Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

2228: Die Seele der Grünen

Donnerstag, Dezember 20th, 2018

Die Wahlerfolge der Grünen sind nicht zu übersehen. Und wir hoffen, dass die Grünen dann, wenn sich das in Regierungsverantwortung niederschlägt, erfolgreiche Politik machen. Da stört zackiger Abschiebungs-Rigorismus nur. Wie ihn Annalena Baerbock an den Tag gelegt hat, als sie verlangte, dass bei straffällig gewordenen Migranten „konsequent“ durchgegriffen werden müsse. Winfried Kretschmann will „junge Männerhorden“ aus den Städten verbannen. Und Boris Palmer fährt seinen eigenen Kurs.

„Wird aus dem moralischen Rigorismus, mit dem die Grünen groß geworden sind, nun ein grüner Anpassungsrigorismus? Anpassung an den Mainstream, Anpassung an die breiter gewordene Wählerbasis. Die Frage, die man den Grünen stellen muss, lautet deshalb: Was hilft es, wenn man noch einmal schnell drei Prozent gewinnt, damit aber auf Dauer Glaubwürdigkeit verspielt?“

„Wem soll hier nach dem Munde geredet werden? Es wird ja derzeit schon in Kriegsgebiete abgeschoben, nach Afghanistan und in den Irak. Ist es da gut, wenn nun auch die Grünen noch mehr und noch schnellere Abschiebungen fordern?“

Auf ihrem Weg an die Macht waren die Grünen bei den Jamaika-Verhandlungen im letzten Jahr schon bereit, einige Kröten zu schlucken: Rückführungszentren, massive Einschränkungen des Familiennachzugs, Algerien, Marokko und Tunesien als weitere sichere Herkunftsstaaten und eine Obergrenze für Flüchtlinge bei 200.000 Menschen (Heribert Prantl, SZ 20.12.18).

2227: Heinrich August Winkler 80

Donnerstag, Dezember 20th, 2018

Im „Historikerstreit“ 1986 sorgte nicht zuletzt Heinrich August Winkler dafür, dass die revisionistischen Thesen von Ernst Nolte sich in der Wissenschaft nicht durchsetzen konnten. Er bewirkte das mit historiografischer Präzision und Ironie. Heinrich August Winkler ist gerade 80 Jahre alt geworden. Er trat seinerzeit auch linken Thesen entgegen, etwa der, dass die Teilung Deutschlands eine Strafe für Auschwitz sei. Da war er mit Günter Grass nicht einig. Winkler war seit 1962 SPD-Mitglied. Er wandte sich gegen Oskar Lafontaines „Instrumentalisierung der Geschichte für tagespolitische Zwecke“.

Die größte wissenschaftliche Leistung des 1944 mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohenen Winkler war seine „Geschichte des Westens“. Ihn begreift der Historiker als normatives Projekt, zu dem zum Besten der Deutschen auch die Bundesrepublik endgültig gefunden hat. Winkler lehrte zwanzig Jahre Geschichte an der Universität Freiburg. Mit der Vereinigung Deutschlands ging er an die Berliner Humboldt-Universität und setzte dort gegen die DDR-Historiografie moderne professionelle Standards durch.

Heinrich August Winkler besticht in den wissenschaftlichen Diskursen durch Ruhe und Vernunft. Er mischt sich immer wieder ein und bezieht dabei einen aufklärerischen Standpunkt. Auslandseinsätze der Bundeswehr mit Auschwitz zu begründen, lehnt er ab. Die fehlende Kritik der deutschen Linken an Wladimir Putin und seiner Expansionspolitik ist ihm suspekt (Joachim Käppner, SZ 19.12.18).

2226: Das Faible der Rechtspopulisten für Russland

Dienstag, Dezember 18th, 2018

1. Viele meiner Bekannten verstehen nicht das Faible von Rechtspopulisten (etwa in der AfD) für Russland. Müssten sie nicht eigentlich als geborene Antikommunisten gegen Russlands illiberale Politik unter Putin sein (Annektion der Krim, Krieg in der Ukraine etc.)?

2. Tatsächlich war der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 gespeist von Antikommunismus und dem rassistisch fundierten Glauben an die deutsche Mission im Osten. Gekoppelt mit der These vom „Volk ohne Raum“ (Hans Grimm).

3. Ein großer der Teil der wilhelminischen Intelligenz und ihrer Nachfolger in der Weimarer Republik war allerdings strikt antiwestlich (etwa gegen die Wallstreet und Hollywood). Das hat sich bei eingen Gruppen bis heute gehalten.

4. „Ursprünglichkeit“ und „Seele“ fanden viele deutsche Literaten attraktiv in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, insbesondere bei Fjodor Dostojewski (1821-1881).

5. Der Herausgeber der ersten großen deutschen Dostojewski-Ausgabe war Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925), der später den Begriff vom „dritten Reich“ prägte.

6. Propagandist vom Licht im Osten war Dmitri Mereschkowski (1865-1941).

7. Er hatte Einfluss auf Thomas Mann (1875-1956) in dessen antiliberaler Phase und seine antiwestlichen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918).

8. Die Vorliebe für deutsche Sonderwege rührte her vom Hass auf den Liberalismus. Der habe aus Helden Händler gemacht.

9. Eine kleine Gruppe innerhalb der deutschen Rechten glaubte, den Diktator Wadimir I. Lenin (1870-1924) für ihre Politik der Niederringung des Westens einspannen zu können.

10. Autoren wie der Nationalbolschewist Ernst Niekisch (1884-1967) und der an der Ermordung Walther Rathenaus beteiligte Ernst von Salomon (1902-1972; „Der Fragebogen“ 1948) präferierten Russland.

11. Es gab eine enge Rüstungskooperation zwischen Deutschland und der Sowjetunion, um den Versailler Vertrag zu umgehen („Schwarze Reichswehr“).

12. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war der perverse Höhepunkt der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit. Er lief hinaus auf die vielen Millionen sowjetischer und deutscher Opfer im Zweiten Weltkrieg.

13. Die DDR war von 1949 bis 1990 ein Vasall der Sowjetunion.

14. Heute bewundern viele Rechtspopulisten die energische und aggressive Machtpolitik Wladimir Putins.

(Volker Weiss, Die Zeit 6.12.18)

2225: CDU/CSU gegen Bots

Montag, Dezember 17th, 2018

Besorgt zeigt sich der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im deutschen Bundestag, Ralph Brinkhaus, darüber, dass immer mehr politische Debatten über soziale Netzwerke manipuliert werden. „Vor allem im Netz und in sozialen Medien wurde eine Welle von Unwahrheiten und Diffamierungen ausgelöst. … Diese ganze Entwicklung macht mir große Sorgen“, weil sie den Kern der Demokratie angreife,

die freie Meinungsbildung.

„Es ist allerhöchste Zeit, hier aufzuwachen. 2019 ist in Deutschland ein Superwahljahr.“

Bots ist eine Abkürzung von Roboter. Diese Bots sind computergesteuerte Accounts, die sich in sozialen Netzwerken zum Teil als reale Nutzer ausgeben. Solche Bots verbreiten in hoher Frequenz programmierte Botschaften und können schnell die Themen- oder gar die Meinungshoheit erlangen (FAS 16.12.18).

2219: Deutscher Rundfunkbeitrag ist rechtens.

Freitag, Dezember 14th, 2018

Der seit 2013 pauschal für jede Wohnung erhobene deutsche Rundfunkbeitrag ist rechtens. Das hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg entschieden. Er ist keine unerlaubte staatliche Beihilfe und verstößt nicht gegen das EU-Recht. Gegenwärtig beträgt er 17,50 Euro. 2017 kamen dadurch für ARD und ZDF knapp acht Milliarden Euro zusammen (dpa 14.12.18).

2218: Was ist mit der kolonialen Raubkunst ?

Mittwoch, Dezember 12th, 2018

1. Bevor nicht interessierte Kreise den Bau eines Schlosses in Berlin (mit Humboldt-Forum) durchgesetzt hatten, ging lange Zeit fast niemand in ethnologische Museen.

2. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stellte sich gegen die Politik aller Vorgänger und befreundeten Regierungen und erklärte, alle koloniale Raubkunst sei unverzüglich zurückzugeben.

3. Für viele Staaten wie Nigeria und Äthiopien ist die Forderung nach der Rückgabe der Raubgüter konstitutiv.

4. Außereuropäische Kunst befindet sich in Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart, München, Dresden und Köln sowie in den ethnologischen Sammlungen von Universitäten.

5. Nur ein bis zwei Prozent davon werden je ausgestellt, schätzt die frühere Direktorin des Frankfurter Weltkulturen-Museums, Clémentine Deliss.

6. Nach Europa gekommen sind die Objekte etwa seit den 1880er Jahren. Ihre Systematisierung führte zur Etablierung der Ethnologie, die wiederum die Sammelwut ins Unendliche trieb.

7. Die meisten der hier in Rede stehenden Fälle sind eindeutig Raubkunst, die seit langem auch auf Auktionen feilgeboten wird.

8. Dass sich die Washingtoner Prinzipien für NS-Raubkunst von 1998 auch für koloniale Raubkunst anwenden lassen, wird seit kurzem diskutiert.

9. Afrikanische Museen in Ghana, Togo, Kenia, Sambia, Botswana und Lesotho sind geeignet, die geraubten Objekte auszustellen.

10. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der das Konzept des Humboldt-Forums mitentwickelte, widersprach Macron und verwies auf die angebliche deutsche Sonderrolle als späte Kolonialmacht, ohne die Vernichtungskriege gegen die Herero, Nama und Maji-Maji zu erwähnen. Die deutschen Sammlungen hätten allein der Aufklärung gedient (Kolja Reichert, FAS 9.12.18).

2216: Hannah Arendt über Sprache und Politik

Dienstag, Dezember 11th, 2018

Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, die ein belebendes Element im „Literarischen Quartett“ (ZDF) darstellt, macht uns auf folgendes aufmerksam: Schon vor sechzig Jahren hat die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt uns darauf hingewiesen, dass die Übertragung des formelgebundenen naturwissenschaftlichen Denkens auf die Sphäre der menschlichen Belange zum Verlust der Sprache und damit zum Verlust des Politischen führt. „Taten, die nicht von Reden begleitet sind, werden ‚unverständlich‘, und ihr Zweck ist gemeinhin, (…) durch die Schaffung vollendeter Tatsachen alle Möglichkeiten einer Verständigung zu sabotieren.“ (SZ 7.12.18)

2214: Die Islamverbände führen einen Kampf gegen den liberalen Islam.

Dienstag, Dezember 4th, 2018

Ahmad Mansour, 42, stammt aus Israel. Er ist Psychologe und Experte für Islamismus. Er gehört zu einer neuen Islam-Initiative. Dazu hat ihn Jochen Bittner für die „Zeit“ (22.11.18) befragt. Ich bringe hier Auszüge aus seinen Antworten.

„Wir wollen der Heterogenität der Muslime hierzulande Ausdruck geben, also Alternativen schaffen zum konservativen und politischen Islam. Wir zeigen, dass es in Deutschland Muslime gibt, die ihre Relgion säkular und im Einklang mit Demokratie und Menschenrechten verstehen.“

„Ich kenne keinen islamischen Verband in Deutschland, der Kritik am Islam übt. Oder am Patriarchat. Oder am Antisemitismus.“

„Kritische Muslime wie Mouhannad Korchide oder Seyran Ates werden ständig diffamiert. Und der Islam, der heute Europas Jugendkultur prägt, ist definitiv nicht liberal.“

„Ich glaube, der Bundesregierung ist immer noch nicht klar, was Integration sein soll. In Gesprächen mit Staatssekretären hatte ich oft den Eindruck, Integration ist für sie Arbeit minus Kriminalität plus Sprache. Das reicht nicht. Wo bleiben die Werte unserer Gesellschaft? Viele Migranten entwickeln Ängste, wenn sie sich mit dem Pluralismus in Deutschland konfontiert sehen. Diese Ängste müssen angesprochen werden. Sonst entsteht eine Distanz, die bis hin zur Abwertung der Mehrheitsgesellschaft führen kann.“

„Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, und das ist gut so. Aber nicht jede Kritik an religiösen Symbolen stellt die Religionsfreiheit infrage. Ich wünsche mir Neutralität für Vertreter des Staates, also keine Kopftücher, keine Kreuze, keine Kippas für Lehrer.“

2213: Nord Stream 2 schadet der Ukraine.

Dienstag, Dezember 4th, 2018

Vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ist bekannt, dass er sich nicht besonders ums Völkerrecht schert. Das sehen wir

– auf der Krim,

– im Donbass und

– im Asowschen Meer.

An guten Wirtschaftsbeziehungen zur EU ist er sehr interessiert. So wurde schon vor längerem das Projekt Nord Stream 2 gestartet. Hunderte Kilometer Röhren sind bereits verlegt, wesentliche Genehmigungen sind erteilt und der Versuch, die EU-Kommission einzuschalten, ist am Widerspruch Deutschlands gescheitert. Da gibt es nicht mehr viel zu stoppen. Falls US-Investoren ausscheren sollten, würde Putin sich bemühen, die Finanzierung alleine zu stemmen.

Nord Stream 2 schadet massiv der Ukraine, weil ihr Röhrennetz überflüssig wird. Mit dem Gas-Transit verliert die Ukraine eine ihrer wenigen Rückversicherungen gegen ein expansives und aggressives Russland. Hat die deutsche Politik das nicht gewusst? „Für Putin kommt es nur darauf an, dass die Pipeline fertig gebaut wird. Der Rest ist Geschwätz.“ (Daniel Brössler, SZ 4.12.18).

2211: Russlands Außenbeziehungen

Donnerstag, November 29th, 2018

Russlands Außenbeziehungen werden im wesentlichen gekennzeichnet durch folgende Gegebenheiten:

1. die völkerrechtswidrige Annektion der Krim,

2. den Abschuss einer niederländischen Verkehrsmaschine mit fast 300 Passagieren,

3. staatlich angeordnetes flächendeckendes Doping,

4. Wahl-Hacking insbesondere in den USA,

5. neue russische Mittelstreckenraketen (Jörg Lau/Matthias Naß, Die Zeit 15.11.18),

6. Mordversuche an Ex-Agenten in Großbritannien.

Bei solch einem Partner müssen wir auf alles gefasst sein.