Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

386: Die Stärke der deutschen Volkswirtschaft

Freitag, März 22nd, 2013

Für Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, kommt der Erfolg der deutschen Wirtschaft nicht von der Agenda 2010, sondern vom Export deutscher Autos nach China und Indien (taz 14.3.13). Er schreibt:

„Unstrittig dürfte sein, dass die Stärke der deutschen Wirtschaft in erster Linie auf seine Industrie und deren hohe Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen ist. Mit seinen Premium-Automobilen und einem technologisch weltweit führenden Maschinenbau war Deutschland optimal positioniert, um die Nachfrage von Ländern wie China oder Indien zu befriedigen. Aber was haben diese Exporterfolge mit Hartz IV zu tun? Kann man ernsthaft behaupten, BMW sei deshalb so stark auf dem chinesischen Markt, weil der Konzern im Zuge der Arbeitsmarktreformen in größerer Zahl Mitarbeiter eingestellt habe, die vor Hartz IV als Langzeitarbeitslose Arbeitslosengeld II beziehen konnten?

Nein, der Erfolg der deutschen Wirtschaft hat nichts mit Gerhard Schröder zu tun, sondern vor allem mit der Tatsache, dass Deutschland mit seinen kleinen und mittelständischen Unternehmen wie auch mit vielen Großunternehmen, die sich im Familien- oder Stiftungsbesitz befinden, über eine von Nachhaltigkeit gekennzeichnete Unternehmenslandschaft verfügt. Durch ihre weitgehende Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt können es sich viele unserer Unternehmen erlauben, eine langfristig ausgerichtete Unternehmenspolitik zu verfolgen. Dies war und ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Unternehmen, die von am kurzfristigen Gewinn interessierten Investoren abhängig sind. So gesehen waren die düsteren Einschätzungen, die man in den Jahren 2003 und 2004 zur Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen vernehmen konnte (vor allem Hans Werner Sinns ‚Ist Deutschland noch zu retten?‘) klare Fehldiagnosen, …“

Peter Bofinger hat Recht.

Ich schätze bei der Regelung des Arbeitsmarkts die Agenda 2010 trotzdem hoch ein.

358: Friedrich Merz (CDU) plädiert für Mindestlohn.

Sonntag, Februar 17th, 2013

Der ehemalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz, hat sich für einen flächendeckenden Mindestlohn ausgesprochen (SZ 16./17.213). Er sieht das als einen Beitrag zur „Befriedung der Gesellschaft“. Der Gesetzgeber solle einmalig den Rahmen setzen, die regionale Festlegung aber den Tarifparteien überlassen. Die CDU hatte sich auf ihrem letzten Bundesparteitag für einen Mindestlohn ausgesprochen.

Die FDP lehnt das im Bund vehement ab. Sie ist wohl die einzige Partei, die den Sinn des Mindestlohns noch nicht begriffen hat.

356: Der Strompreis ist ein Wahlkampfthema: zu hohe Subventionen für Wind- und Sonnenenergie

Freitag, Februar 15th, 2013

Elektrizität ist so etwas wie ein Grundnahrungsmittel für jeden. Und seit die Energiewende beschlossen ist, arbeiten selbstverständlich die großen Energieunternehmen mit allen Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit (also hinter den Linien) daran, den Strompreis anzuheben. Ein heikles Thema. Auch für den Wahlkampf bis zum 22. September. Nun hat Minister Peter Altmaier den ersten Versuch zu einer „Strompreis-Sicherung“ unternommen. Sein Kollege Phillip Rösler möchte die Förderung von erneuerbaren Energien radikaler als bisher abbauen. Die SPD plädiert für die Senkung der Stromsteuer, was die Grünen ablehnen. Diese wiederum wollen die Ausnahmeregeln für die Industrie stutzen. Es geht um das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das Rot-Grün beschlossen hatte.

Dazu schreiben Michael Bauchmüller und Stefan Braun in der SZ (15.2.13): „Was wirklich geschieht mit dem Strompreis, darauf hat keiner der Beteiligten Einfluss. Das hat etwas mit Wettbewerb zu tun, aber auch mit den Mechanismen des Ökostrom-Gesetzes. Wie teuer der saubere Strom die Haushalte nämlich kommt, entscheidet sich an der Leipziger Strombörse. Je billiger dort der Strom verhandelt wird, desto mehr müssen die Verbraucher drauflegen. Nur so kommen die Erzeuger von Wind- und Sonnenstrom auf jene Vergütungen, die das Gesetz ihnen garantiert. Ein Teufelskreis. Denn je mehr Wind und Sonne abwerfen, desto billiger wird der Strom. Dies zu beheben, würde einen Komplett-Umbau des Fördersystems verlangen. Das wissen alle, nur geschafft hat es keiner. Bei gut 20 Milliarden Euro jährlich ist viel Geld im Spiel.“

346: Durch „Fracking“ neue weltpolitische Machtverteilung

Montag, Februar 4th, 2013

Die USA erleben seit einigen Jahren einen neuen Ölboom. Er kommt vom „Fracking“. „Fracking“ (eigentlich „Hydraulic Fracturing“) ist eine neue Fördertechnologie für Erdöl und Erdgas (SZ 1.2.13). Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und (zum Teil sehr giftigen) Chemikalien so unter hohem Druck in den Boden gepumpt, dass tief liegenden Gesteinsschichten aufgebrochen werden. So lassen sich Öl- und Gasvorkommen lösen, die im Gestein eingeschlossen sind. Das ist aufwendig und teurer als die konventionelle Art der Förderung, lohnt sich aber bei einem Ölpreis von mehr als 70 oder 80 Dollar pro Barrel. Deswegen wird die neue Fördertechnik kommen, auch wenn Umweltschützer vor schädlichen Nebenwirkungen warnen. Dadurch lassen sich neue Ölvorkommen in großem Maße erschließen.

Das hat in den USA den neuen Ölboom ausgelöst. Denn dort lässt sich durch „Fracking“ Öl in großen Mengen gewinnen. Ein drastisches Absenken der Ölimporte kann erreicht werden. 2005 kauften die USA noch 60 Prozent ihres Öls auf dem Weltmarkt ein, heute sind es nur noch etwas mehr als 40 Prozent. Die USA können bald einen Großteil des eigenen Ölbedarfs aus eigener Förderung decken. Ähnlich sieht es beim Gas aus. Zwischen 2010 und 2035 werden die USA vom Importeur zum Exporteur von Gas werden, so die International Energy Agency (IEA).

Dadurch kann der Ölimport aus den Petromonarchien am Persischen (Arabischen) Golf reduziert werden. Die Opec schätzt, dass bis 2035 der Export von nahöstlichem Öl nach Nordamerika auf Null sinkt. Zum ersten Mal in ihrer jüngeren Geschichte werden die USA nicht mehr vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig sein. Das verändert die weltpolitische Machtverhältnisse von Grund auf. Denn dann brauchen die Vereinigten Staaten in der Region nicht mehr als Ordnungsmacht aufzutreten wie bisher. Diese Rolle hatten die USA seit Präsident Jimmy Carter 1980, als er von den „vitalen Interessen“ der Amerikaner dort sprach.

Den freien Fluss von Öl in den Westen zu sichern, war seither das Leitmotiv der US-Außen- und Sicherheitspolitik. Die Europäer profitierten davon, ohne sich immer bündnispolitisch erkenntlich zu zeigen. Vielmehr zeigten sie manchmal mit dem Finger auf die USA und bekundeten ihre Friedensbereitschaft. Die energiepolitische Lage war der Grund für die Unterstützung diktatorischer Regimes in der Region durch die USA und für militärische Interventionen wie zum Beispiel den ersten Golfkrieg gegen den Irak. Um die wichtigste Öltankerroute – die Meerenge von Hormus – zu schützen, durch die ein Großteil des saudischen Öls exportiert wird, haben die USA dauerhaft eine gewaltige Marinestreitmacht am Persischen Golf stationiert, die 5. Flotte in Bahrain, der auch ein Flugzeugträger-Verband angehört.

Die US-Einmischung im Nahen Osten hat Tausende US-Soldaten und zahllose Araber das Leben gekostet und die US-Steuerzahler zig Milliarden Dollar. Nach Schätzungen kostet die US-Militärpräsenz am Golf das Land jährlich zwischen 20 und 70 Milliarden Dollar. Forscher beziffern die Summe, die die Vereinigten Staaten von 1976 bis 2007 für die Sicherung der Ölförderung und den Öltransport ausgegeben haben, auf 7.300 Milliarden Dollar.

Durch ihre Rolle als Ordnungsmacht im Nahen Osten waren die USA dort stets sehr unbeliebt. Daraus resultierte der Terrorismus. Osama Bin Laden begann seinen Feldzug gegen die Vereinigten Staaten, weil im Zuge des Golfkriegs 1990 US-Truppen auf dem „heiligen Boden“ seines Heimatlands Saudi-Arabien stationiert wurden. Nun wurde der „amerikanische Satan“, der seit 1979 schon vom iranischen Repressionssystem ausgerufen worden war, auch von Arabern erkannt.

Es ist nicht zu erwarten, dass die USA sich sofort vom Nahen Osten abwenden. Was dort passiert, kann nämlich immer noch den Ölpreis empfindlich beeinflussen. Doch die USA sind nicht mehr auf Gedeih oder Verderb gezwungen, sich im Nahen Osten einzumischen. Kurzfristig werden die Vereinigten Staaten weiter die Förderung von Öl und dessen Transport im Nahen Osten absichern. Der „Bundesnachrichtendienst“ (BND) sagt voraus, dass die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfreiheit der USA im Nahen Osten erheblich steigt.

Gleichzeit steigt die Abhängigkeit Chinas, des Hauptrivalen der USA, vom Öl an. Nach Angaben der IEA importiert China gegenwärtig 55 Prozent seines Öls. Im Jahr 2035 werden es mehr als 80 Prozent sein. Fast das gesamt Öl aus dem Nahen Osten wird dann nach Asien fließen. Der chinesische Anteil an diesen Exporten wird von heute drei auf fast sieben Millionen Barrel pro Tag steigen. Der Anteil der US-Verbündeten Japan und Südkorea dürfte hingegen sinken. Peking stellt sich darauf ein, selbst mehr für die Sicherheit der Energieversorgung aus dem Nahen Osten tun zu müssen. Schon seit einigen Jahren ist die chinesische Marine am Horn von Afrika im Einsatz gegen Piraten. Ein erster Schritt, um sich in der Region Geltung zu verschaffen.

340: Cohn-Bendit: EU-Austritt Großbritanniens nicht dramatisch

Freitag, Februar 1st, 2013

Daniel Cohn-Bendit sitzt seit 1994 für die Grünen im Europaparlament. Ruth Reichstein hat ihn in der „taz“ (24.1.13) über Großbritanniens Europapolitik interviewt.

taz: Was hat der britische Premierminister von der Ankündigung eines Referendums?

Cohn-Bendit: Cameron hat große innenpolitische, vor allem wirtschaftliche Probleme. Deshalb will er den nächsten Wahlkampf in Großbritannien zu einem Europa-Wahlkampf machen. Das ist ziemlich geschickt. Er sagt den Leuten: Wenn ihr mich wählt, könnt ihr bestimmen, dass unser Land aus der EU austritt. Das kommt an in Großbritannien. Man müsste ihn deshalb auffordern, das Referendum einfach schon früher zu machen – vor den nächsten Wahlen.

taz: Was ist ihr Eindruck: Will Cameron selbst raus aus der EU?

Cohn-Bendit: Wenn er morgens mit dem linken Fuß aufsteht, dann will er drin bleiben. Wenn der rechte zuerst den Boden berührt, will er austreten. Ich glaube, er weiß das selbst noch nicht so genau.

taz: Und was würde ein Austritt Großbritanniens für die restliche EU bedeuten?

Cohn-Bendit: Es würde heißen, dass die EU bereits in der Normandie aufhört. Das wäre nicht dramatisch. Ich will nicht sagen, dass wir die Briten nicht brauchen. Für die Sicherheits- und Außenpolitik sind sie wichtig. Auch die demokratische Tradition der Briten tut Europa gut. Aber wenn sie austreten, bricht die Welt nicht zusammen. Im Gegenteil: Die Vertiefung der EU würde ohne die Briten einfacher werden.

319: Die Schweiz: Mittäter und Beihelfer zu Kapital- und Steuerflucht

Freitag, Dezember 28th, 2012

Andreas Zumach ist UN- und Schweiz-Korrespondent der taz mit Sitz in Genf. Er erhielt 1997 den Preis des Verbandes der UNO-Korrespondenten in New York für die weltweit beste Berichterstattung über die UNO, 2009 den Göttinger Friedenspreis. Zumach berichtet ungewöhnlich offen auch über peinliche und unangenehme Angelegenheiten. So etwa über die Mittäter- und Beihelferschaft der Schweiz bei der Kapital- und Steuerflucht aus Deutschland und vielen anderen Ländern (taz 15./16.12.12):

Denn die Banken und alle Schweizer Regierungen in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg waren – und sind es teils immer noch – aktive Mittäter und Beihelfer zu Kapital- und Steuerflucht aus Deutschland und vielen anderen Ländern. Das ist nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten der 193 UNO-Staaten ein strafbewehrtes Verbrechen. In der Debatte innerhalb der Schweiz wird dieses Verbrechen aber immer noch als Kavaliersdelikt verharmlost. Zur Rechtfertigung und Verharmlosung dieses Delikts wird gern auf die „zu hohe Steuerbelastung“ in anderen Ländern verwiesen oder darauf, dass schließlich auch schon einmal ein deutscher Bundeskanzler mithilfe des heutigen Finanzministers illegale Parteispenden bei Schweizer Banken versteckt habe.

Gegen diese vor allem in der Deutschschweiz nach wie vor ausgeprägte Wagenburg- und Rosinenpickermentalität hilft nur verstärkter Druck, wie die letzten 20 Jahre zeigen. Nur auf erheblichen Druck aus Washington gaben die Schweizer Banken und die Regierung Anfang der 90er Jahre endlich die skandalöse Ausraubung angeblich „nachrichtenloser“ Konten jüdischer Bürger aus der NS-Zeit zu und erklärten sich zu einer „Wiedergutmachungszahlung“ in Höhe von 1,2 Milliarden Franken bereit.

Ebenfalls nur unter massivem Druck US-amerikanischer Steuerbehörden beendeten UBS, Credit Suisse und andere Schweizer Banken in den letzten zwei Jahren ihre aktive Mittäterschaft bei der Steuerflucht von US-Bürgern. Dabei räumte die Schweiz in immer schnelleren Wendungen eine Position nach der anderen, die kurz zuvor noch als „rote Linie“ oder „unaufgebbar“ galt. Zumindest im Verhältnis zu den USA ist das einst hochheilige Schweizer Bankgeheimnis inzwischen nur noch ein Torso. In einem bilateralen Abkommen mit den USA musste sich die Schweiz zum automatischen Informationsaustausch verpflichten, den sie im Verhältnis zu den EU-Staaten noch strikt ablehnt. Doch auch diese Bastion und der Rest des Bankgeheimnisses – das die jahrzehntelangen kriminellen Praktiken der Schweiz erst ermöglichte – werden sehr bald fallen, wenn der Druck aus Deutschland und anderen EU-Staaten jetzt nicht nachlässt.

Solange die Schweiz ihre Bringschuld zur Beendigung ihrer Steuerfluchtverbrechen nicht erfüllt, sind der Ankauf und die Auswertung von CDs mit den Daten von deutschen Steuerflüchtlingen nicht nur legitim, sondern unerlässlich. Daher ist zu hoffen, dass der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und seine Kollegen in anderen Bundesländern dieses Druckmittel nach dem Scheitern des Steuerabkommens noch verstärkt nutzen.

(Für Kurt Erdmann)

289: Die Wallstreet unterstützt Mitt Romney.

Dienstag, November 6th, 2012

Die Wallstreet ist traditionell mit den Demokraten verbunden und hat diese viele Male auch mit großen Spenden in Wahlkämpfen unterstützt. Das ist diesmal anders, weil Barack Obama sich nach der letzten Wahl 2008 nicht dankbar genug gezeigt hatte. Ja, er hat sogar den Dodd-Frank Act durchgesetzt, ein Gesetzespaket zur Finanzmarktregulierung. Die Behörde soll Derivate überwachen und kontrollieren. Diese komplexen Finanzprodukte hatten sich als besonders gefährlich erwiesen. Die Wallstreet-Manager haben das Gesetzespaket mit aller Macht bekämpft. Erreicht haben sie dabei schon, dass die Behörde nicht, wie geplant, 1 100 Mitarbeiter hat, sondern nur 700. Das reicht nicht für eine wirkungsvolle Kontrolle. Deswegen unterstützt die Wallstreet die Republikaner und Mitt Romney, weil diese ihnen schon behilflich gewesen sind bei der Schwächung der Kontrolle der Finanzmärkte.

Michael Greenberger ist Jura-Professor in Baltimore, er sagte in Senatsanhörungen aus, in denen die Finanzkrise aufgearbeitet werden sollte. Greenberger ist für eine strikte Anwendung des Dodd-Frank Act. Für die SZ (6.11.12) hat ihn Jannis Brühl interviewt.

SZ: Was wäre von einem Wahlsieg der Republikaner und Mitt Romney zu erwarten?

Greenberger: Sie sind entschlossen, Dodd-Frank wieder aufzuheben, wenn sie beide Häuser und das Weiße Haus gewinnen. Mitt Romney hat das klar gesagt.

SZ: Also hat Romney nichts aus der Finanzkrise von 2008 gelernt?

Greenberger: Er sagt den Banken: Ihr werdet wieder so arbeiten können wie 2008. Das hören sie gerne. Sie denken sich: Ein paar hundert Millionen Dollar sind ein geringer Preis, um aus diesem Albtraum herauszukommen. Selbst wenn Romney Dodd-Frank nicht rückgängig machen sollte, bleibt die Frage: Gibt es genug Personal, um die Märkte zu überwachen? Er wird die Behörden nicht dazu anhalten, wegen Betrugs oder Manipulation zu ermitteln. Wenn die Regeln da sind, aber es weder Personal noch Technik gibt, sie umzusetzen, ist Regulierung nur ein Potemkinsches Dorf.

W.S.: hier sehen wir, wie einfach es ist, die Herrschaft des Finanzkapitals über die Politik beizubehalten. Das dient nicht den Interessen der US-amerikanischen Bevölkerung.

285: Sattelberger über Energiewirtschaft, Frauen in Aufsichtsräten und Business-Schools

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Thomas Sattelberger war in den Personalvorständen von Daimler-Benz, der Lufthansa, bei Continental und der Deutschen Telekom (SZ-Interview Thomas Öchsner 29.10.12). Im Ruhestand kann er offener sprechen als vorher. Das tut er auch.

SZ: Warum geht es Deutschlands Wirtschaft dann so gut? So viel können die Unternehmenslenker doch gar nicht falsch gemacht haben.

S.: Na ja. Es gibt Gegenbeispiele. Nehmen Sie die Energiebranche, die bei der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke die Politik fast erpresserisch bis an die Grenzen des Erträglichen gedrückt hat und dann plötzlich von der Energiewende, vom Abschalten betroffen war. Oder die jetzt teilweise zugrundegegangene, hoch subventionierte Solarindustrie, die es plötzlich mit der chinesischen Niedrigkosten-Konkurrenz zu tun bekam. Unser Land ist ja relativ gut in klassischen Schlüsseltechnologien, nicht aber unbedingt in innovativen Schrittmacher-Technologien.

Auf die Frage, wie die etwa 100 Aufsichtsratsposten in den Dax-Unternehmen mit Frauen zu besetzen seien, antwortet

S.: Bei hunderttausend top ausgebildeter und wirtschaftserfahrener Frauen in diesem Land ist es doch lächerlich zu glauben, diese knapp 100 Positionen sowohl aus Deutschland wie auch international nicht bestens besetzen zu können. … Ein weiblicher Talentpool ist mittelfristig entscheidend dafür, dass sich langfristig und nachhaltig auch für Vorstände und Aufsichtsräte genug qualifizierte Frauen finden.

SZ: Bei Ihrer Kritik geht es Ihnen aber nicht nur um die Männerbünde. Sie haben auch einmal von einer „Schar gefönter Bubis und Barbiepuppen im Business-Look“ gesprochen, die die Elite-Universitäten verlassen und vor allem in der Finanzbranche und der Unternehmensberatung „geklont“ werden.

S.: Ja, damit habe ich mir nicht wenig Ärger eingehandelt. Mir ging es darum, Muster herauszuarbeiten. Die US-amerikanisch geprägten Business-Schulen infiltrieren weltweit die Gehirne von Hunderttausenden zukünftigen Führungskräften jedes Jahr – übrigens auch die deutschen Wirtschaftswissenschaften.

284: Finanzkapitalismus: 10 Thesen (gestützt auf Colin Crouch)

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Wer die gegenwärtige Krise des Finanzkapitalismus verstehen will, sollte sich bei Colin Crouch kundig machen, dem gerade emeritierten britischen Politikwissenschaftler und Soziologen (SZ-Interview Catherine Hoffmann 26.10.12). Sein Buch „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ hat in Deutschland mehr Leser gefunden als überall sonst. Nach Crouch verschärft sich der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, aber der Finanzkapitalismus wird nicht abgeschafft, weil er noch gebraucht wird.

1. Theorie der Postdemokratie: Die Macht der Großkonzerne steigt weiter und die Macht der Parlamente sinkt.

2. Dagegen muss die Marktwirtschaft gestärkt und Marktbeherrschung verhindert werden.

3. Die Ära des Finanzkapitalismus wird nicht in Frage gestellt, weil die Regierungen und Ökonomen glauben, ihn bei der Lösung der anstehenden Probleme noch zu benötigen.

4. Die Banken können nur dadurch wieder stärker werden, indem sie den Derivate-Handel neu beleben.

5. Besonders in den USA ist die politische Führung infiltriert von Führungskräften der Finanzindustrie.

6. Wir benötigen die Zweiteilung der Banken in a) diejenigen, die Kundeneinlagen verwalten und Kredite vergeben, und b) Investmentbanken.

7. Für die Bonität der Banken sollten nicht so sehr die Steuerzahler als die Aktionäre haften.

8. „Die Bankenkrise hat den Sinn dafür geschärft, dass es eine globale Elite gibt, die losgelöst ist vom Staat, dort aber Macht ausübt – und unglaublich arrogant ist.“

9. Heute gilt nicht mehr der Satz von 1956: „Was gut ist für General Motors, ist gut für die USA.“, sondern der Satz aus den achtziger Jahren: „Schweden braucht Volvo, aber Volvo braucht Schweden nicht.“

10. „Die Verlagerung von Fabriken von Westeuropa und Japan in aufstrebende Länder hat eine Reihe von Konsequenzen – die sind nicht alle negativ. Ein Teil unserer europäischen Arbeitskräfte kann nun höherwertige Güter herstellen, und es gibt eine wachsende Mittelschicht in China. Einer der Gründe, warum die deutsche Wirtschaft boomt, ist, dass Unternehmen ihre Produkte nach Fernost verkaufen. Wir ernten schon die Gewinne der Globalisierung! Das verschafft uns Spielraum. Und den sollten wir nutzen, um starke internationale Institutionen zu schaffen.“

(für Kurt Erdmann)

275: „Was Romney plant, ist das Gegenteil dessen, was Amerika braucht“

Donnerstag, Oktober 18th, 2012

Jeffrey Sachs leitet das Earth Institute an der Columbia-Universität in New York. Der Ökonom, der u.a. Polen und Russland beraten hat, ist skeptisch in Bezug auf die politischen Fähigkeiten von Barack Obama und Mitt Romney. Nikolaus Piper hat ihn für die SZ (16.10.12) interviewt.

SZ: Was bedeute die Wahl wirtschaftspolitisch?

Sachs: Amerika ist in einem besorgniserregenden Zustand. Präsident Barack Obama hat keine Vision, kein Programm. Er hört auf die Demokraten im Kongress und auf die Lobbyisten. Er könnte viel mehr erreichen, als wir denken. Aber dazu müsste er sich direkt an das amerikanische Volk wenden und die mächtigen Interessengruppen umgehen. In seiner ersten Amtszeit hat er das leider nicht getan. Sein grundlegender Fehler lag darin, dass er versuchte, das Insiderspiel in Washington zu spielen, obwohl er im Wahlkampf etwas anderes versprochen hatte. Sobald er im Weißen Haus war, stellte er Insider ein, die das Spiel der Lobbyisten spielten. Deshalb erreichte Obama ziemlich wenig. Seine Bilanz ist mittelmäßig, nicht nur wegen der republikanischen Opposition.

SZ: Und was ist mit Mitt Romney?

Sachs: Was Romney plant, ist das Gegenteil dessen, was Amerika braucht, es ist hässlich und zynisch. Trotzdem könnte es Wähler überzeugen, besonders jetzt, da die Republikaner so zuckersüß daherreden. Aber wenn Romney und sein Vize Paul Ryan versuchen, ihr Programm umzusetzen, werden sie scheitern. Steuersenkungen auf breiter Front wird es nicht geben, sie sind einfach undurchführbar. Es kämen sehr bittere Zeiten auf uns zu.

SZ: Die Basis der Republikaner wünscht sich nichts mehr als Steuersenkungen.

Sachs: Das ist eine Obsession der Partei seit 30 Jahren. Sie leben in der Vorstellung, dass jemand mit Geld keine Verpflichtungen irgendwelcher Art hat. Sollten sie versuchen, ihr Programm umzusetzen, würde es in einer sozialen Katastrophe enden. Und bei wichtigen Themen wie dem Klimawandel gäbe es keine Fortschritte.