Archive for the ‘Geschichte’ Category

3689: Wehrhafte Demokratie

Dienstag, Dezember 21st, 2021

Die in letzter Zeit immer radikaler werdenden Querdenker und ihre Helfer (Anthroposophen, Homöopathen, Waldorfianer et alii) bedrohen neuerdings nicht nur Politiker, sondern auch

Wissenschaftler, Journalisten und Restaurantbesitzer.

Die stehen zum Teil auf „Feindeslisten“. Dazu schreibt Anne Hähnig (Die Zeit, 9.12.21): „Richtige Worte reichen längst nicht mehr. Nicht nur, aber besonders in Sachsen fühlen sich manche Bürger zum gewalttätigen Widerstand ermächtigt. Denen sollte der Staat nun beweisen,

wer das Gewaltmonopol hat in diesem Land.

Denn Bedrohung, Beleidigung oder Volksverhetzung sind ja längst strafbar.“

Schon 2015 trat in Trögnitz in Sachsen-Anhalt der Bürgermeister zurück, weil Rechtsextremisten seine Familie bedrängten. 2019 wurde Walter Lübcke bei Kassel ermordet. Trotzdem sind die Maßnahmen gegen den Hass noch lange nicht ausreichend. Die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) erklärte die Bekämpfung des Rechtsextremismus zu ihrem Hauptziel. Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht Rechtsextremisten als „die größte Gefahr für unsere Demokratie“.

„Im ersten Schritt muss der Staat zeigen, dass er wehrhaft ist und seine eigenen Amtsträger beschützt. Es braucht ein Gesetz, dass Demonstrationen vor Privatwohnungen von Politikern verbietet (und damit Strafen möglich macht). Es braucht gut ausgestattete Sonderkommissionen in jedem einzelnen Landeskriminalamt, die ausschließlich Beleidigungen und Bedrohungen verfolgen.“

Wenn das Lynchen eines Ministerpräsidenten angekündigt wird, hilft dagegen nur ein Strafbefehl.

3688: Danke, Martin Luther !

Montag, Dezember 20th, 2021

Martin Luther war vom Reichstag in Worms 1521 geflohen, weil er sich mit Kaiser Karl V. und dem Klerus angelegt hatte. Auf der Wartburg übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Sehr schnell. Und das geht heute nicht nur eine fromme christliche Minderheit an. „Denn die Sprache, die wir hierzulande sprechen und schreiben, den ‚protestantischen Dialekt‘, wie es der Sprachforscher und Märchensammler Jacob Grimm ausdrückte, diese Sprache hat Martin Luther mit geschaffen.“ (Johann Schloemann, SZ 18./19.12.21) Später wurde auch das Alte Testament übersetzt. Das brachte einen Schub von Alphabetisierung und vereinheitlichte die Mundarten in Deutschland. Nach Luther sollte jede und jeder erst einmal selber lesen, was geschrieben steht. Der Buchdruck des Johannes Gutenberg verhalf zur religiösen und kulturellen Wende.

Luther hatte Zusammensetzungen wie „Menschenfischer“ und „nacheifern“ erfunden. Und es bedarf heute kaum noch der Erwähnung, dass dies Katholiken und Evangelische nicht nur nicht mehr trennt, sondern zutiefst verbindet. Dies können wir in Göttingen erleben. Übersetzt wurde auch der berühmte Satz des Paulus in seinem Römerbrief, wonach „der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“. Das Wort „allein“ stand nicht im Originaltext. Dazu Martin Luther: „Wo man’s will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehöret es hinein, denn ich habe deutsch, nicht lateinisch oder greichisch reden wollen.“ Darin steckt auch die Idee der Übersetzbarkeit, die heute wichtiger ist als je zuvor. „Übersetzung ist das tägliche Brot der Verständigung – etwa aus Fachsprachen, wenn plötzlich alle ‚vulnerabel sagen statt verletzlich.“ Der Reichtum der Verschiedenheit entsteht gerade durch den Versuch, alles auch in der eigenen Sprache ausdrücken zu können.

3687: Friedrich Merz mit 62,1 Prozent zum CDU-Vorsitzenden gewählt.

Sonntag, Dezember 19th, 2021

Friedrich Merz ist mit 62,1 Prozent im ersten Wahlgang zum CDU-Vorsitzenden gewählt worden (Norbert Röttgen 25,8 Prozent, Helge Braun 12,1 Prozent). Das ist für die CDU ein gutes Ergebnis. Einmal betrug die Wahlbeteiligung immerhin 66 Prozent. Zum anderen ist die Zeit der „Merkeleien“ endgültig vorbei, wobei viele von uns gar nicht wussten, was die CDU eigentlich wollte. Die CSU wird glücklicherweise domestiziert. Die muss erst einmal die Landtagswahlen in Bayern 2023 überzeugend gewinnen. Und CSU-Kanzlerkandidaten tun der Union bekanntlich nicht gut (vgl. Franz-Joseph Strauß, Edmund Stoiber).

Die Wahl Merz‘ ist eine Cäsur für die CDU. Sie kann wieder versuchen, eine solide Mehrheitspolitik in der Mitte zu führen. Und Friedrich Merz hat gelernt: Intellektuell und rhetorisch ist er sowieso sehr gut. Nun will er auch noch integrieren. Und das ist richtig. Merz will den Berliner Mario Czaja zum Generalsekretär vorschlagen. Und die baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Christina Stumpp als seine Stellvertreterin. Bleibt als Problem Ralph Brinkhaus, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende. Er muss im Frühjahr 2022 neu gewählt werden.

3683: Frank Ulrich wird Sportausschuss-Vorsitzender.

Donnerstag, Dezember 16th, 2021

1980 wurde Frank Ulrich für die DDR Olympiasieger im Biathlon-Sprint. Zwischen 1998 und 2010 führte er als Bundestrainer die deutschen Biathleten zu zahlreichen Olympia- und WM-Medaillen. Von 2012 bis 2015 trainierte er die deutschen Langläufer. 2021 gewann der SPD-Kandidat seinen süd-thüringischen Wahlkreis mit 33,6 Prozent der Erststimmen gegen den CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen. Nun wurde er von der SPD zum Sportausschuss-Vorsitzenden nominiert (SZ 16.12.21).

3680: Hohenzollern verlieren vor Gericht.

Montag, Dezember 13th, 2021

Zweimal hat das Landgericht Berlin gegen die Hohenzollern entschieden. Einmal wurde eine einstweilige Verfügung von Georg Friedrich Prinz von Preußen gegen die brandenburgische Linke abgewiesen. Zum anderen hat das Gericht im parallel zum Verfahren im einstweiligen Rechtsschutz gegen Stephan Malinowski im Hauptsacheverfahren die Klage des Herrn Prinz von Preußen zurückgewiesen. Das ist insofern überraschend, als dieses Gericht in mehr als 80 Verfahren meist zu Gunsten der Hohenzollern geurteilt hatte. Es geht u.a. um die Zulässigkeit einer Äußerung von Malinowski in einer Mail an eine Journalistin, die diese ohne Malinowskis Wissen in einem Artikel publiziert hatte. Im anderen Verfahren ging es um den Text der Volksinitiative „Keine Geschenke den Hohenzollern“. Darin stand, das ehemalige Herrscherhaus beanspruche Wohnrecht im Schloss Cecilienhof (SZ 13.12.21).

3676: Georg Stefan Troller 100

Freitag, Dezember 10th, 2021

Er hat wohl über tausend Interviews geführt. 170 Fernsehfilme gemacht. Die immer auch ein wenig seine eigene Geschichte enthielten. Mit seiner Familie musste er 1938 als Jude aus Wien nach Frankreich fliehen. Fühlte sich aber stets als Teil der deutschen Kultur, der Liebhaber von Heine und Goethe: Georg Stefan Troller, der 100 Jahre alt geworden ist. Seit seiner Vertreibung spürte er die enge Verbundenheit mit seinen Landsleuten Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud und Stefan Zweig. 1962 war er zum WDR und dessen „Pariser Journal“ gekommen. Die Freunde Paul Celans dürfte es betrüben, dass Georg Stefan Troller kurz vor dessen Selbstmord noch ein Treffen beim Bier mit dem Dichter hatte. 1972 ging Troller zum ZDF. Und arbeitete dort weiter sehr erfolgreich auf seine provokante und leicht bösartige Weise an seinen Porträts. Er ist eine Jahrhundertfigur (Willi Winkler, SZ 10.12.21).

3674: Wie Cerstin Gammelin die Ost-Frauen sieht.

Mittwoch, Dezember 8th, 2021

Cerstin Gammelin ist eine sehr erfolgreiche Journalistin bei der SZ. Sie stammt aus Ostdeutschland. Anlässlich des Rücktritts von Angela Merkel schreibt sie (6.12.21):

„An Kanzlerin Merkel hat DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann jüngst im ‚Tagesspiegel‘ befunden, sei nichts mehr ostdeutsch gewesen, weder im Stil noch in den politischen Inhalten. Dem mögen viele zustimmen, womöglich wäre es Merkel sogar recht, sie wollte ja eine gesamtdeutsche Kanzlerin sein. Das Entscheidende ist etwas anderes. Vom Ende her betrachtet, also Dezember 2021, hat sie es mit ihrem Regierzungsstil ermöglicht, dass in das wiedervereinigte Land Dinge diffundieren konnten, die einst in der DDR funktioniert hatten. Die Selbstverständlichkeit, dass Frauen arbeiten gehen. Das Feministisch-Selbstbestimmte, ein modernes Frauenbild. Flächendeckende Angebote an Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen. Ärztehäuser, die im Osten Polikliniken hießen. Mobile Gemeindeschwestern, die übers Land fahren, wo der Arzt eingespart wurde. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.“

3673: Frauen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Mittwoch, Dezember 8th, 2021

„Der Verein (‚Pro Quote‘, W.S.) untersuchte 2018 die Geschlechterverhältnisse im Rundfunk. Dort kam heraus: Die Hälfte der Belegschaft und ein Großteil des journalistischen Nachwuchses in öffentlich-rechtlichen Sendern ist weiblich, doch in den Führungsriegen sind Frauen in den meisten Häusern entweder in der Minderheit oder völlig abwesend. In den Intendanzen zählte der Verein 2018 nur zwei Frauen in den zwölf öffentlich-rechtlichen Anstalten (neun Landesanstalten der ARD, das ZDF, die Deutsche Welle und Deutschlandradio).

Seitdem haben sich einige Stühle bewegt, Patricia Schlesinger (RBB) und Karola Wille (MDR), die beiden Intendantinnen von 2018, sind heute in Gesellschaft von Katja Wildermuth (BR) und Yvette Gerner (Radio Bremen). Auf der Intendantenebene wäre der Frauenanteil damit auf vier von zwölf erhöht. Doch auch die Kontrollgremien der Sender waren 2018 mehrheitlich mit Männern besetzt. In den Rundfunk-, Hörfunk- und Fernsehräten betrug der durchschnittliche Frauenanteil laut Pro Quote 41,5 Prozent, in den Verwaltungsräten 38,5 Prozent.“ (Aurelie von Blazekovic, SZ 7.12.21)

3670: Horst Eckel ist tot.

Sonntag, Dezember 5th, 2021

Der letzte Weltmeister von 1954, Horst Eckel, ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Er hat 32 Länderspiele absolviert und gehörte in der Nationalmannschaft zum Kern vom 1. FC Kaiserslautern: Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich, Horst Eckel, Ottmar Walter, Fritz Walter. 1951 und 1953 wurde man Deutscher Meister. 1954 gab es im Endspiel die deftige 1:5 Niederlage gegen Hannover 96. Horst Eckel galt in der Mannschaft als Assistent und Helfer von Fritz Walter, dem großen Spielgestalter. Bescheiden sein Leben lang. Auf dem zweiten Bildungsweg wurde er Lehrer für Sport und Werken. Regelmäßig besuchte er Jugendstrafanstalten und Gefängnisse und wirkte mit an der Integration. 2017 war sein letzter 54er-Spielkamerad, Hans Schäfer vom 1. FC Köln, gestorben. Manche aus der Weltmeistermannschaft hatten nach dem Titel, einem nationalen Mutmacher,  ihr Leben kaum noch in den Griff gekriegt. 1974 starb bereits Werner Kohlmeyer. Alkohol, Verlorenheit, Aushilfsjob in der Pförtnerbude. Der Held von Bern, Helmut Rahn (Rotweiß Essen), hat seine Geschichte an den Theken und Tresen des Ruhrpotts zu häufig erzählt. bevor er die innere Emigration wählte (Roland Zorn, FAZ 4.12.21; Holger Gertz, SZ 4./5.12.21).

3669: Gottfried von Cramm – ein charmanter Star

Sonntag, Dezember 5th, 2021

Er trug einen berühmten Namen und war einer der besten Tennisspieler der dreißiger Jahre. Aber er war noch viel mehr als das. Jens Nordalm hat ihm eine Biografie gewidmet:

Der schöne Deutsche. Das Leben von Gottfried von Cramm. Hamburg (Rowohlt) 2021, 288 Seiten, 24 Euro.

Er war eine Art Roger Federer der Vorkriegszeit. Elegant, höflich, erfolgreich. Und bisexuell. Zweimal war er verheiratet und hatte Affären mit Männern. Dafür wurde er 1937 von den Nazis für sieben Monate ins Gefängnis gesteckt. 1939 verpasste er Wimbledon, weil er vorbestraft war. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront geschickt.

Nach 1945 wollte Gottfried von Cramm sein Leben zurück. Partiell gelang ihm das im Tennis. Und sein Ruf wurde bei uns Tennisfreunden gepflegt (witt., FAS 5.12.21).