Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

2281: Wer oder was spricht gegen Nord Stream 2?

Freitag, Februar 8th, 2019

1. Frankreich stellt sich – trotz deutscher Bitten um Zustimmung – gegen Nord Stream 2. „Wir wollen nicht die Abhängigkeit von Russland verstärken und dabei noch den Interessen von EU-Ländern wie Polen und der Slowakei schaden.“ (Leo Klimm, Alexander Mühlauer, SZ 7.2.19)

2. Der russische Energiekonzern Gazprom baut derzeit mit Hilfe europäischer Investitionspartner (Uniper, Wintershall, OMV, Engie, Shell) eine Gaspipeline unter der Ostsee, Nord Stream 2.

3. Eine erste Leitung ist bereits seit 2011 in Betrieb und verläuft parallel zu der nun geplanten.

4. Das Gas soll von Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) über Leitungen, die noch gebaut werden müssen, bis nach Polen, Tschechien und sogar in die Ukraine geliefert werden.

5. Mit Deutschland sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Griechenland und Zypern Unterstützer des Projekts. Sie wollen dadurch Diversifizierung in der Energiezufuhr erreichen.

6. Viel mehr EU-Länder sind gegen das Projekt.

7. Polen fühlt sich umgangen und fürchtet um die Transitkosten.

8. Die Ukraine fürchtet um ihre strategische Bedeutung als Transitland. Denn trotz Nord Stream 1 bezieht Deutschland einen großen Teil seines Erdgases durch die Ukraine.

9. Die europäischen Südländer fühlen sich von Deutschland betrogen. Jahrelang hatten sie eine Rohrleitung von Russland durch Georgien und Bulgarien bis nach Norditalien geplant.

10. Die USA laufen Sturm gegen Nord Stream 2. Sie sind Konkurrenten der Russen und wollen ihr Fracking-Gas LNG (Erdgas in flüssiger Form) in Europa verkaufen.

11. Die EU ist gegen Nord Stream 2. Sie sieht dadurch ihre geplante Energieunion in Europa gefährdet.

12. Deutschland will durch Nord Stream 2 seine Energiezufuhr sichern.

13. Nach einer Analyse des „Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung“ (DIW) ist Nord Stream 2 unnötig.

14. Aus ökonomischer Perspektive bleiben Zweifel. Ob Nord Stream 2 langfristig rentabel ist, steht nicht fest (Anna Steiner, FAS 3.2.19).

15. Anna Steiner schreibt: „Diese Pipeline ist ein Fehler.“.

2278: Marianne Birthler über ihre Karriere und die Ossis

Montag, Februar 4th, 2019

Marianne Birthler war bei der Vereinigung Deutschlands 40 Jahre alt. 1990 wurde sie Bildungsministerin in Brandenburg. 1992 trat sie wegen Stasi-Vorwürfen gegen Ministerpräsident Manfred Stolpe von ihrem Ministeramt zurück. Sie wurde Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, fühlte sich dort aber gemobbt. 2000 wurde sie Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, weshalb sie heute noch von vielen Ossis gehasst wird. 2016 wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Marianne Birthler zur Bundespräsidentin vorschlagen. Cerstin Gammelin und Alexander Hagelüken haben sie für die SZ (1.2.19) interviewt.

SZ: Frauen in der DDR arbeiteten öfter als im Westen, war das gut?

Birthler: Grundsätzlich ja. Aber die Belastung war enorm. Frauen übernahmen eine neue Rolle, wurden ihre alte aber nicht los; für den abgerissenen Knopf am Sakko ihres Mannes waren sie immer noch zuständig. Und es gab keine Spülmaschine, für vieles musste man anstehen. Meine Freundin hatte als Ärztin viele überanstrengte Frauen in ihrer Praxis.

SZ: Welche ihrer Hoffnungen aus der Wendezeit erfüllten sich?

Birthler: Der wichtigste Wunsch erfüllte sich: Ich selbst, meine Kinder und Enkel und meine Freunde leben in einem freien Land. Enttäuschend finde ich bis heute, dass viele ihre Freiheit nicht nutzen, weil sie Angst um ihre Karriere haben oder um den Listenplatz bei Wahlen oder aus Bequemlichkeit.

SZ: Von 2000 an leiteten Sie die Behörde für Stasi-Unterlagen. Was war ihr Ziel?

Birthler: Unter anderem, dass alle Einsicht in die Unterlagen bekommen, die das wünschen. Jede Einsicht ist eine Entscheidung gegen das Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

SZ: Deutschland erlebt einen Job-Boom, die AfD steigt trotzdem auf.

Birthler: Die AfD feiert ihre Erfolge weniger, weil die Menschen wirtschaftlich abgehängt sind. Eher fühlen sie sich von der Politik abgehängt. Sie verstehen Politik als Dienstleistung: Wir bezahlen euch, und ihr macht, was wir für richtig halten. Aber dann liefert die Politik nicht, was sie bestellen: Weil es andere Mehrheiten gibt, Gesetze, die Werte der Verfassung, Kompromisse, fairen Streit. Das erzeugt Frust. Im Grunde ist es Widerstand gegen die offene Gesellschaft.

SZ: Im Osten hat die AfD besonders Erfolg.

Birthler: Das hat auch mit jahrzehntelangem Leben in der Diktatur zu tun. Und mit der Zeit danach, dem Gefühl der Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen.

2275: Singapurs Autopolitik

Sonntag, Februar 3rd, 2019

Singapur hat dem Individualverkehr den Kampf angesagt. Seit Jahren begrenzt die Verkehrsbehörde die Zahl der Autos auf den Straßen. Deshalb kommt es in Singapur wenigstens noch zu zähfließendem Verkehr statt zum Dauerstau wie in

Bangkok,

Jakarta oder

Manila.

Autofahren ist zum Luxus geworden, weil die Behörden alles dafür getan haben. Sie erheben exorbitante Importzölle, Zertifikats- und Straßengebühren. Allein die Autozulassung kostet zwischen 32.000 und 50.000 Euro. Das Wachstum bei Neuwagen wurde jahrelang auf 0,25 Prozent begrenzt. Letztes Jahr wagte Singapur einen radikalen Schnitt: die Wachstumsquote wurde auf null (0) Prozent beschränkt. Nur wenn ein altes Fahrzeug stillgelegt wird, gelangt ein neues Auto in Singapur auf die Straße (Till Fähnders, FAS 3.2.19).

2266: Berufliche Bildung verbessern !

Sonntag, Januar 20th, 2019

Vor fünf Jahren hat Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, der auch einmal Hochschullehrer an der Georgia Augusta gewesen war, den „Akademisierungswahn“ kritisiert. Damit meinte er, dass zu viele junge Leute in eine akademische Bildung gedrängt würden, auch solche, die deren Anforderungen kaum gewachsen seien. Darüber werde die berufliche Bildung vernachlässigt, die genau so wichtig sei. Jetzt hat Nida-Rümelin im Interview mit Nadine Bös (FAZ 19./20.1.19) den „Wahn“ für beendet erklärt.

FAZ: An der Qualität der Berufsschulen gibt es aber auch einiges zu bemängeln.

Nida-Rümelin: Das stimmt. Die starke Fokussierung auf den tertiären Sektor, also auf Hochschulbildung, hat dazu geführt, dass wir der beruflichen Bildung nicht genug Aufmerksamkeit schenkten. Die berufliche Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist unbestreitbar die beste der Welt; die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern bezeugt das, und andere Länder versuchen, das nachzuahmen. Aber wir können nicht sagen: Alles gut, das kann einfach so bleiben.

2264: SPD will Höchstpreis für Mieten in Berlin.

Samstag, Januar 19th, 2019

Die SPD-Abgeordneten Eva Högl, Julian Zado und Kilian Wegner schlagen angesichts der Tatsache, dass in Berlin bei neuen Mietverträgen der Quadratmeterpreis zwischen neun und elf Euro liegt, dem Berliner Senat einen staatlichen Mietendeckel vor. „Ziel sollte es sein, die durchschnittliche Nettokaltmiete bei etwa sechs bis sieben Euro zu halten.“

In Berlin regiert die SPD mit Linken und Grünen.

Gelten soll der Mietendeckel für alle Wohnungen im Innenstadtbereich, was ca. 40 Prozent des Berliner Mietmarkts entspricht. Derzeit liegen laut Auskunft des Berliner Mietervereins die Mieten in Altverträgen – vom Plattenbau bis zum sanierten Altbau – bei sieben bis acht Euro.

Högl, Zado und Wegner möchten an die Regelung anknüpfen, die in West-Berlin bis 1988 gegolten hat. Damals führten die Bezirksämter Buch darüber, wie sich die Mieten entwickelten. Erhöhungen bedurften der Zustimmung der Ämter. Nach 1989 gab es in Berlin zunächst sogar relativ viel Leerstand. Die aktuelle Mietpreisbremse auf Bundesebene ist weithin gescheitert, weil sie nicht für Neubauten gilt. „Ein beherztes Vorgehen der Regierungskoalition vorausgesetzt, könnte der Mietendeckel noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden.“

Der Wohnfachmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jan-Marco Luczak, sieht das anders. „Das ist der Versuch der Bundes-SPD, angesichts schwieriger Umfragewerte den Sozialismus salonfähig zu machen.“ (FAZ 19.1.19)

M.E. sind die Mieten ein zentrales Feld der Politik. Wichtiger als manche anderen politischen Problemfelder, so wichtig Ökologie und innere wie äußere Sicherheit sind. Auf dem Gebiet der Mieten könnten die angeblich so fortschrittlichen

Linken und Grünen

doch einmal zeigen, was sie bei der Deckelung der Mieten können. Oder sind sie auch mit dem Immobilienkapital und den Maklerverbänden liiert, die stets nach Mieterhöhungen streben?

2262: Grüner Pragmatismus

Samstag, Januar 19th, 2019

„Pragmatismus und Verlässlichkeit zählten lange Zeit nicht direkt zu den Stärken grüner Politik. Inzwischen ist in dieser Partei der Wille zur Macht so groß, dass sie in neun Bundesländern mitregiert, und das in sieben verschiedenen Koalitionsmodellen. In den beiden Bündnissen mit den Schwarzen wirken die Grünen geradezu als Hort der Stabilität, in Baden-Württemberg wie in Hessen, wo es ihnen gelang, die bei der Landtagswahl stark geschrumpfte CDU bei Laune zu halten. Die eine Stimme Mehrheit genügte nun, um Volker Bouffier erneut zum Ministerpräsidenten zu wählen – für die Grünen ein Etappensieg auf dem Weg zur Regierungsbeteiligung in Berlin.“ (Josef Kelnberger, SZ 19.1.19)

2261: 14 Personen spenden der AfD 130.000 Euro.

Samstag, Januar 19th, 2019

14 Personen haben in 17 Tranchen dem AfD-Kreisverband Bodensee von Alice Weidel 130.000 Euro gespendet. Das geht aus dem Rechenschaftsbericht der Partei für 2017 hervor. Das Geld sei im Frühjahr 2018 zurückgezahlt worden. Bei den 14 Personen handele es sich um EU-Bürger, die meisten davon Deutsche. Der Bundestagsverwaltung seien die Identitäten und Einzelbeiträge mitgeteilt worden. Ein Sprecher Alice Weidels hatte der FAZ gesagt, dass ein Teil des Geldes für einen Medienanwalt verwendet worden sei.

Es kommt nun anscheinend darauf an, ob die Zuwendungen aus der Schweiz 2018 „unverzüglich“ an die Absender zurückgeleitet worden sind. Falls nicht, handelt es sich doch um eine Spende, die aber im Jahresbericht 2017 nicht als solche bezeichnet worden ist (FAZ 19.1.19).

2260: Kommission für Tempo 130

Samstag, Januar 19th, 2019

Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“ macht Vorschläge zur Senkung der Emissionen im Verkehr:

– höhere Steuern auf Benzin und Diesel,

– ein Tempolimit auf Autobahnen von 130 Kilometer pro Stunde,

– eine 50-Prozent-Zwangsquote für Elektroautos bis 2030.

Der Liter Treibstoff soll bis 2030 um 52 Cent höher besteuert werden. Das Bundesverkehrsministerium wiegelt ab und hebt hervor, in den „Gedankenspielen der Arbeitsgruppe“ seien Debattenbeiträge enthalten, „die weder sozial noch wirtschaftlich zu verantworten sind“ (FAZ 19.1.19).

Dagegen finde ich, dass die Vorschläge der Kommission genau in die richtige Richtung gehen.

2240: Viktor Jerofejews Russe

Donnerstag, Januar 3rd, 2019

„Die ganze Zeit war er bereit, der Regierung zu verzeihen, selbst die absurde und brutal durchgezogene Rentenreform, selbst die Tatsache, dass sich in der Duma Leute breitgemacht haben, die an Verstand weit weniger aufzubieten haben als die Mehrheit ihrer Wähler. Aber er weigert sich zu verstehen, warum überhaupt nichts funktioniert, warum sozialer Aufstieg nicht klappt, warum ein hochrangiger Beamter im Kreml beiläufig behaupten kann, die Amerikaner wären gar nicht auf dem Mond gelandet – das müsse man seiner Meinung nach überprüfen.“ (Viktor Jerofejew, FAZ 29.12.18)

2228: Die Seele der Grünen

Donnerstag, Dezember 20th, 2018

Die Wahlerfolge der Grünen sind nicht zu übersehen. Und wir hoffen, dass die Grünen dann, wenn sich das in Regierungsverantwortung niederschlägt, erfolgreiche Politik machen. Da stört zackiger Abschiebungs-Rigorismus nur. Wie ihn Annalena Baerbock an den Tag gelegt hat, als sie verlangte, dass bei straffällig gewordenen Migranten „konsequent“ durchgegriffen werden müsse. Winfried Kretschmann will „junge Männerhorden“ aus den Städten verbannen. Und Boris Palmer fährt seinen eigenen Kurs.

„Wird aus dem moralischen Rigorismus, mit dem die Grünen groß geworden sind, nun ein grüner Anpassungsrigorismus? Anpassung an den Mainstream, Anpassung an die breiter gewordene Wählerbasis. Die Frage, die man den Grünen stellen muss, lautet deshalb: Was hilft es, wenn man noch einmal schnell drei Prozent gewinnt, damit aber auf Dauer Glaubwürdigkeit verspielt?“

„Wem soll hier nach dem Munde geredet werden? Es wird ja derzeit schon in Kriegsgebiete abgeschoben, nach Afghanistan und in den Irak. Ist es da gut, wenn nun auch die Grünen noch mehr und noch schnellere Abschiebungen fordern?“

Auf ihrem Weg an die Macht waren die Grünen bei den Jamaika-Verhandlungen im letzten Jahr schon bereit, einige Kröten zu schlucken: Rückführungszentren, massive Einschränkungen des Familiennachzugs, Algerien, Marokko und Tunesien als weitere sichere Herkunftsstaaten und eine Obergrenze für Flüchtlinge bei 200.000 Menschen (Heribert Prantl, SZ 20.12.18).