Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

1677: Umweltbundesamt widerspricht Merkel.

Samstag, September 9th, 2017

Das Umweltbundesamt (UBA) hat die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zurückgewiesen, wonach Diesel-Fahrzeuge beim Klimaschutz helfen würden. Zwar könne die Dieseltechnik grundsätzlich zum Klimaschutz beitragen, sagte die UBA-Präsidentin Maria Krautzberger, aktuell könne vom „Klimaretter“ aber keine Rede sein.

Dieselwagen stoßen bei gleicher Motorisierung zwar bis zu 15 Prozent weniger Kohlenstoffdioxyd aus, ein Treibhausgas, das die Klimaerwärmung verstärkt. „Dieser Vorteil besteht nur auf dem Papier“, heißt es beim UBA. Dieselantriebe seien vor allen Dingen in SUV’s  und anderen hochmotorisierten Fahrzeugen verbaut. Grund dafür sei, dass Dieselfahrzeuge deutlich weniger Treibstoff verbrauchten  als Benziner und dadurch gerade bei höheren PS-Zahlen attraktiver seien. Diese Dynamik zehre den Vorteil der Diesel beim Ausstoß von CO2 wieder auf (JHD, SZ 7.9.17)

1675: Koalitionspartner für die Union: Grüne oder FDP

Donnerstag, September 7th, 2017

1. Die große Koalition in Berlin ist so zerredet und verächtlich gemacht worden, dass wir nach dem 24. September keine solche wiederbekommen.

2. Die extremistischen Parteien „Die Linke“ und AfD kommen ohnehin nicht in die Bundesregierung.

3. Es deutet fast alles darauf hin, dass die Union die Wahlen gewinnt. Und es ist keineswegs egal, wer ihr Koalitionspartner wird.

4. Angela Merkel hat die CDU in den vergangenen Jahren

a) weiblicher,

b) ökologischer,

c) sozialer und

d) flüchtlingsfreundlicher

gemacht.

5. Sie geht in ihre letzte Legislaturperiode und wird dadurch freier, verliert aber stetig ein bisschen Macht. Der Kampf um ihre Nachfolge entbrennt dann endgültig.

6. Dadurch bekommt ein Koalitionspartner mehr Einfluss auf die Politik der Bundesregierung.

7. Die potentiellen Koalitionspartner Grüne und FDP unterscheiden sich ganz und gar. Die FDP steht für Steuersenkungspolitik, die Grünen für Ökologie, Menschenrechte und sozialen Ausgleich.

8. Eine schwarz-grüne Koalition könnte die von Angela Merkel begonnene Politik energisch fortsetzen. Wer das will, sollte im Zweifelsfall grün wählen, damit die Grünen stärker werden als die FDP.

9. Die CSU wird alles versuchen, schwarz-grün zu verhindern.

10. Schwarz-gelb wäre neuer und riskanter, schwarz-grün berechenbarer und professioneller (Bernd Ulrich, Die Zeit 7.9.17).

Notfalls schlucken wir die Kröte Jamaika.

1673: Bald keine tägliche Post mehr ?

Dienstag, September 5th, 2017

Ich wohne in Göttingen. Und schon lange bekommen wir montags keine Post mehr. Jetzt erfahre ich, dass die Post plant, die Briefpost bald

nur noch einmal die Woche

zuzustellen. Tatsächlich kommunizieren wir ja häufig per E-Mail und über Facebook, WhatsApp und auf andere Weise. Betriebswirtschaftlich mag die reduzierte Zustellung sinnvoll sein. Trotzdem gehört die tägliche Post insbesondere für viele Alte noch zur Grundversorgung. Für mich auch.

„Die Deutsche Post aus ihrer Pflicht zu einer flächendeckenden täglichen Versorgung bei der Briefzustellung zu entlassen, wäre ein großer Fehler. Man kann das Briefgeschäft nicht einfach nur unter Effizienzaspekten betrachten.“ (Caspar Busse, SZ 5.9.17)

Aber die Richtung, in der die Entwicklung jetzt schon erkennbar geht, ist eindeutig: Seit 2000 ist die Post an der Börse und derzeit gesetzlich verpflichtet, sechs Tage in der Woche Briefe zuzustellen. Dafür muss sie keine Mehrwertsteuer zahlen. Die Post hat die Zustellbezirke vergrößert. Und manche Haushalte bekommen ihre Post erst nachmittags. Die Zahl der Briefkästen ist drastisch gesunken. Dafür das Porto erheblich gestiegen (70 Cent pro Brief). Die Post ist nach wie vor marktbeherrschend. Die anderen privaten Zustellbetriebe (wie Citypost) sind noch schlechter.

Von der Digitalisierung profitiert die Post massiv. Immer mehr Menschen kaufen im Internet und lassen sich die Produkte dann liefern. Der Onlinehandel boomt und damit auch das Paketgeschäft. Hier wird investiert. Dafür stellt die Post Mitarbeiter ein. Geplant ist die Zustellung „am selben Tag“. Die gelben DHL-Autos sind heute weltweit unterwegs. Umsatz und Gewinne steigen. Da ist noch Platz für den Brief.

1665: Ulrich Greiners Bekenntnisse eines Konservativen

Dienstag, August 29th, 2017

Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass es um den Konservatismus in Deutschland nicht zum Besten bestellt ist. Ich glaube aber, dass die Konservativen gebraucht werden. Und dass sie sich deshalb ruhig ein bisschen Mühe geben könnten. Einen Versuch macht dazu der langjährige Feuilleton-Chef der „Zeit“ Ulrich Greiner (davor FAZ) in seinem Buch

Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2017, 160 S., 19,95 Euro.

Das Buch beruht auf einem Artikel in der „Zeit“ vom März 2016.

1. Greiner möchte als Konservativer „jenseits von politischer Korrektheit und diesseits der AfD“ erscheinen.

2. Als Konservative anerkennt er Rüdiger Safranski, Sibylle Lewitscharow, Martin Mosebach und Peter Sloterdijk, immerhin.

3. Bei jemandem, der das Abendland verteidigt wie Greiner, hätte man sich ein wenig mehr Lob für die politischen Diskurse seit der französischen Revolution vorstellen können.

4. Er möchte keine „Wintermärkte“ anstatt der „Christkindls“- und „Weihnachtsmärkte“.

5. Mit all unseren Rauchverboten, Anschnall- und Helmpflichten sind wir nach Greiner auf dem Weg in eine „Diktatur der Fürsorge“.

6. Greiner meint, da stimmen wir alle zu, dass wir unsere Sprache besser pflegen müssen.

7. „Eine Versöhnung mit dem radikalen Islam ist nicht möglich, eine Versöhnung mit den moderaten Muslimen nicht nötig.“

8. Greiner möchte katholisch sein dürfen. Von mir aus gerne.

9. Greiner geißelt den modernen Moralismus als „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“. Moralisiert er nicht selbst auch?

10. Greiners Kritiker Jens Bisky (SZ 29.8.17) findet das alles zu „privat“. Er vermisst die großen Konservativen, den Historiker Joachim Ritter, den Sozialphilosophen Arnold Gehlen, den Soziologen Helmut Schelsky und den Moralphilosophen Robert Spaemann. Vermisse ich die eigentlich auch?

Die in Greiners Buch überall zu spürende Kritik an der CDU/CSU finde ich ungerecht; denn die Union will ja Wahlen gewinnen.

1661: Der Sozialismus in Venezuela

Donnerstag, August 24th, 2017

In Venezuela herrschen Hunger, Korruption und Gewalt. Das Parlament wurde entmachtet. Die Demokratie steht auf dem Spiel. Das ist richtiger Sozialismus. Den haben wir Hugo Chavez zu verdanken.

Im Juli hatte der weltberühmte Dirigent

Gustavo Dudamel (geb. 1981)

in einem offenen Brief in der „New York Times“ und in der spanischen Zeitung „El Pais“ von Präsident Nicolas Maduro verlangt, die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung

gegen das Parlament

zu unterlassen. Aus Rache wurde nun die US-Tournee des Nationalen Simon-Bolivar-Jugendorchesters abgesagt, dessen Chefdirigent Dudamel ist. Der hatte im Mai sein Schweigen über die katastrophale Lage in seinem Heimatland gebrochen wegen des Todes eines jungen Bratschers bei einer Demonstration (Harald Eggebrecht, SZ 24.8.17).

1653: Was treibt Terrorismus ?

Sonntag, August 20th, 2017

1. Terror sät Angst und Misstrauen zwischen Staat und Bürgern, zwischen Mehrheit und Minderheit, zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern.

2. Er kommt nicht nur aus dem Nahen Osten mit seinen katastrophalen Zuständen, sondern auch aus den Köpfen derjenigen, die in Gewalt die Lösung von allem und jedem sehen.

3. Terror resultiert nicht hauptsächlich aus einer falschen Islamauslegung, sondern kommt aus der Reformunfähigkeit, der Verteilungsungerechtigkeit und der Ausgrenzung in den arabischen und muslimischen Staaten.

4. Zur Erinnerung: Die meisten Attentäter waren polizeibekannt. Unsere Sicherheitsbehörden müssen dann auch gegen sie vorgehen.

5. Für die Verbreitung eines radikalen Islams sind in erster Linie die Saudis (unsere Verbündeten) verantwortlich. Bei der Bekämpfung des IS nahmen irakische Armee und US-Luftwaffe keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

6. Auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft in Katar arbeiten sehr viele Pakistaner und Bangladescher. Hier fördert die Fifa den Terror.

7. Der Terror ist nicht morgen vorbei. Wir müssen uns auf eine lange Zeit der Terrorbekämpfung einstellen.

8. Die aggressiven europäischen Agrarexporte nach Afrika müssen eingestellt werden. Sie zerstören die afrikanische Landwirtschaft.

9. Bei uns ist eine sehr gezielte Sozialpolitik angesagt, die Migranten wirklich hilft.

10. Das Haupt-Integrations-Mittel ist eine gekonnte Bildungspolitik. Die deutsche Sprache ist das Medium, in der wir unsere Probleme klar und versöhnlich benennen und lösen sollten (Stefan Weidner, Die Zeit 13.7.17; Thomas Avenarius, SZ 19./20.8.17).

1652: EU lässt Italien mit Flüchtlingen allein.

Sonntag, August 20th, 2017

2016 haben insgesamt 180 000 Immigranten Italien über das Mittelmeer erreicht. In diesem Jahr sind es jetzt mehr als 100 000. Vor der Küste Libyens herrscht ein Regime von Scheichs und Schleppern. Die Boote der europäischen Zivilgesellschaft bleiben an Land. Die Flüchtlinge kommen in eine Gegend, in der die Jugendarbeitslosigkeit zu den höchsten in Europa zählt und die organisierte Kriminalität (Mafia, Cosa Nostra, N’drangheta) unvergleichlich mächtig ist.

„Italien alleine schafft es nicht, kann es nicht schaffen. Wir sind keine Land, das sich durch seine organisatorischen Fähigkeiten besonders hervortun würde, und unsere Kommunen besitzen weder die sozialen noch die sanitären Strukturen, um diesem massiven und kontinuierlichen Ansturm standzuhalten. Es gibt viele freiwillige Helfer, und auch die Kirche trägt das Ihre bei (…). Dennoch könnte die Situation von einer Sekunde zur anderen explodieren. Und zumindest in diesem Fall scheint es mir nicht korrekt zu sein, wieder mal nur den italienischen Staat für sein Unvermögen und seine Versäumnisse anzuklagen.“ (Mario Fortunato, SZ 18.7.17)

„In der Zwischenzeit hat sich das Mittelmeer in eine Art Friedhof verwandelt, auf dem jeden Tag Tausende ihr Leben verlieren. Falls sie aber durch Schiffe aus aller Herren Ländern oder von Nichtregierungsorganisationen aus dem Meer gerettet werden, liefert man sie infolge eines infamen Vertrags ausschließlich an italienischen Küsten ab.“

„Es ist wohl nicht übertrieben festzustellen, dass sich am Migrationsproblem das Schicksal der EU entscheiden wird. Jedenfalls handelt es sich um ein Thema, das unsere Heuchelei offenbart: Du kannst so viel über die Werte der Zivilisation reden, wie du willst – sobald sich aber zeigt, was die Auffanglager wirklich bedeuten, erkennt auch der Dümmste, dass der König nackt ist.“

1648: Fischer: Deutschland muss Führung übernehmen.

Mittwoch, August 16th, 2017

Der ehemalige Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) nimmt den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum Anlass, sich Gedanken über die künftige Rolle der EU und Deutschlands in der Weltpolitik zu machen. Wir erinnern uns: Fischer hatte eine Außenpolitik hinbekommen, die bei anderen Parteien Zustimmung fand. Nur bei den Grünen wurde er am Ende gehasst. Ja, es gab sogar einen gewalttätigen Angriff auf ihn bei einem Parteitag (von politischen Amateuren):

1. Der Westen kommt an sein Ende. Bedauerlicherweise. Er gründete sich auf die Atlantik-Charta und bildete die Nato. Erkannt hatte man eine transatlantische Schicksalgemeinschaft an den beiden Weltkriegen gegen Deutschland, das zunächst dem Westen feindlich gesonnen war.

2. Mit seinen Begriffen „Kultur“ und „Zivilisation“ hatte Thomas Mann zunächst den Westen abgelehnt.

3. Die Westintegration nach 1945 ist das Verdienst Konrad Adenauers (CDU).

4. „Der transatlantische Westen war für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Rettung. Darum muss jede Verschiebung im Grundlagengefüge dessen, was Westen heißt, in unserem Land besondere Wirkung zeigen.“

5. Die transatlantische Integration bedeutete für Deutschland a) die Zusage der USA, Europa notfalls auch militärisch zu verteidigen, und b) Deutschland wirtschaftlich zu entwickeln.

6. „Darum muss darüber nachgedacht werden, was zu tun ist, um eine globale Krise dramatischen Ausmaßes und eine gewaltige Destabilisierung Europas zu verhindern.“

7. Falsch war es, 1989 an das „Ende der Geschichte“ zu glauben. Die kurzzeitige unipolare Führung der Welt durch die USA zerstob im Desaster des Irakkriegs 2003 und in der Finanzkrise 2008.

8. Die Entwicklung hängt nicht nur von Trump ab. Er ist eher ein Symptom für den „Rückzug“ der USA.

9. „Deutschland ist besonders betroffen, aber keine Land … ist so wenig vorbereitet auf diese neue Lage wie das unsere – …“

10. Der Zustand der Bundeswehr z.B. ist erschreckend. Sie wirkt wie ein „überteuertes Ersatzteillager“.

11. „Dennoch werden wir in Zukunft sehr viel mehr zu unseren eigenen Sicherheit beitragen müssen. Wir sind nicht einmal ‚bedingt abwehrbereit‘. Wir sind heutzutage gar nicht abwehrbereit.“

12. Wir tun uns schwer damit, Führungsverantwortung zu übernehmen. „Doch darum wird es in Zukunft gehen.“

13. Europa braucht eine französisch-deutsche Stabilisierung. Eine Finanzkrise wie 2008 darf sich nicht wiederholen.

14. Deutschland muss in Europa investieren. Insbesondere in die Euro-Zone. Das sind die 19 Staaten

Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Spanien, Republik Zypern.

„Auf die Stabilisierung dieses Kerns der EU wird es ankommen.“

15. Wir müssen „unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“ (Angela Merkel).

16. An dem Rest transatlantischer Sicherheit, der uns bleibt, insbesondere an der

Nato,

müssen wir festhalten.

17. „Wir müssen die Illusion vermeiden, dass wir irgendetwas alleine könnten. Erstens ist die Zeit nicht mehr so, wir leben immer noch im Zeitalter der Globalisierung. Zweitens würden deutsche Alleingänge so viele Widerstände provozieren, dass es besser ist, diese Versuchung von Anfang an zurückzuweisen. Wir wissen, wie so etwas endet. Das größte Desaster nach der ersten Einheitsbildung im 19 Jahrhundert, 1871, wurde in deutschen Köpfen, in Berliner Köpfen vorbereitet. Man glaubte plötzlich, man habe es im Kreuz, aus einer europäischen Mittellage heraus Weltmacht zu werden.“

18. Es besteht ansonsten die Gefahr, dass sich der transatlantische Westen von der Weltbühne verabschiedet.

19. Das erkennen wir am Boom der nationalistischen Parteien.

20. Der neue Nationalismus drückt eine Ermüdung aus, die Europa sich nicht erlauben kann (Die Zeit 27.7.17).

1645: Dohnanyi: Jungen Männern fehlen Bindungen.

Montag, August 7th, 2017

Der 1928 geborene Klaus von Dohnanyi (SPD) war früher Bundesminister und von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister von Hamburg. Er ist ein anerkannter Elder Statesman, von dem wir mehr übernehmen sollten und könnten, als es gemeinhein geschieht. Joachim Käppner hat ihn für die SZ (21.7.17) zu den gewalttätigen Demonstrationen in Hamburg interviewt.

Dohnanyi: Wir müssen uns gründlicher mit den tieferen Ursachen dieser inzwischen weltweiten Unkultur dieses gewalttätigen Protests auseinandersetzen. Der Protestbewegung insgesamt geht es um Kritik an den Folgen der

Globalisierung

und das ist weder auf Hamburg noch auf Deutschland beschränkt. Diese an und für sich friedliche Kritik entlädt sich immer wieder gewaltsam, weil sich gewaltbereite, ja, besser: gewaltdurstige junge Menschen, meist übrigens Männer, dieser Demonstrationen bemächtigen. Das war schon so auf früheren Gipfeln wie in Genua 2001.

SZ: Wenn sich die Debatte jetzt auf die Bekämpfung des Linksradikalismus oder auf die Rote Flora konzentriert, verkennt man das größere Bild?

Dohnanyi: Ja, diese Debatte geht an den eigentlichen Ursachen eher vorbei. Denn wir können doch nicht bestreiten, dass es die Globalisierung ist, die weltweit gewaltige Fliehkräfte auslöst. Jene Amerikaner zum Beispiel, die für Donald Trump stimmten, oder die Briten, die sich für den Brexit entschieden, wollten auch auf ihre Weise die Folgen der Globalisierung abwehren. Das Leitmotiv:

Wir wollen die Kontrolle über unser Leben zurückhaben!

SZ: Ein gefeuerter Stahlarbeiter aus Youngstown/Ohio, der Trump wählt, und ein Steine werfender Autonomer aus Hamburg werden vom selben Motiv geleitet?

Dohnanyi: In gewisser Hinsicht: ja. Ich sehe in all dem eine Entwicklung, die uns anzeigt, dass die Demokratie in ihrer heutigen Praxis die Akzeptanz verliert. Denn einerseits kann sie die Globalisierung nicht aufhalten, aber andererseits mit ihren Folgen nur sehr schwer umgehen. Einerseits beschränkt die Globalisierung die Gestaltungskräfte der Politik immer mehr, andererseits erwarten viele Bürger, dass nationale Politik ihre Verantwortung wie früher ausüben könnte – wenn sie doch nur wollte! Und so entwickelt die Gegenbewegung antidemokratische Züge.

SZ: Nicht alle spüren die Folgen negativ.

Dohnanyi: Eine für jedermann spürbare Folge ist die wachsende Ungleichheit. Ein Beispiel: Als

Uwe Seeler

hier beim Hamburger SV spielte, fuhr er nachmittags mit dem Opel Kadett übers Land und verkaufte Versicherungen, um über die Runden zu kommen. Heute verdienen junge Spieler auch beim HSV Millionen im Jahr, weil der ‚Markt‘ für Fußballer ein globaler geworden ist. Die Globalisierung löst damit auch soziale Bindungen, die doch das Fundament jeder Zivilgesellschaft ausmachen. Auch das fördert die Bereitschaft zur Gewalt.

SZ: Wieso denn das?

Dohnanyi: Weil immer mehr junge Menschen auch in einer virtuellen Welt leben statt in der realen. Ihnen fehlen dann Bindungen, fehlen Gemeinschaft, Erlebnisse, alles Dinge, die vor allem junge Menschen, und wohl besonders junge Männer, dringend brauchen. Sie lassen dann eben irgendwo ihre Wut raus.

SZ: Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten?

Dohnanyi: Nein. Parteien wie nun auch die AfD in Deutschland schüren allerdings die Illusion, als sei es möglich, dies durch eine Rückbesinnung auf die Nation zu bewirken. Folgleich ist auch Europa ihr Feind.

SZ: Was kann Europa dagegen tun?

Dohnanyi: Die EU sollte sich auf wesentliche, gemeinsame Dinge beschränken und den Mitgliedern alles überlassen, was sie genau so gut selbst regeln können. Dasselbe gilt übrigens für den deutschen Föderalismus, den manche am liebsten abschaffen würden. Aber gerade in der Globalisierung wirkt Föderalismus als Wellenbrecher globaler Überflutung, er macht uns besonders flexibel für schützende Reaktionen!

SZ: An welche Themen denken Sie außerdem noch?

Dohnanyi: An die Flüchtlingsfrage zum Beispiel: Man muss doch auch geduldig darüber reden können, was es bedeutet, so viele Menschen mit einer anderen Kultur aufzunehmen.

Eine offene Gesellschaft kann solche Unterschiede verkraften.

Sie sollte Leute, die anderer Ansicht sind oder sich Sorgen machen, nicht verteufeln oder als Nazis und Fremdenfeinde abstempeln.

1644: Jeder Fünfte mit Migrationshintergrund

Freitag, August 4th, 2017

In Deutschland leben so viele Menschen mit einem Migrationshintergrund wie noch nie zuvor. Die Bevölkerung mit ausländischen Wurzeln hat 2016 zum fünften Mal in Folge einen Höchststand erreicht, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Insgesamt sind das rund 18,6 Millionen Menschen und damit gut jeder Fünfte (22,5 Prozent). Als Ursache für den stärksten Zuwachs seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 nennen die Statistiker die hohe Anzahl von Zuwanderern und Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016. Die Türkei ist noch immer mit Abstand das größte Herkunftsland und Europa die wichtigste Herkunftsregion. Die Bedeutung anderer Regionen wie des Nahen oder Mittleren Ostens und Afrikas habe in den vergangenen fünf Jahren aber zugenommen (SZ 2.8.17)