Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

2031: Russland kürzt Sozialleistungen.

Montag, Juni 18th, 2018

Die Fußball-WM benutzt Russland dazu, Sozialleistungen zu kürzen. Damit verschärft sich die Krise, seit das Land vor vier Jahren in eine Rezession gestürzt ist. Die sozialen Einschnitte sind die härtesten seit der Jelzin-Ära. Das

Renteneintrittsalter

wird für Männer von 60 auf 65 Jahre angehoben, für Frauen von 55 auf 63 Jahre. Und zwar schrittweise schon von 2019 an. Gleichzeitig wird die

Mehrwertsteuer

erhöht von 18 auf 20 Prozent. Das erhöht die Preise, die schon in Folge der Rubelschwäche in den letzten jahren stark gestiegen sind. Dazu sollten wir wissen, dass die durchschnittliche Rente in Russland etwa 200 Euro beträgt. Und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt im Unterschied zu Deutschland (81 Jahre) bei 72 Jahren. Die Russen bekommen also nicht nur eine geringere Rente, sie bekommen sie auch kürzer (Julian Hans, SZ 16./17.6.18).

2028: Zerreißprobe der Union

Freitag, Juni 15th, 2018

In Berlin tobt ein offener Machtkampf zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel. Dabei geht es letztlich gar nicht um Details bei der Grenzbehandlung von Migranten, sondern darum, dass die CSU versucht, Anschluss an die Anti-Flüchtlingsstimmung (die vor allem von der AfD geschürt wird) zu bekommen.

Beim Streit zwischen Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß im November 1976 war die Lage ganz anders. Damals war die Union in der Opposition und Helmut Schmidt regierte mit einer SPD/FDP-Koalition. Die CSU hatte kurz die Fraktionsgemeinschaft aufgekündigt, um später reumütig dahin wieder zurückzukehren. Der Nimbus von Franz-Josef Strauß war dahin.

„.. ob der bayerische Wähler bei den Landtagswahlen im kommenden Oktober Seehofers radikale Konfrontationsstrategie gegen die CDU goutiert, ist fraglich. Das Risiko besteht, dass die CSU mehr liberalkonservative Wähler verliert, als sie potenzielle AfD-Wähler gewinnt.“

„Die angeblichen Schwesterparteien bekämpfen sich auf offener Regierungsbühne. Dabei kann nicht nur eine Partie verloren gehen, es kann die Koalition, die Union, die Fraktionsgemeinschaft verloren gehen – das Band zwischen CDU und CSU.“ (Heribert Prantl, SZ 15.6.18)

2027: Deutsche Automobilindustrie: Der Lack ist ab.

Mittwoch, Juni 13th, 2018

Ernsthaft gibt es keine zwei Meinungen darüber, wie wichtig die deutsche Automobilindustrie für unser Sozialprodukt, für den Export und unsere Arbeitsplätze ist.

Aber nun ist wegen der Abgasbetrügereien der Lack ab. Ex-VW-Chef Martin Winterkorn muss aufpassen, wo er hinfährt, seit die US-Behörden einen Haftbefehl gegen ihn erlassen haben. Audi-Chef Rupert Stadler musste Hausdurchsuchungen im Büro und zu Hause über sich ergehen lassen. Und Daimler-Chef Dieter Zetsche („Bei uns wird nicht betrogen.“) muss 238.000 Autos wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen zurückrufen. Die deutsche Politik hat das alles zugelassen.

„Das bedeutet nicht das Ende der deutschen Automobilindustrie, im Gegenteil. Gute Autos bauen können die deutschen Hersteller, und wenn ihnen der Wandel gelingt, geht es für sie weiter. In der Zukunft, mit neuen Spielregeln.“ (Thomas Fromm, SZ 13.6.18)

2022: Die SPD ist analysiert worden.

Dienstag, Juni 12th, 2018

Die SPD steht nicht gut da. Sie ist von externen Beobachtern auf 108 Seiten analysiert worden : „Aus Fehlern lernen.“ Die Analyse fällt schonungslos aus. Das spricht für die SPD und ihre Parteivorsitzende Andrea Nahles. Bis hinein in die SPD-Spitze haben sich Misstrauen und Eigennutz breitgemacht. Insofern erschien Angela Merkel manchen sozialdemokratischen Wählern als sinnvolle Entscheidung, weil die SPD nicht einmal mehr Wahlkampf könne.

Die SPD ist Spezialistin in Selbstbeschädigung. Da setzt sie das ursozialdemokratische Projekt des Mindestlohns erfolgreich durch, um es dann vollständig kleinzureden. Was soll das? Der Wähler weiß bei vielem nicht, was die tatsächliche Position der SPD ist: Rüstung, Zuwanderung, Russland, USA unter Trump. Das muss anders werden. Noch hat die SPD die Chance, aber vielleicht nicht mehr lange.

Nestwärme gibt es bei der SPD nicht mehr. Ihre ehemaligen Spitzenkandidaten Sigmar Gabriel und Martin Schulz werden vollständig dekonstruiert. Insbesondere über Gabriel fällt das Urteil vernichtend aus. Das ist m.E. ganz ungerecht. Als Außenminister etwa war Gabriel sehr gut! „Nimmt die SPD die Fehleranalyse ernst, dürfte sich für Martin Schulz ein Comeback bei der Europawahl wohl erledigt haben.“

Andrea Nahles ist auf einem schmerzhaften, aber richtigen Weg (Mike Symanski, SZ 12.6.18).

2021: LGBTIQ* ins Grundgesetz

Dienstag, Juni 12th, 2018

Es ist ja nun beschlossen worden, dass es außer Mann und Frau auch noch ein anderes Geschlecht gibt. Schön. Für manche. Zum Ausdruck gebracht wird das durch das

Akronym (= aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter gebildetes Wort) LGBTIQ*,

(Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex, Queer und * alles dazwischen). Der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt will das ins Grundgesetz (GG) bringen. Dann heißt es in Artikel 3, dass niemand aufgrund seiner „sexuellen und geschlechtlichen Identität“ benachteiligt werden darf (SZ 9./10.6.18).

2019: Die Linke ist gespalten.

Montag, Juni 11th, 2018

Die Linke will an ihrem Konzept der „offenen Grenzen“ festhalten. Sahra Wagenknecht will das nicht. Sie bezieht sich auf die Menschen im Niedriglohnsektor. Die müssten wegen der Migration um ihren Job fürchten. Damit gelangt Wagenknecht zu einem Ergebnis wie die AfD, deren Positionen sie ansonsten nicht vertritt. Die Linke ist tief gespalten. Auch ein DDR-Erbe (Jens Schneider, SZ 11.6.18).

2018: Habeck (Grüne): Was sich sonst ändern muss

Sonntag, Juni 10th, 2018

Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck äußert sich im Interview mit Frank Pergande (FAS 10.6.18) dazu, was sich in der Flüchtlingspolitik ändern muss:

„Ein Einwanderungsgesetz müsste her, Flüchtlingskontingente sind sinnvoll. Das nimmt Druck vom Asylrecht. Und unsere staatlichen Institutionen müssen funktionieren. Dazu gehören auch die Gerichte. Seit Jahren sind die Verwaltungsgerichte mit den Asylverfahren überlastet. So wie jetzt bei dem Mord in Wiesbaden: Der Fall des Tatverdächtigen hing eineinhalb Jahre vor Gericht, deshalb war er noch im Land. Die Gerichtsverfahren müssen schneller werden. Neben mehr Personal brauchen wir Grundsatzentscheidungen in Asylsachen. Wenn man ein zweite Instanz in Asylverfahren einzieht, beschleunigt man die Entscheidungen. Dann würden zig gleichgelagerte Fälle grundsätzlich geklärt und nicht durch Gerichte in der gesamten Republik einzeln entschieden werden. Ob die drohende Rekrutierung in eine Armee ein Abschiebehindernis ist – das zum Beispiel. Die Gesetzentwürfe dazu liegen vor, im Bundesrat, im Bundestag von unserer Fraktion.“

2016: Das soziale Drama der unbezahlbaren Mieten

Freitag, Juni 8th, 2018

Die Arbeitsmarktstatistik sieht in Deutschland zur Zeit nicht so schlecht aus. Aber das täuscht. Und das liegt daran, dass dabei das soziale Drama der nicht bezahlbaren Mieten nicht genügend berücksichtigt wird. In der „Mieternation“ Deutschland fehlen ungefähr eine Million bezahlbarer Wohnungen. Das Immobilienkapital presst mit Hilfe aller Makler und Geschäftemacher die Mieter aus. Durchschnittsverdiener wie Erzieherinnen, Krankenpfleger und Polizisten können sich Wohnen in der Stadt meistens nicht mehr erlauben. Viele müssen Zuflucht am Stadtrand oder auf dem Land suchen, wo die Preise für Boden, Bauen und Wohnen moderater sind. Dann haben sie die weiten Wege zum Arbeitsplatz, wodurch die Umwelt zerstört wird.

Der Grundfehler, der dem allem zugrundeliegt, war die Reduzierung von Sozialwohnungen in den vergangenen dreißig Jahren von gut vier Millionen auf weniger als 1,5 Millionen und die – der neoliberalen Ideologie geschuldete – Privatisierung des Wohnungsmarkts. Miethaie haben unter anderem mit Hilfe ihrer Freunde von der FDP und von Teilen der Union das Kommando übernommen. Internationale Hedgefonds zerstören das vorher zum Teil gar nicht so schlechte Verhältnis von Vermietern und Mietern. Dazu kommen Flüchtlinge und ausländische Arbeitskräfte, die etwa in der Altenpflege dringend gebraucht werden.

Justizministerin Katharina Barley (SPD) hat schon knapp drei Monate nach ihrem Amtsantritt einen Referentenentwurf für eine Mietrechtsnovelle vorgelegt. Die FDP moniert „Planwirtschaft“. Diese lächerliche Partei hat einen zu großen Einfluss auf dem Wohnungsmarkt. Die Mietpreisbremse hat nicht funktioniert wegen der zu vielen Schlupflöcher dabei (Rainer Balcerowiak, taz 6.6.18; Martin Reeh, taz 6.6.18; Joachim Käppner, SZ 8.6.18).

Wir brauchen dringend einen Masterplan für den Wohnungsmarkt in Deutschland. Bundesregierung, hier liegt deine größte Bewährungsprobe.

2014: Margot Wallström: Für Feminismus

Mittwoch, Juni 6th, 2018

Die schwedische Außenministerin Margot Wallström, geb. 1954, eine Sozialdemokratin, war bis 2014 UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten. Sie wird von Patricia Hecht und Johanna Roth (taz 25.5.18) zu ihrem „Aktionsplan für feministische Außenpolitik“ befragt.

taz: Frau Wallström, Sie bezeichnen sich als feministische Politikerin. Angela Merkel gilt als mächtigste Frau der Welt, sagt aber von sich selbst, sie sei keine Feministin. Sehen Sie da ein Problem?

Wallström: Nein. Es geht ja um das Ergebnis. Feministische Politik dreht sich nicht um Theorie, sondern um ganz praktische Dinge. Was ich will, ist, die drei Rs sicherzustellen:

Rights, Representation and Resources.

Das heißt, Menschenrechte müssen auch für Frauen gelten, Frauen müssen an Zusammenkünften wie Friedensverhandlungen teilnehmen, und sie brauchen Ressourcen. Wenn all das gesichert ist, können sie ihr eigenes Leben bestimmen.

taz: Warum sprechen wir dann überhaupt von feministischer Politik, nicht von demokratischer?

Wallström: Wir können auch von Geschlechtergerechtigkeit sprechen, aber das Wort ‚feministisch‘ heißt für mich nicht mehr, als dass Frauen und Männer gleiche Rechte, Möglichkeiten und Pflichten haben. Feminismus ist kein schlechtes Wort, es bedeutet nicht, dass Frauen Männer hassen.

taz: Was hat sie zur Feministin gemacht?

Wallström: Wie kann man keine Feministin sein? Ich bekämpfe Geschlechterungerechtigkeit schon mein ganzes politisches Leben lang. Natürlich haben mich die Jahre bei den Vereinten Nationen sehr geprägt. Sie haben mir Albträume beschert und mein Herz schwer gemacht, aber sie haben mir auch Hoffnung gegeben. Ich habe mich mehrfach mit Frauen aus der sysrischen Opposition getroffen, die nicht über die große Politik gesprochen haben, sondern über ihr tägliches Leben: Wie bekomme ich noch für eine Stunde Strom? Woher kriege ich Medikamente für ein krankes Kind, woher Lebensmittel, damit es überleben kann? Das zeigt: Meist sind es Frauen, deren Leben von Konflikten am meisten betroffen ist.

taz: Sie sagen; Feminismus hilft gegen Krieg?

Wallström: Auf jeden Fall. Wenn Frauen gleichberechtigt sind, wenn sie aktive TeilnehmInnen an Friedensgesprächen sind, sind die Abkommen stabiler, das wissen wir.

2012: Die Italiener sind überzeugte Europäer.

Mittwoch, Juni 6th, 2018

Der 1935 auf Sizilien geborene Arzt Giuseppe Vita ist seit 2002 Aufsichtsratsvorsitzender der Axel Springer SE. Er wird von Olaf Gersemann und Ileana Grabitz für die „Welt“ (2.6.18) zur politischen Lage in Italien befragt.

Welt: Also, alles gut in Italien? Im Ernst?

Vita: Nein. Italien leidet vor allem an dem, was ich – ich bin ja Arzt – chronische Wahlitis nenne. In Italien und auch anderswo in Europa wird ständig gewählt. Und das führt dazu, dass die Politiker immer nur an ihre Wiederwahl denken und eine entsprechend kurzsichtige Politik machen. Das ist im Grunde genommen die Wurzel allen Übels. …

Wenn es eine Krise gibt, dann wird sie aus der Politik kommen …

Welt: … zum Beispiel, weil in Rom Populisten die Regierung übernehmen.

Vita: Leider ja, die neue Regierung hat sich viel vorgenommen und alles ist nicht bezahlbar. Die Rechtspopulisten in Italien haben aber auch leichtes Spiel, wenn man überlegt, wie Italien in der Flüchtlingskrise alleingelassen wurde. Wir in Italien lassen niemanden ertrinken, das würden wir nie tun. Aber zugleich erfüllen andere Länder wie Österreich oder Ungarn oder Frankreich ihre Versprechen nicht, einen Teil der Flüchtlinge aufzunehmen. Die Einzige, die gehandelt hat, war Frau Merkel. Wenn Sie mich fragen, brauchen wir nicht eine, sondern zehn Merkels.

Welt: Wie antieuropäisch wird nun die Regierung von Lega und Fünf Sterne sein?

Vita: Matteo Salvini, der Lega-Chef, ist schlau, viel schlauer als Luigi di Maio von den Fünf Sternen. Deshalb wird er die Migrantenkarte spielen. Die Zuwanderung ist ein Thema ersten Ranges in Italien wie auch in Deutschland. Und Salvini wird mit einigem Recht die fehlende europäische Solidarität instrumentalisieren. Aber mit einem reinen Anti-Europa-Programm lässt sich in Italien nicht lange regieren. Die Lega hat auch nur 17 % der Wählerstimmen bekommen. Wir sind gute, überzeugte Europäer, und das bleiben wir auch.