Thomas Kistner bleibt unermüdlich bei seiner Aufklärung über Doping (SZ 24.1.13). Jetzt berichtet er, dass die UCI unter Hein Verbruggen bis 2005 Radrennfahrer mit Dopingwerten vorgewarnt hat. Von der UCI heißt es, dass hätten andere Verbände auch so gemacht. Verbruggen, der auch Ehrenmitglied im IOC ist, behauptet „Prävention durch Abschreckung und Repression“ seien das Ziel dabei gewesen. Durch dieses Verhalten konnten die Betrüger ihr Verhalten so anpassen, dass sie nicht positiv getestet werden konnten. Betroffen waren „Dutzende Fahrer“. Seit 2002 hat die UCI von Lance Armstrong Zahlungen bekommen. Verbruggen saß bis 2002 im Vorstand der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. „Der Marketingmann hatte früh jeden profilierten Dopingbekämpfer gegen sich. Frankreichs Sportministerin Buffet, die per Razzia den Tour-Skandal von 1998 initiiert hatte, sah sich 2001 im Zuge der Pariser Olympiabewerbung vom damaligen IOC-Prüfkommissar Verbruggen so unter Druck gesetzt, dass sie öffentlich über den Rücktritt nachdachte. Wada-Experten wie der Schwede Bengt Saltin fühlten sich von Verbruggen gemobbt.“
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335: UCI hat bis 2005 Doper vorgewarnt.
Donnerstag, Januar 24th, 2013327: Allianz-Arena in München – vorbildlich geplant und gebaut
Donnerstag, Januar 10th, 2013Angesichts der vielen wirtschaftlichen Katastrophen bei öffentlichen Bauprojekten interviewt Artur Lebedew in der SZ (10.1.2013) den vielfach ausgezeichneten Architekten und Stadtplaner Albert Speer, den Sohn des berüchtigten NS-Rüstungsministers Albert Speer.
SZ: Herr Speer, wer ist für die Fehler bei Großprojekten verantwortlich?
Speer: Die größten Fehler werden am Anfang gemacht.
SZ: Welche?
Speer: Am Anfang von großen Projekten ist nicht genug Zeit und Geld da, um die wirtschaftlichen, ökologischen und gestalterischen Aspekte der Arbeit zu durchdenken und Alternativen zu prüfen. Meistens startet die Politik in ein Großprojekt, ohne es intensiv und intelligent studiert zu haben. Das Projekt beginnt lange vor der eigentlichen Bauphase. Die Planung kostet viel Zeit und Geld. Aber genau deshalb will sie auch niemand finanzieren. Deshalb sind viele große Projekte von vornherein bereits zum Scheitern verurteilt, schon bevor es auf der Baustelle losgeht.
SZ: Wenn die Planung so wichtig ist, warum ist sie dann häufig so schlecht?
Speer: In der Anfangsphase ist es wie mit dem Verliebtsein. Da sieht man alles rosig. Die negativen Seiten will man nicht sehen. …
SZ: Und in Deutschland siegt immer die Bürokratie?
Speer: Es ist sicher richtig, dass bei dem Bau des neuen Flughafens in Berlin die Beteiligung der Öffentlichkeit und die Informationspolitik sehr schlecht liefen. Aber die Probleme haben wesentlich mit den Organisationsstrukturen zu tun. In Deutschland haben wir sehr unterschiedliche Zuständigkeiten. Beim neuen Berliner Flughafen sind die Stadt Berlin, das Land Brandenburg und die unterschiedlichen Kreise involviert. Und sie alle werden von vornherein nicht genügend koordiniert und organisiert.
SZ: Wäre eine nationale Kontrollinstanz, die Großprojekte unabhängig beraten soll, besser?
Speer: Nein. Jedes der Projekte ist ein Einzelstück. Überall sind die Strukturen anders. Ein Projekt muss aus seiner spezifischen Situation heraus besser organisiert und von einer unabhängigen Instanz kontrolliert werden.
…
SZ: Sind Ihnen deutsche Großprojekte bekannt, die nach Plan gebaut wurden?
Speer: Ein Beispiel, bei dem ich dabei war, war der Bau der Allianz-Arena in München. Dort haben die beiden Vereine FC Bayern München und 1860 München darauf bestanden, dass ein unabhängiges Kompetenzteam, bestehend aus einem der besten Rechtsanwaltbüros in München, aus Architekten und Fachleuten, das Projekt vom Anfang bis zur Bauübergabe begleitet. Die Allianz-Arena ist mit allen Genehmigungsverfahren und allen Beteiligungsverfahren innerhalb von viereinhalb Jahren geplant und gebaut worden. Und das auch noch innerhalb des finanziellen Rahmens, den die beiden Vereine vorgegeben hatten.
(für Achim Schalner)
323: Gino Bartali – der Judenretter
Sonntag, Januar 6th, 2013Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie noch nicht so viel über Doping wussten, teilten sich die italienischen Radsportfans auf in die „Coppisti“ und die „Bartalisti“, die Anhänger Fausto Coppis und Gino Bartalis (taz 22.23.12.2012). Fausto Coppi spielte dabei die Rolle des mondänen Helden, Gino Bartali war ein Mann des Volkes. Mittlerweile hat Paolo Conte über ihn gesungen und Curzio Malaparte über ihn geschrieben. Bartali hatte die Tour de France 1938 gewonnen und 1948. Zehn Jahre seiner großen Karriere waren ihm durch den Zweiten Weltkrieg gestohlen worden. Sein Comeback nach 1945 war bisher unvorstellbar gewesen.
Nun stellt sich heraus, dass Bartali nicht nur ein sehr großer Rennfahrer war, sondern auch ein moralisch sehr integrer Mensch. Gino Bartali gehörte einem antifaschistischen Netzwerk an und hat als Kurier dazu beigetragen, in Italien gefälschte Papiere für gefährdete Juden zu transportieren. Mit seinem Fahrrad. Bei ihm fielen die langen Touren nicht auf, sie galten als Training. Dabei absolvierte Bartali an einem Tag teilweise Strecken wie Florenz-Assisi.
Von Bartali gerettet Juden, die heute in Israel leben und nicht mehr ganz jung sind, möchten, dass Bartali als „Gerechter unter den Völkern“ im Ehrenhain von Yad Vashem geehrt wird. Das Verfahren dazu „hakt“ noch, verständlicherweise gibt es immer eine genaue Prüfung. Bartali aber, 2000 in Florenz gestorben, ist in dem allgemeinen Korruptionssumpf des internationalen Radsports eine Leuchte, ein strahlender Held, dessen Andenken wir pflegen sollten.
312: DOSB will kein Anti-Doping-Gesetz.
Dienstag, Dezember 11th, 2012Auf der Mitgliederversammlung des DOSB hat der DLV ein Anti-Doping-Gesetz mit unbeschränkter Besitzstrafbarkeit und Kronzeugenregelung beantragt (Thomas Hahn, SZ 10.12.12). Seine Justiziarin Katja Mühlbauer hat den Antrag juristisch begründet. Sie war bis November 2011 zweieinhalb Jahre bei der Münchener Schwerpunkt-Staatsamnwaltschaft für Doping und kann insofern als hochqualifizierte Sachverständige gelten. Ihr kurzer Vortrag war sachlich und klar. Sie führte aus, dass die aktuelle Gesetzgebung den Anfangsverdacht nicht zulässt, auf den hin eine Staatsanwaltschaft den Betrügern nachspüren könnte. Mit Werkzeugen, die der Sport nicht hat, mit Telefonüberwachungen, Hausdurchsuchungen etc.
Nicht nur aus dem Fall Armstrong wissen wir, dass der Anti-Doping-Kampf nur auf gesetzlicher Grundlage effizient geführt werden kann. Das zeigen auch Erfahrungen etwa aus Italien und Frankreich. Die Frage für den DOSB war also: Wollen wir den Status quo erhalten oder aus den Erfahrungen lernen und verbessern, was zu verbessern ist? Die Mitgliederversammlung hat die Frage eindeutig beantwortet. Nur 25 der 459 Delegierten stimmten bei acht (8) Enthaltungen für den DLV-Antrag. Das ist vernichtend.
Der Antrag des DOSB selbst, der anschließend ohne Gegenstimme durchging, basierte auf dem Gutachten des Erlanger Rechtsprofessors Matthias Jahn, das die Bundesregierung in Auftrag gegeben hatte. Jahn fordert „die Einführung zusätzlicher Tathandlungen in das Arzneimittelgesetz, um auch den Erwerb und das Verbringen von sowie den Handel mit Dopingmitteln sachgerecht zu verfolgen“ und „die Erhöhung der Höchststrafe für Dopingvergehen im Arzneimittelgesetz von drei auf fünf Jahre“. Thomas Hahn schreibt dazu: „Der DOSB will, dass der Staat erst Verdacht schöpft, wenn ein Athlet mehr Doping-Arznei mit sich führt, als ein Patient aus medizinischen Gründen in einem ganzen Monat braucht.“
Wahrscheinlich handelt der DOSB so, wie es sich die weitaus meisten Sportfreunde wünschen. Sie wollen es gar nicht so genau wissen und sind überhaupt der Meinung, dass Doping fast nur in Deutschland so systematisch verfolgt wird.
Liebe Sportfreunde, das enttäuscht mich. Ihr seid tatsächlich die Sympathisanten und Unterstützer der Jan Ulrich, Bjarne Riis, Alberto Contador und anderer Betrüger.
Es versteht sich, dass die DOSB-Mitgliederversammlung den DLV-Antrag abgeschmettert hat, der deutschen Anti-Doping-Agentur Nada mit 500 000 Euro für 2013 aus der finanziellen Patsche zu helfen.
Die meisten deutschen Sportfreunde wollen gar keinen Anti-Doping-Kampf! Gute Nacht sauberer Sport!
309: Michael Vesper – Nachfolger von Thomas Bach als DOSB-Präsident ?
Freitag, Dezember 7th, 2012Der deutsche Sport ist tief zerstritten über
1. ein effizientes und gerechtes Fördersystem und über
2. ein System zur Betrugs- und Dopingbekämpfung (Thomas Kistner, SZ 7.12.12).
Der Präsident Thomas Bach möchte aber keine vehemente öffentliche Auseinandersetzung darüber, weil das seine Wahlchancen bei der Wahl des IOC-Präsidenten 2013 vermindern könnte.
Thomas Kistner beurteilt den deutschen Anti-Doping-Kampf vernichtend. „“Null Toleranz? Deutschland ist ein Eldorado für kundige Doper. Der Anhang am Arzneimittelgesetz lässt sich als Doping-Ermunterung lesen, Minister aus Bayern und Baden-Württemberg klagen aus der Praxis: Ihre Fach-Staatsanwälte halten die Gesetzesmittel ‚für ungeeignet, um an dopende Spitzensportler heranzukommen‘ (Bayerns Justizministerin Beate Merk).“
Der Kampf um die Nachfolge Bachs als DOSB-Präsident hat schon begonnen. Die lange Zeit für aussichtsreich gehaltenen Christa Thiel (Deutscher Schwimmverband) und Rainer Brechtken (Deutscher Turnerbund) haben entweder schlechte Wahlergebnisse vorzuweisen oder mit Finanzproblemen zu kämpfen.
Neuer Favorit: DOSB-Generalsekretär Michael Vesper, dem als gelernten Politiker (Grüne) die nötige Wendigkeit bei der Verteidigung Thomas Bachs nachgesagt wird.
305: Olympia Athen: 110 von 3667 Proben getestet: 5 Medaillengewinner überführt
Mittwoch, November 28th, 2012Das IOC sah sich gezwungen, einige der eingefrorenen Proben von den Olympischen Spielen in Athen 2004 mit neuesten Methoden auf Doping testen zu lassen. 110 von 3667.
5 Medailengewinner wurden des Steroid-Missbrauchs überführt:
Kugelstoß-Olympiasieger Juri Belonog (Ukraine),
Hammerwurf-Zweiter Ivan Tichon (Weißrussland),
Diskus-Bronze-Gewinnerin Irina Jatschenko (Weißrussland),
Kugelstoß-Bronze-Gewinnerin Swetlana Kriweljowa (Russland),
Gewichtheber-Bronze-Gewinner Oleg Prepetschenow (Russland) (SZ 28.11.12).
Warum wurden nicht alle eingefrorenen Proben getestet? Die meisten Überführten haben wir schon vergessen. Das zeigt auch die ganze Belanglosigkeit des Hochleistungssports.
Nicht überführt wurden die damaligen Überraschungs-Siegerinnen Julia Nesterenko (Weißrussland, 100 m), Fani Halkia (Griechenland, 400 m Hürden). Was war mit ihnen? Und was mit den Goldmedaillen-Gewinnern Justin Gatlin (USA, 100 m) und Shawn Crawford (USA, 200 m)? Halkia und Gatlin wurden nach 2004 wegen Dopings gesperrt.
Ich habe den sicheren Eindruck gewonnen, dass das IOC (Jacques Rogge, Thomas Bach et alii) kein Interesse an der Doping-Aufklärung hat. Wahrscheinlich wird es nicht gelingen, den Saustall wirklich auszumisten.
Was ziehen wir daraus für Schlussfolgerungen?
302: Michel Platinis Traum von der Fußball-EM 2020 am Bosporus in Gefahr ?
Montag, November 26th, 2012Michel Platini, der Uefa-Chef, pflegt seinen Traum von einer EM 2020 mit 24 Teilnehmern in ganz Europa und dem Halbfinale und dem Endspiel am Bosporus. Nun kommt ihm die große Betrugsaffäre im türkischen Fußball 2010/11 in die Quere (Thomas Kistner, SZ 24./25.11.12).
„Nach achtmonatiger Abhöraktion stand fest, dass in jener Saison bis zu 19 Spiele verschoben wurden, darunter die Partie am letzten Spieltag, in der sich Fenerbace Istanbul per 4:3 über Sivasport den Titel sicherte. 93 Personen wurden angeklagt, mehr als 30 Spieler und Offizielle inhaftiert, darunter der Vize-Chef des türkischen Fußballverbands TTF sowie Fenerbaces Klubpräsident Aziz Yildirim; der wurde zu Haft- und Geldstrafen verurteilt. Auf Druck der Uefa wurde Fenerbace für die Champions-League-Saison 2011/12 gesperrt; Trabzonspor rückte nach.“
Das erinnert uns an die Affäre um die EM-Vergabe 2012 an die Ukraine und Polen. Über Jahre wurden der Uefa Belege über Stimmkäufe aus Zypern offeriert, die sie anscheinend nie geprüft hat. Im Uefa-Vorstand sitzt z.B. der Ukrainer Grigorij Surkis, der 1995 als Präsident von Dynamo Kiew eine Schiedsrichter-Bestechungsaffäre im Europacup durchstehen musste. Sein Bruder wurde gesperrt, Dynamo Kiew von der europäischen Fußballbühne verbannt.
301: Bernie Ecclestones Abgang wird vorbereitet.
Montag, November 26th, 2012Die Firma Daimler hat angekündigt, dass dann, wenn Bernie Ecclestone von der Staatsanwaltschaft in München angeklagt wird, Gerhard Gribkowsky mit 44 Millionen Dollar bestochen zu haben, der Formel 1-Chef nicht mehr auf seinem Posten zu halten ist. Neuerdings interessiert sich auch der britische Fiskus für die Tarnfirmen, mit denen das Geld geschleust worden ist. Das deutsch-britische Doppelbesteuerungsabkommen verpflichtet dazu, Informationen auszutauschen. Dann kann es sehr eng werden für Bernie Ecclestone.
Bisher hat die Uneinigkeit seiner Gegner Ecclestone stets geschützt. So hatte es der ehemalige Rennfahrer und spätere Manager des österreichischen Rennfahrers Jochen Rindt immer geschafft, der Strafverfolgung zu entgehen. Und zweifellos hat der spätere Rennstallbesitzer und Vermarkter der Fernsehrechte der Formel 1 sehr viel dafür getan, aus dieser Renndisziplin eine Geldmaschine zu machen. Inzwischen ist die Investmentgruppe CVC Inhaber der Vermarktungs- und Übertragungsrechte. Ecclestone ist 82 Jahre alt. Die Chefs der Formel 1-Teams treffen sich demnächst auf der Steuerhinterzieher-Insel Jersey, um bei der Obergesellschaft des Rennsport-Imperiums Delta Topco über Bernie Ecclestones Zukunft zu entscheiden (SZ 24./25.11., 26.11.12).
297: Die moralische Verwerflichkeit der Formel 1. Die Automobilindustrie und das Publikum wollen es so.
Mittwoch, November 21st, 2012Der internationale Hochleistungssport ist seit eh und je ein großes Geschäft. Das führt dazu, dass auf diesem Feld mehr gelogen und betrogen wird als wohl irgendwo sonst. Betrug, Täuschung, Verschieben von Ergebnissen und vieles Kriminelle mehr sind hier an der Tagesordnung. Und nicht immer ist es leicht zu beweisen.
Dabei ergeben sich die ungeheuren Vermarktungsmöglichkeiten daraus, dass das Publikum fasziniert ist davon, dass Rücksichtslosigkeit und Gewalt geübt werden.
Vom Radrennen wissen wir, dass es von seinen Anfängen im 19. Jahrhundert eine Doping-Sportart war. Heute ist es auf das Niveau von Lance Armstrong gesunken. Das Berufsboxen steht dafür, dass seit eh und je die Kämpfe so vereinbart und verschoben werden, wie es der Kapazitätsauslastung der Veranstalter und derjenigen, die ansonsten noch Geld damit verdienen, am besten dient. Das letzte große Beispiel dafür war der Sieg von Marco Huck.
Es ist an der Zeit, die Formel 1 (für andere Rennsportarten gilt Ähnliches) als das zu beschreiben, was sie ist, ein großes Marketinginstrument der Automobilindustrie, die damit einen wesentlichen Beitrag liefert zur Konsolidierung der deutschen Handelsbilanz. Inzwischen werden bekanntlich die meisten deutschen Autos pro Jahr in der Volksrepublik China verkauft. Das gilt auch dann, wenn kürzlich der Sohn eines hohen Funktionärs nackt in einem Ferrari verunglückt ist. Die Faszination der Formel 1 rührt daher, dass bei ihren Rennen die Rücksichtslosigkeit, Schnelligkeit und Gewalt so sichtbar sind und lustvoll genossen werden können.
Bei den großen Preisen in aller Welt herrscht in den Boxen offener Sexismus, der sich bis in die Sportreportagen hineinzieht. Es wird die Ideologie verbreitet, dass alle Probleme zu lösen sind, dass sie schnell zu lösen sind, dass sie durch Technik zu lösen sind. Das ist aus den Köpfen von einfachen Gemütern nicht so leicht wieder herauszubekommen. Ich kenne viele sportbegeisterte Männer, die ansonsten meistens ganz Problem bewusste, gebildete und sozial verträgliche Zeitgenossen sind. Manche verstehen sogar etwas von Ökologie. Würde man sie fragen, warum sie trotz ihrer Kenntnisse dennoch so große, schnittige Autos fahren, würden sie sofort damit beginnen zu begründen, dass diese Boliden am umweltverträglichsten seien. Etc.
Ich habe also nicht die Illusion, an der Faszination der Formel 1 etwas ändern zu können.
Trotzdem will ich an drei Punkten zeigen, wie moralisch verwerflich die Formel 1 ist:
1. an der Tatsache, dass der ehemalige Vorstand der BayernLB Gerhard Gribkowsky wegen Vorteilsnahme bereits im Gefängnis sitzt und dass der Formel 1-Chef Bernie Ecclestone von der Münchener Staatsanwaltschaft der Bestechung beschuldigt wird (nach Einlassungen des „Kronzeugen“ Gribkowsky);
2. an dem lebensgefährlichen Unfall beim Rennen in Spa (Belgien), wo der französische Lotus-Fahrer Romain Grosjean am siebten Unfall im zwölften Rennen beteiligt war;
und 3. an der Fälschung der Startaufstellung beim Rennen in Austin (USA) durch Ferrari, weil dadurch Fernando Alonso bessere Chancen auf die Weltmeisterschaft hat.
1. Bernie Ecclestone hat Gerhard Gribkowsky 44 Millionen Dollar gezahlt. Zur Bestechung, wie Gribkowsky sagt. Um seine Interessen in der Formel 1 zu wahren, wie Ecclestone betont, die Gribkowsky eigentlich für die Bayern LB wahren sollte, bei er damals im Vorstand war. Das Geld floss über Firmen in der Karibik und im Indischen Ozean. Und über Mittelsmänner wie den Italiener Flavio Briatore. Offizieller Gegenstand waren Beraterverträge. Nun hat Gribkowsky auch noch behauptet, die Formel 1 sei seinerzeit mit 772,6 Millionen Dollar zu billig verkauft worden. Das wäre dann die Gegenleistung für die Bestechung. Ecclestone behauptet, dass Gribkowsky bei der Staatsanwaltschaft München alles gesteht, um schneller aus dem Knast zu kommen.
2. Beim diesjährigen Rennen in Spa (Belgien) verursachte der Franzose Romain Grosjean (Lotus), wie meistens in der ersten Runde, einen schweren Auffahrunfall. Es ist üblich, dass dies in der ersten Runde gemacht wird. Dort ist es am besten zu planen. Die Methode besteht darin, anderen Fahrern auf die Reifen oder ins Auto zu fahren. Grosjean war in seinem zwölften (12.) Rennen am siebten (7.) Unfall beteiligt. Sein Bolide flog einen Meter am Helm von Fernando Alonso vorbei. Grosjean wurde für ein Rennen gesperrt und mit einer Geldstrafe von 50 000 Euro belegt. Der Abdruck seines Reifens war auf dem Auto von Kamui Kobayashi (Sauber) zu sehen.
3. Ferrari hat beim Rennen in Austin (USA) betrogen. Der noch für den Weltmeistertitel in Frage kommende Fernando Alonso stand nach dem Training nur auf Platz 9 (auch noch auf der schlechteren linken Seite). Da ordnete Teamchef Stefano Domenicali an, dass bei Felipe Massa, dem zweiten Ferrari-Piloten, der viel weiter vorne stand als Alonso, das Getrieb gewechselt werden sollte. Dafür bekam Massa die vorgesehene Strafe und wurde fünf Plätze nach hinten versetzt. Alonso rückte auf Platz acht vor auf die rechte Seite. Beim Start überholte er Kimi Räikkönen, Michael Schumacher und Nico Hülkenberg und konnte dadurch am Ende Dritter werden. Damit wahrte er seine Chancen auf den Weltmeistertitel. Der in der Fahrerwertung führende Sebastian Vettel (Red Bull) wurde während des Rennens – nicht zum ersten Mal – von dem Inder Norain Karthikeyan, einem überrrundeten Fahrer, beim Überholen behindert und konnte dadurch seine Chancen auf eine bessere Platzierung nicht wahrnehmen. Lewis Hamilton setzte seine Überholhilfe DRS ein und gewann.
So korrupt ist die Formel 1.
Ferrari verschenkte den Konstrukteurs-Titel an Red Bull, um die Chancen von Alonso zu erhalten, und gab das auch offen zu.
Viele Renn-Zuschauer haben wohl den Eindruck, dass es bei der Formel 1 zugeht „wie im richtigen Leben“, rücksichtslos und brutal. Dadurch werden für unsere Kinder und Enkel die falschen Vorbilder konstruiert. Rücksichtslose Raser und Boxen-Models oder Nummern-Girls.
Ich denke bei dem Ganzen noch an das von Ministerpräsident Kurt Beck und der rheinland-pfälzischen SPD zu verantwortende wirtschaftliche Desaster am Nürburgring. Die andere deutsche Formel-1-Strecke in Hockenheim liegt in Baden-Württemberg. Da regiert ja jetzt Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen.
Oder kann der hier auch nichts machen?
(Für Jürgen Bittrich und Michael Wolter)
291: Blutdoping in Erfurt bis 2011 kein Doping/“Systematisches Doping“ in Westdeutschland 1970 bis 1990
Freitag, November 9th, 2012Es kann der Eindruck entstehen, dass im deutschen Sport kaum Interesse besteht, Doping zu erkennen.
In der „Causa Erfurt“ hat ein Richter des Sportschiedsgerichts in Köln, der von der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) ernannt worden war, entschieden, dass das Abzapfen von 50 Milliliter Blut, seine Bestrahlung mit UV-Licht und die Zurückführung in den Körper bis 2011 kein Doping war. Erst seit 2011 steht diese Methode als verboten im Code der Welt-Antidoping-Agentur Wada (Claudio Catuogno, SZ, 7.11.12). Der Erfurter Mediziner Andreas Franke hatte sie bei 30 deutschen Sportlern bis 2011 angewandt. Das ist seit Anfang 2011 bekannt.
Viele Fachleute sind allerdings anderer Meinung als der in Köln tätige Richter. Im Juni 2012 war der Wada-Generaldirektor David Howman zweimal nach Deutschland gereist, um festzustellen, dass es sich bei dieser Methode um Doping handelt. Mittlerweile haben sich Nada und Wada geeinigt, dass es bis 2011 kein Doping war. Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) Clemens Prokop dazu: „Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass die Nada erleichtert ist.“ Prokop meint, dass wir nun mehr Rechtsunsicherheit haben. Die Nada prüft, ob sie den Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne bringt.
Die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Auftrag gegebene Studie über Doping in Deutschland bis 1990 ist gescheitert. Zuletzt wurde anscheinend sogar Geld für die Untersuchung zurückgehalten. DOSB-Generaldirketor Michael Vesper: „Ich will einen belastbaren Bericht und keinen Kriminalroman.“ Die mit der Untersuchung beauftragte Berliner Forschergruppe um Giselher Spitzer und Erik Eggers ist allerdings vollkommen anderer Meinung als Vesper. Eggers: „Von wegen Kriminalroman. Knochentrockener kann unser Abschlussbericht gar nicht sein.“ Aber die Ergebnisse dürfen nun nicht veröffentlicht werden. Spitzer und sein Team hatten schon mit dem ersten Zwischenbericht im Herbst 2011 für Aufsehen gesorgt, als sie feststellten, dass es in Westdeutschland von 1970 bis 1990 ein
„systematisches Doping“
gegeben habe. Willi Daume, dem langjährigen NOK-Chef und Vorgänger Thomas Bachs im IOC, warfen die Wissenschaftler sogar „billigende Mitwisserschaft“ vor. Die Forschergruppe kam außerdem zu dem Ergebnis, dass drei deutsche Fußballnationalspieler 1966 bei der Weltmeisterschaft in England mit Ephedrin gedopt gewesen seien. Der Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) Jürgen Fischer machte den Datenschutz und Persönlichkeitsrechte dafür verantwortlich, dass die Studie nicht veröffentlicht werden darf (SZ 8.11.12).