Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat einen Mindestlohn von 15 Euro für angemessen gehalten. Nun schlägt die Denkfabrik „Dezernat Zukunft“ 16 Euro vor. Das würde der Wirtschaft nicht schaden. Die Erhöhung müsse schrittweise vorgenommen werden. Dann würde rund ein Viertel der Beschäftigten mehr verdienen (SZ 5.6.24).
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4844: Mindestlohn: 16 Euro ?
Mittwoch, Juni 5th, 20244842: Literaturkritik nach identitätspolitischen Kriterien
Montag, Juni 3rd, 2024Bei der Verleihung des „Internationalen Literaturpreises“ durch das „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW) in Berlin 2023 kam ans Licht, was vermutlich schon bei manchen Preisverleihungen der Fall war. Dass der Preis nicht nach literarischen, sondern nach identitätspolitischen Kriterien vergeben wurde. Die Jurorinnen Juliane Liebert und Ronya Othmann machten darauf aufmerksam, dass nachdem die Punkte vergeben worden waren, eine Jurorin darauf verwiesen habe, dass die Autorin von „Über die See“, Marietta Navarro, eine
„weiße Französin“
sei. Sie zog daraufhin ihr Votum für Navarro zurück. Liebert und Othmann berufen sich auf ein HKW-Regelblatt, in dem steht:
„Die Einreichungen werden ohne Bevorzugung oder Vorurteile in Bezug auf Verlegerin, Herausgeberin, Autorin, Übersetzerin, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit sowie politische und religiöse Ansichten bewertet.“
Nach der Meinung von Liebert und Othmann geht es bei der literarischen bewertung allein um Sprache, Originalität, um Voruteilsfreiheit in Bezug auf Identität und Ansehen des Autors, um Einzigartigkeit von Thema und Stimme. Damit verteidigen sie die Regeln des „Internationalen Literaturpreises“. Das teilten sie der Öffentlichkeit auch mit. 2024 wurden sie als Jurorinnen nicht wieder berufen (Nele Polatschek, SZ 25./26.5.24).
Ohne es belegen zu können, vermute ich, dass nicht-literarische Kriterien heute sehr häufig Jury-Entscheidungen zugrunde liegen. Das ist falsch und muss korrigiert werden.
Nachbemerkung: Eines ist ganz klar: dass ich der heute weithin geächteten Gruppe der alten weißen Männer zugehöre. Das tu ich sehr gerne. Bitte achten Sie darauf, wer uns so bezeichnet. Und wie schätzen Sie unsere Macht ein?
4841: Milena Jesenska war Franz Kafka ebenbürtig.
Sonntag, Juni 2nd, 2024Die Journalistin Milena Jesenska hat mit Franz Kafka einen ausführlichen Briefwechsel gehabt. Erschienen ist er erst in den neunziger Jahren („Alles ist Leben.“), ihre journalistischen Beiträge sind gerade eben publiziert worden („Prager Hinterhöfe im Frühling“). Als Feuilletonistin schrieb Jesenska über Kleidung, Kino und Bücher, als Reporterin über Armut, Krankheit und das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Schließlich auch über die aus Deutschland vor Hitler geflohenen Menschen. 1896 wurde sie in Prag geboren, 1944 starb sie, die Jüdin, im
Konzentrationslager Ravensbrück.
Die Prager Literaturwissenschaftlerin Marie Kiraskova hat das Leben von Milena Jesenska recherchiert. Bis hin zu ihrer Gestapo-Akte. Deswegen wissen wir heute auch vieles, das mir unbedingt wissenswert erscheint. Jesenska war unabhängig, vorurteilsfrei und direkt. Auch in den Briefen an Kafka. Sie war ihm ebenbürtig. Nach dem Krieg konnte sie in der Tschechossolwakei nicht richtig gewürdigt werden, weil sie Zeit ihres journalistischen Lebens die Sowjetunion hart und berechtigt kritisiert hatte. Es hilft manchmal nichts, Recht zu haben.
Milena Jesenska hielt in den schwierigen Zeiten engen Kontakt zu Deutschen. Das erschien vielen nicht korrekt. Bei Kafkas Tod 1924 hatte sie geschrieben: „Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andere, die nicht so empfindsam waren, ungefährdet fühlten.“ Für Alena Wagnerova war Milena Jesenska Kafkas große Liebe. „Es gibt doch Beziehungen, die eine große Liebe sind, aber nicht in der Ehe enden.“ (Viktoria Großmann, SZ 17.5.24)
4840: 77-jähriger Betrüger könnte der nächste US-Präsident werden.
Samstag, Juni 1st, 2024Viele von uns betrachten Donald Trump seit langem als Gangster. Das ist nun von einem New Yorker Gericht in erster Instanz bestätig worden. In allen 34 Punkten wurde Trump schuldig gesprochen. „Zivilrechtlich musste er bereits wegen sexuellen Missbrauchs, Diffamierung und illegal aufgeblasener Vermögenswerte Hunderte Millionen Dollar Strafe bezahlen.“ Gegen ihn sind noch drei andere Prozesse anhängig. U.a. der wegen der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 nach Trumps Anordnung. Diese anderen drei Prozesse befassen sich mit wesentlich schwerwiegenderen Vorwüfen als der jetzt mit dem Urteil beendete. Wahrscheinlich wird Trump als Ersttäter aber nicht zu Gefängnis verurteilt.
In jedem Fall kann er zur Präsidentschaftswahl am 5. November 2024 antreten. Und seine Anhänger stehen unverbrüchlich zu ihm. Die US-Gesellschaft ist tief gespalten. Das ist nicht gut für die westliche Führungsmacht. Der Westen muss gerade große Herausforderungen bestehen (russischer Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, israelische Kriegsverbrechen in Gaza etc.). Trump hatte schon 2016 Geschäftsberichte gefälscht und Regierungsunterlagen mit in sein Privathaus nach Florida genommen. Und die US-Wähler allgemein interessieren sich mehr für Joe Bidens Alter (81), die Massen-Migration in die USA und das US-Engagement bei Konflikten aller Art in der Welt als für Trumps Mätzchen. Viele sehen nicht, dass ein Gangster Trump der falsche Präsident wäre (Peter Burghardt, SZ 1./2.6.24).
4834: Kardinal Reinhard Marx warnt vor AfD.
Mittwoch, Mai 29th, 2024Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München, hat sich gegen AfD-Mitglieder in kirchlichen Gremien ausgesprochen. Er sagte, dass „mit ideologisch verbohrten Funktionären“ Dialog keinen Sinn ergebe. „Wer das eigene Volk für höherwertig hält, verlässt die gemeinsame Diskussionsgrundlage.“ Marx zeigte sich besorgt, dass demokratische Kommunalpolitiker sich aus Furcht vor Angriffen zurückziehen könnten (SZ 29./30.5.24).
4833: Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige Chance für Nahost.
Mittwoch, Mai 29th, 2024Die Lage in Nahost erscheint aussichtslos. Das heißt, es geht immer so weiter mit Mord und Totschlag. Daraus kann ein Weltkrieg erwachsen. Das alles muss auf jeden Fall vermieden werden. Insofern ist die Zweit-Staaten-Lösung die einzige Chance für den Nahen Osten. Ansonste wären die Kriege 1948, 1956, 1967, 1973 und die folgenden Scharmützel alles Vernichtungs- und Auslöschungskrige gegen die Palästinenser gewesen.
In Israel will kaum jemand noch die Zwei-Staaten-Lösung. Damit macht sich die israelische Politik noch schuldiger, als sie es ohnehin schon ist. Nun ist ja nicht zu übersehen, dass im Laufe der Jahre auf palästinensischer Seit immer mehr Terroristen wie die Hamas die Politik bestimmen. Am 7. Oktober fand ein Pogrom statt (Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Entführung etc.). Das rechtfertigt aber nicht Israels Kriegsverbrechen in Gaza. Die Vereinten Nationen müssen Israel zur Zwei-Staaten-Lösung drängen.
4832: Wir dürfen uns über den Rassismus bei uns keine Illusionen machen.
Dienstag, Mai 28th, 2024Rostock-Lichtenhagen? Hanau? Schon mal gehört? Da kann es keine Unklarheiten geben. Christian Krachts erster Roman „Faserland“ begann vor dreißig Jahren auch auf Sylt. Da feiert unsere reiche Schicki-Micki-Jgend sich und ihre Ironie. Da kommt dann der in Deutschland bestens verbreitete Rassismus dabei heraus. Die reiche Jugend auf Sylt will provozieren: „Linke, Nazis, Ökos, Intellektuelle, Busfahrer, einfach alle.“ (Philipp Bovermann, Kathleen Hildebrand, SZ 25./26.5.24)
4830: Starker Anstieg der Pflegefälle
Dienstag, Mai 28th, 2024Die Pflegefälle sind 2023 unerwartet hoch gestiegen. Um 360000 statt, wie erwartet 50000. Für die Pflegeversicherung gibt es ein akutes Problem. Die Ursachen sind noch nicht voll aufgeklärt. Es scheint so zu sein, dass nun die ersten Babyboomer pflegebedürftig werden. Damit haben wir erstmals zwei Generationen, in denen Pflegebedürftigkeit auftritt. Die Finanzierung dieses Mehrbedarfs ist noch nicht gesichert (SZ 28.5.24).
4826: Aktivisten besetzen Räume der Humboldt-Universität.
Samstag, Mai 25th, 2024Propalästinensische Aktivisten haben Räume der Humboldt-Universität in Berlin besetzt. Sie streben ein Gespräch mit der Hochschulleitung an. Die Berliner CDU und die Gewerkschaft der Polizei verurteilen das Verhalten scharf. Es geht um Räume des Sozialwissenschaftlichen Instituts. 320 Personen haben eine unangemeldete Versammlung abgehalten. 23 Demonstranten wurden zur Aufnahme ihrer Personalien kurzzeitig festgenommen. 25 Strafermittlungsverfahren wurden eingeleitet (SZ 24.5.24).
4824: Melanie Möller bleibt unabhängig.
Mittwoch, Mai 15th, 2024Melanie Möller ist Professorin für klassische Philologie an der Freien Universität Berlin. Sie hat sich bei allen Anpassungszwängen in der Alma Mater ihre Unabhängigkeit bewahrt. So schreibt sie etwa:
„Und dass Frauen in früheren Jahrhunderten unterdrückt, verdrängt oder vergessen wurden oder auch einfach weniger geschrieben haben, das macht Ovid, Shakespeare oder Kleist heute nicht weniger lesenswert.“ (Die Zeit, 2. Mai 24)