Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

3071: Die permanente Krise der katholischen Kirche

Freitag, Oktober 2nd, 2020

Es mag heikel sein, als Nicht-Katholik über die katholische Kirche zu schreiben. Aber es muss sein, weil die Krise dort ein Ausmaß erreicht hat, das kaum zu beherrschen ist, wie mir Katholiken, und gerade die, versichern. Und weil es uns nicht gleichgültig sein kann, was mit einer solch großen, traditions- und hilfreichen Institution geschieht. Ich kenne sehr viele Katholikinnen und Katholiken. Bei vielen ist mir wohl gar nicht bewusst, dass sie welche sind, weil sie damit nicht auffallen. Sie sind genau so schlau, doof, friedlich, fortschrittlich, traditionsbewusst, menschlich wie andere Zeitgenossen auch. Mit einigen von ihnen habe ich sehr gut zusammengearbeitet.

Zugleich widmen sich ernst zu nehmende Autoren wie Annette Zoch (SZ 24.9.20) und Heribert Prantl (SZ 2./3./4.10.20) der permanenten und anwachsenden Krise ihrer Kirche. Die beiden sehen zwei Krisenpunkte: a) in der Behandlung von Frauen als Menschen zweiter Klasse und b) im massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester.

Ich versuche ihre Darlegungen treffend zusammenzufassen:

1. Heute müssen sich Gläubige immer häufiger dafür entschuldigen, noch in der Kirche zu sein.

2. Der sexuelle Missbrauch hat das Grundvertrauen in Kirche in Grundmisstrauen gegen Kirche verwandelt.

3. 1950 gehörten 96,5 Prozent der Menschen in beiden deutschen Staaten den beiden großen Kirchen an. Heute sind es noch 52 Prozent.

4. Die Diskussion um die Rolle der Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche hat eine nie gekannte Dringlichkeit erreicht.

5. Sie ist angekommen bei all den Frauen, die in Pfarreien Chöre leiten, die Kindergottesdienste halten, Kommunionkinder und Firmlinge vorbereiten, Pfarrbüros organisieren, bei all den weiblichen Gottesdienstbesuchern selbst in tiefkatholischen Gegenden.

6. An der Frauenfrage wird sich die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland wahrscheinlich entscheiden.

7. „An gesellschaftlichen Megatrends wie der Säkularisierung und der Individualisierung können auch katholische Diakoninnen wenig ändern.“

8. „Wie will (die Kirche) einerseits für die Gleichheit aller Menschen einstehen, für die Menschenliebe, ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung? Und gleichzeitig 50 Prozent der Menschheit in die zweite Reihe verweisen? Die Kirche muss sich dieser Frage auch theologisch stellen.“

9. Beim sexuellen Missbrauch ist das Selbstmitleid der Institution Kirche immer noch größer als das Mitleid mit den Opfern.

10. „Keinen deutschen Bischof hat das Leid der Opfer so umgetrieben, dass es ihn zum Rücktritt gedrängt hätte.“

11. „Es wird vertuscht, wie sehr vertuscht wurde.“

12. „Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht daher in der Kritik, sondern die Kirche als solche.“

13. „Die Kirche kann, wenn es gut geht, ein Ort sein, an dem der Himmel offen gehalten, an dem der Himmel nahe ist – weil Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit und Gnade dort ihren Platz haben; …“

14. „Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige schänden, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-jährigen sind.“

15. „Die sexuelle Ausbeutung von Wehrlosen ist das Risiko einer zwangszölibatären, autoritären Kirche, die in 2.000 Jahren zwar die Frauen aus allen Machtpositionen vertrieben hat, aber den Menschen nicht die Sexualität austreiben konnte.“

16. Heute müssen in der katholischen Kirche das Pflichtzölibat aufgehoben und Frauen zur Ordination zugelassen werden.

3067: Weltweites Interesse für Gerhard Richters Kirchenfenster

Mittwoch, September 30th, 2020

Weltweites Interesse haben die Kirchenfenster in der Abtei Tholey (Saarland) nach einem Entwurf von Gerhard Richter ausgelöst. Der Geschäftsführer der St. Mauritius Tholey GmbH, Thorsten Klein, sagte, im Oktober sei bereits für jeden Tag mindestens eine Gästeführung gebucht. Tholey rechnet mit 100.000 Besuchern im Jahr. In der Eröffnungswoche seien alle Veranstaltungen ausgebucht gewesen. Die Zahl der Gäste musste wegen der Hygiene-Bestimmungen auf 70 beschränkt werden.

Tholey gilt mit der urkundlichen Ersterwähnung 634 als ältestes Kloster Deutschlands. Dort leben heute zwölf Mönche (SZ 30.9.20).

3065: Trump zahlt kaum Steuern.

Dienstag, September 29th, 2020

750 Dollar Einkommenssteuer hat Donald Trump 2016 und 2017 gezahlt. Davor viele Jahre gar nichts. Das mag legal gewesen sein, in jedem Fall aber illegitim. Denn dann hat Trump weniger gezahlt als die Arbeiter, als deren Fürsprecher er sich permanent gebärdet. Hubert Wetzel schreibt dazu (SZ 29.9.20):

„Aber es ist eigentlich nichts Neues. Donald Trump ist das öffentliche Wohl völlig egal. Die Allgemeinheit, der Staat, die Gesellschaft, all das schert ihn einen Dreck. Für ihn ist wichtig, dass er seinen Schnitt macht. Die Rechnung bezahlen am Ende die ‚kleinen Leute‘.“

3064: US-Amerikaner wollen das Recht auf Abtreibung.

Montag, September 28th, 2020

Dass US-Präsident Donald Trump, dem kein Mensch vertrauen kann, eine Juristin als Richterin am Supreme Court nominiert, die seinen Vorstellungen entspricht, darf uns nun wirklich nicht verwundern. Das würden im umgekehrten Fall die Demokraten nicht anders machen. Ob aber Trumps Auswahl ihm bei der Präsidentschaftswahl zugute kommt, erscheint fraglich (Christian Zaschke, SZ 28.9.20). Denn die erzkonservative Katholikin Amy Coney Barrett ist eine erklärte Abtreibungsgegnerin. Und die US-Bürger möchten zu 60 Prozent das Recht auf Abtreibung behalten, das ihnen der Supreme Court 1973 zugesprochen hat.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die USA nicht Trump sind, auch wenn unerträglich viele US-Bürger ihn wählen.

3062: Stephan Weil (SPD) zweifelt am Verbrenner-Ausstieg bis 2035.

Montag, September 28th, 2020

Die Grünen und der wendige bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sind in Anlehnung an Kalifornien für das Ende des Verbrennungsmotors bis 2035. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zweifelt daran. „Dieses Jahrzehnt wird den Durchbruch für die Elektromobilität bringen, das steht fest. Wie schnell in den Folgejahren ein Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren möglich ist, hängt aber von den Rahmenbedingungen ab.“ Weil sagte, die dafür nötigen erneuerbaren Energien müssten auch zur Verfügung stehen. „Auf Kohlebasis nützt das schönste Elektroauto nichts.“ Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) reagierte skeptisch auf Söders Vorstoß: „Was wir jetzt brauchen, sind attraktive Alternativen für Autos mit Verbrennungsmotoren.“ (NIF/MIBA, SZ 28.9.20).

3058: Die Hohenzollern waren Helfer der Nazis.

Samstag, September 26th, 2020

Die Hohenzollern verlangen das Wohnrecht im Schloß Cecilienhof in Potsdam und in anderen Herrenhäusern zurück. Sie fordern die Rückgabe von Kunstschätzen aus staatlichen Museen und wollen Entschädigungszahlungen für die Enteigungen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Sie stützen ihre Forderungen auf das Ausgleichsleistungsgesetz von 1994. Die zuständige brandenburgische Finanzministerin Katrin Lange (SPD) hat signalisiert, vorerst nicht auf einer gerichtlichen Entscheidung zu bestehen.

Nun enthält das Ausgleichsleistungsgesetz eine Unwürdigkeitsklausel, nach der derjenige, von dem die Rechte abgeleitet werden, keine Leistungen erhält, wenn er „dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet hat“.

Bei dessen Überprüfung kommt heraus, dass die Hohenzollern die Nazis nicht nur geduldet, sondern aktiv unterstützt haben. Kaiser Wilhelm hat in seinem niederländischen Exil über die Vernichtung von „Juden und Mücken“ nachgedacht. 1927 gelangte er zu dem von eigener Hand geschriebenen Fazit: „Ich glaube, das Beste wäre Gas.“ Sein vierter Sohn, August Prinz von Preußen, trat 1930 in die NSDAP und die SA ein. Der ehemalige Kronprinz Wilhelm empfing Hitler und Göring in Cecilienhof und warb für die Hitler-Regierung. Er schrieb am 6. März 1933 an Generalmajor von Bredow: „Jetzt heißt es, die Geschlossenheit dieser Regierung in jeder Beziehung zu unterstützen und jedem in die Fresse zu hauen, der versucht, in diese Geschlossenheit Unruhe und Misstrauen hineinzutragen. Dieses ‚In die Fresse hauen‘ habe ich bereits verschiedentlich mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit in den letzten Tagen besorgt.“

Die Hohenzollern waren vor allem Mediatoren zwischen den Nazis einerseits und den Deutschnationalen, dem „Stahlhelm“ und den Agrarverbänden andererseits. Sie gehörten zu den

Steigbügelhaltern

der Nazis. Kronprinz Wilhelm hat, in den Worten des Historikers Stephan Malinowski, mitgewirkt an der schnellen „Umformung der Weimarer Republik in eine fast hermetische geschlossene Diktatur“. Sich angesichts dessen als Opfer zu gebärden, wie es die Hohenzollern heute tun, um Entschädigungen zu bekommen, „ist unanständig“, so sagt es Heribert Prantl (SZ 26./27.9.20). Er hat recht.

3056: MAD-Präsident wird abgelöst.

Freitag, September 25th, 2020

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat den Präsidenten des „Militärischen Abschirmdienstes“ (MAD), Christoph Gramm, ab Oktober in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Ins Amt gekommen war er 2015 nach rechtsextremen Vorfällen in der Bundeswehr. Dagegen hatte er Reformen eingeleitet. Dem Bundesverteidigungsministerium nach kommt dem MAD bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus in der Bundeswehr eine herausragende Rolle zu. Extremistische Tendenzen müssten rechtzeitig erkannt werden, handelnde Personen und mögliche Netzwerkstrukturen seien „vollständig zu identifizieren und aufzudecken“. Die von Oktober 2019 an eingeleiteten Reformen zeigten Wirkung. Nach Ermittlungen des MAD war im Garten eines Soldaten des Kommandos Spezialkräfte ein Waffenversteck gefunden worden (dpa, SZ 25.9.20).

3054: Das Internet hält sein Versprechen nicht.

Dienstag, September 22nd, 2020

1. Erstmals wird mit dem

„Atlas der digitalen Welt“

(Campus Verlag) ein Werk vorgelegt, das exakte Daten der Online-Welt im Zusammenhang präsentiert. Vorgelegt haben es die Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree und Timo Thomsen.

2. Bisher hatten wir nur fragmentarische Daten, die von den Unternehmen zu Werbezwecken herausgegeben wurden.

3. Eine Ausnahme ist das „GfK Crossmedia Link Panel“, das bei 16.000 repräsentativ ausgewählten Deutschen deren Online-Verhalten protokolliert (analog zur üblichen quantitativen Medienforschung bei Presse, Radio und Fernsehen).

4. Beantwortet werden folgende Fragen: Wie viel Zeit verbringt man auf einer Seite? Wo geht man von dort aus hin? Wie verteilt sich die Zeit im Internet auf Shopping, Nachrichtenlesen, Social Media etc.

5. Das Gesamtergebnis: Das Internet hält sein Versprechen nicht, die einzelnen Nutzer zu stärken, es stärkt vielmehr die Großkonzerne

Alphabet (mit Google und Youtube), Amazon, Apple und Facebook.

6. Die sieben größten Unternehmen der digitalen Welt haben derzeit mehr als 50 Prozent der gesamten Internetnutzung auf ihren Seiten.

7. 71,8 Prozent der Verweildauer konzentrieren sich auf die 100 meistgenutzten Internetadressen.

8. 85,8 Prozent der Online-Zeit verbringen die Nutzer auf den Seiten der 500 stärksten Plattformen, also bei den oberen 0,38 Prozent.

9. Blogs sind praktisch unbedeutend. Ein Siebtel der Nutzer schaut überhaupt einmal auf einen Blog. Im Durchschnitt zwei Minuten pro Monat.

10. 83,3 Prozent der Deutschen über 14 Jahren sind regelmäßig online (damit: fast zwölf Millionen nicht).

11. Inzwischen wird das Smartphone mehr genutzt als der Computer.

12. Auf Amazon und Ebay verbringen die Kunden etwa eine Stunde pro Monat, bei Otto sechs Minuten.

13. 36 Prozent aller User landen nach der Nutzung von Facebook bei einem anderen Angebot des Konzerns.

14. Die Verhandlungen zwischen der Arbeitsgemeinschaft Videoforschung (AGF) und Google sind gescheitert. Die Konzerne wollen ihre Daten, ihr Herrschaftswissen, nicht hergeben.

15. Youtube konnte nicht in das System der AGF integriert werden. Dies hatte die Werbewirtschaft schon seit langem gefordert, um endlich die Reichweiten von Fernsehsendern und Youtube-Daten vergleichbar zu machen.

16. Genau so erging es in Großbritannien dem Broadcaster’s Audience Research Board (BARB) (Thomas Lindemann, FAS 20.9.20).

Das Ganze ist wohl aussichtslos. Es herrscht von Silicon Valley aus der Monopolkapitalismus.

3052: Tour de France-Sieg ohne Doping ?

Montag, September 21st, 2020

Der 21- jährige Slowene

Tadej Pogacar

hat die Tour de France vor seinem Landsmann Primoz Roglic gewonnen. Dabei fuhr er beim Bergzeitfahren auf der vorletzten Etappe in einem Stil wie früher nur der größte Betrüger im Radsport, Lance Armstrong (USA). Er trat im Anstieg 6,5 Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Kann das mit rechten Dingen zugegangen sein?

Pogacars Entdecker, Andrej Hauptmann, durfte 2000 bei der Tour de France wegen seiner Blutwerte nicht starten. Pogacar ist bisher weder positiv getestet noch sonstwie überführt worden. Aber wir wissen, dass es Doping auch heute gibt. Denken wir nur an den

positiven Salbutamol-Test

des viermaligen Tour-Siegers

Chris Froome

(Großbritannien). Beim Landgericht München ist der Prozess anhängig, bei dem der Blutdopingring eines Erfurter Arztes angeklagt ist. Zwei slowenische Fahrer sind als Kunden enttarnt worden. Acht der 19 Slowenen, die zwischen 2009 und 2019 in der World Tour fuhren, waren schon einmal gesperrt. Zuletzt hat sogar der Radsportweltverband UCI eine Untersuchung gegen den slowenischen Radsport angeschoben (Johannes Aumüller, SZ 21.9.20).

3051: Chinesische Propaganda heute

Montag, September 21st, 2020

Die Buchhandelskette Thalia verkauft chinesische Literatur. Dazu lässt sie seit Kurzem Regale von einem chinesischen Unternehmen bestücken. Dieses nutzt die Flächen, um chinesische Propaganda unter die Leute zu bringen.

Felix Stephan (SZ 21.9.20) schreibt dazu:

„Andererseits muss man sich aber auch bewusst machen, dass die chinesische Propaganda heute sehr viel subtiler vorgeht als die der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Sie vertreibt kein chinesisches Pendant zu Hitlers ‚Mein Kampf‘, ihr geht es um den Anschein von Harmlosigkeit. Wie das funktioniert, kann man sich in den

500 Konfuzius-Instituten

anschauen, die China auf dem ganzen Globus verteilt hat. Die Häuser geben sich explizit unpolitisch: Es gibt Kalligafie- und Sprachkurse, in der Bibliothek steht 3.000 Jahre alte Lyrik. In genau dieser Entpolitisierung verbirgt sich schon der Spin. Um ihren totalitären Charakter zu verschleiern, nutzt die KP Chinas ländliche Folklore genau so wie buddhistische und konfuzianische Lehrgebäude. Mit dem ‚ubiquitären‘ Begriff der Harmonie entledigt sie sich der bloßen Idee von politischer Opposition oder minoritärer Identität, sei sie

tibetanisch oder uigurisch.

In diesem Sinne ist man schon in die Falle chinesischer Propaganda getappt, wenn man sie nur kantonesische Opern aufführen lässt, ohne auf den Absender hinzuweisen.“