Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

1429: Emmanuel Macron – ein Kandidat nach Berliner Wunsch

Donnerstag, Januar 12th, 2017

Stefan Ulrich schreibt in der SZ (12.1.17) über einen französischen Präsidenten, wie Berlin ihn sich wünscht:

„reformeifrig, dynamisch, regierungserfahren, wirtschaftsfreundlich, aber mit sozialem Gewissen, proeuropäisch, aufgeschlossen gegenüber Deutschland und ein Verteidiger Merkel’scher Flüchtlingspolitik.“

Nach Ulrichs Meinung gibt es den Kandidaten schon: den ehemaligen Wirtschaftsminister im Kabinett Valls und inzwischen „unabhängigen“ Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron, der für und mit seiner Bewegung „En marche“ antritt. Der europafreundliche Macron hat gerade in Berlin erklärt: „Ich will mehr Europa, und ich will es mit Deutschland.“ Macron möchte Europa u.a. dadurch stärken, dass es eine gemeinsame Verteidigungsstreitmacht erhält. Macron will den Arbeitsmarkt reformieren und – nota bene – sparsam haushalten. Als Gegenleistung verlangt er

mehr deutsche Investitionen.

Darauf könnte Berlin eingehen.

Allerdings liegt in Umfragen Macron im Präsidentschaftsrennen nur auf Platz drei hinter Marine Le Pen und Francois Fillon. Und er müsste es ja bis in die Stichwahl schaffen (Michael Bauchmüller, SZ 12.1.17).

1428: Rot-rot-grüne Ideologie

Montag, Januar 9th, 2017

Natürlich wird der rot-rot-grüne Senat in Berlin genau beobachtet. Er kann als Modell dafür gelten, was Rot-rot-grün im Bund machen würde.

1. Für Sicherheit interessiert sich „R2G“ kaum. Abschiebungen werden behindert, Abschiebehaft verboten.

2. Siebzig Prozent der Bürger möchten mehr Video-Überwachung. Das nennt der Grünen-Sprecher ein „Hirngespinst“.

3. Obwohl eine ahnungslose Frau durch den Tritt eines bulgarischen Kleinkriminellen fast zu Tode stürzte und sieben junge Flüchtlinge versucht haben, einen Obdachlosen anzuzünden, was wir ohne Videos nicht so schnell herausgekriegt hätten, ist der 174 Seiten umfassende Koalitionsvertrag eine Spielwiese für die rot-rot-grüne Kleinklientel.

4. Dafür wird ein Ex-Stasi-Mann Staatssekretär. Man bleibt den ganz alten Genossen treu.

5. Die Linke hat nicht vergessen, dass ihre seriöse Mitwirkung an der erforderlichen Sparpolitik in einem früheren Senat ihr nicht gut bekommen ist.

6. Die Grünen fühlen sich ermuntert, nach links zu schwenken. Das stärkt den Rand.

7. Rot-rot-grün verachtet die politische Mitte.

8. „Das heilige Kürzel (LSBTTIQ*), um das der Vertrag von der ersten Seite an kreist, stammt aus einer weltanschaulichen Nische der grünen Partei und versucht zunächst einmal möglichst neutral Spielarten der sexuellen Identität aufzuzählen:

lesbisch, schwul, bi, transsexuell, transgender, intersexuell, queer;

wer sich damit noch nicht gemeint fühlt, bekommt ein Sternchen.“

9. „Es ist der sentimentale Kern einer Utopie, die in der Abwehr von Normierung die Erlösung der Menschheit sieht. Daran mag etwas Wahres sein; es ist nur die Frage, ob die Konzentration aufs Geschlechtliche (eine fast sektenhafte Dramatisierung von Sexualität) gegenwärtige Menschheitsprobleme trifft – oder gar die Gefährdungslage Berlins.“

10. „Stattdessen: der abstruse Katalog einer Sozialpolitik, deren Ideologie den meisten Bürgern unzugänglich bleiben wird und selbst auf gutwillige Liberale den Eindruck eines diktatorischen Umerziehungsprogramms macht – eine durch Verwaltungshandeln erzwungene Bekehrung zu den weltanschaulichen Zielen einer Sekte.“ (Mariam Lau, Die Zeit 29.12.16; Jens Jessen, Die Zeit 29.12.16)

1427: Petry und Wagenknecht – das „doppelte Lottchen“

Montag, Januar 9th, 2017

Während uns die Grünen mit dem Ergebnis der Urwahl über die Doppelspitze und die SPD mit der Nominierung des Spitzenkandidaten noch warten lassen, buhlt die Spitzenkandidatin der Linken, Sara Wagenknecht, um die Stimmen von AfD-Wählern. Nicht zum ersten Mal. Das seien Unzufriedene, denen man ein Programm geben müsse. Die Linke mit ihren 9 Prozent kann sie gut gebrauchen. Die AfD hat in der Sonntagsfrage 15 Prozent. An sie haben hauptsächlich die Union und die Linken verloren.

AfD und Linke sind sich inhaltlich näher, als es die jeweiligen Parteiideologen vermuten lassen. Und kein Mensch erwartet von ihnen Lösungen. Ihre Funktion besteht darin, die Miseren der Politik am Leben zu erhalten und zu jammern.

Frauke Petry und Sara Wagenknecht bilden das „doppelte Lottchen“ der Berliner Politik (SZ 9.1.17)

1405: Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit ?

Dienstag, Dezember 13th, 2016

Über die Lücke zwischen den Gehältern von Frauen und von Männern in Deutschland wird sehr viel bramarbasiert. Und es sind viele Nebelwerfer an der der Debatte beteiligt. Nun lässt die Tatsache hoffen, dass eine 45-jährige Journalistin, die seit neun Jahren für das ZDF-Magazin „Frontal“ arbeitet, das ZDF im April 2015 auf 70.000 Euro Entschädigung verklagt hat. Das zuständige Berliner Arbeitsgericht kann eventuell der Journalistin helfen, sich gegen die „Lohnlücke“ zu wehren, die nach Experten-Schätzungen zwischen 5,5 und 8 Prozent beträgt. Denn nach den Angaben von Birte Meier verdienen jüngere Männer beim ZDF wesentlich mehr als sie.

„Wie erfolgeich die Journalistin mit ihrer Klage sein wird, ist fraglich. Denn am ersten Verhandlungstag in Berlin wurde vor allem klar: Es ist eine Sache, weniger Geld zu verdienen. Und eine vollkommen andere, nachzuweisen, dass dahinter eine systematische Ungleichbehandlung steckt.“ (Verena Mayer, SZ 12.12.16)

Das ZDF betont, dass nach Tarifvertrag bezahlt wird. Danach werden bemessen

die ausgeübte Tätigkeit und

die spezifische Berufserfahrung.

Das ZDF hat beantragt, die Klage von Birte Meier abzuweisen.

Es bleibt also einzelnen Frauen nichts anderes übrig, als den Mut zu haben, vor Gericht zu ziehen und damit ihre Karriere aufs Spiel zu setzen. Der Anwalt von Birte Meier sieht das ZDF in der Pflicht, das sich als öffentlich-rechtliche Anstalt verpflichtet habe, Benachteiligungen von Frauen durch „besondere Maßnahmen“ zu beseitigen.

Wir hoffen weiter.

1396: Maut = ineffektive und fremdenfeindliche Symbolpolitik

Freitag, Dezember 2nd, 2016

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat sich mit EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc über die von der Bundesregierung geplante Autobahn-Maut geeinigt. Sie wird billiger als geplant: die 10-Tage-Vignette bekommen kleine Autos ab 2,50 Euro. Deutsche Autofahrer werden entlastet über die Kfz-Steuer. Schadstoffarme Fahrzeuge werden um insgesamt 100 Millionen stärker entlastet. Damit hat Deutschland die EU-weit niedrigsten Autobahn-Gebühren. In Österreich betragen sie 8,80 Euro, in Tschechien sogar 12 Euro.

Nach der Bekanntgabe der Einigung in Brüssel hat die Kritik an der Maut nicht nachgelassen.

1. Nach Schätzungen von Fachleuten werden Einnahmen von, wie geplant, 500 Millionen Euro nicht erreicht, sondern nur 300 bis 400 Millionen.

2. Es wird eine riesige Bürokratie eingerichtet, um das komplizierte Maut-System zu betreiben und, vor allem, zu überwachen.

3. Eine Steuerung der Verkehrsströme, technisch problemlos umsetzbar, ist nicht geplant. Dobrindt verzichtet darauf, für verschiedene Straßen unterschiedliche Gebühren zu verlangen, je nachdem wie belastet sie sind. Das würde Staus verhindern. Das Anspruchsvollste, was das Ministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur plant, sind Aufkleber in verschiedenen Farben.

4. Die ganze Maßnahme gründet sich auf fremdenfeindliche Ressentiments.

5. Österreich und die Niederlande haben bereits gegen die deutsche Maut protestiert. Österreich behält sich eine Klage beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) vor (Markus Balser/ Daniel Brössler, SZ 2.12.16).

Klar wird, wie unsinnig eine vorurteilsbegründete reine Symbolpolitik ist, bei der die Zahlen nicht durchgerechnet worden sind. Die CSU kann zufrieden sein. Die Bundesregierung blamiert sich.

1393: Rentenpolitik wird Wahlkampfthema.

Sonntag, November 27th, 2016

Die große Koalition hat sich nur auf eine kleine Reform bei der Rente geeinigt. Die Ostrenten werden 2015 angeglichen. Die Erwerbsminderungsrente wird erhöht. Die Anpassung kostet 3,5 Milliarden Euro. Finanzminister Schäuble will den Betrag aus der Rentenversicherung finanzieren, Arbeitsministerin Nahles aus Steuermitteln. Die CDU/CSU-Fraktionsführung zeigte sich irritiert über Schäuble (ban, FAZ 26.11.16). Die deutsche Einheit bei der Alterssicherung ist eine gesamtdeutsche Aufgabe, die demgemäß aus Steuermitteln finanziert werden sollte (Thomas Öchsner, SZ 26./27.11.16).

In der „Welt“ (26.11.16) sieht Dorothee Siems Schäubles Konzept als Generationengerechtigkeit, Nahles Ansatz als Sich-beliebt-machen bei gegenwärtigen Senioren und den rentennahen Jahrgängen. Sie kritisiert Andrea Nahles scharf. Das finde ich falsch.

Über mehrere andere Teile einer Rentenreform (Riester-Rente, Freibetrag in der Grundsicherung, Betriebsrenten, Rentenniveau, Einbeziehung Selbständiger, Solidarrente) konnte man sich noch nicht endgültig einigen. Dadurch wird die Rentenpolitik Teil des Bundestagswahlkampfs, was die große Koalition eigentlich vermeiden wollte. Die CSU will die Mütterrente, deren Erhöhung sie gegen CDU und SPD nicht durchsetzen konnte, im Wahlkampf thematisieren.

Andrea Nahles‘ Kommentar: „Wer ein Leben lang gearbeitet hat, Kinder groß gezogen und Angehörige gepflegt hat, muss im Alter mehr haben, als derjenige, der nicht gearbeitet hat, auch wenn er mal arbeitslos war.“

1392: Jamaika ?

Sonntag, November 27th, 2016

Das Wahljahr 2017 wird ziemlich spannend. Nicht nur in Deutschland. Allerdings sind Prognosen jetzt schon nicht seriös. Andererseits kann es nicht schaden, grundsätzliche Überlegungen anzustellen.

So taucht bei den letzten Sonntagsfragen die FDP mit 5 Prozent auf.

Diese Zahnärzte- und Hotelbesitzer-Partei hat in meinen Augen im Grunde nur noch eine Funktion, nämlich der AfD ein paar Prozente abzunehmen.

Vielleicht kommt noch eine zweite Aufgabe hinzu: Jamaika zu ermöglichen. Jamaika ist eine schwarz-grün-gelbe Koalition. Sie könnte zum Zuge kommen, wenn es für Schwarz/Grün nicht reicht.

Betrachten wir kurz die Ziffern (Prozent) der letzten Sonntagsfrage (ZDF):

CDU/CSU                     36,

SPD                              21,

Linke                            11,

Grüne                           10,

FDP                                5,

AfD                                13.

Danach reicht es für Rot/Rot/Grün nicht. Aber für Jamaika. Mit Angela Merkel als Kanzlerin und Kathrin Göring-Eckardt als Vizekanzlerin. Eine Horrorvorstellung für die Linke.

 

1390: Folgen der Globalisierung

Freitag, November 25th, 2016

1. Spätestens seit dem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl, eigentlich aber schon seit dem Siegeszug derjenigen, die wir in Europa die „Rechtspopulisten“ nennen, ist klar, dass die Globalisierung auch Verlierer kennt, ganze Staaten, Branchen, Unternehmen und Einzelpersonen.

2. Bei den Menschen handelt es sich tatsächlich um Abgehängte, sie fühlen sich nicht nur so.

3. Wir haben es mit einer „Krise der Gleichheit“ (Pierre Rosanvallon, geb. 1948) zu tun. Verteilung (Löhne und Gehälter) und Umverteilung (Steuerpolitik) führen nicht mehr zu dem Gefühl, dass Gerechtigkeit herrscht.

4. Das ungeliebte Establishment sind wir: mit unseren Professorenstellen, Ressortleiterjobs, Vorstandsposten, Gewerkschaftsvorständen, Chefarztstellen, Schulleitungen, Psychotherapiepraxen etc.

5. Ob das Milieu des links-liberalen Bildungsbürgertums willens ist, denjenigen politisch zu helfen, die nicht dazugehören, bleibt unklar.

6. Die Menschen haben, verdammt noch einmal, keine Lust mehr, von solchen Schlaubergern wie mir belehrt zu werden, die doch so tun, als wüssten sie, wo Bartel den Most holt.

7. Ob das Prekariat aber motiviert ist, den Weg zu beschreiten, der es aus seiner Misere herausführt, den Weg von Ausbildung und Bildung, wage ich zu bezweifeln.

8. Möglicherweise stehen wir tatsächlich an der Schwelle zu einem „autoritären Jahrhundert“ (Ralf Dahrendorf, 1929-2009).

9. Globale Plutokraten gewinnen an Einfluss. Sie beherrschen manchmal schon ganze Staaten.

10. Von den Phänomenen der Globalisierung stark betroffen sind die Ostdeutschen, von denen 40 Prozent mindestens die Hälfte ihres Einkommens aus Transferleistungen beziehen (Sighard Neckel, SZ 22.11.16).

1388: Wagenknecht lobt Donald Trump.

Mittwoch, November 23rd, 2016

In der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestags lobt Sara Wagenknecht das Investitionsprogramm Donald Trumps und fordert den Austritt Deutschlands aus der NATO (SZ 23.11.16).

Alles klar?

1387: Protektionismus führte zu Adolf Hitler.

Mittwoch, November 23rd, 2016

Als 1930 in den USA der Unmut über ausländische Importe wuchs, unterzeichnete der Präsident den „Smoot Hawley Act“. Das Gesetz erhöhte die Zölle auf ausländische Produkte drastisch. Andere Nationen überall reagierten sofort und sperrtenn ihrerseits Importe. Dieser protektionistische Wettlauf führte dazu, dass der Welthandel bis

1933

auf ein kümmerliches Drittel schrumpfte. Die Weltwirtschaftskrise nahm Millionen Menschen die Arbeit und verhalf Diktaturen an die Macht. In Deutschland führte sie zu

Adolf Hitler.

Donald Trump versprach im Wahlkampf, Importe aus China und Mexiko mit drastischen Zöllen zu belegen. Das Handelsabkommen TTP mit elf asiatisch-pazifischen Nationen stoppt er. Der Vertrag sollte 18000 Handelshemmnisse für eine Gruppe von Ländern wegräumen, die 40 Prozent aller Waren der Erde produzieren. Schottet Trump die USA wirklich ab und antworten andere Nationen entsprechend, werden wir die Erde bald nicht wiedererkennen. Nach Schätzungen des Münchener Ifo-Instituts würde die US-Wirtschaft um kaum fassbare

zehn Prozent

einbrechen.

Trumps Sieg demonstriert den Unmut über stagnierende Einkommen und wachsende Ungleichheit. Dadurch wird klar, dass auch wir in Europa die Früchte der Globalisierung besser verteilen müssen. Mehr an Mittelstand und Wenigverdiener, weniger an Reiche.

Protektionisten wie Trump helfen den Unzufriedenen nicht. Sie fällen nur die Bäume, auf denen die Früchte wachsen (Alexander Hagelüken, SZ 23.11.16).