Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

1383: Thomas Morus‘ „Utopia“ 500 Jahre alt

Sonntag, November 20th, 2016

1516 erschien „Utopia“ von Thomas Morus (1478-1535), das Vorbild für viele folgende utopische Entwürfe, gerade sozialistische. Joachim Starbatty hat den Begleitband zur Jubiläumsausgabe herausgegeben und schreibt in der FAS (20.11.16) darüber. „Utopia“ hat die Gattung des „Staatsromans“ begründet. Die Bezüge zu Platons „Politeia“ liegen auf der Hand. Geschildert werden zwei Welten. Die eine zeitgenössische kritisiert Morus scharf wegen des Privateigentums als Wurzel allen Übels und Ursache für die gesellschaftliche Klassenspaltung. Das beste aller Gemeinwesen auf der Insel Utopia ist auf Gemeineigentum gegründet.

Wie bei allen sozialistischen Utopien ergeben sich zwei Probleme: 1. Woher weiß die Obrigkeit, was die Menschen sich wünschen? 2. Wie werden sie angehalten, im Sinne des gemeinsamen Wohls tätig zu werden?

Die persönlichen Bedürfnisse der Utopier sollen mönchisch bescheiden sein. Mahlzeiten gibt es in öffentlichen Küchen. Bei Engpässen hinsichtlich Gütern und Dienstleistungen wird ein unentgeltlicher gesellschaftlicher Austausch organisiert. Die Obrigkeit entscheidet, welche Nachfrage zulässig ist. Jedoch: Wenn alle verantwortlich sind, fühlt sich niemand verantwortlich. Morus „Utopia“ atmet bereits die ganze Trostlosigkeit utopischer Entwürfe.

Die Bewohner Utopias werden darin gedrillt, das richtige Bewusstsein zu entfalten. Für „schmutzige“ Tätigkeiten sind Arbeitssklaven (partiell ausländische Tagelöhner) vorgesehen. Wer sich ohne Erlaubnisschein in Utopia bewegt, muss mit z.T. harten Strafen rechnen. Privatleben gibt es nicht. Es gilt das Prinzip „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Verstöße gegen die utopische Moral können bis hin zur Todesstrafe sanktioniert werden. Es gibt das Institut der Zwangsarbeit. Der russische Schriftsteller Alexander Solschenyzin hat später auf die Parallelen zum real existierenden Sozialismus hingewiesen.

Karl Marx hat den Utopismus in der Arbeiterbewegung abgelehnt. Hauptsächlich um damit Konkurrenten als „utopische Sozialisten“ zu diffamieren. Er selbst glaubte, den „wissenschaftlichen Sozialismus“ zu begründen, ein schwerwiegender und im Ergebnis blutiger Irrtum.

Heute ist der utopische Traum vom Sozialismus ausgeträumt. „Ist es uns aber verwehrt, über ein besseres Morgen nachzudenken, in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen gerät? Nichts hält uns davon ab. Doch muss eine bessere Zukunft mitten unter uns Wirklichkeit werden. Zu ihren Bausteinen gehören Rechtstaatlichkeit als Basis für Freiheit und wirtschaftlichen Fortschritt sowie Immanuel Kants Elemente eines ewigen Friedens: Selbstbestimmungsrecht für jedes Individuum, Gastrecht für Flüchtlinge, solange sie sich an die Gesetze des Gastlandes halten, und – … – eine globale Arbeitsteilung, die auf friedlichen Austausch setzt.“

 

1375: Trump wird US-Präsident.

Mittwoch, November 9th, 2016

Donald Trump wird US-Präsident. Was viele von uns sich nicht vorstellen konnten oder wollten, ist eingetreten. Ich bin noch ganz entgeistert.

Freuen können sich

1. Globalisierungsgegner,

2. Freihandelsgegner (TTIP, Ceta etc.),

3. NATO-Gegner,

4. Migrationsgegner,

5. Rassisten,

6. Sexisten,

7. ungebildete Weiße.

Es gibt einige Gründe für die Entwicklung. Am wichtigsten sind wohl die neuen sozialen Medien, in denen es keinen verlässlichen Bezug zur „Realität“ mehr gibt. Scharlatanerie und Verschwörungstheorien sind Tür und Tor geöffnet.

1369: Boris Palmer über grüne Hegemonie und Joachim Gauck

Sonntag, November 6th, 2016

Boris Palmer ist seit 2007 für die Grünen Oberbürgermeister von Tübingen. Claudia Kade und Jacques Schuster haben ihn für die „Welt“ (5.11.16) interviewt.

Welt: Sie haben die Vermögenssteuer angesprochen. Wie ist Ihre Position dazu?

Palmer: Nicht über die Vermögenssteuer reden. Sie wird eh nicht eingeführt.

Welt: Warum sind Sie sich da so sicher? In einer rot-rot-grünen Koalition könnte es doch klappen.

Palmer: Ich sehe nicht, dass die Linkspartei fähig ist, sich an einer Bundesregierung zu beteiligen. Ich halte Rot-Rot-Grün in nächster Zeit für unrealistisch. Daraus leite ich ab, dass es keine Vermögenssteuer geben wird.

Welt: In Umfragen sagen immer mehr Menschen, sie hätten das Gefühl, nicht mehr frei ihre Meinung äußern zu dürfen. Wie müssen die Grünen als selbsterklärte Verfechter der offenen Gesellschaft darauf reagieren?

Palmer: Wir müssen uns klarmachen, dass wir ein Teil des Problems sind und ein Teil der Lösung sein können. Wir haben unsere Themen in der Gesellschaft teilweise hegemonial verankert. Wir haben sie aus einer Minderheitensituation durchgesetzt – damals durchaus auch in einer radikalen Sprache. Das hat aber dazu geführt, dass diejenigen, welche jetzt in der Minderheit sind, sich ausgegrenzt und zurückgelassen fühlen. Es ist nun unsere Aufgabe, auf diese Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Da empfinde ich meine Partei als eher widerwillig.

Welt: Oder loten die Grünen aus, ob ein schwarz-grüner Kandidat (für das Amt des Bundespräsidenten, W.S.) eine Chance hätte? Wäre es einen Versuch wert?

Palmer: Bei der Besetzung dieses Amtes sollten andere Erwägungen eine Rolle spielen. Ich habe den Eindruck, dass die allermeisten Menschen im Land sehr glücklich sind mit Joachim Gauck. Und das liegt nicht daran, dass er irgendeine Regierungskonstellation herbeigeführt hätte, sondern daran, dass er das Amt als Mensch ausfüllt. Ich würde Joachim Gauck gern noch weitere fünf Jahre behalten.

1364: Ökologischer Regionalismus = manchmal Provinzialismus

Montag, Oktober 31st, 2016

Den ökologischen Regionalismus verstehe sogar ich: Kurze Wege, wenig Energieverbrauch, Förderung der Vielfalt etc. Tobias Moorstedt (SZ 18.10.16) arbeitet heraus, dass diese Perspektive manchmal die Grenze zum

Provinzialismus

überschreitet. Es sei eine „naive Kinderbuchvorstellung“, sich die Welt ohne internationale Arbeitsteilung auszumalen, in der die Menschen so gut wie keinen Handel treiben, sondern in kleinen Zellen und ganz autark für sich selbst sorgen. „Mode aus Paris“ und „I love New York“ gäbe es wohl bald nicht mehr. Stattdessen: „I love Bad Lamspringe“.

„Das ist ja das Deprimierende am Provinzialismus: die närrische Vorstellung, alles selbst machen zu können, der im Grunde so arrogante wie ignorante Verzicht auf die Skills, Techniken und Ansprüche von Experten.“ Warenaustausch über ferne Grenzen hat eine sehr lange Tradition. Wenn wir Glück haben, fallen mit den Handelsbeschränkungen auch ein paar

„Absperrgitter im Kopf“.

„Glaubt wirklich jemand, dass es einer Näherin in Bangladesh besser geht, wenn wir die Fabrik, in der sie arbeitet, schließen, um nur noch ökologisch, fair und nachhaltig in Prenzlauer Berg zu produzieren?“ Sogar Thilo Bode, der Autor des Buchs „Die Freihandelslüge“, sagt: „Ich bin Ökonom und erst einmal für den Freihandel. ich bin nicht gegen Globalisierung. Ich will eine andere Globalisierung.“ Die Moral-Mathematik „nah = gut“ ist zu simpel. Eine bessere Globalisierung ist ohne Kosmopolitismus nicht möglich.

„Ein kosmopolitischer Konsument kauft demnach Oliven aus Marokko und nicht von einer Burn-out-Therapie-Farm im Breisgau. … Ein kosmopolitischer Konsument will die besten Sardinen, die schnellsten Rennräder und die schönsten Krawatten, ist aber weit davon entfernt, es sich in seiner Best-of-WWWarenwelt gemütlich zu machen. Er liest das Kleingedruckte auf dem Preisschild und setzt sich für faire Produktionsbedingungen ein. Er stellt die eigenen Ansichten und Routinen auch mal infrage, bestellt Ameisen im Restaurant und fragt sich, ob ein balinesischer Sarong am Casual Friday eine mögliche Outfitentscheidung wäre. Ein kosmopolitischer Konsument setzt sich fremden Dingen und Gedanken aus, um sich weiterzuentwickeln, und er setzt sich gleichzeitig dafür ein, dass genau das auch Menschen in anderen Orten der Welt möglich ist. … Die Welt hat mehr zu bieten als das, was in die Gemüsekiste von nebenan passt.“

1360: Die Linken = zwei verschiedene Parteien

Samstag, Oktober 29th, 2016

Der Vorstoß von Dietmar Bartsch (Die Linke), Angela Merkel gemeinsam mit SPD und Grünen abzuwählen („Herr Gabriel könnte nächste Woche Kanzler sein, wenn er und die SPD wollten.“), stößt bei Toni Hofreiter von den Grünen auf kein Verständnis. „Wenn ich mir Herrn Bartsch und Frau Wagenknecht anhöre, kann ich manchmal kaum glauben, dass sie in einer Partei sind.“ (Die Welt 29.10.16)

Andere Parteien bestehen gewiss auch aus mehreren Gruppen. Aber Union (CDU und CSU) und SPD vermeiden solch halsbrecherische Manöver, wie sie bei Linken und Grünen noch vorkommen.

1355: Grünen-Politikerinnen ziehen sich zurück.

Dienstag, Oktober 25th, 2016

Bei den überall verbreiteten offenen oder „heimlichen“ großen Koalitionen zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten in Europa und Deutschland, für die man Verständnis haben kann, sind die

Grünen

als inhaltlich und personell alternative Kraft wichtig. Und sie werden immer wichtiger in Deutschland angesichts unserer Kommunisten (Linken) und der AfD.

Da fällt es ins Auge, dass so erfahrene, bewährte und erfolgreiche Politikerinnen wie Marie-Luise Beck, 64, und Rebecca Harms, 59, sich ganz oder teilweise zurückziehen. Beck kandidiert 2017 nicht mehr für den Bundestag, und Harms strebt nicht mehr den Fraktionsvorsitz der Grünen im Europaparlament an. Beides hauptsächlich wegen Differenzen in der

Russland-Politik

bei den Grünen.

Rebecca Harms, die aus der Anti-Atom-Bewegung stammt, ist im Fraktionsvorstand der Grünen in Straßburg bisher die „Reala“. In der 50-köpfigen Fraktion vertritt sie überzeugend ihre Positionen: in der Euro-Krise sieht sie die Schuld nicht hauptsächlich in Brüssel, sondern auch in Athen. Im Ukraine-Konflikt verurteilt sie die Politik Putins. Sie verteidigt das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Und – nota bene – sie tritt für Freihandel ein. Ihre Politik ist also auf die Stärkung der EU, der Menschenrechte und des Freihandels aus. Eine richtige und nachvollziehbare Position. Rückhalt erfährt Rebecca Harms vor allem von den skandinavischen Parteifreunden (Thomas Kirchner, SZ 25.10.16).

Dies ist bei den Grünen nicht überall mehr so üblich. Unsichere Kantonisten gibt es bei den Grünen vor allem in der Westbindung und in der Russland-Politik. Viele von ihnen treten nicht wie Rebecca Harms entschieden genug für die EU ein. Bedauerlich. Eine falsche und schädliche Europa- und Außenpolitik ist in Europa ja schon bei den Kommunisten und bei den „Rechtspopulisten“ vorherrschend (die für mich weithin auch rechtsextremistische, rassistische und nationalistische Positionen einnehmen).

Grüne, besinnt euch!

1346: Wirtschafts-Nobelpreis – zu marktliberal?

Dienstag, Oktober 11th, 2016

Angesichts der krisenhaften Entwicklung, die der Weltkapitalismus weiter nimmt, kann unser Vertrauen in die Fähigkeiten der Wirtschaftswissenschaften nicht allzu hoch sein. Ansonsten würden die Krisen besser reguliert. Die Wirtschaftswissenschaftler untereinander loben sich allerdings beständig und so haben sie es geschafft, sich eine respektable Reputation zu sichern.

Der Wirtschafts-Nobelpreis hatte nie den Glanz, den etwa der Literatur-Nobelpreis oder der Friedens-Nobelpreis ausstrahlen (oder jedenfalls ausstrahlten). Er erschien eher als ein Nobelpreis zweiten Ranges. Nun haben die Wirtschaftshistoriker Avner Offer (Oxford) und Gabriel Söderberg (Uppsala) in ihrem Buch „The Nobel Factor“ untersucht, wie in letzter Zeit die Wirtschafts-Nobelpreise vergeben worden sind. Sie stellen fest, dass der Nobelpreis den Wirtschaftstheorien den Anschein von Glaubwürdigkeit verliehe, die sie eigentlich nicht hätten. Offer sagt sogar: „Der Nobelpreis scheint der Bewegung zu mehr Privatisierung, Globalisierung, Arbeitsmarktreformen, Reformen, nach denen der Marktliberalismus strebt, eine Berechtigung zu geben.“

Der Nobelpreis habe den Einfluss der Zentralbanken weltweit gestärkt. In letzter Zeit habe man sich eher auf die Bekämpfung der Inflation konzentriert statt auf die der Abeitslosigkeit. Die Annahme, dass freie Märkte von selbst zur effizientesten Verteilung finden würden, setzte sich durch. Der Nobelpreis verlieh den marktfreundlichen Theorien dabei den Stempel der Wissenschaftlichkeit. Dabei müssten sich wissenschaftliche Theorien eigentlich in der Realität bestätigen lassen.

Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), hält die These der Autoren für „völligen Unsinn“. Natürlich testeten Ökonomen ihre Theorien in der Realität. „Aber wir haben ein viel komplizierteres Problem als die Physiker, die replizierbare Versuche mit nicht denkenden Einheiten machen können.“ (Silke Bigalke, SZ 10.10.16)

 

1341: Der kalte Krieg steht vor der Tür.

Samstag, Oktober 8th, 2016

Wladimir Putins Drohung, die vereinbarte Vernichtung atomwaffenfähigen Plutoniums auszusetzen, darf uns nicht verwundern. Denn seine Erfolge feiert der Kreml-Despot stets mit völkerrechtswidriger Gewaltpolitik wie bei der Annexion der Krim. Er führt Krieg in der Ost-Ukraine, und in Syrien unterstützt er mit allem, was Russland an Militärtechnik zu bieten hat, einen weltbekannten Massenmörder.

Diese „Erfolge“ feiert Putin in einer völlig rückständigen russischen Gesellschaft mit einer entsprechenden öffentlichen Meinung. Putin hat die Modernisierung der Gesellschaft versäumt und die Korruption kräftig angekurbelt. Rund 40 Prozent der Russen leben in Armut, darüberhinaus sind 34 Prozent armutsgefährdet. Die Bevölkerung schrumpft von Generation zu Generation um 20 Prozent. Russland ist immer noch das, was Helmut Schmidt zu Leonid Breschnews Sowjetunion meinte: „Overvolta mit Atomraketen“.

Die Atomraketen sind entscheidend. Denn nur mit ihnen kann Russland „erfolgreich“ sein. Deswegen strebt Putin die Konfrontation an. Russland wird neue landgestützte kontinentale Mittelstreckenraketen an Europas Grenzen stationieren. Das macht Angst. Die außerhalb Russlands überall wachsende „Russlandpartei“ besteht zum großen aus Menschen, die Angst vor Russland haben. Die anderen Unterstützer findet Putin bei Donald Trump, Marine le Pen, bei Pegida und AfD. Und natürlich bei den Linken, von denen einige ihre Ausbildung noch in Moskau erhalten haben. Die üblichen Engel und Abrüstungsapostel der Friedensbewegung betreiben, ohne es zu beabsichtigen, indirekt die Unterstützung Putins (Jacques Schuster, Die Welt 8.10.16).

Aber zur Angst vor Russland besteht so lange kein Grund, als der Westen sich klar ist darüber, dass Russland nur eingedämmt werden kann (Containment) mit der Einstellung, entspannungsbereit zu sein aus der Position der (militärischen) Stärke. Dabei kommt es weniger auf die EU an als auf die NATO und insbesondere die USA. Und hier hat sich nach dem Scheitern der Bush-Politik Barack Obama noch nicht sehr bewährt. Das ist verbesserungsfähig.

Notfalls müssen wir eine neue Runde im Wettrüsten bestreiten. Wir erinnern uns alle an den NATO-Doppelbeschluss, der zwar von der Friedensbewegung bekämpft wurde, aber nicht wenig zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen hat.

Inzwischen wird erneut über Sanktionen gegen Russland nachgedacht. Außer bei den deutschen Firmen, die Geschäft mit Moskau machen wollen. Die Grünen-Abgeordnete Marie-Luise Beck sagt angesichts der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ in Syrien: „Es kann nicht sein, dass die internationale Gemeinschaft diesem Grauen zuschaut, ohne zumindest ein Zeichen zu setzen, dass sich diejenigen aus der Völkerfamilie verabschieden, die solche Greuel zu verantworten haben.“ Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms: „Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir auf Putins Strategie der Gewalt und der Machtausweitung in Syrien reagieren wollen.“ (FAZ, 8.10.16) Hier zeigt sich, dass die Grünen im Gegensatz zur Linken außenpolitisch gelernt haben und voll zum Westen stehen.

1337: Abschottung führt zu Rezession und Arbeitslosigkeit.

Mittwoch, Oktober 5th, 2016

Auch wenn wir die vielen Rechtspopulisten in aller Welt nicht einfach in einen Topf werfen dürfen, ist eines klar: Abschottung führt zu Rezession und Arbeitslosigkeit. Das hat der Internationale Währungsfonds jetzt wieder festgestellt. Der Brexit etwa wird Großbritannien im nächsten Jahr fast 30 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung kosten. Und Handelsabkommen wie TTIP haben nur dann eine Berechtigung, wenn sie Arbeitsplätze schaffen und den Verbrauchern dienen. Die Maschinen, die deutsche Firmen in alle Welt verkaufen, wären nichts mehr wert, wenn andere Staaten ihre Märkte plötzlich abschotteten. Zudem wären in Südeuropa notwendige Investitionen kaum noch finanzierbar, wenn Deutsche ihr Erspartes nicht mehr im Ausland anlegten.

„Der Schlüssel zur Lösung der Probleme liegt nicht in weniger, sondern in mehr weltwirtschaftlicher Zusammenarbeit.“ (Claus Hulverscheidt, SZ 5.10.16)

1334: Otto Schily: Das passt alles nicht in unsere Zeit.

Dienstag, Oktober 4th, 2016

Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, ursprünglich Grüner, dann SPD, hat dem „Stern“ (Jens König/Axel Vornbäumen) ein Interview gegeben (15.9.16), in dem es um den Islam, den IS, Merkel, Migration, Obergrenzen und die AfD geht.

Schily: Wir haben das Recht aufgegeben, selbst darüber zu entscheiden, wer zu uns kommt und wer nicht.

Stern: Das müssen Sie erklären.

Schily: Es ist relativ kompliziert, legal nach Deutschland einzureisen. Das rot-grüne Zuwanderungsgesetz war ein Fortschritt, aber es ist zu bürokratisch und zu unflexibel. Dagegen ist es ziemlich einfach, illegal nach Deutschland zu kommen. Wenn ein Flüchtling an der deutschen Grenze einigermaßen fehlerfrei das Wort „Asyl“ aussprechen kann, hat er die Aussicht auf einen gesicherten Aufenthaltsstatus, mindestens für ein paar Jahre. In dieser Zeit bekommt er Geld, gar nicht mal so wenig, eine Ausbildungsförderung, nach einer gewissen Zeit vielleicht sogar einen Job. Die Sogwirkung ist gewaltig. Dieses Asylsystem ist de facto ein Einwanderungsgesetz – nur ohne jede Steuerung. Wir sollten lieber eine aktive Asyl- und Einwanderungspolitik betreiben.

Einige sind der Meinung, aus Rücksicht auf den muslimischen Glauben dürfe man die Auseinandersetzung mit dem Islam nicht hart und klar führen. Das halte ich für inakzeptabel. So weit reicht meine Toleranz nicht. … Ich kann einfach nicht verstehen, warum man Richtung Osten beten muss. Das ist doch irgendwie absurd. Aber das geht mir auch so mit Menschen, die irgendwelche Knochenreste verehren oder eine Messingkugel berühren und denken, sie würden davon geheilt. Im Christentum gibt’s ja auch Aberglauben sondergleichen. Also bitte, das passt alles nicht in unsere Zeit.

Stern: Gehört die Burka zu Deutschland?

Schily: Dass hier verschleierte Frauen rumlaufen, gefällt mir gar nicht. Ich höre neuerdings die These, die Burka sei Ausdruck einer besonderen Liberalität. Sie zu tragen sei eine Form von individueller Freiheit. Das halte ich für ein Missverständnis. Die Burka ist in erster Linie Ausdruck eines rückständigen Islam, Ausdruck eines Zwangs, der von muslimischen Männern auf Frauen ausgeübt wird, von denen sie glauben, sie seien ihr Eigentum. Darauf dürfen wir uns gar nicht erst einlassen. Wenn wir das Tragen einer Burka erlauben, dann rutscht in unserer Gesellschaft was weg.

Stern: Also ist Angela Merkel schuld am Aufstieg der AfD?

Schily: Natürlich nicht Angela Merkel allein. Aber ein Teil ihrer Politik hat sicher dazu beigetragen. Man muss die Folgen seines Tuns immer bedenken.

Stern: Eine Gesellschaft lebt von gemeinsamen Werten, die verschiedene Gruppen teilen. Die Terrormiliz islamischer Staat hingegen lehnt jegliche Werte ab. Wie soll man mit dem IS umgehen?

Schily: Mit dem IS kann man nicht verhandeln. Das ist eine Mörderbande. Die muss man besiegen. Da geht es um Tod oder Leben. Was aber nicht heißt, dass der Einzelne, der aufseiten des IS kämpft, nicht zur Umkehr bewogen werden kann.

Stern: Die Flüchtlingswelle nach Europa ist eine direkte Folge des Krieges in Syrien. Um die in den Griff zu kriegen, hat die EU ein Abkommen mit der Türkei geschlossen. Haben wir uns damit in die Hände von Präsident Erdogan begeben?

Schily: Das ist fatal, gar keine Frage. Man muss jetzt erst mal sehen, ob das Abkommen dauerhaft überhaupt funktioniert. Im Prinzip ist es aber richtig, den Flüchtlingen vor Ort, also in der Türkei zu helfen.

Stern: Was hätten Sie in der fraglichen Nacht (4. auf den 5. August 2015, W.S.) als Innenminister gemacht?

Schily: Grenzkontrollen, was denn sonst? …