Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

2169: Die Abschaffung des Solis würde nur den Reichen etwas bringen.

Donnerstag, Oktober 25th, 2018

Die Abschaffung des Solidaritätszuschlags würde nur den Beserverdienenden etwas bringen. Einfach weil die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur ganze 1,7 Prozent zum Soli-Aufkommen beiträgt, wie Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet hat. Die Ergänzungsabgabe wurde 1991 eingeführt. Für fünf Jahre. Wir haben sie heute noch. Seit 1995 finanziert der Soli nicht mehr die Einheit, sondern fließt in den Bundeshaushalt.

Erforderlich ist der Soli heute noch, weil die Wohlhabenden anderswo enorm entlastet worden sind:

– die Vermögenssteuer wurde gestrichen,

– die Erbschaftssteuer stark verwässert,

– der Spitzensteuersatz sank von 53 auf 42 Prozent,

– dafür zahlen die Durchschnittsverdiener jetzt 19 statt 16 Prozent Mehrwertsteuer.

Ein Familienvater mit zwei Kindern zahlt den Soli erst, wenn er mehr als 52.000 Euro im Jahr verdient. Die durchschnittlichen Angestellten werden nicht von der Einkommenssteuer belastet, nach der der Soli berechnet wird, sondern von den Sozialabgaben, die in voller Höhe anfallen, sobald man mehr als 850 Euro im Monat verdient.

Der erste Schritt der Soli-Abschaffung mit zehn Milliarden Euro soll 2021 erfolgen, wenn diese Regierung nicht mehr im Amt ist. Dann darf die nächste Regierung zusehen, wie sie das Zehn-Milliarden-Loch stopft, das fortan jedes Jahr auftaucht. Die SPD ist stolz auf sich, weil sie verhindert hat, dass der Soli ganz abgeschafft wird. Dafür treten nun massiv die Lobbyisten auf den Plan, um ihn ganz zu kippen. Die 28 DAX-Konzerne, die keine Banken sind, haben 2017 einen Gewinn von 133 Milliarden Euro vor Steuern und Zinsen gemacht. Die Körperschaftssteuern aller deutschen Kapitalgesellschaften beliefen sich nur auf 27 Milliarden.

„Die Sozialdemokraten haben in der Finanzpolitik als einziges Ziel, dass die Besserverdienenden nicht 20 Milliarden Euro geschenkt bekommen, sondern ’nur‘ 10 Milliarden. Kein Wunder, dass die meisten Wähler die SPD für überflüssig halten.“ (Ulrike Herrmann, taz 19.10.18)

2167: 37.000 Berliner ohne Wohnung

Dienstag, Oktober 23rd, 2018

Nach Zahlen des Berliner Senats haben 37.000 Berliner keine Wohnung. Sie wohnen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Hinzu kommen 13.000 Menschen, die bei Freunden oder Verwandten wohnen. Experten befürchten wegen steigender Mieten, dass die Zahlen in den nächsten Jahren drastisch wachsen.

Caritas-Chefin Ulrike Kostka über die Wohnungslosen: „Sie werden zum Beispiel zwangsgeräumt, sie finden keine Wohnung und sind sogar in Notübernachtungen untergebracht. … Wir erleben auch immer mehr, dass es Familien schwerfällt, Wohnungen zu finden, die eigentlich einen ausreichenden Verdienst haben. … Ich bin eindeutig dafür, dass Familien und auch ältere Menschen nicht zwangsgeräumt werden dürfen.“ (epd, SZ 23.10.18)

2159: Waigel kritisiert CSU scharf.

Freitag, Oktober 19th, 2018

Der Ehrenvorsitzende der CSU, Theo Waigel, hat seine Partei nach der Bayernwahl scharf kritisiert. In einem Gastbeitrag für die SZ (19.10.18) rät er zu personellen und strategischen Konsequenzen. Indirekt gibt er zu erkennen, dass er einen Rücktritt von Horst Seehofer erwartet. Die Konfontation mit Kanzlerin Merkel und die „Wiederbelebung“ der Flüchtlingsdebatte hätten viele Menschen abgestoßen. Für einen schweren Fehler hält Waigel die „konservative Revolution“ von CSU-Landesgruppenchef Aleander Dobrindt. Insgesamt habe die CSU an Integrationskraft eingebüßt.

2139: Europa kann nicht mehr warten.

Donnerstag, Oktober 4th, 2018

Der französische Finanzminister Bruno Le Maire warnt die Bundesregierung davor, europäische Reformen weiter aufzuschieben. „Die Entscheidungen drängen. Wir können nicht mehr warten.“ Die innenpolitische Situation dürfe nicht „zum Vorwand  dafür genommen werden, dringende europäische Entscheidungen hinauszuzögern“. Le Maire meint zwei Vorhaben:

1. die umstrittene EU-Digitalsteuer,

2. ein Euro-Zonen-Budget.

Die Steuer, die Internetkonzerne treffen würde, müsste bis Ende 2018 beschlossen werden. Le Maire warnt vor einem Ende der Währungsunion. „Es wird eine Euro-Zonen-Budget geben oder es gibt irgendwann keine Eurozone mehr.“ (AM, LKL; SZ 4.10.18)

2132: Wenn die AfD nicht wäre.

Freitag, September 21st, 2018

Die Bundesregierung ist vom inneren Misstrauen zerrissen. In Teilen und insgesamt leistet sie nicht die Arbeit, für die sie gewählt ist, weil sie immer wieder aus parteitaktischem Kalkül agiert. Nur damit Horst Seehofer bis zum 14. Oktober Parteivorsitzender der CSU bleiben kann, nehmen die Koalitionspartner von ihm fast alles hin. Dabei war die Regierungsbildung schon beschämend genug. Angela Merkel (CDU) ist mittlerweile schwach. Auch Volker Kauder (CDU) wird fraktionsintern bekämpft. Und die SPD macht den größten Blödsinn mit, damit die Regierung nicht stürzt. Aus Angst vor der AfD. Die liegt inzwischen bei 18 Prozent (CDU/CSU 28, SPD 17, Grüne 15, Linke 10, FDP 9). Eigentlich müsste die Bundesregierung zurücktreten und Neuwahlen ermöglichen. Aber wer will das schon riskieren?

So schürt die Bundesregierung systematisch Politikverdrossenheit.

2131: CDU will mehr Risiko.

Sonntag, September 16th, 2018

Im Hinblick auf das neue Grundsatzprogramm sagt die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer: „Wir als CDU wollen

mehr Marktwirtschaft.“

Ihre Partei werde das Verhältnis von persönlicher Freiheit und staatlicher Verantwortung neu justieren. Die Deutschen müssten sich „mehr Risiko zutrauen“. Die gute wirtschaftliche Lage werde zu sehr als selbstverständlich angesehen. „Es gibt zu wenig Bewusstsein für die Anstrengungen, die nötig sind, um die wirtschaftliche Stärke Deutschlands in einer völlig veränderten Welt auch für die Zukunft zu erhalten.“ (FAS 16.9.18)

2130: In Hessen funktioniert Schwarz-Grün.

Sonntag, September 16th, 2018

In Hessen funktioniert Schwarz-Grün. Etwa bei der Polizei:

„Am Donnerstag präsentierten der grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir und der CDU-Innenminister Peter Beuth 57 neue Elektroautos für die Polizei. Die Grünen auf Twitter: ‚Ich habe Polizei.‘ Hessen hat 1520 zusätzliche Polizeistellen geschaffen. Und das Polizeigesetz geändert. Jetzt dürfen Ermittler mit Staatstrojanern Computer durchsuchen und verschlüsselte Messengerdienste überwachen. In Bayern gehen die Grünen bei dem Thema auf die Straße.

Der entscheidende Unterschied: Dort hat die CSU gesetzlich festgeschrieben, dass schon bei einer ‚drohenden Gefahr‘ überwacht werden kann.

Diese Formulierung würden auch die Grünen in Hessen nie mittragen, weil sie ihnen zu ungenau ist. Und das wiederum weiß die CDU. In Hessen hat Schwarz-Grün völlig geräuschlos die Polizei modernisiert. Jetzt ist die Aufklärungsquote von Straftaten so hoch wie noch nie: Vor zwanzig Jahren wurden 47 Prozent aller Straftaten aufgeklärt, jetzt sind es 63 Prozent.“

Hessen ist das drittsicherste Bundesland. Hier hat die Polizei zuerst die Body-Cam eingeführt. Es gibt dort eine Software, die Einbrüche voraussagen kann.

Trotzdem reicht es bei der Landtagswahl in sechs Wochen für Schwarz-Grün nach den Umfragen zur Zeit nicht, obwohl die Grünen vier Prozent zugelegt haben und so viele Mitglieder wie nie zuvor (Lydia Rosenfelder, FAS 16.9.18).

2127: Braunkohle ist nicht mehr unverzichtbar.

Freitag, September 14th, 2018

„Der Protest im Hambacher Wald ist ein Symbol dafür, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Die Braunkohle ist eben nicht mehr der unverzichtbare Garant sicherer Energieversorgung, seit mehr erneuerbare Energien fließen – die obendrein immer besser gespeichert oder durch kleine flexible Gaskraftwerke ergänzt werden können. In Zeiten von Energiewende und Digitalisierung lässt sich kaum noch erklären, warum ganze Landstriche in den Dampfkesseln fossiler Kraftwerke verheizt werden sollen. Dass derzeit ausgerechnet Landesregierungen in den Braunkohleländern Brandenburg und NRW den Ökostromausbau bremsen, spricht Bände. Der Kampf im Hambacher Wald, er ist auch ein Kampf um die Energieversorgung der Zukunft.“

Die Bundesrepublik ist nach wie vor der größte Braunkohleförderer der Welt. Noch klimaschädlicher als hierzulande lässt sich der Strom kaum erzeugen. Tatsächlich kann sich der Bergbau- und Stromkonzern RWE auf rechtskräftige Zusagen berufen, die auch vor Gericht standhielten. Als das Hambacher Loch genehmigt wurde, gab es noch keinen Klimavertrag von Paris, kein Versprechen der Industriestaaten, „so bald wie möglich“ den Scheitelpunkt der globalen Emissionen zu erreichen.

Inzwischen stellen erneuerbare Energien 36 Prozent des deutschen Stroms.

„In den nächsten Jahren müssen Tagebaue aufgegeben oder verkleinert werden, in dem Maße, in dem erneuerbare Energien die Versorgung übernehmen. Die Bundesregierung will

2030 einen Ökostromanteil von 65 Prozent

erreichen. Das Ziel ist gut – begänne sie nur endlich, ernsthaft darauf hinzuarbeiten.“ (Michael Bauchmüller, SZ 14.9.18)

2125: Aufklärung gegen Digitalkapitalismus

Mittwoch, September 12th, 2018

Die digitalen Konzerne wie Google, Facebook und Co haben es geschafft, jeden Versuch, geltende Rechtsregeln auf ihre Unternehmen anzuwenden, als Angriff auf die Freiheit und auf die Existenz des Internets aussehen zu lassen. Im Europäischen Parlament wird heute über die Urheberrechts-Richtlinie abgestimmt, die versucht, das Urheberrecht zu stabilisieren, das ein Kernrecht der

Aufklärung

ist. Eine ganze Armada von Digitalkonzern-Lobbyisten und Netz-Aktivisten tun so, als stünde damit die Zerstörung des Internets bevor. Das ist himmelschreiender Unfug. Bei den Entrechteten und Enteigneten handelt es sich um Autoren und Komponisten, um Musiker und Regisseure, um Buch- und Presseverleger, um Film- und Fernsehproduzenten. Die Lobbyisten verteidigen die Gewinninteressen von Google und Co.

Das Urheberrecht gibt es seit der Aufklärung. Immanuel Kant hat es in seiner Schrift „Von der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks“ den Autoren zugewiesen. Ein Werk gilt seither als wirtschaftlich verwertbarer Teil seines Schöpfers. Das Urheberrecht bildet eine Mauer, die die geistige Leistung des Urhebers umgibt. Für sie muss gezahlt werden. Ein Honorar oder eine Lizenz.

„Das EU-Parlament verteidigt also nicht einfach irgendein Recht. Es verteidigt den Geist der Aufklärung. Es verteidigt ihn gegen den Digitalkapitalismus.“ (Heribert Prantl, SZ 12.9.18)

2120: Verfassungsschutz – verlässlich ?

Sonntag, September 9th, 2018

Für den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) hat es in Chemnitz keinen Mob gegeben und keine Hetzjagden. Da frage ich mich, wozu wir solche Ministerpräsidenten brauchen. Beigepflichtet hat ihm der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen. Das bestärkt wieder unsere Bedenken gegenüber dem Verfassungsschutz in Deutschland (Bund und Länder). Gibt es dort zu viel Verständnis für Rechtspopulisten, Neonazis, Rassisten und Reichsbürger?

Zu erinnern ist an die NSU-Verbrechen und an den Fall Anis Amri. Da gab es schweres Staatsversagen.

Ferdos Forudastan (SZ 8./9.9.18) schreibt: „Ein Verfassungsschutzpräsident hat kein Öl ins Feuer zu gießen. Er darf nicht die ohnehin aufgeheizte Stimmung um die Flüchtlingspolitik weiter anfachen. Er darf nicht das Vorurteil mancher Menschen befeuern, Journalisten verbreiteten nur Falschmeldungen. … Seine Spekulation passt zu bizarren Verschwörungstheorien, wonach Ausländer, Journalisten, die Kanzlerin oder alle gemeinsam von dem tödlichen Messerangriff ablenkten, um Kritik an der Flüchtlingspolitik zu unterdrücken.“