Archive for the ‘Sport’ Category

288: Jens Voigt hat vom Doping nichts gewusst.

Dienstag, November 6th, 2012

Von der hoch korrupten Sportart Radrennen haben viele von uns genug und wollen davon nichts mehr hören. Das verstehe ich sehr gut. Allerdings sind die Skandale der letzten Zeit, insbesondere aus der Ära Armstrong, noch keineswegs juristisch aufgearbeitet. Und viele haben daran ein Interesse, dass dies geschieht. So der ehemalige Radprofi Paul Kimmage. Er hatte für die „Times“ schreibend mehrmals die UCI-Vorsitzenden Hein Verbruggen und Pat McQuaid beschuldigt, die Machenschaften von Armstrong gedeckt zu haben. Dafür hatten sie ihn verklagt, die Klage allerdings zurückgezogen, als die UCI Armstrong seine Tour-Titel wegen Dopings aberkennen musste.

Nun klagt Kimmage wegen „Rufmord, Verunglimpfung und starkem Betrugsverdacht“. Sein Anwalt Cedric Aguet hat 55 Beweisstücke beigefügt. Kimmage hat bereits „über den schweren Verdacht informiert, der zumindest auf Hein Verbruggen lastet, direkt oder indirekt entscheidende Beihilfe geleistet zu haben für Armstrong, der gedopt hohe Geldsummen in und außerhalb des Wettkampfs erzielen konnte“. Der Niederländer Verbruggen steht sehr gut mit dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge (Belgien).

Das Schreiben des Kimmage-Anwalts Aguet enthält noch den Satz, Kimmage betreibe die Strafsache auch „für die Hinweisgeber Swart, Andrieu, Landis, Bassons, Aubier, Delion, Obree und alle, die für die Wahrheit und den Sport einstehen, und die von Verbruggen und McQuaid als ‚Feiglinge‘ und ‚Drecksäcke‘ abgetan wurden“. Armstrong hatte der UCI 125 ooo Dollar gespendet, nachdem er bei der Tour de Suisse positiv getestet worden war. Armstrong-Initimus Johan Bruyneel soll noch 2012 von der US-Anti-Doping-Behörde (USADA) der Prozess gemacht werden. Insider sind überzeugt, dass Bruyneel kurz vor dem Prozess zurückzieht wie Armstrong im August 2012, um dort keine Falschaussage machen zu müssen, die ihn ins Gefängnis bringen könnte (Thomas Kistner und Andreas Burkert, SZ 5. und 6.11.12).

Vom ganzen Doping nichts gewusst hat angeblich Jens Voigt. Er ist heute 41 Jahre alt. Und er stammt noch aus dem alten Dopingssystem der DDR. Seit 1997 ist er Profi. Ich habe seither fast alle seine Teilnahmen bei der Tour de France im französischen Fernsehen verfolgt. 1997 gewann sein Mannschaftskamerad Jan Ullrich, der ein Jahr vorher noch Bjarne Riis als Edelhelfer zum Tour-Sieg verholfen hatte. Riis hatte 2007 sein Doping 1996 gestanden. Im „Welt“-Interview (3.11.12) mit Jens Hungermann bestritt Jens Voigt jemals gedopt oder vom Doping etwas mitbekommen zu haben. Das ist vollkommen unglaubwürdig.

Voigts zeitweiliger Mannschaftskamerad Tyler Hamilton sagt dazu: „Du musst von Blinden umgeben sein, wenn du in deiner 15-jährigen Karriere nie etwas gehört oder gesehen haben willst.“ Voigt kenne jeden im Feld, „und da wurde über Doping geredet“. Voigt radelte von 2004 bis 2010 für Riis, danach für RadioShack, wo Armstrong 2011 seine Karriere beendete und das von Johan Bruyneel geleitet wurde. Jörg Jaksche sagt: „Zufälligerweise war Voigt immer bei den Teams mit den zweifelhaftesten sportlichen Leitern.“ Jaksche war 2004 Voigts Kollege beim Riis-Team CSC. Dass bei Riis organisiert gedopt wurde, nehmen alle Fachleute an. Tyler Hamilton beschuldigt Riis, ihn zum Blutdoping aufgefordert zu haben.

Jörg Jaksche: „Voigt hatte außerdem seine erfolgreichste Zeit, als Epo noch nicht nachweisbar war, insofern sind seine Aussagen mehr als fragwürdig. Und diejenigen, die nach Dopingskandalen immer sagen, das sei doch Vergangenheit, veräppeln die Leute eh am meisten.“ Die CSC-Kapitäne und Voigt-Freunde Ivan Basso und Frank Schleck wurden als Blutdoper überführt. Bjarne Riis hatte seine Fahrer schon 2005 zu Eufemio Fuentes nach Madrid gefahren. Jens Voigt fuhr 15 mal die Tour de France, sieben Mal für Riis.

Wenn er also sagt, dass er selber nie dedopt und von Doping nichts erfahren habe, dann glauben wir ihm nicht. Jens Voigt ist vollkommen unglaubwürdig.

282: Totilas‘ Eigentümer und Reiter wegen Tierquälerei angezeigt

Donnerstag, Oktober 25th, 2012

Die Tierschutz-Organisation Peta hat die Besitzergemeinschaft Paul Schockemöhle und Ann-Kathrin LInsenhoff, denen das Weltklasse-Dressurpferd Totilas gehört, und dessen Reiter Matthias Rath der Tierquälerei (bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt/Main) angezeigt (Gabriele Pochhamer, SZ 25.10.12). Anlass waren Aussagen Raths und Bilder im Fernsehen im Juli 2012. Die Anzeige wirft die umstrittene Trainingsmethode der „Rollkur“ vor, eine Unterwerfungsstrategie, bei der dem Pferd die Nase extrem Richtung Brust gezogen wird.

Außerdem werde der zwölfjährige Hengst nicht artgerecht gehalten. Ihm werde Kontakt zu Artgenossen verwehrt und eine „freie selbstgesteuerte Bewegung“. Diese verlangen die „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“, die vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz herausgegeben und von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung erarbeitet worden sind.

Totilas ist ein gefragter Zuchthengst, der allerdings nicht mehr die Erfolge feierte, die er unter seinem niederländischen Reiter Edward Gal errungen hatte. Der Olympiastart musste abgesagt werden, weil Matthias Rath an Pfeiferschem Drüsenfieber erkrankt war. Die britischen Olympiasieger Charlotte Dujardin und Carl Hester setzen anscheinend bei ihren Pferden Valegro und Uthopia die „Rollkur“ nicht ein. Das war noch anders bei der dreifachen niederländischen Olympiasiegerin Anky van Grunsven. Deren Ehemann Sjef Janssen hatte die „Rollkur“ zur Doktrin erhoben. Er trainiert seit Oktober auch Totilas.

Erlaubt ist eine unnatürliche Haltung wie die „Rollkur“ der Internationalen Reiterlichen Vereinigung nach, wenn sie nicht länger dauert als zehn (10) Minuten. Die Frage ist dann, wie lang die Pausen davon sind. Peta geht noch weiter: „Wir sehen es als kritisch an, wenn das Pferd als Sportgerät benutzt wird.“

281: Max Mosley kämpft um seine Ehre. Wie Bettina Wulff.

Mittwoch, Oktober 24th, 2012

Max Mosley kämpft gegen Google. Er will das Unternehmen zwingen, eine Reihe von Bildern automatisch aus seinen Suchergebnissen herauszufiltern und seine Nutzer nicht mehr zu den Internet-Seiten zu führen, auf denen diese Bilder stehen. Mosleys Anwälte argumentieren, dass dann, wenn Google mithelfen würde, diese Bilder bald verblassten und untergingen in den vielen Bildern im Netz (Heinrich Wefing „Die Zeit“, 4.10.12). Die Bilder waren 2008 von der britischen Zeitung „News of the World“ publiziert worden. Sie zeigen den damaligen Rennsportfunktionär Mosley beim Sex mit mehreren Frauen. Mosley sieht darin einen unzulässigen Eingriff in seine Privatsphäre. Er hat von dem Blatt 75 000 Euro Schadensersatz bekommen. Die Bilder, welche die meisten von uns doch wohl schon vergessen hatten, sind durch den Prozess im Hamburger Landgericht wieder in aller Munde.

„News of the World“ gibt es ja nicht mehr. Das Blatt aus dem Konzern von Rupert Murdoch wurde eingestellt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Zeitung die Handys von mehreren Politikern, PR-Beratern und Journalisten gehackt hatte. Presse der übelsten Sorte also. Aber Google weigert sich. Der Konzern sieht sich als Suchhilfe seiner Nutzer und nicht als Kontrolleur des Netzes und schon gar nicht als Bösewicht. Der deutsche Anwalt von Google vor dem Hamburger Landgericht spricht von Zensur. Hier geht es wohl um die grundsätzliche Bedeutung von Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechten im Netz.

Mosley sagt, dass die Bilder einfach nicht verschwänden. Sobald ein Bild auf Antrag seiner Anwälte irgendwo gesperrt wurde, tauchte es sofort an anderer Stelle wieder auf. Wie bei einer Hydra, der immer mehr Köpfe wachsen, wenn man einen abgeschlagen hat. Mosley hat den Ruf als der Mann mit den Nutten weg. Suchanfragen unter „Max Mosley Video“, „Max Mosley Party“, „Max Mosley Nazi“ führen zu den Bildern. Andere als Mosley würden als Betroffene vor Scham versinken, der 72-jährige Brite kämpft. Er ist unabhängig und hat genug Geld. Auf die Frage der

„Zeit“: Wollen Sie Google zu einer prinzipiellen Änderung seiner Geschäftspolitik zwingen? antwortet

Mosley: Was die Intimsphäre verletzende Fotos angeht, ja. So etwas dürfen sie nicht verbreiten und dann sagen, sie hätten davon nichts gewusst, obwohl ich sie oft genug darauf aufmerksam gemacht habe.

Nach Mosleys Meinung handelt es sich nicht um Zensur. Es gehe um die Frage, ob Google Material veröffentlichen dürfe, das für rechtswidrig erklärt worden sei. „Es ist ein fundamentaler Aspekt der Demokratie, das Rechtsstaatsprinzip zu respektieren. Google zeigt Geringschätzung für die europäischen Institutionen und die Demokratie, indem es Entscheidungen englischer, französischer und deutscher Gerichte einfach ignoriert. … Außerdem geht es hier um mehr als nur mich. Ich möchte, dass niemand derartige Fotos von sich im Internet sehen muss.“

Die Richterin im Hamburger Prozess fragte sich, ob sich Google auch bei Bildern schwerster Vergewaltigungen auf die Haltung zurückziehen könne, es habe mit den Inhalten, zu denen es seine Nutzer führe, nichts zu tun. Bisher gibt es eine Ausnahme: Google filtert Kinderpornografie aus seinen Suchergebnissen heraus. Mittels technischer Vorkontrolle und „manueller Nachkontrolle“. Das kostet viel Geld. Ein Erfolg Mosleys wäre ein Präjudiz. Unweigerlich würden dann auch andere kommen und versuchen, Google ihre Sicht aufzuzwingen. Dann wäre das Unternehmen gezwungen „auf Zuruf zu sperren“, wie sein Anwalt Jörg Wimmers bemerkte. Es geht um den Kern des Geschäftsmodells von Google.

Mit Max Mosley hat Google einen starken Gegner. Er will nötigenfalls bis zum Bundesverfassungsgericht und zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. Mosley, der gut Deutsch spricht, umgibt ohnehin die leicht glamouröse Aura des Automobilrennsports, in dem es bekanntermaßen viele Skandale gibt (Hans-Jürgen Jakobs, SZ, 13./14.10.12). Dafür steht schon Bernie Ecclestone. Max Mosley war bis 2009 der mächtige Präsident des internationalen Automobilverbands FIA. Er betont, dass vier der im Film zu sehenden fünf Frauen für ihn ausgesagt hätten. Die fünfte Frau und deren Mann, ein ehemaliger MI5-Agent, hatten gefilmt und dafür 45 000 Euro von „News of the World“ kassiert.

SZ: Sie führen jetzt ihren eigenen Krieg?

Mosley: In einem gewissen Sinne ja. Es geht um öffentliche Interessen. So wie in Deutschland im Fall von Bettina Wulff, die sich gegen Google-Links wehrt, die auf irgendwelche erlogenen Geschichten auf Escort-Services weisen. So etwas darf man nicht stehen lassen.

Dass in dem Sex-Film auch Nazi-Uniformen auftauchen, hat einen Teil der Öffentlichkeit zusätzlich elektrisiert. Max Mosley ist nämlich der Sohn des britischen Faschisten-Führers Oswald Mosley, der 1932 die Union der britischen Faschisten gründete. Seine Mutter Lady Mitford galt bis zu ihrem Tod 2003 als Bewunderin Adolf Hitlers. Dies nimmt man in Großbritannien anscheinend leichter als in Deutschland. Mosley selbst hat eine zeitlang bei den Tories mitgearbeitet, später bei Labour. Heute sagt er: „Ich bin ein Liberaler, links von der Mitte.“

279: Das System Armstrong (mit Ehefrau, UCI, Kurieren, Campingwagen und der Anstiftung und Bedrohung von Kollegen)

Sonntag, Oktober 21st, 2012

Wir kennen den Fall von Ben Johnson (Kanada) 1988. Das staatliche DDR-Dopingsystem wurde aufgeklärt. Juventus Turin hatte in den neunziger Jahren ein eigenes Dopingsystem installiert. Richard Virenque (Frankreich) gestand sein Doping und wurde 1998 verurteilt. Marion Jones (USA), die Olympiasiegerin von 2000, hat im Knast gesessen. Der Tour de France-Sieger Alberto Contador (Spanien) war zwei Jahre gesperrt. Genügt das nicht allmählich um einzusehen, dass der internationale Hochleistungssport weithin kriminell und korrupt ist?

Wissen wir nichts von der Mitwirkung von Ärzten wie Michele Ferrari (Italien), Eufemio Fuentes (Spanien), Luiz Garcia del Moral (Spanien), Lothar Heinrich (Deutschland), Geert Leinders (Niederlande) und mehreren Ärzten aus dem Freiburger Universitätsklinikum an der weit verbreiteten Dopingpraxis? Haben wir da noch Zweifel an der Mitwirkung von Medizinern an kriminellen Handlungen? Sind nicht einige der Genannten lebenslänglich gesperrt? Waren nicht unser deutscher Held Jan Ullrich und sein Telekom/T-Mobil-Team in diese Machenschaften verwickelt? Hat nicht Erik Zabel wegen seines Dopings medienwirksam geweint? Ist es nicht allmählich genug mit diesen anscheinend unendlichen Kriminalgeschichten und ewigen Aufklärungskampagnen?

Wer sich mit dem 1000 Seiten umfassenden Bericht der US-Anti-Doping USADA über das von Lance Armstrong gesteuerte Dopingsystem befasst, kommt eventuell zu einem anderen Ergebnis (SZ-Berichterstattung vom 12. bis 20.10.12). Hier werden detailliert und ziemlich lückenlos Beweise geliefert für ein von einem „Tyrannen“ gesteuertes Betrugssystem, das mit Drohungen, Bestechung und mit der Protektion der UCI arbeitete. 202 Seiten umfasst allein die Urteilsbegründung der USADA. 27 Kronzeugen aus dem Feld der Radprofis haben gegen Armstrong unter Eid ausgesagt. Darunter so langjährige Kollegen von Armstrong wie George Hincapie, Floyd Landis und Tyler Hamilton. Fast alle haben Geständnisse in der eigenen Sache abgelegt. Lance Armstrong stand als Kapitän der Rennställe US-Postal und Discovery Channel im Zentrum „eines massiven Teamdoping-Systems, das umfassender war als jedes zuvor entdeckte in der Geschichte des Sports“. Er hat dafür seine erste Frau eingesetzt und praktisch keine Mittel gescheut.

Bei dem lebenslänglich gesperrten Michele Ferrari mussten die hilfesuchenden Radsportler z.B. einen Grundbetrag von 15 000 Dollar pro Jahr entrichten. Allein dadurch entfällt die Mär von der „Gerechtigkeit“ der Doping-Freigabe. Kuriere wie der „Motoman“ expedierten die Dopingmittel in die Hotels, Autobahn-Toiletten und Camping-Wagen. Es wird ausführlich geschildert, wie den Radsportlern Zeit gegeben wurde, kaschierende Salzlösungen zu sich zu nehmen. Geständige Sünder wie Jörg Jaksche und Patrick Sinkiewitz fanden nach Ablauf ihrer Sperren keine Arbeit mehr. Armstrong wurden alle Titel seit 1998 aberkannt. Muss hier nicht auch noch das IOC tätig werden angesichts von Armstrongs Bronzemedaille von 2000? Und hat nicht der weltbekannte Blutdoper Alexander Winokurow die Goldmedaille in London gewonnen? Fuhr nicht der aktuelle Giro-Sieger Ryder Hesjedal (Kanada) 2004 und 2005 für Armstrongs Team?

Armstrong hat andere Profis bedroht. Sie sind durch ihn um mögliche Siege und Prämien gekommen. Ihr Leben wurde einigen von ihnen von Armstrong „zur Hölle gemacht“. Er hat zahlreiche Mails geschrieben und andere Profis zum Doping veranlasst. Inzwischen hat sich sogar Armstrongs Sponsor Nike von ihm abgewandt. „Angesichts der unüberwindlichen Beweise, dass Lance Armstrong länger als ein Jahrzehnt an Doping teilnahm und Nike getäuscht hat, haben wir unseren Vertrag mit ihm tief betrübt beendet. Nike billigt den Gebrauch verbotener leistungsfördernder Substanzen in keiner Weise.“ Andere Sponsoren wie Trek, Anheuser-Busch, 24 Hour Fitness, FRS und Honey Stinger haben ihre Zusammenarbeit mit Armstrong ebenfalls gekündigt.

Der luxemburgische Verbandschef Jean Regenwetter fordert den Rücktritt der UCI-Spitze. Jaimie Fuller, Vorsitzender des Rabobak-Partners Skins, erwartet von der UCI-Spitze die Widerlegung der Vorwürfe im Fall Armstrong oder den Rücktritt. Das für Doping weithin bekannte Rabobank-Team zieht sich nach 17 Jahren aus dem Profi-Radsport zurück. Das betrifft auch Olympiasiegerin Marianne Vos. Bei Rabobank fuhren u.a. die Dopingsünder Jan Ras (Niederlande) und Michael Rasmussen (Dänemark). Der damalige Teamchef Theo de Rooij räumte ein, Doping toleriert zu haben.

Aus all dem ergibt sich schlüssig die Forderung nach einem Anti-Doping-Gesetz in Deutschland, wie es die USA, Frankreich, Großbritannien, Australien, Schweden und Italien inzwischen haben. In einigen Ländern wie Frankreich gibt es seit dem Anti-Doping-Gesetz dort keine international erfolgreichen Radsportler mehr. Helmut Digel, der Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletikverbands schreibt u.a. über die Freiburger Doping-Klinik: „Für jeden, der sich für einen sauberen Hochleistungssport einsetzt, der die sauberen Athleten schützen möchte, für jeden, für den das Fair-Play-Ideal grundlegende Bedeutung für die weitere Entwicklung des Hochleistungssports hat, ist der Umgang mit der Freiburger Doping-Affäre ein Skandal. Auf der Grundlage des bestehenden Rechts ist es möglich, dass Ärzte, die des Dopings überführt wurden, und ihre Mitwisser straffrei ausgehen und dass niemand die Approbation von Doping-Ärzten in Frage stellt.“

269: Englands Fußball: Rassismus und faule Sprüche

Dienstag, Oktober 9th, 2012

Englands Fußball fehlt es seit langem am Erfolg. Und die vollen Stadien in der Premier League sind zu einem Teil gewiss auch der Tatsache geschuldet, dass so viele Klassespieler aus dem Ausland dort spielen (Raphael Honigstein, SZ 8.10.12). Die Ausländer dominieren in vielen Fällen. Und russische Oligarchen und arabische Scheichs geben das Geld.

Englands Teammanager Roy Hodgson verriet nun auf dem Weg zum Champions-League-Spiel zwischen Arsenal und Olympiakos Piräus in der Londoner U-Bahn einigen Fans, dass die Karriere von Rio Ferdinand in der englischen Nationalmannschaft wohl bald vorbei sei. „Rio ist fast 34, ich muss sagen, dass es für ihn und England vorbei ist.“ So der „Daily Mirror“. Rio Ferdinand (Manchester United) hatte sich nach dem Rücktritt von John Terry (Chelsea London) aus der Nationalelf Hoffnungen auf ein Comeback gemacht. Hodgson widerrief seine Äußerung aus der U-Bahn umgehend. Aber glaubwürdig ist das nicht.

John Terry ist von der Football Association (FA) vier Wochen gesperrt und zu einer Geldstrafe von 280 000 Euro verurteilt worden. Er hatte Rio Ferdinands Bruder Anton (Queens Park Rangers) rassistisch beleidigt. U.a. mit den Worten „fucking black cunt“. Die Disziplinarkommission fand Terrys Behauptung, dies sei rhetorisch gewesen, trotz dessen Freispruchs im Strafverfahren „unwahrscheinlich, unplausibel und gekünstelt“. Die Begründung für Terrys Strafe umfasst 63 Seiten.

Nun hat Terrys Teamkollege bei Chelsea und in der Nationalmannschaft Ashley Cole den Verband in einer Twitterbotschaft als „bunch of twats“ (einen Haufen Fotzen) bezeichnet. Er bezichtigt die Disziplinarkommission indirekt der Lüge. Cole hatte nach Rücksprache mit der Chelsea-Klubführung seine ursprüngliche Zeugenaussage zu Gunsten von Terry im Nachhinein verändert. Die FA wird gegen ihn eine Geldstrafe verhängen. Auch Chelseas Trainer Roberto di Matteo hat Cole mit finanziellen Sanktionen gedroht. „Man muss die Medien verantwortungsvoll benutzen.“ Beim 4:1 gegen Norwich City hatten sowohl Terry als auch Cole 90 Minuten für Chelsea durchgespielt.

264: Danedream fehlt beim Prix de l’Arc de Triomphe.

Freitag, Oktober 5th, 2012

Die Vorjahrssiegerin beim Prix de l’Arc de Triomphe in Paris, Danedream, startet 2012 dort nicht, um ihren Titel zu verteidigen. Dabei war das fest geplant. Sie sollte danach noch ein Rennen in Tokio laufen und dann in Japan in die Zucht wechseln. Die schnellste Stute, die die deutsche Zucht hervorgebracht hat, hatte im letzten Jahr bei ihrem Sieg mit einem furiosen Finale beeindruckt und galt seitdem als „Wunderstute“.

In diesem Jahr muss Danedream in Köln-Weidenpesch bleiben, weil sie mit 350 anderen Pferden, die dort stehen, unter Quarantäne gestellt worden ist. Anfang der Woche war bei einem Galopper in einem kleinen Nachbarstall „Equine Infektiöse Anämie“ festgestellt worden, eine Krankheit, die für Menschen ungefährlich ist, aber zur Tierseuche werden kann, wenn ihre Übertragung nicht gestoppt wird. Für Danedream eine Katastrophe. Für den Kölner Rennverein ein herber Rückschlag. Die Renntage am 3. und 14. Oktober sind abgesagt worden.

Danedream wird vermutlich nie wieder ein Rennen laufen.

261: Was der Sport in Deutschland will und soll: Diskussion über die Sportförderung

Samstag, September 29th, 2012

Sechs Wochen nach Ende der Olympischen Spiele von London gibt es im deutschen Sport eine Bestandsaufnahme und beginnt die Zukunftsplanung. Der DOSB hat das Interesse, die Diskussion bald hinter sich zu lassen (Thomas Kistner, Claudio Catuogno, Boris Herrmann SZ 26. und 27.9.12), weil Dr. Thomas Bach, sein Präsident, 2013 IOC-Präsident werden möchte. Ein Projekt, das er wohl seit 20 Jahren verfolgt. Durchaus legitim.

Nun fahren der Präsident und der Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) dazwischen, Thomas Weickert und Hans-Wilhelm Gäb, zwei anerkanntermaßen verdiente Sportfunktionäre. Sie stellen das System der Sportförderung in Frage. Es gehört deswegen auf den Prüfstand. Aus der Wissenschaft hatten schon Wolfgang Maennig (Uni Hamburg) und Arne Güllich (TU Kaiserslautern) die Effizienz der deutschen Sportförderung bezweifelt („Im besten Fall bewirkt es nichts.“).

130 Millionen Euro werden dem Spitzensport jedes Jahr vom Bund zur Verfügung gestellt. Dazu treffen das Bundesinnenministerium und der DOSB Zielvereinbarungen mit den Spitzenverbänden des Sports. Ein letztlich schlüssiger Vorgang zur Verteilung der Mittel. Weickert und Gäb schreiben in ihrem Papier: „Wir hätten erwartet, dass der DOSB nach London eine Diskussion über die Frage anstößt, wie die Sportförderung in Zukunft aussehen soll.“ Das Papier ist eine Abrechnung mit der Art und Weise, wie Innenministerium und DOSB sich mit dem Fördergeld quasi Medaillen kaufen. Sie verlangen eine Reform. Ihrer Meinung nach entspricht das Fördersystem „in wichtigen Teilen der in einer offenen Gesellschaft erforderlichen Transparenz, Begründbarkeit und Verständlichkeit nicht mehr“.

Die Autoren Weickert und Gäb nehmen an, dass Erfolge im Sport das Image einer Nation ebenso prägen wie technische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Leistungen. Im Sport werde eine Leistungsbereitschaft vorgelebt, wie sie für die Mobilisierung von Kindern und Jugendlichen erforderlich sei. Die Förderung des Spitzensports sei überhaupt nur legitimierbar durch seine Beziehung und Stützung für den Breitensport. „Beim einseitigen Streben nach olympischen Medaillen, der derzeit zentralen Grundlage der Sportförderung, wird die Wichtigkeit der Vereins- und Breitensportstruktur in Deutschland völlig außer Acht gelassen.“

Hier kommen wir auf die unterschiedlichen Interessen der Verbände. Diejenigen wie der DTTB mit vielen Mitgliedern betonen die Stützung auf den Breitensport. Sie würden bei der Berücksichtigung der Mitgliederzahl mehr Geld bekommen. Andere Sportarten wie Eisschnelllaufen und Bobfahren bekämen weniger, auch wenn sie Medaillen gewinnen. Weickert und Gäb: „Die derzeit grotesk überhöhte Förderung von Sportarten, hinter denen keine Breitensportbewegung steht und deren gesellschaftspolitischer Nutzen deswegen begrenzt ist, sollte auf ein vernünftges Maß zurückgeführt werden.“ Anders sieht das Turnpräsident Rainer Brechtken: „Alle Athleten, die sich dem Leistungssport widmen, haben Anspruch auf Förderung, unabhängig von der Größe ihres Verbandes.“ Weickert und Gäb verlangen darüberhinaus, dass Medaillen in Spielsportarten mehr wert sein müssen als etwa im Schwimmen, wo es über 60 Entscheidungen gibt.

Die SZ gibt einen guten Überblick:

Eisschnelllauf: 1223 Mitglieder; Grundförderung: 1365500 Euro; Projektförderung: 35500 Euro; Förderung je Mitglied in Euro: 1406,79;

Bob & Schlitten: 7247; 2148562; 410000; 353, o5;

Fechten: 25647; 1536100; 402000; 75,57;

Rudern: 81391; 2009200; 1068000; 37,81;

Hockey: 75358; 1020800; 468000; 19,76;

Kanu: 116588; 1805100; 420000; 19,09;

Ringen: 65803; 828100; 265000; 16,61;

Judo: 168664; 955400; 100000; 6,26;

Volleyball: 467362; 871880; 270000; 2,44;

Tischtennis: 606075; 509500; 300000; 1,34.

In London war bei der Zahl der Medaillen ein „Aufwärtstrend“ zu verzeichnen, bei der Zahl der Sportarten, in denen Medaillengewonnen wurden, ein „Abwärtstrend“, weil es Medaillen nur in 17 Sportarten gab (Peking: 22).

Die Zahl der Kritiker des Sportförderungssystems aus der Wissenschaft, bei einzelnen Verbänden, in der Politik und bei einzelnen Hochleistungssportlern wie Robert Harting und Imke Duplitzer wächst. Nicht alle formulieren sehr präzise. Manche lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Der Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop kritisiert „das alleinige Abstellen der Förderkriterien auf den Erfolg bei Olympia“. Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestags, Dagmar Freitag (SPD), findet es „ausgesprochen begrüßenswert“, dass sich die Spitzenverbände endlich laut und deutlich in die Diskussion einschalten. „Die Autonomie des Sports berechtigt nicht dazu, die Öffentlichkeit und die Politik auszusperren.“

Die SPD ist es auch, die den Sport in die Verfassung schreiben will. Sie hat einen „Entwurf eines Gesetzes zur Aufnahme von Kultur und Sport in das Grundgesetz“ vorgelegt. 2007 hatte der Bundestags-Rechtsausschuss sich zwar für die Aufnahme von „Kultur“ in die Verfassung ausgesprochen, aber gegen die Aufnahme von „Sport“. Die Sportverbände verweisen auf die ökonomische Bedeutung des Sports, er habe mit einem Umsatz von 15 Milliarden Euro die heimische Textilindustrie überholt. Der Sport beschere der Gesellschaft 700000 Arbeitsplätze. 25,5 Millionen Menschen seien in 91000 Sportvereinen organisiert.

Ein Streitpunkt ist noch völlig ungeklärt: die finanzielle Unterversorgung der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte das Ziel gestellt, stärker „die Wirtschaft“ dazu heranzuziehen. Tatsächlich hat Friedrich rund eine Million Euro an Zuwendungen des Bundes aus dem Nada-Etat gestrichen. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Zahl der Dopingtests reduziert werden muss. Die Sportpolitiker der Grünen haben vorgeschlagen, Spitzensportförderung und Dopingbekämpfung zu verknüpfen. Fünf Prozent der staatlichen Fördergelder müssten automatisch in den Anti-Doping-Kampf fließen. Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) ist skeptisch: „Ich habe den Glauben verloren, dass sich die Wirtschaft am Kampf gegen Doping beteiligen will.“ Frau Freitag denkt über eine staatliche Nada nach, hat dafür aber noch keine Finanzierung.

259: FC Bayern hat viele Fans in China – das Deutschlandbild eines chinesischen Reisebloggers

Donnerstag, September 27th, 2012

Yibo Fan ist seit sechs Jahren chinesischer Reiseblogger. Er hat in der Zeit 70 Länder besucht. Nun hat ihn (SZ 27.9.12) Peter Sich über Deutschland befragt.

SZ: Wie würden Sie die deutsche Persönlichkeit beschreiben?

Fan: Die Deutschen sind etwas speziell. Viele Menschen, die noch nie in Deutschland waren, glauben, die Deutschen seien ein bisschen zu fleißig und ernst. Und ein bisschen stimmt das auch. Deutschland ist kein Land wie Italien, wo man sehr schnell mit den Menschen vertraut wird. Bevor man einen Deutschen wirklich kennenlernt, muss man einige Zeit mit ihm verbringen, aber dann merkt man, dass die Deutschen auch durchaus nicht so ernst sein können. Sie können sehr interessant sein, aber es dauert halt. Ich mag die Deutschen, sie sind sehr diszipliniert, das macht sie zu guten Arbeitspartnern. Und sie sind sehr pünktlich, auch die Bahn, das macht das Reisen angenehm.

SZ: Tatsächlich? In Deutschland ist es recht verbreitet, über die Bahn zu schimpfen.

Fan: Nein, ich mag die deutschen Züge. Die Verbindungen sind sehr gut, und es ist sehr einfach, von dem einem Ort an den anderen zu kommen. Ein Problem ist allerdings, dass die Fahrkarten verglichen mit anderen Ländern sehr teuer sind.

SZ: Stellten Sie Unterschiede im Charakter verschiedener Regionen fest?

Fan: Ja, es gibt große Unterschiede zwischen Osten und Westen, aber auch zwischen Nord und Süd. Zum Beispiel habe ich die Menschen in Bayern immer als glücklicher empfunden. Man kommt dort auch schneller in Kontakt, da sind sie etwas südländischer. Dagegen erscheinen mir die Menschen im Osten – vor allem in kleineren Städten – immer etwas unglücklich, weniger energetisch. Irgendwann fiel mir dann auf, dass in diesen Gegenden kaum junge Menschen leben. Das erzeugt eine gewisse Tristesse. Aber trotzdem interessieren sich viele Chinesen für Ostdeutschland, weil es wie China ein sozialistisches Land war.

SZ: Welche Reiseziele empfehlen Sie Ihren Landsleuten sonst noch?

Fan: Auf jeden Fall Berlin, weil es die perfekte Mischung aus Kultur und Geschichte bietet, vor allem, wenn man Potsdam noch hinzuzählt. Eine spezielle Region ist auch das Ruhrgebiet. Ich halte sehr viel von dem Konzept, die alten Industriestätten in touristische Ziele zu verwandeln. Bei der Zeche Zollverein in Essen haben die Verantwortlichen das sehr gut gemacht, auch bei der Völklinger Hütte im Saarland. Beide gehören zum Unesco-Welterbe. Dafür interessiere ich mich besonders. Bislang habe ich knapp 40 Welterbestätten in Deutschland besucht. Abseits davon sind auch Bayern und der Schwarzwald sehr schön, wobei diese Regionen etwas speziell sind, was die Sprache und was das Essen betrifft.

SZ: Was halten Sie von der deutschen Küche?

Fan: Viele glauben, deutsches Essen sei ein bisschen langweilig, aber das stimmt nicht. Bei meinem jüngsten Besuch war ich auf der Weinstraße im Elsass unterwegs und war begeistert vom Essen, vor allem aber von den Weißweinen. In Hamburg gibt es dagegen sehr gutes Seafood. Und Berlin hat eine große Auswahl zeitgemäßer Restaurants. Ich versuche, weitgehend vegetarisch zu leben, da hat Berlin ein sehr breites Angebot. Überhaupt ist die Auswahl an frischen Früchten in Deutschland sehr gut. Andererseits: die Würste in Thüringen haben mich sehr beeindruckt. Und nicht zu vergessen: das Bier. Fast jede Stadt hat ihr eigenes Bier, und das ist fast immer sehr gut. Offen gesagt: Chinesen, die nach Deutschland kommen, denken meist nicht ans Essen, sehr wohl aber ans Bier.

SZ: Warum kommen Chinesen denn überhaupt gerne nach Deutschland?

Fan: Das hat zunächst oft praktische Gründe: Wegen der vielen Direktverbindungen starten viele ihre Europareise in Deutschland. Im Land selber gefällt ihnen die gut erhaltene Umwelt, die vielen Flüsse und Wälder. Dabei haben viele Chinesen etwas romantische Vorstellungen und erwarten überall Schlösser und Burgen. Sport ist auch ein wichtiger Faktor. Ein Verein wie Bayern München hat in China viele Fans, die dann hoffen, bei ihrem Besuch auch mal ins Stadion zu können. Deutsche Autos sind bei uns sehr beliebt. Die Chinesen wissen, dass es auf Autobahnen kein Tempolimit gibt. Deswegen wollen vor allem junge Chinesen hier selbst Auto fahren.

257: Waldi lobt Scholli und spricht über Sportberichterstattung.

Freitag, September 21st, 2012

Waldemar Hartmann (Waldi) verlässt die ARD. Sein „Waldis Club“ lief von 2006 bis 2012. In Turin 2006 und Peking 2008 gab es 20 mal „Waldi & Harry“ mit Harald Schmidt. Auch Hartmanns Vertrag als Box-Moderator läuft Ende des Jahres aus. Aus diesem Anlass hat Peter Unfried den Sportjournalisten interviewt (taz 8./9.9.12).

Waldi: So wie ich privat am Stammtisch sitze, so sitze ich auch im Fernsehen in „Waldis Club“.

Unfried: In Ihnen steckt doch sicher ein sensibler Feingeist Waldemar.

Waldi: … Deshalb halte ich mich an den Rat von Harald Schmidt: Du kriegst die Klischees eh nicht aus der Welt, also bediene sie. … Ich könnte ja so tun, als ob ich privat Chopin höre und eine Schmetterlingssammlung pflege, aber das tue ich nicht. Ich verstelle mich nicht, aber ich werde eben auch völlig überzeichnet dargestellt.

Unfried: Man hat Sie auch schon als „Kumpelqualle“ und „Duzdudelsack“ beschimpft. Was erregt uns Qualitätsjournalisten so, dass wir derart unsere Kinderstube verlieren?

Waldi: Ich weiß es nicht, da fragen Sie den Falschen. Es ist jedenfalls die gleiche Klientel, die aufschreit, wenn Robert Enke sich vor einen Zug wirft, wie unmenschlich alles sei und dass wir innehalten müssten und anders miteinander umgehen. Und im selben Atemzug haut sie selbst drauf. Und bedenkt nicht, dass auch ich eine Familie habe und Menschen, die mir nahestehen.

Unfried: Die FAZ sagt, Sie seien nahe am Herrenwitz, und die kennt sich damit sicher aus.

Waldi: Weisen Sie mir einen Herrenwitz nach. Ich erzähle überhaupt keine Witze in meinen Sendungen.

Unfried: Würden Sie sagen, das ARD-Duo mit Moderator Beckmann und Exprofi Mehmet Scholl ist journalistisch-kritische Analyse und „Waldis Club“ dann Unterhaltung?

Waldi: Ich würde den Scholli auch in die Kategorie Unterhaltung stecken. Weil er amüsant ist und eine ganz eigene Farbe in das Programm bringt.

Unfried: Einerseits nimmt die Unterhaltungsfunktion zu, andererseits gibt es eine Verfachlichung des Sprechens über Fußball – ist Letzteres ein Fortschritt?

Waldi: Nein, es ist eine Pseudoverwissenschaftlichung. Diese Rhetorik wurde offenbar an der Sporthochschule in Köln erfunden. Raumorientiertes gegen-den-Ball-Spielen und vertikal in die Schnittstelle: Diese Verwissenschaftlichung der Fußballlehrersprache hat für meinen Geschmack etwas Oberlehrerhaftes. So möchte ich nicht über Fußball sprechen.

Unfried: Die Frage ist: Gehört das zum Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen – den Stammtisch zu reproduzieren?

Waldi: Als was würden Sie denn den „Presseclub“ in der ARD bezeichnen? Auch taz-Redakteure scheinen sich an diesem Stammtisch wohlzufühlen.

254: VfL Wolfsburg: Koppelgeschäfte zwischen VW und Lieferanten beim Sponsoring?

Donnerstag, September 13th, 2012

Der Einkaufsvorstand von VW, Francisco Javier Garcia Sanz, muss vor dem Stuttgarter Landgericht als Zeuge aussagen (Klaus Ott, SZ 13.9.12). Es geht um etwaige Koppelgeschäfte zwischen VW und Lieferanten beim Sponsoring des VfL Wolfsburg. Gegebenenfalls würden die Lieferanten von VW durch diese Geschäfte den VfL Wolfsburg finanziell unterstützen. Dadurch würde der Verein seine fast 40 Fußball-Profis mit finanzieren. Angeklagt sind zwei Führungskräfte der VW-Einkaufssparte und drei ehemalige Manager und Berater der Telekom-Tochter T-Systems. Es geht um Bestechung und Bestechlichkeit. VW bestreitet die Vorwürfe.