Führende Geistliche und Laienvertreter des Erzbistums Köln haben mit einem Boykott gegen Kardinal Rainer Maria Woelki protestiert. Sie sagten in so großer Zahl ihre Teilnahme am Diözesanpastoralrat ab, dass dieser nicht mehr beschlussfähig war. Grund ist der Umgang Woelkis mit Opfern von sexuellem Missbrauch. Der Vorsitzende des Diözesanpastoralrats, der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD), bezeichnete die Situation als „unerträglich“. Der Boykott ist „eine neue und noch nie dagewesene Eskalation“ (SZ 6.9.22).
Archive for the ‘Wissenschaft’ Category
4017: Boykott gegen Kardinal Woelki
Dienstag, September 6th, 20224016: Das Scheitern des Dialogs über Antisemitismus auf der Documenta
Montag, September 5th, 2022Julia Alfandiari und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt berichten von ihren Erfahrungen mit dem Antisemitismus-Dialog auf der Documenta (SZ 5.9.22).
1. Die Documenta hätte eine Sternstunde des Dialogs erleben können.
2. Nach dem Lumbung-Prinzip, welches das indonesische Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa ausgerufen hatte.
3. Eine Gruppe junger Frauen fragte, ob es überhaupt noch politisch vertretbar sei, auf der Documenta zu sein.
4. Bald war zu hören: „Die Anne Frank hat hier nichts zu suchen. Habt ihr nicht schon genug Schaden angerichtet?“
5. Eine Kasseler Seniorengruppe: Gebe es nicht ohnehin schon ein großen Einfluss der Juden in unserer Gesellschaft?
6. Erstaunlicherweise gibt es anscheinend wenig Wissen über den Antisemitismus.
7. Es wurde behauptet, die Bildungsstätte Anne Frank betreibe Zensur.
8. Deutschland lasse sich von „seinen“ Juden geißeln.
9. Ein Kunst-Student: „Wenn sich Israel im Nahen Osten so verhält, sollte man sich nicht über solche Bilder wundern.“
10. „Vielleicht hätten wir uns lieber ganz von Kassel fernhalten sollen.“
11. Es ist kein Zufall, dass auf der Anklagebank in Taring Padis „People’s Justice“ neben den westlichen Geheimdiensten, den reichen Weltkonzernen, den Kriegsherren und Diktatoren aller Couleur auch die Figur des ewigen Juden nicht fehlen durfte.
12. Fest ist die Vorstellung verankert, dass Antisemitismus gar nicht objektiv existiert, sondern nur als Vorwurf vorgeschoben wird.
13. Ein Dialog braucht ein gemeinsames Verständnis darüber, dass es nicht nur und nicht hauptsächlich um verletzte Gefühle geht.
14. Von diesem Minimalkonsens sind wir noch weit entfernt.
15. Ruangrupa: „Liebe Besucher*innen, wir bedauern, dass die historischen Bilder und Zeichnungen (…) für einige Besucher*innen nicht verständlich sind und es daher zu Fehlinterpretationen gekommen ist.“
W.S.: Die erste Documenta-Leitung bevorzugte unter dem Vorwand der Zensur das Prinzip des Wegsehens, Ruangrupa ist nicht kompetent genug. Und auf der Documenta haben sich viele Antisemiten getummelt. So darf es nicht weitergehen.
3999: Zwischenbericht sexualisierte Gewalt Bistum Trier – ein Fall fehlt.
Donnerstag, August 25th, 2022In einer Aufarbeitungskommission bearbeitet das Bistum Trier seit dem Juni 2021 sexualisierte Gewalt. Den Vorsitz führt der frühere rheinland-pfälzische Justizminister Gerhard Robbers (SPD). Nun soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden. Ein Fall wird darin fehlen. Der von „Karin Weißenfels“ (Pseudonym). Sie war als Gemeindereferentin von einem Priester missbraucht worden. Als ein Kind unterwegs war, verweigerte die fromme Katholikin eine Abtreibung, die der Priester von ihr verlangte. Das Bistum unterstützte sie nicht. Deswegen möchte sie nun in dem Zwischenbericht nicht erwähnt werden (SZ 25.8.22).
3994: ARD und ZDF müssen reformiert werden.
Samstag, August 20th, 2022Dazu schreibt Cornelius Pollmer (SZ 20./21.8.22):
„Dass mit den Vorgängen beim RBB die Reformdebatte jetzt ein weiteres Mal vom Osten ausgeht, ist auffällig. Es war in
Thüringen,
wo durch Untreue beim Kinderkanal ein Millionenschaden entstand. Es war in
Sachsen-Anhalt,
wo die Regierung eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags blockierte. Es war in
Sachsen,
wo sich bei Demonstrationen neben sachlicher Kritik auch stumpfer Hass gegen ARD und ZDF etablierte und wo sich in desinteressierten Kreisen der groteske Irrglaube verfestigte, Journalismus sei nur ein anderes Wort für Marionettentheater. Es ist also der Osten der Republik, wo der Druck auf das öffentlich-rechtliche System am größten ist – aber auch dessen Chance, mit etwas Mut herauszufinden, wie er besser auf Kritik und eine sich fortwährend wandelnde Gesellschaft reagieren könnte.“
„Manches Problem lässt sich nicht schnell beheben, etwa die riesige finanzielle Belastung durch Pensionen und Altverträge. Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte jetzt trotzdem und gerade im druckvollen Osten die Chance ergreifen, nicht ein weiteres Mal über Sachzwänge zu jammern oder jahrelang irgendwelche ‚Programmreformen‘ anzukündigen, von denen außerhalb von Gremien dann kein Mensch je etwas mitbekommt. Er könnte die Chance nutzen, seine mit zig Funkhäusern gerade im Regionalen grotesken Mehrfachstrukturen grundständig zu reformieren, um mehr Budget freizumachen für echte journalistische Arbeit in der Fläche und für ein Angebot, das die Gegenwart des Landes in allen Farben und Formen abbildet. Wie gut er das kann, beweisen etwa die Regionalmagazine und die ‚Mittendrin‘-Rubrik in den ‚Tagesthemen‘ (wie übrigens auch manche jener Formate, die zum Jugenangebot ‚Funk‘ gehören).
Ein solcher Wandel ist mit der Besetzung von Spitzenposten nicht allein zu schaffen, aber er beginnt dort. Auch an dieser Stelle gibt es die Chance, sich nicht selbst weiter zu blockieren. In der Vergangenheit wurden auch mal Leute zu sehr gut bezahlten Direktoren, von denen man selbst eineinhalb Jahre nach Dienstantritt vor allem wusste, dass sie gerne segeln und auch sonst eher ein touristisches Verständnis ihres Sendegebiets aufweisen. Auch deshalb wäre es angezeigt, für die Spitze des RBB eine geignete Person aus dem Osten zu suchen und zu finden.“
3989: Heinz Bude zur „Gratismentalität“
Mittwoch, August 17th, 2022Der Soziologe Heinz Bude wird von Benedikt Peters (SZ 17.8.22) zur von Christian Lindner (FDP) apostrophierten „Gratismentalität“ befragt. Er sagt:
„Das ist ein interessanter Begriff, der zunächst einmal auf eine bestimmte Geisteshaltung hinweist. Der klassische Liberale sagt: There is noch free lunch. Irgendwann muss alles bezahlt werden. Aber man kann die Äußerung durchaus auch problematisch finden.
…
Der Zeitpunkt ist in der Tat ungewöhnlich. Viele ärmere Menschen sorgen sich vor einem kalten Winter. In einer reichen Gesellschaft wie Deutschland sollte man das nicht hinnehmen, und deswegen werden nun ja auch viele Vorbereitungen getroffen. Darüber hinaus gibt es andere Entwicklungen, die gerade die Klientel der FDP empfindlich treffen, etwa die Erhöhung der Zinsen. Viele Mittelklasse-Haushalte, die per Kredit eine Wohnung gekauft haben, kann das an den Rand des Ruins führen. Ich glaube nicht, dass Niedrigzinsen und Nullinflation zurückkommen werden. Insofern kann man an Lindners Äußerung auch eine Veränderung der Zeitläufte erkennen: Die Ära der billigen Güter und des billigen Geldes, die ist, glaube ich, vorbei.“
3988: Hoffnung beim Fischsterben in der Oder ?
Dienstag, August 16th, 2022Viktoria Grossmann (SZ 16.8.22) schreibt:
„Es ist viel zu viel Wasser die Oder hinuntergeflossen, bis Maßnahmen getroffen wurden, um das Fischsterben aufzuhalten. Das liegt auch an den Strukturen, welche die PIS geschaffen hat, und an ihrer Art des Regierens. Die PIS strebt nach absoluter Macht und reagiert auf Fehler nach Art autoritärer Regimes: vertuschen und verschlimmern.
Der Kampf zwischen den Lagern spiegelt sich in den Medien. Während sich die staatlichen auf Morawieckis Vorwürfe an die Deutschen und die Opposition konzentrieren, betreiben die unabhängigen auch Ursachenforschung. Das sollte Aufgabe des Staates sein – solange die PIS regiert, ist jedoch auf Aufklärung kaum zu hoffen.“
3987: „Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden“
Montag, August 15th, 2022Die Dreyfus-Affäre (1894-2006) liegt lange zurück. Dass sie aber topaktuell ist und von großem Belang, zeigt uns der französische Literaturwissenschaftler Alain Pagès in seinem 2019 erschienenen Band
Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden. Aus dem Französischen von Fabian Scharf. Stuttgart (Kohlhammer) 2022, 210 Seiten.
Der deutsche Emil Zola-Experte Scharf übersetzt das Buch leicht, flüssig, verständlich und passend. So bekommen auch wir einen Einblick in das seinerzeitige, hochkomplexe und sehr wichtige Geschehen. Der Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) wurde fälschlich des Verrats an Deutschland bezichtigt und in drei Prozessen zunächst verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt. Bevor er durch den gezielten und nicht ungefährlichen Einsatz von „Intellektuellen“ wie Emile Zola und Anatole France schließlich 2006 seine Begnadigung durch den Staatspräsidenten erreichte und später vollständig rehabilitiert wurde. Es war ein sehr langer Weg. Erst seit der Dreyfus-Affäre sind wir uns ganz des Werts ein er freien Presse und der öffentlichen Meinung sicher. Wenn auch noch nicht alle. Und der Antisemitismus ist heute wie gestern die größte innere Bedrohung der westlichen Demokratie.
Alain Pagès ist ein sehr angesehener französischer Litereaturwissenschaftler, der sein Thema in 27 Kapitel klar gliedert. Deren Überschriften sind aussagekräftig: „Wurde Alfred Dreyfus von einen ‚jüdischen Syndikat‘ verteidigt?“, „Hat Kaiser Wilhelm II. den ‚Bordereau‘ mit Anmerkungen versehen?“, „Welche Rolle haben die Tageszeitungen in der Dreyfus-Affäre gespielt?“, „Hat sich die Literatur für die Dreyfus-Affäre interessiert?“, „Gibt es in der Dreyfus-Affäre noch ungelöste Rätsel?“, „Musste Zola für sein Engagement sterben?“. Alle diese Fragen werden, soweit es möglich ist, vollständig beantwortet. Wir lernen etwas aus diesem Buch. Es enthält zudem eine klar gegliederte umfassende Bibliographie, Hinweise auf literarische Adaptionen und Filme zum Thema. Pagès wertet umfassend die Quellen aus, auch aktuelle und solche aus dem 21. Jahrhundert. Das macht überhaupt erst die Relevanz des Themas vollständig klar. Emile Zolas Statement: „Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts kann sie aufhalten.“ würden wir zu gerne als unser Motto akzeptieren, wenn es da nicht schwerwiegende Gegenargumente gäbe. Alain Pagès geht auch mit den „Dreyfusards“ nicht unkritisch um.
Es gab drei Gerichtsverfahren (1884-86, 1997-1910, 1900-1906), die zunächst von Fälschungen und übler Nachrede, nicht zuletzt antisemitischer, bestimmt waren. Frankreich war ein maroder Staat. Obwohl der tatsächlich Schuldige (Esterhazy) bekannt war, taten die Verantwortlichen alles, um das unter den Tisch zu kehren. Weithin bestimmte krasser Nationalismus die Denkweise. Durch das umfänglichre bizarre Geschehen mit riesigen Aktenbergen kam es zu denkwürdigem Geschehen wie Liebesaffären und Selbstmorden. Bis in die Spitze des Staates. Beweise gegen Dreyfus gab es keine. Es gab rassistische, antisemitische Vorurteile. Graphologen wurden zum Betrug herangezogen. Etc. „Die Wirklichkeit übergtrifft die Parodie.“ Karikaturen und Zeichnungen wurden zur Denunziation verwendet. Das Ganze wirkte wie ein Fortsetzungsroman.
Erst als schließlich „Intellektuelle“ wie Emile Zola über die Lügen und Täuschungen empört waren und dagegen vorgingen, kam es allmählich zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung bei den beiden französischen Lagern. Beteiligt waren daran in unterschiedlichen Formen Anatole France, Charles Peguy, Marcel Proust, Bernard Lazare, Jean Jaurès, Julien Benda, Léon Blum et alii. Zentral war Zolas Aufsatz „J’accuse“ in „L’Aurore“ am 3. Januar 1898. Er hat auch viele andere Aufsätze im Zusammenhang damit geschrieben. Petitionen wurden auf den Weg gebracht. Offene Briefe geschrieben. Frauen schalteten sich öffentlich ein. Mit den plumpen Lügenmärchen und Verschwörungsgeschichten nahm es ab. Viele Menschen verloren die Scheu, ihre Anonymität aufzugeben. Tageszeitungen erkannten ihr Geschäft. Für Alfred Dreyfus wurde sogar Bewunderung geäußert. „Die beachtliche Arbeit des Kassationsgerichtshofs hat die Absurdität der Anschuldigungen gegen Alfred Dreyfus aufgezeigt, indem sie alle im Laufe der Jahre entstandenen Legenden entkräftet hat.“ (S. 138)
Emile Zola wurde selbst noch vor Gericht gestellt und fatalerweise verurteilt. Nachdem alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, blieb ihm nichts anderes als das Exil in London (er kam zurück). Während seines Prozesses wurde auf ihn geschossen und er wurde verletzt (die sogenannte vierte Dreyfus-Affäre). Und die französische Rechte hielt an ihrer Ablehnung Dreyfus‘ fest. Das zeigt sich u.a. daran, dass einer ihrer Vertreter, Charles Maurras 1945, als er wegen seiner Beteiligung am Vichy-Regime zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ausrief: „Das ist die Rache von Dreyfus.“ Es lassen sich von der Dreyfus-Affäre klare Parallelen ins 18. Jahrhundert ziehen, zur Calas-Affäre, worin Voltaire (1694-1778) eine ähnliche Rolle spielte wie Emile Zola später. Alain Pagès gibt uns einen Überblick über die Behandlung der Dreyfus-Affäre in der Literatur (S. 156 ff.). Und im Film, wo hier die Proktionen von Georges Méliès (1899), William Dieterle (1937) und Roman Polanski (2019) genannt seien. Dabei setzt sich Polanski, der ja aus anderen Gründen umstritten ist, gerade mit der Gewalt in der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auseinander.
Letztlich gibt es in der Dreyfus-Affäre keine ungelösten Rätsel mehr, sagt Pagès. Vielleicht abgesehen von der Frage, ob Emile Zolas Tod 1902 natürlich war oder nicht. Denn 1928 bekannte ein Schornsteinfeger, dass er 1902 vom Nachbarhaus aus Zolas Kamin gezielt „verstopft“ hätte, was aber erst 1953 rauskam. Julien Benda (der Autor von „La trahison des clercs“, 1926) sagt: „Die Dreyfus-Affäre spielte eine entscheidende Rolle in der Geschichte meines Geistes durch die Schärfe, mit der sie mir blitzartig die Hierarchie der Werte, die den Kern meines Wesens ausmacht, und meinen organischen Hass auf das gegnerische System vor Augen führte. Durch sie lernte ich mich als absoluten Rationalisten kennen, das heißt als jemanden, der sich in einem Konflikt zwischen den Interessen der Vernunft und denen des Sozialen oder Nationalen leidenschaftlich und ohne das geringste Zögern für die ersteren entscheidet.“ (S. 191) Charles Peguy fasst zusammen: „Je länger die Affäre beendet ist, desto offensichtlicher wird die Tatsache, dass sie niemals zu Ende geht.“ (S. 193)
(Monty, 15.8.22)
3986: Die Gesellschaftsstruktur in Deutschland verändert sich.
Sonntag, August 14th, 20221. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 verändert sich die Gesellschaftsstruktur stark.
2. Wir haben mehr Singles, weniger Familien, mehr Teilzeit, weniger Arbeitskräfte.
3. 1991 waren die Bürger im Schnitt 39 Jahre alt, heute 45.
4. Vor dreißig Jahren waren 15 Prozent der Einwohner über 64 Jahre alt, heute 22 Prozent.
5. Deutschland wäre heute noch mehr eine Seniorenrepublik, wenn nicht so viele Menschen zugewandert wären. Wir brauchen die Zuwanderer. Jährlich etwa 400.000.
6. Jeder vierte Bürger hat einen Migrationshintergrund.
7. Von 60 bis 65 arbeiten heute 57 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer.
8. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit.
9. Kaum ein Industriestaat nimmt Zweitverdienerinnen so viel Steuern ab wie Deutschland.
10. Für den Erfolg der Gesellschaft ist eine gelingende Integration zentral. Zum Beispiel das Lernen der deutschen Sprache.
11. Es leben viel mehr Paare ohne Trauschein zusammen.
12. Vielfach werden unsere jungen Leute als „Generation beziehungsunfähig“ bezeichnet.
13. Nur noch jeder dritte Bürger lebt heute in einer Familie mit Kindern zusammen.
14. Die Gründe für die zunehmende Kinderlosigkeit sind wenig erforscht.
15. Nach dem Krieg standen pro Rentner sechs Arbeitnehmer zur Verfügung, jetzt nur noch zwei.
16. In manchen Städten hat sich die Zahl der Toten verdoppelt. Um deren Bestattung kümmert sich weithin der Staat, weil keine Angehörige vorhanden sind.
17. Jeder fünfte Dreißigjährige hat keinen beruflichen Abschluss.
18. 40-jährige Frauen haben heute häufiger Abitur (48 Prozent) und ein Hochschuldiplom (28 Prozent) als gleichaltrige Männer.
19. Die Industrialisierung, die vor 200 Jahren begonnen hat, brachte mehr Wohlstand für Arbeiter, auch mehr davon als davor als Bauern.
20. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft (teilweise mit einer miserablen Qualität). 80 Prozent der Frauen sind Angestellte und mehr als 60 Prozent der Männer.
(Alexander Hagelüken, SZ 13./14./15.8.22)
3980: Giovanni di Lorenzo über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Donnerstag, August 11th, 2022Die Affäre Schlesinger beim RBB veranlasst den Chefredakteur der „Zeit“ (11.8.22), Giovanni di Lorenzo, über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF) zu räsonieren:
1. Bei der Kommentierung der Affäre gibt es viele „Befangene“. Der Springer Verlag will ARD und ZDF seit den fünfziger Jahren (vgl. Adenauer-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1961) zerschlagen. Giovanni di Lorenzo arbeitet seit Jahren als Moderator für Radio Bremen.
2. Die aktuellen Vorwürfe treffen ARD und ZDF schwer. Bald geht es wieder um den Rundfunk-Staatsvertrag und die Rundfunkgebühren.
3. Es droht die Delegitimierung von ARD und ZDF.
4. Die populistische Rechte in Europa (Marine Le Pen, AfD u.a.) will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vernichten.
5. Es gibt zu viel Vetternwirtschaft, insbesondere bei der Vergabe von Beraterverträgen.
6. Es wird sich zeigen, ob es beim RBB nur um moralische Verfehlungen ging, oder auch um juristisch fassbare.
7. Der RBB braucht dringend neue Compliance- und Transparenzregeln.
8. Es gibt vier Hauptprobleme der Öffentlich-Rechtlichen:
a) die Kostenblöcke für Gehälter und Pensionen,
b) die Altersstruktur der Zuschauer,
c) die Schwerpunkte des Programmangebots,
d) die Tatsache, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung insbesondere in der ehemaligen DDR von den Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr repräsentiert fühlt.
9. „So gibt es heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine einzige profilierte konservative Stimme mehr.“
10. Das Informationsangebot von ARD und ZDF (Nachrichten, Informationssendungen, Magazine, Länderberichterstattung usw.) ist sehr gut.
3974: Abschaffung der Rundfunkgebühr in Frankreich
Freitag, August 5th, 2022Der französische Senat hat der Abschaffung der Rundfunkgebühr zugestimmt. Von Emmanuel Macrons Seite ist das ein Zugeständnis an die Rechte. Wie in Deutschland hasst sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Unabhängigkeit. Künftig soll der französische Rundfunk über die Mehrwertsteuer finanziert werden. Er ist billiger als in Deutschland: 138 Euro pro Jahr. In Deutschland: ca. 220 Euro. In Deutschland ist die Abschaffung der Rundfunkgebühr nicht so einfach wie Frankreich; denn hier müssen sich ja 16 Bundesländer erst einigen.
Die Rechte will überall die Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie kommt mit dessen Unabhängigkeit nicht klar. Diese Unabhängigkeit gründet sich gerade auf die Rundfunkgebühr. „Der bisherige Beitrag hat die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunjs symbolisiert und garantiert, das wird jetzt in Frage gestellt.“ Schon jetzt spart der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Frankreich. Das bringt Risiken für die Qualität mit sich (Kathrin Müller-Lancé, SZ 4.8.22).