könnten. Diese Messe verkörpert all jene Werte, welche die Rechtsextremen so hassen. Diese selbst erscheinen den meisten Besuchern als irrelevant. Aber diese mangelnde Aufmerksamkeit kann bei den Rechtsextremisten durchaus der Grund sein für die Anwendung von Gewalt. Dem muss die Messeleitung mit sicherheitspolitischen Vorkehrungen begegnen.

„Das Europa des Jahres 2021 mit seinen sicher noch nicht perfekten, aber vielfältigen Gesellschaften, ist übrigens das sozialste, glücklichste, inklusivste Europa, das es je gab.“ (Nils Minkmar, SZ 26.10.21)

Europa hat den Totalitarismus überwunden.

„Heute können wir dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Dazu bedarf es neben einer Haltung noch eines eminent wichtigen Werkzeugs, der Sprache. Man wäge seine Worte.“

3607: Mützenich empört sich.

Montag, Oktober 25th, 2021

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich empört sich über eine Aussage von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zur atomaren Abschreckung. „Die jüngsten Gedankenspiele der Verteidigungsministerin zum Einsatz von Nuklearwaffen in einem Konflikt mit Russland sind verantwortungslos.“ Die Ministerin hatte gesagt, dass die NATO zur Abschreckung bereit sein müsse, den Einsatz auch von Atomwaffen in Betracht zu ziehen. Sie verwies auf die Luftraumverletzungen Russlands über den baltischen NATO-Staaten und „Übergriffigkeiten rund um das Schwarze Meer“. (Markus Wehner, FAZ 25.10.21) Damit hat sie sehr recht.

Es kann ja unter dem Einfluss der SPD eine tolle Außen- und Verteidigungspolitik der Ampelkoalition werden.

3606: Die Herausforderungen der NATO

Sonntag, Oktober 24th, 2021

Die alte Tante NATO ist gezwungen, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Russland wird zunehmend aggressiver, was allein an der völkerrechtswidrigen Anexion der Krim 2014 deutlich wird (und sehr vielem anderen). Als partiell europäischer Partner der USA ist die NATO von der Bedrohung Taiwans durch China betroffen. Auch sie muss darauf reagieren.

„Sie täte gut daran, China nicht auf eine Stufe mit Russland zu stellen, das für das Bündnis und seine europäischen Mitglieder militärisch noch lange eine Bedrohung von ganz anderer Dimension darstellen wird. Sie kann aber nicht so tun, als würden Cyber-Fähigkeiten oder die Aufrüstung Chinas bei strategischen Atomwaffen nicht die globale Balance verschieben und auch Europa bedrohen. Als politisches Bündnis von Demokratien kann sie zudem nicht zusehen, wie Peking die internationale Ordnung nach seinem Gusto umzubauen versucht.“ (Paul-Anton Krüger, SZ 23./24.10.21)

Diese Aufgabe auch der deutschen Politik ist nicht einfach zu erfüllen. Die Linke hasst die NATO. Und die heimlichen Pazifisten bei den Grünen und der Mützenich-SPD sind dazu nicht in der Lage. Schlechte Aussichten.

3604: Klingt bald der Ruf des Muezzins durch Deutschland ?

Freitag, Oktober 22nd, 2021

Auf Initiative der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) können muslimische Gemeinden beantragen, dass der Ruf zum Freitagsgebet durch den Muezzin bald in Köln erklingen kann. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Ayman Mayzek, begrüßt das Projekt: „Köln sendet damit ein Zeichen der Toleranz und der Vielfalt in die Welt.“ (SZ 22.10.21)

Die frühere Islam-Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Lale Akgün, dagegen meint: „Die Erlaubnis für den Muezzin-Ruf von der Ehrenfelder Moschee ist .. ein Knicks vor dem politischen Treiben Erdogans in Deutschland.“ (SZ 22.10.21) Der Schriftsteller Hamed Abdel-Samad kritisiert, die Initiative werde auch Salafisten beflügeln, „gerade in Köln, wo die meisten Salafisten und die meisten Erdogan-Anhänger Deutschlands leben“ (Zeit 21.10.21). Die Anwältin und Moschee-Begründerin Seyran Ates meint, dass die Religionsfreiheit leider von männlichen Vertretern des Islams und konservativen Muslimen gerne benutzt werde. „Sie benutzen die Freiheit, um frauenfeindliche Traditionen im Islam zu verteidigen, die von liberalen Muslimen angezweifelt werden. Offenbar haben manche traditionalistischen Muslime noch immer große Probleme mit der Religionsfreiheit anderer Muslime.“ (Zeit 21.10.21)

Hamed Abdel-Samad: „Ich komme aus Ägypten, wo man überall religiöse Botschaften hört. Hat das dem Land Frieden gebracht? Frieden entsteht nicht durch Religion, sondern durch mehr Säkularität. Die meisten Muslime in Deutschland beten ja nicht, und die meisten muslimischen Frauen tragen kein Kopftuch. Wir sollten daher die Integrationsdebatte entislamisieren. Endlich.“

Seyran Ates: „Deshalb finde ich, der Muezzinruf über deutschen Dächern ist ein weiterer Sieg für die, die nur ihre eigene Freiheit kennen. Wer sie unterstützt, unterstützt Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. Die Kölner Entscheidung ist für liberale Muslime und für Ex-Muslime ein harter Schlag. Sie ist voller Heuchelei und Anbiederung an eine freiheitsfeindliche Art von Islam.“

Die Journalistin Necla Kelek: „Wenn zum Freitagsgebet nur Männer eingeladen werden und den Frauen nur ein separater Raum geboten wird, dann wird dort ein archaisches Gesellschaftsmodell gelebt.“ (SZ 22.10.21)

Der Journalist Tomas Avenarius: „Dem Miteinander der Kulturen und Religionen tut Kölns Bügermeisterin keinen Gefallen. Sie spielt denen in die Hände, die antimuslimische Ressentiments als politisches Instrument nutzen. Das sind die vor angeblicher Islamophobie warnenden Islamisten selbst, aber auch die Hassprediger der AfD und der anderen Rechten.“ (SZ 22.10.21)

3603: Dauerthema: Nord Stream 2

Donnerstag, Oktober 21st, 2021

„Natürlich ist es in dem Verfahren nicht egal, ob die künftige Bundesregierung Nord Stream 2 als harmlose Pipeline einstuft oder als Gefahr für die europäische Energiesicherheit. Außerdem müssen sich die Koalitionäre Gedanken darüber machen, wie sie ein Versprechen der noch amtierenden Bundesregierung einzulösen gedenken. Diese hat zugesagt, die Ukraine zu unterstützen und es Russland nicht durchgehen zu lassen, falls es Energie als Waffe einsetzt.“ (Daniel Brössler, SZ 21.10.21).

3602: 736 Abgeordnete im Bundestag

Donnerstag, Oktober 21st, 2021

Im 20. Deutschen Bundestag sitzen 736 Abgeordnete. Bisher waren es 709. Den 299 direkt gewählten Abgeordneten stehen 437 Parlamentarier gegenüber, die über Landeslisten in den Bundestag kamen. Die Mindestgröße des Bundestags mit 598 wird dadurch um fast 25 Prozent überschritten. Die Wahlbeteiligung lag bei 76,6 Prozent (2017: 76,2). Der Anteil der Briefwähler stieg auf 47,3 Prozent (FAZ 16.10.21).

3598: Deutsche Verlage haben Angst.

Mittwoch, Oktober 20th, 2021

Literarische Texte haben in einzelnen Fällen schon immer Aufregung verursacht. Denken wir an Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974). Oder an Wolf Biermanns Votum gegen den Bundespräsidenten und ehemaligen Nationalsozialisten Karl Carstens: „Heil Hitler, teurer Wandersfreund, wie geht’s mit ihren Füßen/ich soll Sie von Herrn Filbinger mit deutschem Gruße grüßen.“ Aber den Streit darüber hielten deutsche Verlage seinerzeit aus. Heute haben sie vielfach Angst. Sie holen Textprüfinitiativen ins Haus für „Sensitivity Reading“, die Manuskripte auf ihre Wokeness-Kompatibilität überprüfen. Wokeness heißt wach zu sein für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Unterdrückung (Frauen, Schwule, Ausländer etc.). Darüber gerät manchmal die „normale“ soziale Ungerechtigkeit, etwa der Trennung von Arm und Reich, aus dem Blick. Das stellt z.B. Sarah Wagenknecht fest.

Heute gibt es verstärkt die Frage, ob eingeführte Literatur überhaupt noch gelesen werden darf. Wilhelm Raabe mit dem judenhassenden Erzähler im „Hungerpastor“ oder der rassistische Wilhelm Busch gerieten dabei schon unter die Räder. Der Monarchist Johann Wolfgang Goethe war nicht politisch korrekt. Ebenso nicht der Frauenverschlinger Bertolt Brecht. Die Literaturchefin des Piper-Verlags, Felicitas von Lovenberg, sagt: „Ich versuche Kolleginnen und Kollegen immer zu sagen: Wir sind keine Gesinnungsanstalt, sondern eine Plattform.“ Sie sieht durchaus, dass identitätspolitische Perspektiven bei jungen Autorinnen und Autoren immer mehr an Raum gewinnen. Von der Universität kämen sie schon woke in die Verlage.

Einen zentralen Punkt trifft Caroline Fourest mit ihrem Buch „Generation beleidigt“, in dem sie belegt, dass häufig die Legitimation, sich zu äußern, von der ethnischen Zugehörigkeit abhängig gemacht wird. So dürfe in der Auffassung vieler Kritiker und Kommentatoren ein Gedicht wie Amanda Gormans „The hill we climb“, das sie bei der Amtseinführung Joe Bidens vorgetragen habe, nur von einer schwarzen Frau übersetzt werden. Das Problem für viele relevante Verlage besteht darin, dass sie auch die sozialen Medien bedienen müssen. Dort sind mittlerweile Leute eingestellt, die in sozialen Medien ihre Weltanschauung gebildet haben. In einen Shitstorm (Entrüstungssturm) war Joanne K. Rowling geraten wegen ihrer Transfeindlichkeit. Inzwischen führt sie schon wieder die Bestsellerlisten an. „Wenn ein Pendel heftig ausschlägt, schwingt es irgendwann auch wieder zurück.“ Insofern setzt Literatur sich vielleicht doch fast von alleine durch. Die Autorin Sally Rooney will der Übersetzung ihres neuen Romans ins Hebräische allerdings erst dann zustimmen, wenn sich in Israel ein Verlag findet, der die Kriterien der Boykottiert-Israel-Organisation (BDS) erfüllt (Hilmar Klute, SZ 15.10.21).

3595: Gerd Ruge ist tot.

Montag, Oktober 18th, 2021

Er war einer der legendären Reporter im deutschen Journalismus nach 1945, hauptsächlich im Fernsehen. Gerd Ruge, der nun im Alter von 93 Jahren in München gestorben ist. Begonnen hatte seine Karriere 1949 noch beim Namensgeber des Adolf-Grimme-Preises, Adolf Grimme, beim NDR. 1950 war er der erste westliche Korrespondent in Jugoslaweien, 1956 ging er nach Moskau, 1964 nach Washington, später wieder nach Moskau. Zwischendurch war er für die „Welt“ in Peking (z.B. beim Tod Mao Tse Tungs 1976). Wir kennen ihn als Russland-Experten. Mit dem heftigen Nuscheln. Das erschien beinahe als Qualitätsmerkmal.

1963 hatte er mit Klaus Bölling den „Weltspiegel“ begründet, der bis heute unser deutsches Wissen über die Welt befördert. 1961 hatte Ruge gemeinsam mit Carola Stern und Felix Rexhausen die deutsche Sektion von Amnesty International gegründet. Er wurde Chefredakteur des WDR. Legendär ist seine Reportage zur Ermordung Robert Kennedys 1968, fünf Jahre nach dem Mord an John F. Kennedy und zwei Monate nach der Ermordung Martin Luther Kings. Da zeigte Gerd Ruge während der Reportage menschliche Züge, er zittert und musste seine Tränen verbergen. Die offizielle Politik mied Gerd Ruge nach Kräften. Er berichtete von ihren Folgen für die Menschen. „Wer Ruge sah, musste ihn hören, musste ihm angespannt zuhören, um nur ja nichts von dem zu verpassen, was er aus dem finsteren Russland und aus dem kaum leichter zu begreifenden Amerika zu berichten hatte.“ (Willi Winkler, SZ 18.10.21)