Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

2561: Wahl und Regierungsbildung in Thüringen

Freitag, Oktober 4th, 2019

Wir haben uns daran gewöhnt, dass nach knappen Mehrheiten bei Wahlen bisher ungewohnte Koalitionen gebildet werden. Z.B.

„Kenia“ (CDU, SPD, Grüne)

wie in Sachsen-Anhalt. So könnte es auch in Brandenburg und Sachsen kommen. Besonders schwierig wird die Regierungsbildung möglicherweise nach den Landtagswahlen (27.10.19) in Thüringen. Dort regiert seit fünf Jahren Rot-Rot-Grün unter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Die Koalition hat eine Stimme Mehrheit. Das hat schon häufiger zu ungewohntem Verhalten innerhalb und außerhalb des Parlaments geführt.

Um die Spitze konkurrieren in Thüringen die Linke und die CDU. Gegenwärtig (4.10.19) liegt die Linke vorne, was ihr aber wenig nützen könnte, wenn die FDP in den Landtag einzieht. Die pendelt in den Umfragen verlässlich zwischen den beiden Seiten der Fünf-Prozent-Marke. Mit Björn Höcke (AfD) möchte keiner koalieren. Ins Gespräch gebracht wurde zuletzt auch

„Simbabwe“ (CDU, SPD, Grüne, FDP).

Eine andere Empfehlung hat Ex-Bundespräsident Joachim Gauck (früher: SPD) ausgesprochen:

CDU und Linke

(Cornelius Pollmer, SZ 4.10.19).

2558: Der Fall Kashoggi

Mittwoch, Oktober 2nd, 2019

Vor einem Jahr wurde der saudi-arabische Publizist

Jamal Kashoggi

im Konsulat seines Landes in Istanbul ermordet. Der Mord „war von langer Hand geplant – und es gibt stichhaltige Beweise dafür, dass der Staat Saudi-Arabien dafür die Verantwortung trägt, insbesondere Kronprinz Mohammed bin Salman“ (Dunja Ramadan, SZ 2./3.10.19).

Kashoggi arbeitete daran, die weithin uninformierten arabischen Menschen über die Politik ihrer Länder ins Bild zu setzen, es fehlt dort vollständig an

Meinungsfreiheit.

Deswegen galt er der saudischen Führung als „Volksverräter“, sie denunzierte ihn als Interessenvertreter der schärfsten Gegner Saudi Arabiens: Iran, Katar und der Muslimbrüder. Da kommt man leicht zu Tode. Und, ob wir es wollen oder nicht, der Westen trägt das Verhalten der Saudis mit. Auch wenn Saudi Arabien seine führende Rolle in der Ölversorgung der Welt verloren hat. Insbesondere die USA unter Donald Trump. Europa schaut – wieder einmal – zu. Die Bundesregierung hat zwar einen „Rüstungsexport-Stopp“ (eine insgesamt politisch sehr fragwürdige Maßnahme) erlassen, tut aber zu wenig dafür, dass die arabische Welt demokratisiert und zivilisiert wird (übrigens: die Hauptgegner der Saudis, die iranischen Mullahs, sind auch nicht besser, sie unterstützen den syrischen Potentaten Assad, eine Bürgerkriegspartei im Jemen und bekämpfen Israel). Die arabische Zivilgesellschaft schreit nach Hilfe, nach Sanktionierung von Menschenrechtsverletzungen. Die Zivilgesellschaft in der Region hört vom Westen die zynische Botschaft, sie setze sich zwar wie wir für die Menschenrechte ein, aber bei ihrer Durchsetzung könnten wir ihr leider nicht helfen.

Das ist moralisch unmöglich.

2554: Bahn will bis 2030 156 Milliarden Euro investieren.

Freitag, September 27th, 2019

Die krisengeschüttelte Deutsche Bahn will bis 2030 mehr als 156 Milliarden Euro in den Um- und Ausbau der Schieneninfrastruktur stecken. Der wegen Verspätungen hart kritisierte Konzern beziffert damit erstmals die Summe geplanter Investitionen, die so hoch liegt wie noch nie in einem Zehnjahreszeitraum (MBAL, SZ 27.9.19).

2550: Unsere Gesellschaft ist keine Abstiegsgesellschaft.

Mittwoch, September 25th, 2019

Herfried und Marina Münkler haben in einem 512 Seiten umfassenden Buch unsere Gesellschaft analysiert und charakterisiert. Ihre Ergebnisse sind bemerkenswert:

Herfried Münkler/Marina Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland. Berlin (Rowohlt) 2019, 512 S., 24 Euro.

Ich bringe hier nur einzelne Statements der Münklers aus einem Interview mit Jens Bisky und Lothar Müller (SZ 16.9.19):

– Zum Abstieg:

„Es gibt in dieser Gesellschaft soziale Abstiege, aber wir sind keine Abstiegsgesellschaft; es gibt Niedergänge, etwa den der Volksparteien oder der Gewerkschaften, aber keinen grundsätzlichen Niedergang des politischen Systems und des demokratischen Rechtsstaats. Narrative sind Wahrnehmungs- und Erzählungsmuster, die einzelne Beobachtungen zu generellen Entwicklungen machen. Im Kampf um Aufmerksamkeit haben sie eine größere Wirkung als eine differenzierte Beobachtung.“

– Zur liberalen Demokratie:

„Was wir bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg beobachtet haben und länger schon beobachten, könnte man als die Bildung von immer größeren Gruppen missmutiger Eckensteher beschreiben. Demokratie lebt aber davon, dass sie die Bildung solcher Gruppen verhindert und sie einbindet in das, was Max Weber ‚das starke, langsame Bohren dicker Bretter‘ nennt. Stattdessen herrscht jetzt ein Politikstil, in dem die Bürger als Kunden apostrophiert werden, und die Politiker sind die Lieferanten und Produzenten. Die Formeln lauten dementsprechend: ‚die Politik hat geliefert.‘, ‚die Politik muss liefern.‘. Das ist eine verhängnisvolle Beschreibung, weil sie suggeriert, man könne sich hinstellen und warten, dass das, was man bestellt hat, bei der Wahl oder mit einem Internetkommentar, auch angeliefert wird.“

– Zur Spaltung der Gesellschaft:

„Unsere Frage ist, was sind die wirklich gefährlichen Spaltungen, und was ist der Hebel, gesellschaftliche Kohäsion, Zusammenhalt wieder zu organisieren? Wir sagen ausdrücklich nicht, das Problem sind die oberen fünf Prozent, die sich in einen ungeheuren Reichtum verabschiedet haben, oder die unteren fünfzehn Prozent, die sich aus der politischen Partizipation und von der Hoffnung, aufsteigen zu können, verabschiedet haben. Das Hauptproblem ist die Mitte, … Bei den Landtagswahlen wurde die hohe Wahlbeteiligung gerühmt, aber es waren ja nur 65 Prozent. Was ist mit denen, die gar nicht gewählt haben?“

– Zur Vermögenssteuer:

„Im Augenblick sieht das so aus, wie eine systematische Stigmatisierung derer, die sie zahlen sollen. Eine solche Stigmatisierung ist eine sehr unvernünftige Form, der man die Wahlmobilisierungsabsichten schon von Weitem ansieht. Man muss gar nicht in Abrede stellen, dass es Leute gibt, die einen größeren Beitrag leisten sollen als andere, aber wenn man sie in eine Art semantischer Haft nimmt, dann ist das eine Form von Dummheit. Man müsste sie eher für das Gemeinwohl interessieren.“

2549: Grüne wollen Özdemir nicht.

Mittwoch, September 25th, 2019

Cem Özdemir ist für mich einer der fähigsten Politiker, die wir haben. Mit einem klaren ökologischen und sozialpolitischen Profil. Und – vor allem – mit der Fähigkeit zum Kompromiss. Er wäre ein kompetenter Nachfolger von Winfried Kretschmann als Ministerpräsident in Baden-Württemberg gewesen. Aber die Grünen wollen ihn nicht. Damit droht ihm das Gleiche wie Joschka Fischer. Hochkompetent und „nicht geliebt“ zu sein. Deswegen gibt es bei den Grünen heute immer noch so viel außenpolitischen Dilettantismus.

Stefan Braun schreibt dazu (SZ 25.9.19): „Nichts hat die Fraktion bei der Wahl ihrer Vorsitzenden am Ende mehr angetrieben als die Sorge, ein Sieg der Herausforderer könnte die große grüne Welle gefährden. Für Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter ist das Beruhigung und Sicherheit in heiklen Zeiten. Und es ist der Lohn dafür, dass sie die Fraktion in den vergangenen zwei Jahren nicht nach vorne geschoben, sondern der Partei den Vortritt gelassen haben. Nicht Esprit war wichtig, Disziplin war entscheidend.“

2548: Frank Werneke neuer Verdi-Vorsitzender

Mittwoch, September 25th, 2019

Wegen der drohenden weiteren Spaltung der Gesellschaft wird das Sozialstaatspostulat des Grundgesetzes (Art. 20, 1: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.) immer wichtiger. Und damit die Menschen im öffentlichen Dienst. Die große Gewerkschaft dort ist die Gewerkschaft Verdi, die aus fünf Vorgängergewerkschaften hervorgegangen ist. Trotz sinkender Mitgliederzahlen steigt ihre politische Bedeutung. Nun hat sie als Nachfolger von Frank Bsirske einen neuen Vorsitzenden bekommen:

Frank Werneke.

Der 52-jährige Werneke gehört seit seinem 15. Lebensjahr einer DGB-Gewerkschaft und länger schon der SPD an. Der gelernte Verpackungsmittelmechaniker ist seit 1993 hauptamtlicher Gewerkschafter. Als Verdi-Vize war er seit 17 Jahren für Finanzen, Mitgliederentwicklung und die Druck- und Medienbranche zuständig (Detlef Esslinger, SZ 25.9.19).

2544: Brexit: Labour unzuverlässig

Montag, September 23rd, 2019

Der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn hat auf dem Parteitag in Brighton erklärt, es könne für Großbritannien eventuell besser sein, aus der EU auszutreten. Sollte Labour an die Regierung kommen, werde man einen Deal mit der EU aushandeln und dann diesen Deal zur Abstimmung bringen. In der BBC sagte Corbyn, die Partei werde erst nach Neuwahlen und erfolgreichen Verhandlungen mit Brüssel darüber entscheiden, wofür sie plädiere.

Ja, was denn nun?

Der unzuverlässige, unklare Labour-Kurs beim Brexit geht weiter. Es sind anscheinend nicht nur die Tories, die mit PR-Figuren wie Boris Johnson den Ruf einer der ältesten Demokratien aufs Spiel setzen. In diesem Punkt ist Labour nicht besser. Furchtbar! Das alles schadet dem United Kingdom und der EU.

Viele Labour-Delegierte wollen schon auf dem Parteitag festlegen, dass Labour sich gegen den Brexit ausspricht. Der Vizeparteichef Tom Watson sollte von Corbyn-Vertrauten gestürzt werden. Watson sprach von einem „Anschlag sektiererischer Kreise“. Ein Berater Corbyns trat mit Verweis auf den fehlenden „moralischen Kompass“ der Parteiführung zurück (CK, SZ 23.9.19).

Gott erbarme sich Großbritanniens.

2540: Seehofers Kehrtwende

Freitag, September 20th, 2019

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) findet es „unglaublich“, dass er sich für die Rettung von Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken rechtfertigen soll. Er reagiert damit auf Vorwürfe, bei der Aufnahme aus Seenot Geretteter zu großzügig zu sein. Das war auch bei Seehofer vor kurzem noch ganz anders, als er Angela Merkel (CDU) bekämpfte. Seine aktuelle Kehrtwende geht in die richtige Richtung, nämlich hin zur Menschlichkeit. Das ist richtig, Minister Seehofer.

In der CSU hat es immer Meister der Kehrtwende gegeben. Jetzt ist es Ministerpräsident Markus Söder, der plötzlich so grün erscheinen will wie Klimaretter. Auch das geht in die richtige Richtung. Es dient der Rettung der Welt.

Horst Seehofer geht es wohl auch um sein Image. Er will nicht als destruktiv erscheinen. Das können wir einem Politiker nachsehen (Robert Rossmann, SZ 20.9.19).

2536: Die Stimmung in Ostdeutschland

Montag, September 16th, 2019

Zuletzt anlässlich der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hat eine große Schar von Kritikern und Analytikern sich mit der Stimmung in Ostdeutschland befasst. Ohne allerdings sehr präzise Ergebnisse liefern zu können. Das sage ich auch selbstkritisch. Mehr oder weniger wurde abgestellt auf die Nicht-Anerkennung ostdeutscher Biografien, niedrige Löhne und Renten, drohende Altersarmut, Übernahme durch den Westen, Demütigungen, Verbitterung, Unmut, Fliehkräfte. Die Lage ist in dieser Hinsicht äußerst unbefriedigend. Bei einigen  dieser Unbestimmtheiten hat Frank Pergande (FAS 15.9.19) versucht, sie richtigzustellen:

1. In Ostdeutschland wachsen Wirtschaft, Lebensqualität und Einkommen.

2. Dort sind die Renten im Schnitt geringfügig höher als im Westen.

3. Altersarmut ist eher ein Westproblem.

4. Die Infrastruktur im Osten ist oft besser als im Westen.

5. Auch im Westen gibt es „abgehängte Regionen“.

6. Eine Ursache der schlechten Stimmung sind manche ostdeutschen Politiker wie Manuela Schwesig und Martin Dulig, welche die DDR kaum noch aus eigenem Erleben kennen.

7. Dafür aber den schwierigen Übergang in den neunziger Jahren, der den Ostdeutschen tatsächlich manches abverlangt hat.

8. Das gilt in ähnlicher Weise für junge Wissenschaftler wie Stefan Mau und Ilko-Sascha Kowalczuk, die durchaus bemerkenswerte Studien über den Osten vorgelegt haben, aber immer vernachlässigen, was schon geschafft ist.

Lassen wir die Kirche also im Dorf. Und wenn die Menschen mitgekriegt haben, dass die AfD an Lösungen gar kein Interesse hat, sondern nur daran, den Finger in die Wunde zu legen, wird auch dieses Problem nicht weiter wachsen, sondern geringer werden.

2535: Sahra Wagenknechts Burn out

Donnerstag, September 12th, 2019

In Christian Schneiders Biografie „Sahra Wagenknecht – Die Biografie“ ist zu lesen, dass der Rückzug von Frau Wagenknecht aus der Politik hauptsächlich auf einen Burn out zurückzuführen ist. Das ist zu bedauern. Denn zweifellos ist Sahra Wagenknecht weit mehr als nur ein politisches Talent. Auch für jemand, der wie ich weithin mit ihr politisch nicht übereinstimmt. Ihrem Biografen hat Sahra Wagenknecht Zugang zu ihrem engsten Kreis gewährt. U.a. zu ihrer Mutter. In dem Buch bekennt Frau Wagenknecht, dass ihr durch ihre Krankheit die Grenzen ihrer politischen Fähigkeiten bewusst geworden seien. Sie könne zwar Menschen gewinnen, aber letztlich sei ihr das politische Handwerk fremd. „Also, den Apparat zu beherrschen, das liegt mir nicht. Die Fraktion zu führen, das macht eigentlich Dietmar Bartsch. Und das gehört ja eigentlich zur Politik: Leute zusammenholen, zu strukturieren, mit Leuten umzugehen.“ (SZ 12.9.9)

Sahra Wagenknecht ist wissenschaftlich hochqualifiziert und eine exzellente Goethe-Kennerin. Das hat sie u.a. bewiesen in ihrer Rezension von Rüdiger Safranskis „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) vom 27. Oktober 2013, S. 46. Bitte, vergessen wir das nicht.