Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

821: Duales System stärken !

Samstag, Januar 24th, 2015

Wir haben in Deutschland zu viele Studenten, einen „Akademisierungswahn“ (Julian Nida-Rümelin) (FAZ 24.1.15). Viele davon werden „Ameisen ohne Job“. Sie verdienen auch nicht viel. Durch den Bologna-Prozess (Bachelor, Master) erleiden die Universitäten einen Niveauverlust. Deswegen muss politisch das deutsche duale System gestärkt werden, bei dem der praktischen Ausbildung zum Handwerker eine zentrale Rolle zukommt.

Der Biologieprofessor Hans-Peter Klein antwortet auf eine Frage von Melanie Mühl:

„Dass alle Menschen in Zukunft wegen der Digitalisierung der Arbeitswelt nur noch am Rechner sitzen, wie einige Bildungsökonomen behaupten, dürfte sich als folgenschwerer Trugschluss herausstellen.“

820: Deutsch für Zuwanderer wichtiger als Qualifikation

Samstag, Januar 24th, 2015

Kanada hat zum 1. Januar 2015 sein berühmtes Punktesystem für Zuwanderer umgebaut. Der Migrationsfachmann Thomas Liebig erklärt das Prinzip und was Deutschland davon lernen kann. Sven Astheimer hat ihn für die FAZ (24.1.15) interviewt.

FAZ: Brauchen wir ein neues Einwanderungsgesetz, um den Ansturm steuern zu können, wie es der CDU-Generalsekretär Peter Tauber vorgeschlagen hat und wie es mittlerweile viele Parteien fordern?

Liebig: Zunächst müssen wir festhalten, dass drei Viertel der dauerhaften Migranten aus EU-Ländern kommen. Dort stellt sich die Frage nach Steuerung nicht. Von den übrigen 25 Prozent entfällt der Großteil auf humanitäre Zuwanderung und Familiennachzug, auch dort ist Deutschland durch internationale Regelungen weitgehend gebunden. Die Stellschraube, mit der man etwas bewegen kann, betrifft die dauerhafte Arbeitsmigration von außerhalb der EU. Hier ist der Anteil Deutschlands im internationalen Vergleich noch vergleichsweise gering – 2013 waren es knapp 25000 Personen. Das sind rund 30 je 1000 Einwohner, in Kanada sind es sechs mal so viele. Allerdings hat Deutschland gerade für Hochqualifizierte innerhalb des vergangenen Jahrzehnts viel getan und mittlerweile eine der liberalsten Gesetzgebungen der Industrieländer.

Wenn wir auf Dauer unseren Bedarf an Fachkräften sichern wollen, braucht Deutschland ein transparentes und effizientes Arbeitszuwanderungssystem mit stärkerer Gewichtung der deutschen Sprache.

810: Wachstumsinitiative für Europa

Freitag, Januar 16th, 2015

Angesichts der griechischen Wirtschaftskrise wird uns erneut bewusst, dass Europa eine Wachstumsinitiative braucht. Auch in Deutschland muss die Investitionslücke, nicht zuletzt bei den öffentlichen Ausgaben, geschlossen werden. Die marode Infrastruktur wartet auf Verbesserungen. Das bringt die Gefahren der Verschuldung mit sich, aber der können wir nicht ausweichen. Das sollten auch diejenigen wissen, deren berechtigte ökologische Vorhaben u.a. auch mit dem Argument begründet werden, dass die folgenden Generationen die Lasten mehr oder weniger allein zu tragen hätten.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in Deutschland 2015 mit 1,5 Prozent stärker gewachsen als prognostiziert (was die Problematik von Prognosen grundsätzlich unterstreicht). Hauptgrund war die gestiegene

Binnennachfrage.

Diese wurde begünstigt durch den gesunkenen Ölpreis,

die Mini-Inflation und

den schwachen Euro.

Die Erwerbstätigenzahl

kletterte auf einen neuen Höchststand. Auch wenn wir dabei die Zeitarbeiter, Leiharbeiter et alii nicht vergessen, die sich häufig in prekären Lebensverhältnissen befinden. Die

Sparquote

ist gesunken, in Deutschland ein Ausnahmefall, aber verständlich bei den niedrigen Zinsen. Der Steuer-Überschuss 2014 betrug 11,9 Milliarden Euro. Der Bund hat im letzten Jahr erstmals seit 45 Jahren keine neuen Schulden aufgenommen.

Das sind ja partiell gute Daten, die sich aber nur auf Deutschland beziehen. Die Wachstumsinitiative brauchen wir vor allem zur Sanierung des südlichen Krisengürtels (Griechenland, Italien, Frankreich, Spanien, Portugal).

Die für uns nicht in Frage kommende Alternative dazu ist die Tendenz zur Renationalisierung in Europa, bei der Wladimir Putin mit einem Kredit für den Front Nationale zur Finanzierung von Rechtsextremismus beiträgt (Rudolf Hickel, taz 8.1.15; Joschka Fischer, SZ 15.1.15; Thomas Öchsner, SZ 16.1.15).

805: Russische Staatspleite verhindern !

Dienstag, Januar 13th, 2015

Die russische Wirtschaft stürzt ab. Unter dem Einfluss der westlichen Sanktionen und des fallenden Ölpreises. Die Ratingagentur Fitch stuft Russland bis zur Ramschwürdigkeit herab. Daran können wir kein Interesse haben, auch wenn Russland die Krim annektiert hat und in die Ost-Ukraine einmarschiert ist. Allein deutsche Firmen haben in Russland über 20 Millionen Euro investiert. Eine Vertrauenskrise der internationalen Banken droht. Die Destabilisierung Russlands muss gestoppt werden. Keine weiteren Sanktionen mehr (Karl-Heinz Büschemann, SZ 13.1.15).

799: Sprechstunden für Psychotherapeuten ?

Samstag, Januar 10th, 2015

Wer unter psychischen Problemen leidet, muss auf ein Erstgespräch manchmal monatelang warten. Der Beginn der Therapie lässt dann bisweilen wieder noch Monate auf sich warten. Das will die Bundespsychotherapeutenkammer jetzt ändern. Psychotherapeuten sollen wie Ärzte eine Sprechstunde anbieten können. Dies soll im Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung festgeschrieben werden. Das erscheint sinnvoll und ist wohl fast überfällig. Dadurch würde nämlich nicht nur die Wartezeit verkürzt, sondern auch die Hemmschwelle sinken und so besonders den antriebsschwachen Kranken geholfen werden.

Würden die Therapeuten mit mehr Kranken früher sprechen, könnten sie die Patientenströme besser lenken. Leicht Erkrankte könnten schneller Beratung erfahren, Schwerkranke schneller und gezielter eine ambulante oder stationäre Behandlung bekommen. So würde die Psychotherapeuten-Sprechstunde die knappen Therapieplätze gerechter verteilen (Stefanie Schramm, „Die Zeit“ 23.12.14).

785: Städte- und Gemeindebund widerspricht Ifo.

Freitag, Januar 2nd, 2015

Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung ist bekannt für seine rückwärtsgewandten Analysen und dafür, keinen Gesamtblick auf das politische Geschehen zu tun. Es verkennt den Primat der Politik. Nun hat der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, einer Darstellung des Instituts widersprochen, wonach der Sozialstaat Bundesrepublik ein „Magnet“ für unqualifizierte Migranten sei und eine fiskalische Nettobilanz je Migrant von minus 1800 Euro im Jahr festzustellen sei. Dies sei „nicht haltbar“. Viele Migranten seien gut qualifiziert und fänden deswegen schnell Arbeit in Deutschland. Das Handwerk verlange deswegen, mehr junge Flüchtlinge als Lehrlinge einzustellen (kna, epd).

Den Höhepunkt der verdrehten Darstellung des Instituts liefert Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn selbst, wo er behauptet, die deutsche Gesellschaft bringe für eine Massenzuwanderung nicht die nötige Toleranz auf. So argumentieren Leute, die erst gegen die Migration Stimmung machen, um dann die mangelnde Toleranz zu beklagen. Lächerlich.

Trotzdem sollte die Migration von Bund, Ländern und Kommunen noch besser gesteuert werden.

776: Annäherung USA – Kuba

Freitag, Dezember 19th, 2014

Die neue Annäherung zwischen den USA und Kuba ist allerseits sehr gelobt worden. Aber wir sollten hier keine Illusionen haben. Kuba ist eine Diktatur und bleibt eine Diktatur. Es ist kein Rechtststaat, politiche Gefangene sitzen massenhaft im Gefängnis. Gewerkschaften sind nicht zugelassen. Kuba ist ein in jeder Hinsicht rückständiges Land. Auch ökonomisch. Das hat die linken Event-Touristen aus Deutschland nie gestört, die gerne linke Diktaturen unterstützen.

Auf der anderen Seite stehen die sehr gut organnisierten Exil-Kubaner. Vor allem in Florida, diesem bei Präsidentschaftswahlen so wichtigen US-Bundesstaat. Rund zwei Drittel der Kubaner werden heute von ihren reichen Verwandten aus den USA wirtschaftlich unterstützt.

Kuba fehlt seit langem die ökonomische Unterstützung durch den real existierenden Sozialismus. Nun kommen US-Investoren. Wie vor 1958. Sie wollen ihren Profit durch Glücksspiel und Prostitution. So funktioniert der Kapitalismus. Kuba wird wieder zum „Hinterhof“ der USA.

Aber das Verhältnis der USA zum gesamten Lateinamerika wird sich verbessern. Hoffentlich erstreckt sich die Kooperation nicht ausschließlich auf das Feld der Korruption!

775: Die Mitte und die Extreme

Mittwoch, Dezember 17th, 2014

Auf Bitten einiger Blog-Teilnehmer hier noch etwas zur gesellschaftlichen (=sozialen) Mitte:

In unserer Klassengesellschaft (gespalten nach der Verfügungsmacht über Kapital = Erwerbsvermögen in

Bürgertum/Bourgeoisie und Proletariat) gibt es viele soziale Schichten in und zwischen den Klassen. Die Schichten definieren wir nach

– Einkommen,

– Vermögen,

– Ausbildung,

– Ansehen (Prestige).

Daneben gibt es noch spezielle Gruppierungen wie

– „Mittelstand“, „Intelligenz“, „Bildungsbürgertum“.

Insofern kann es durchaus sein, dass aus der Mitte der Gesellschaft heraus extremistische politische Forderungen gestellt werden. Wie etwa die Ächtung, Ausgrenzung, Herabsetzung, Enteignung und Ermordung von Juden (= rechtsextrem). Oder die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln (= linksextrem).

Tatsächlich ist die Analyse manchmal nicht leicht. Das liegt an den zahlreichen und vielfältigen Mischformen, die sich im 20. Jahrhundert entwickelt haben. Nehmen wir als Beispiel die „Intelligenz“. Sie besteht aus besonders windigen Brüdern (und Schwestern). Sie kann heute rechts, morgen links und übermorgen Mitte. Also: politisch unzuverlässige Gesellen (und Gesellinnnen). Bei Friedrich Nietzsche heißt es irgendwo sinngemäß: „Ich werde eine Sache loben oder tadeln, je nachdem, wo ich meinen Geist dabei am besten leuchten lassen kann.“

Ganz gewiss falsch ist in unserer modernen Gesellschaft der an Stammtischen beliebte Satz: „So einfach ist das.“

768: Putin fürchtet das russiche Volk.

Mittwoch, Dezember 10th, 2014

Für jeden verantwortungsbewussten Analytiker der russischen Krise ist es selbstverständlich, dass am Ende der Bemühungen ein friedliches Nebeneinander mit Russland stehen muss. Bei hohem und beiden Seiten nützlichem Wirtschaftsaustausch. Das darf uns aktuell aber nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Wie es nun wieder bei Antje Vollmer und anderen der Fall ist (Julian Hans, SZ 10.12.14).

Putin fürchtet nämlich gar nicht ein militärisches Eingreifen der NATO. Sondern sein eigenes Volk. Dieses hatte 2008 auf die Frage „Was bedroht die Existenz unseres Staates?“ geantwortet:

– „Abfall des Lebensstandards bis zu Hungersnot“ (70 %),

– „Terrorismus“ (67 %),

– „Umweltkatastrophen“ (59 %),

– „Verfall von Wissenschaft und Kultur“ (59 %).

Ein Krieg mit dem Westen erschien den Russen zu 17 Prozent gefährlich.

„Die Geschichte von der Umzingelung Russlands und vom gefährlichen Heranrücken der NATO erzählt Wladimir Putin bevorzugt seinen westlichen Gesprächspartnern, zuletzt im Interview für das deutsche Fernsehen. Der Aufruf zeigt, dass diese Saat hierzulande auf fruchtbaren Boden fällt. Im eigenen Land erzählt die russische Propaganda nämlich eine ganz andere Geschichte: die von der mächtigen russischen Armee, die Amerika ‚in radioaktive Asche verwandeln‘ könnte.“

Die Russen heute haben keine Angst vor der NATO, sie möchten selbst anderen Angst machen können. „Wladimir Putin nutzt diese Gefühle, weil er selbst Angst hat: Die antiwestliche Rhetorik begann 2012, nachdem Hunderttausende Russen gegen gefälschte Wahlen protestiert hatten. Und sie wurde während des ukrainischen Maidan radikal verschärft. Putin fürchtet in Wahrheit weniger die NATO. Er fürchtet sein Volk.“

751: Kurswechsel beim TTIP ?

Mittwoch, November 26th, 2014

Klaus Müller, 43, war als Politiker der Grünen von 2000 bis 2005 Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. Nun setzt sich der Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) für einen Kurswechsel beim TTIP ein unter Vermeidung von Übertreibungen und Schwarz-Weiß-Malerei (SZ 25.11.14).

„Das Abkommen soll für Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und mehr Geld für Privathaushalte sorgen. Ziel ist, anders als bei vorherigen Freihandelsabkommen, die Zölle zu senken, Industrienormen zu harmonisieren und die Hürden der Bürokratie für Unternehmen zu beseitigen. Das Abkommen soll die Wetttbewerbsposition beider Kontinente im Verhältnis zu China und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften stärken. Es ist ein anspruchsvolles Programm; das Verhandlungsmandat klammert kaum einen Wirtschafts- und Lebensbereich aus.“

Misstrauen habe das Verhandeln im Geheimen geschürt. Das TTIP könne sich am jeweils höheren Schutzniveau in den USA und der EU orientieren wie an einem transatlantischen Goldstandard. Der kleinste gemeinsame Nenner auf Kosten bewährter Standards genüge nicht. Ein gesonderter Investoren-Schutz außerhalb des geltenden Rechts sei unangebracht.

„Dem Freihandel sollte der ihm gebührende Platz zukommen: Er kann Wohlstand fördern, Preise reduzieren und Verbrauchern Vielfalt bieten. Ein positives Beispiel ist die Europäische Union selbst. Niemand dürfte bestreiten, dass der europäische Binnenmarkt Wahlfreiheit und attraktive kostengünstige Angebote mit sich gebracht hat. Grundlage dieses gemeinsamen Markts sind hohe demokratische Standards: ein gewähltes Parlament, Gesetze und rechtsstaatliche Kontrolle durch eine ordentliche Gerichtsbarkeit, den Europäischen Gerichtshof.“