Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

2358: 70 Jahre Grundgesetz

Samstag, April 27th, 2019

Das Grundgesetz wird 70 Jahre. Dazu interviewt Thorsten Jungholt den ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier (Die Welt 20.4.19).

Welt: Am 8. Mai 1949 beschloss der parlamentarische Rat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. In welcher Verfassung ist unsere Verfassung zum 70. Geburtstag, Herr Papier?

Papier: Grundsätzlich in guter Verfassung. Wir leben auch dank des Grundgesetzes seit 70 Jahren in sehr stabilen rechtlichen und politischen Verhältnissen. Wann hat es in der neueren Geschichte Deutschlands so etwas gegeben? Darauf können wir auch ein wenig stolz sein.

Welt: Sind Sie ein Verfassungspatriot?

Papier: Patriot ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen. Aber ich meine schon, dass in der pluralistischen Gesellschaft, die nicht mehr vorrangig durch gemeinsame Traditionen, Religion oder Kultur zusammengehalten wird, die Unterwerfung unter das Grundgesetz, seine Wertordnung und das demokratisch gesetzte Recht das ganz entscheidende Bindeglied ist. Die Geltung von Verfassung und Gesetz für und gegen jedermann – das ist, was diese Gesellschaft zusammenhalten kann. Wobei man ergänzend auch die Bedeutung stabiler wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse betonen muss.

2356: Nach dem Brexit der Dexit ?

Dienstag, April 23rd, 2019

Marcel Fratzscher, 48, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Humboldtuniversität Berlin und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Angesichts des Brexits diskutiert er die deutsche Europapolitik (SZ 23.4.19).

1. Die AfD fordert in ihrem Programm zur Europawahl den Austritt Deutschlands aus der EU (Dexit) binnen fünf Jahren. Das ist ernst gemeint.

2. Deutschland unterschätzt wie Großbritannien die Bedeutung der EU für das eigene Wohlergehen.

3. Großbritannien hat stark von der EU profitiert. Das verkennt der Brexit.

4. Im Vereinigten Königreich ist hier und da noch die Illusion verbreitet, eine Weltmacht zu sein.

5. In Deutschland gibt es immer noch die Fehleinschätzung, die EU sei eine Transferunion und Deutschland deren Zahlmeister.

6. Die Rettung Griechenlands und des Zahlungssystems Target hat deutschen Investoren und deutschen Banken genützt.

7. Ohne die etwa vier Millionen europäischen Zuwanderer hätte es den deutschen Wirtschaftsboom der letzten zehn Jahre nicht gegeben.

8. Die deutsche Wirtschaftspolitik der riesigen Handelsüberschüsse führt zu Schulden und Defiziten bei anderen europäischen Ländern.

9. Die Bundesregierung hat es versäumt, sich vor die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik zu stellen.

10. Deutschland hat sich Alleingänge erlaubt: bei der Energiewende, in der Flüchtlingspolitik und in der Industriepolitik.

11. Die EU muss gestärkt werden, damit nicht die USA und China allein auf den Weltmärkten das Sagen haben.

12. Nationale Alleingänge in der Verteidigungs-, Sicherheits-, Außenpolitik, in der Klimapolitik wie in der Währungspolitik sind Illusion.

13. „Die Wahrung nationaler Interessen erfordert eine stärkere europäische Integration in vielen Bereichen, ohne das Prinzip der Subsidiarität aufgeben zu müssen.“

14. Erforderlich sind „mutige Reformen des Euros und eine Stärkung europäischer Institutionen und öffentlicher Güter“.

15. Die Bundesregierung muss Geld aufbringen für ein gemeinsames europäisches Budget zur Krisenbekämpfung.

2355: Notre Dame spaltet.

Montag, April 22nd, 2019

Als Notre Dame brannte, war ich bestürzt und traurig. Wegen des Symbols der französischen Einheit. Und damit des Symbols der europäischen, christlichen Einheit. Ich befürchtete Brandstiftung. Und ich erwartete daraufhin eine Sammlung der Menschen zur Rettung der Pariser Kathedrale und eine gemeinsame Rückbesinnung auf unsere christlich-europäischen Wurzeln. Aus dem gemeinsamen Schmerz hätte Brüderlichkeit entstehen können.

Das Gegenteil ist eingetreten.

Das ist ein Zeichen der tiefen inneren Zerrissenheit und Spaltung der französischen Gesellschaft. In Europa sieht es nicht besser aus. Kaum hatten die Spenden und Großspenden der Familien Pinault, Arnault und Bettencourt-Meyers etwa eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau zusammengebracht, ertönte der Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit. Nun, von den einfachen atheistischen Banausen war nichts anderes zu erwarten. Dass aber der linke Präsidentschaftskandidat Mélenchon verstärkt gegen Reiche hetzte, hatte ich in dieser simplen Dreistigkeit nicht für möglich gehalten. Von Gewerkschaftsseite war zu hören: „Gelobt seien unsere Herren! Die Bettler danken den Familien Arnault und Pinault, die den Schrei der Steine besser hören als den des Fleisches.“

Emmanuel Macron wurde als „Präsident der Reichen“ geschmäht und zur „Rothschild“-Clique gezählt. Da war auch der Antisemitismus schon wieder dabei. Tatsächlich hatte der Präsident mehrere Jahre als Investmentbanker gearbeitet und am Anfang seiner Amtszeit zunächst die Vermögenssteuer umgewandelt. Die „Gelbwesten“, die erstaunlicherweise in Frankreich und in ganz Europa auch von Linken gelobt werden, wurden in ihrem Geschrei gegen den Präsidenten lauter und schriller und gewalttätiger.

Victor Hugo ist bekannt für sein berühmtes Buch „Notre-Dame de Paris“. Er hat auch „Die Elenden“ („Les Miserables“) geschrieben. Die „Gelbwesten“-Wortführerin Ingrid Levasseur: „Victor Hugo dankt allen großzügigen Spendern, die Notre-Dame retten wollen, und schlägt ihnen vor, sich auch um die Elenden zu kümmern.“ Der Brand von Notre Dame war also Anlass, von der Politik zu verlangen, sich um die „Sorgen der kleinen Leute“ zu kümmern. Ein Streit um die französische Steuergesetzgebung entbrannte. Wie schon bei der Restaurierung der Kathedrale 1845 bis 1859 (Michaela Wiegel, FAS 21.4.19; Judith Neschma Klein, FAS 21.4.19; Katrin Hummel, FAS 21.4.19; bpe, FAS 21.4.19).

So ist die Lage. Machen wir uns nichts vor!

Aber was bedeutet das für Europa und den Westen?

2354: Die Aussichten für die Europawahl am 26. Mai

Montag, April 22nd, 2019

1. Anhand von Umfragen (europeanelections-stats.eu) können wir uns ein Bild machen von der Europawahl unter Teilnahme der Briten. Die letzten Umfragen stammen aus dem April 2019.

2. Wahrscheinlich nimmt Großbritannien noch an der Wahl teil. Das hat Einfluss auf das Ergebnis und die daraus erwachsenden Personalentscheidungen. Die Volksparteien sind abgestürzt (Tories 15 Prozent, Labour 22 Prozent). Die neue Brexit-Partei von Nigel Farrage kommt auf 27 Prozent. Alle, die in der EU bleiben wollen, auf 29 Prozent.

3. Der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber (CSU), hat die Aussicht, eine Mehrheit zu finden. Er braucht dazu die Sozialdemokraten und die stets unsicheren Liberalen.

4. In Frankreich liegen Macrons Bewegung En Marche und Marine Le Pens Rassemblement National (früher Front Nationale) bei 21 bzw. 20 Prozent. So kann Macron wahrscheinlich nicht seinen Landsmann Michel Barnier an die Kommissionsspitze bringen, den erfolgreichen EU-Brexit-Chefverhandler.

5. In Deutschland pendelt die Union um 30 Prozent. Die Grünen können erstmals die SPD (18 Prozent) überholen. Die AfD liegt bei 12 Prozent.

6. In Italien kann die rechte Lega mit 27 Sitzen rechnen, die linke Cinque Stelle mit 18. Für Berlusconis Forza Italia bleiben noch fünf (5) Sitze. Das ist nicht gut für die sozialdemokratische EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini.

7. Vergeben werden folgende Posten: Kommissionsvorsitzende(r), Vorsitz im Parlament und im Europäischen Rat, die/der EU-Außenbeauftragte, Chef(in) der Europäischen Zentralbank.

8. Kritiker, Skeptiker und Gegner Europas spielen bei der Postenvergabe glücklicherweise keine Rolle.

9. Aber Nationalisten, Populisten und Extremisten von rechts werden ihren Stimmenanteil ausbauen. Eventuell bis zu 26 Prozent (ein Viertel der Sitze).

10. Es ist also mit einem Erfolg der Mitte zu rechnen.

(Thomas Gutschker, FAS 21.4.19)

 

2352: Theo Waigel 80

Sonntag, April 21st, 2019

Der ehemalige CSU-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Theo Waigel wird zu Ostern 80 Jahre alt. Er war immer ein Solitär und etwa einer der wenigen in der CSU, der sich für Angela Merkels (CDU) Flüchtlingspolitik eingesetzt hat. Georg Meck und Bettina Weiguny haben ihn für die FAS (14.4.19) interviewt.

FAS: Sie waren Akteur bei der deutschen Einheit wie der Euroeinführung. Lief das alles ohne Fehl‘ und Tadel aus heutiger Sicht?

Waigel: Was wir nicht gewusst haben vor der Wiedervereinigung, das war, wie schlimm es um die ostdeutsche Volkswirtschaft stand und wie bankrott der Staat war.

FAS: Bundeskanzler Helmut Kohl hat von bald blühenden Landschaften geschwärmt.

Waigel: Die sehe ich, wenn ich durch Ostdeutschland fahre. Hätten wir die Menschen damals gefragt: Seid ihr bereit, für die Einheit 2,5 Billionen Mark zu bezahlen? Da hätte uns niemand – … – unterstützt.

FAS: So haben Sie den Leuten etwas vorgegaukelt.

Waigel: Nein! Wir haben allerdings den Ostdeutschen den Offenbarungseid erspart, das war vielleicht ein Fehler. Soll mir heute niemand mit Ostalgie kommen, da war nichts gut in der DDR! Die deutsche Einheit war eine einmalige historische Gelegenheit, und wir hatten nur ganz wenig Zeit, gut ein Jahr, mehr nicht.

FAS: Warum .. braucht das Friedensprojekt Europa unbedingt eine gemeinsame Währung – gegen alle ökonomischen Einwände?

Waigel: Der Euro ist auch ökonomisch notwendig. Wir wären mit der D-Mark ein Spielball des Dollars und des Renminbis. Europa hat nur so eine Chance. Schon die Finanzkrise hätten wir mit 30 einzelnen Währungen nie überstanden. In Deutschland hätten wir heute eine Aufwertung der Mark, die wäre verheerend für die Wirtschaft.

FAS: Trotzdem lautet das gängige Urteil: Die Durchlässigkeit der Gesellschaft nimmt ab, die Elite schottet sich ab.

Waigel: Das Gegenteil ist wahr. Die Barrieren von früher gibt’s nicht mehr. Komme mir niemand mit der guten alten Zeit. Es herrschten eine Theologie der Angst und eine Pädagogik der Schläge. Wir leben heute in der besten aller Zeiten. …

Kommentar W.S.: Ich stimme mit Theo Waigel überein.

2347: Garton Ash: Brexit ist „nationaler Nervenzusammenbruch“.

Samstag, April 13th, 2019

Der britische Historiker Timothy Garton Ash lehrt in Oxford. Kathrin Kahlweit hat ihn für die SZ (11.4.19) zum Brexit interviewt.

SZ: Sie haben den Brexit mit einer Seifenoper verglichen. Ist das nicht eher eine Tragödie?

Garton Ash: Eine britische Soap Opera ist immer auch eine Farce. Aber: Die Konsequenzen des Brexit für Europa können schlimmer werden als die für Großbritannien. Es sind ja ohnehin schon sehr viele Kräfte der Zerstörung am Werk in der EU, und der Brexit könnte ihnen starken Auftrieb geben.

SZ: Würden die Briten nach einem Crash um Wiederaufnahme betteln?

Garton Ash: Ich warne vor dieser Illusion. Wer glaubt, nach ein paar Jahren wären wir zurück, der irrt. Die Schotten würden gehen, die Nordiren würden sich nach Irland orientieren, und die ganze Verfassungstruktur des Königreichs geriete ins Wanken.

SZ: Die Brexit-Partei Ukip wird jetzt von Neonazis unterstützt. Ist das nicht bedrohlich?

Garton Ash: Der Wandel bei Ukip erstaunt mich nicht, es gab immer antieuropäische Elemente in der britischen Gesellschaft. Was mich erschreckt ist eher, wie sich die scheinbar zivilisierten Konservativen in ihren perfekt geschneiderten Anzügen und mit ihrem Oxford-Slang in unangenehme britische Nationalisten verwandelt haben.

SZ: Wieso haben die Abgeordneten ihre Chance für eine Einigung nicht genutzt?

Garton Ash: Die Schuld am Brexit-Chaos liegt zu 90 Prozent bei der Konservativen Partei. Das beginnt bei Maggie Thatcher, die auf ihre alten Tage antieuropäisch wurde. Das geht weiter bei David Cameron, der die Europäische Volkspartei verließ. Und dann das Referendum – durchgeführt ohne Ahnung, verhandelt ohne Sachkompetenz. Und dies alles mit dem Ziel, vor allem die Partei zusammenzuhalten. Es ist unfair, dem Parlament nach drei Jahren Verhandlungen die Verantwortung dafür zu geben, dass es sich nicht in drei Tagen geeinigt hat.

SZ: Was soll man der EU also raten?

Garton Ash: Ganz einfach. Tut alles, was ihr könnt, solange es noch eine winzige Chance gibt, damit Großbritannien in der EU bleibt.

2346: Ratzinger: Für den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche sind die 68er verantwortlich.

Freitag, April 12th, 2019

Joseph Ratzinger, der ehemalige Papst Benedikt XVI., hat in einem mehrseitigen Beitrag im „Klerusblatt“ erklärt, dass die 68er für die unzähligen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche verantwortlich seien.

Als ich das zum ersten Mal aufgenommen hatte, fragte ich mich für einen kurzen Moment, in welchem Komödienstadel ich hier gelandet war. Dann wurde mir klar, dass es um die zahlreichen sexuellen Schändungen von Menschen in der katholischen Kirche ging und dass zum Humor kein Anlass bestand.

In seinem Aufsatz „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs“ behauptet Ratzinger, dass die 68er Pädophilie für erlaubt erklärt hätten. In ihrer Amtszeit von 1969 bis 1972 hätte Bundesgesundheitsministerin Käthe Strobel (SPD) Aufklärungsfilme herstellen lassen. Darin sei „alles“ gezeigt worden. Dadurch hätten Teile der katholischen Kirche ein „neues, radikal offenes Verhältnis zur Welt“ gewollt. Und in Priesterseminaren seien Pornofilme gezeigt worden, um so die Widerstandsfähigkeit gegen „glaubenswidriges Verhalten“ zu stärken. Dort hätten sich „homosexuelle Klubs“ gebildet.

Einmal abgesehen davon, dass hier wieder Homosexuelle diffamiert werden, bitte ich die katholische Kirche darum, diesen Greis gut zu versorgen und ihn davon abzuhalten, sich öffentlich zu äußern.

Katholiken sind so nicht.

Im März hatte ein Gericht in Melbourne (Australien) den australischen Kurienkardinal George Pell wegen sexuellen Übergriffen auf zwei Chorknaben zu sechs Jahren Haft verurteilt (epd, SZ 12.4.19).

2340: NATO 70

Freitag, April 5th, 2019

Eine Zeit lang konnte es so scheinen, als sei die NATO überflüssig. Aber das waren nur Illusionen. Mittlerweile ist die NATO für ihre 29 Mitgliedstaaten so wichtig, wie noch kaum zuvor. Von Afghanistan bis Nordmazedonien ist das Militärbündnis im Einsatz. Nun ist es 70 Jahre alt geworden. Und es befindet sich in der Krise. Durch die Politik der USA, die sich von den anderen Bündnismitgliedern ausgenutzt fühlen. Es gibt eine schleichende Zersetzung von Moral und Auftrag. Die Gegenspielerin von Donald Trump ist Angela Merkel, die sich bemüht, die NATO wieder in Fahrt zu bringen. Nach 1945 hatte die NATO den Westen geprägt und stabilisiert. Das ist auch heute wieder erforderlich.

Deutschland hat am meisten von der NATO profitiert, „kein Land hat die Friedensdividende konsequenter abgeschöpft. Deutschland ist politisch, ökonomisch und militärisch der große Gewinner der NATO-Geschichte. Das ist eine fast schon skurrile Verkehrung der Gründungslogik, die darauf abzielte, Deutschland als Mitglied unter Kontrolle zu halten.“

Gleichzeitig gibt es keinen Staat, der sich so standhaft der sicherheitspolitischen Realität verweigert und eine geradezu kindlich-naive Vorstellung von seiner Rolle in der Welt und der

pazifistischen Natur der Menschheit

entwickelt hat. 2011 sagte der polnische Außenminister Radek Sikorski: „Ich fürchte deutsche Macht heute weniger als deutsche Untätigkeit.“ Die NATO-Partner müssen wieder ein Verständnis von Sicherheit entwickeln, nach dem sie in der Lage sind, die gemeinsamen Risiken politisch und militärisch zu teilen. Und dabei geht es bei weitem nicht nur um den Zwei-Prozent-Beitrag (Stefan Kornelius, SZ 4.4.19).

2337: Die Grünen machen fast keine Fehler.

Montag, April 1st, 2019

Unter der Führung Baerbock/Habeck machen die Grünen fast keine Fehler. Bei der Bundestagswahl erhielten sie 8,9 Prozent, nun liegen sie in Umfragen bei 20. Das ruft natürlich Neid auf den Plan. Aber der ist bei der Analyse kein guter Ratgeber. Die Grünen wollen

„raus in die Breite der Gesellschaft“,

wie Annalena Baerbock es formulierte. Das ist nicht nur gut für Wahlergebnisse, sondern auch und gerade für das Durchhalten bei den vielen ökologischen Projekten bis hin zur Abwehr der Klimakatastrophe. Da werden wir noch starke gesellschaftliche Kräfte brauchen, auch wenn nur noch Banausen das Phänomen an sich bestreiten.

Die Grünen haben sich festgesetzt bei ehemals preußischen Tugenden wie Selbstbeschränkung und Konsumverzicht. Auch das Feld der Nächstenliebe hat die Partei besetzt. „Ohne staatliche Garantien für die Schwächsten, so ihr neues Credo, sei die Demokratie, ja sei Europa nicht zu retten vor den Rechtspopulisten.“ Und alte Feindbilder wie

Technik,

Marktwirtschaft,

Sicherheit,

militärische Verteidigung

werden zumindest als überwunden deklariert. Die Führung der Partei erscheint hier glaubwürdig. Und auf die Basis schauen wir lieber nicht, sonst müssten wir auch bei den anderen Parteien deren Basis betrachten. Von der AfD einmal abgesehen halten die Grünen sich sämtliche Bündnisoptionen offen. Zu warnen ist nur vor Rot-Rot-Grün. Denn dann würden die Politik der Westbündnisse (NATO, EU) und eine vernünftige Wirtschaftspolitik gefährdet. Auf das Experiment habe ich keine Lust.

Es ist leicht, die Grünen zu überfordern, wie das jetzt schon in einigen Äußerungen von „Friday’s for Future“ oder in journalistischen Beiträgen geschieht (etwa Constanze von Bullion, SZ 1.4.19). Die Grünen sind unverzichtbar in allen ökologischen Belangen. Sie gehören in die nächste Bundesregierung hinein. „Nur wenn es den Grünen gelingt, unbequem zu sein, ein Stachel im Fleisch der gesamtdeutschen Gesellschaft, werden sie unverwechselbar bleiben … – also alles, was etwa die Volkspartei SPD nicht mehr ist. Dass die Partei einfach immer weiter wachsen kann, … ist Illusion.“

2334: Französischer Brandbrief zu deutscher Rüstungsexport-Politik

Mittwoch, März 27th, 2019

Die französische Botschafterin in Deutschland, Anne-Marie Descotes, hat in einem Aufsatz für die Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) scharfe Kritik an der Rüstungsexport-Politik der Bundesregierung geübt. „Die

Unvorhersehbarkeit der deutschen Politik

zu Ausfuhrkontrollen, insbesondere die Ungewissheit über die Umsetzung der im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Leitlinien, führen zur Besorgnis bei den europäischen Partnern Deutschlands.“ Französische und europäische Unternehmen stießen „zunehmend auf Schwierigkeiten bei notwendigen Ausfuhrgenehmigungen für deutsche Komponenten, die in französischen Produkten enthalten sind und mitunter nur ein kleines Teil des Systems darstellen“. Das gelte etwa für Dichtungen, Kugellager und Getriebe.

Gegenwärtig gibt es einen deutschen Exportstopp für Waffen nach Saudi-Arabien wegen des Kriegs im Jemen. Betroffen sind darüberhinaus auch Exporte nach Senegal, Indien, Indonesien und Niger. „Das verstärkt den Eindruck, dass das deutsche Exportkontrollsystem nicht restriktiv, sondern unberechenbar ist, und dass es sich vor allem an der aktuellen deutschen Innenpolitik und nicht allein an der strikten Anwendung europäischer Kriterien und internationaler Verpflichtungen ausrichtet.“ Diese „Rechtsunsicherheit“ führe dazu, dass immer mehr Unternehmen sich für ‚German-free‘-Strategien entschieden.

Die Botschafterin verwies auf den „Aachener Vertrag“, der die Entwicklung eines „gemeinsamen Ansatzes“ bei Rüstungsexporten vorsehe. Sie verwahrte sich gegen die Aussage, Frankreich sei laxer als Deutschland bei Rüstungskontroll-Regelungen. So habe Frankreich 2014 entschieden,

zwei Hubschrauberträger im Wert von einer Milliarde Euro

wegen der Annexion der Krim nicht an Russland auszuliefern.

Tags zuvor hatten die Unionspolitiker Annegret Kramp-Karrenbauer, Markus Söder und Manfred Weber die SPD wegen ihrer Haltung zu Rüstungsexporten kritisiert. Deren Verhalten sei dem Wahlkampf geschuldet. Die Unionspolitiker haben Recht.

(NIF, SZ 26.3.19; Daniel Brössler, SZ 27.3.19)