Archive for the ‘Sport’ Category

436: Jan Ullrich will uns für dumm verkaufen.

Sonntag, Juni 23rd, 2013

Jan Ullrich. der Tour de France-Gewinner 1997, als Radfahrer eine Ausnahme-Begabung, aber einfachen Gemüts, will uns für dumm  verkaufen. Aber wir sind nicht dumm. Ullrich hat nun Blutdoping bei Eufemiano Fuentes gestanden. Der „Märchenprinz“ des deutschen Radsports, der die Tour 1996 schon gewonnen hätte, wäre er nicht durch die Stallregie gezwungen gewesen, den späteren Doping-Trainer Bjarne Riis gewinnen zu lassen, war nach 1997 mehrere Male dem noch entschlosseneren Doper Lance Armstrong unterlegen. Dieser war – im Gegensatz zu Ullrich – rhetorisch gewandt und ein brillanter PR-Agent seiner selbst. Ein typisches Produkt der US-amerikanischen Werbegesellschaft. Ein großer Krimineller.

Ullrich, der niemals ein konkretes Geständnis abgelegt hat, aber vom Internationalen Sportgerichtshof zu einer zweijährigen Strafe verurteilt worden war, die demnächst abläuft, will uns weismachen, er habe gedopt, um Chancengleichheit zu erreichen. Das „Kasperletheater“ geht weiter. Michael Eder (FAS 23.6.13) glaubt, dass Ullrich demnächst als Kämpfer für einen „neuen Radsport“ antreten will. Ein „alter Kämpfer“ für einen „neuen Radsport“?

Es gibt einen 2.219 Seiten umfassenden Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) über Jan Ullrich und Eufemiano Fuentes, in dem akribisch Geldflüsse von einem Konto Ullrichs nach Spanien aufgeführt sind, gebuchte Flüge nach Madrid, Blutkonserven Ullrichs in Fuentes‘ Praxis (viereinhalb Liter aufgearbeitetes Blut), etc.

Jan Ullrichs Teamkollegen

Rolf Aldag,

Udo Bölts und

Erik Zabel

haben (teilweise unter Tränen) Doping mit Epo gestanden. Da soll der „Chef“ selbst sauber gewesen sein? Er möchte die Vergangenheit ruhen lassen. Wir wissen, dass dies meistens schiefgeht. Dazu die pflaumenweichen Kommentare des DOSB-Präsidenten Thomas Bach, das Geständnis komme zu spät und sei nicht umfassend. Diese Äußerungen verstehe ich als Teil des jahrelangen Wahlkampfs von Bach um den Präsidentenstuhl des IOC. Aber warum sollten die anderen Kandidaten (aus dem Sumpf des internationalen Spitzensports) eigentlich integrer, besser und glaubwürdiger sein als Thomas Bach?

435: Brasilien hat noch nicht einmal Schul-Sportunterricht.

Freitag, Juni 21st, 2013

Die massiven Proteste gegen die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 haben die politische Führung Brasiliens anscheinend überrascht. Das ist verwunderlich, wenn wir uns die gesellschaftlichen Verhältnisse im Lande anschauen, die nicht zuletzt von Korruption bestimmt werden. Thomas Kistner hat den führenden Sportreporter Brasiliens, Juca Kfouri, 63, interviewt (SZ 20.6.13).

SZ: Herr Kfouri, Ihre Landsleute gehen jetzt schon auf die Straße, dabei ist es ja noch eine Weile hin bis zur WM 2014 und den Sommerspielen 2016 in Rio …

Kfouri: Wie kann man Olympische Spiele in ein Land vergeben, das nicht mal Schul-Sportunterricht hat? Was rechtfertigt Olympische Spiele hier? Erst einmal müsste Brasilien eine Sportpolitik betreiben, dann müssten wir all die 30 Sportarten pflegen, die es bei Olympia gibt. Wir müssten sie unsere Kinder lehren und in Vereinen üben. Erst danach sollte man sich bewerben – und am Ende gerne die Spiele veranstalten. Aber bei uns lief es andersherum ab. Deshalb wird sportlich nichts von den Spielen bleiben.

SZ: Wird der Protest Veränderungen bewirken?

Kfouri: Ja.. Die politische Klasse ist jetzt sehr, sehr verängstigt. Die Menschen in Rio, Brasilia und Sao Paulo marschieren ja nicht irgendwohin, sondern zu den zentralen politischen Gebäuden. Dieses Zeichen ist überdeutlich. Wir haben ein Problem mit unseren Abgeordneten, wir brauchen ein neues politisches System.

SZ: Könnte es auch das Ende der Regierung Dilma Roussef sein, und der Ära ihres Vorgängers, des Charismatikers Lula?

Kfouri: Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Dilmas Umfragewerte sind im Sinkflug.

SZ: Was denken die Brasilianer über die Fifa?

Kfouri: Dasselbe, das sie vom nationalen Fußballverband CBF denken: Das ist eine Bande von Dieben, die nicht den geringsten Respekt hat. Bei den Protesten in Sao Paulo sangen die Leute: „Senkt die Tarife, schickt die Rechnung der Fifa. Meine WM besteht aus Gesundheit und Erziehung.“

SZ: Sie waren eng mit Pele befreundet. Er wollte, dass Sie seine Biografie schreiben.

Kfouri: Ja. Aber ich habe mich von Pele so wie von Lula distanziert. Pele war der beste Spieler der Welt, aber ich denke, er ist kein sehr guter Bürger. Er sagt das eine und macht das andere. Seine offizielle Erklärung dafür, dass er wieder mit Teixeira und dessen Schwiegervater Joao Havelange zusammenging, war, dass er es für die Zukunft des nationalen Fußballs tue.

SZ: Und der inoffizielle Grund?

Kfouri: Die „Pele Sports Marketing“ bekam neue Geschäftsfelder im Fußball eröffnet.

434: Pep Guardiola hat mit Woody Allen gegessen.

Freitag, Juni 21st, 2013

Pep Guardiolas Vorbild ist Cesar Luis Menotti, der Trainer des Fußballweltmeisters von 1978, Argentinien. Der inzwischen 75-jährige Erfolgstrainer hat sein Büro nach wie vor in Buenos Aires. Er gilt als Vertreter des „linken“, romantischen Fußballs, offensiv mit kurzen, schnellen, eleganten Pässen, gegen den „rechten“, defensiven, hässlichen, körperbetonten Stil. Auf dem Schreibtisch hat „El Flaco“ (der Schlanke) ein Foto von Che Guevara, der ebenso wie Menotti und Messi aus Rosario stammt. Ein anderes Foto zeigt Menotti mit dem Schriftsteller Jorge Luis Borges. Peter Burghardt hat Cesar Luis Menotti für das SZ-Magazin interviewt (21.6.13).

SZ: Der Bayern-Trainer Pep Guardiola verehrt Sie. Er kam 1984, als Sie Trainer in Barcelona waren, gerade zu Barcas Nachwuchs, mit 13. Viel später besuchte er sie in Buenos Aires. Wie fühlt man sich als Mentor des Wundertrainers?

Menotti: Guardiola ist ein Trainer aus unserer Ecke, aus Berufung. Als er 2007 beschlossen hatte, Trainer zu werden, kam er nach Argentinien und rief mich an. Wir gingen essen und blieben von neun Uhr abends bis drei Uhr morgens im Lokal sitzen. Das war, bevor er die zweite Mannschaft des FC Barcelona übernahm. Ich habe viel Zuneigung und Respekt für ihn, er ist ein Fachmann und lerneifrig. Er wusste genau, was er wollte.

SZ: Inzwischen gilt Pep Guardiola als Magier, weil er mit dem FC Barcelona alles gewonnen hat. Dann zog er mit seiner Familie zum Sabbatical nach Manhattan, aß mit Woody Allen und unterschrieb beim FC Bayern. Was für ein Typ ist er?

Menotti: Ein großartiger, intelligenter Trainer, der den Fußball liebt, aber nicht nur den Fußball. Frei nach Hippokrates: Wer nur die Medizin kennt, der weiß nichts von der Medizin, und wer nur vom Fußball was versteht, der versteht nicht mal was vom Fußball. Guardiola kennt mehr als nur Fußball. Der Junge ist kulturell gebildet, mag Theater. Und er hat ein gutes Gehör, der Fußball braucht auch Ohren.

SZ: Ohren?

Menotti: Der Fußball klingt in deinem Kopf als Trainer. Entweder klingt er wie eine Herde wilder Pferde oder wie ein Sinfonieorchester mit Violinen wie Iniesta und einem Cello wie Busquets. Eine Fußballmannschaft ist wie ein Orchester, ein Ergebnis von Proben und Einsatz der Musiker.

SZ: Außer Guardiola machen es auch andere jüngere Trainer wie Jürgen Klopp von Borussia Dortmund nicht schlecht, oder?

Menotti: Zum Beispiel. Dortmund hält das in den wichtigen Spielen nur nicht durch. Die spielen im Smoking, aber wenn noch 15 Minuten zu spielen sind und das Fest schwierig wird, dann ziehen sie den Smoking aus und streifen den Overall über, und dann spielen sie am schlechtesten. Wie gegen Real Madrid und Bayern München. Die Bayern haben auch deswegen gegen sie gewonnen. Man braucht viel Überzeugung, Klarheit und Charakter. Eine Meisterschaft gewinnt jeder, den Europacup haben auch schon viele Dummköpfe und Ignoranten gewonnen. Aber in fünf Jahren 15 von 19 Titeln gewinnen wie Guardiola und dabei Spieler austauschen, die zusammen 50 Tore geschossen haben, so einen musst du erst mal finden. Für mich ist die Arbeit Guardiolas brillant, fast einzigartig. … Pep freut sich auf die Aufgabe, auch die Stadt gefällt ihm. Er spricht gut Englisch und Italienisch, Deutsch wird ihm nicht schwerfallen. … Ich finde, er ist ein sehr deutscher Katalane, geordnet, ernsthaft. Er arbeitet viel, trainiert viel. Seine Persönlichkeit passt zu München, das ist die Stadt für ihn.

SZ: München und die Bayern dürfen sich also auf Pep Guardiola freuen?

Menotti: Die Spieler wissen schon, was er will. Außerdem ist er obsessiv, ohne zu nerven. Schaut viele Spiele, studiert, kennt seine Spieler und will korrigieren, ohne die Schuld abzuladen. …

SZ: Inzwischen ist der deutsche Fußball überhaupt hübsch anzusehen, oder?

Menotti: Ich wusste noch nie, wieso alle nur von Kraft und Disziplin der Deutschen reden, das ging mir schon immer auf die Nerven. Da gab es Overath, Beckenbauer und so weiter. Die spielten gut, sie hatten nur nicht immer den richtigen Trainer. Und wenn jemand was von Philosophie, Musik, Literatur. Kreativität und Kunst versteht, dann die Deutschen, trotz der Kriege. Die Deutschen sind lustige Typen, saufen bis sechs Uhr morgens und stehen um acht Uhr wieder auf der Matte. Die Deutschen bauen schöne Autos. Jetzt spielen sie auch noch herrlich Fußball. Ihr habt ein wunderschönes Land. In München fahren Frauen auf Fahrrädern mit ihren Kindern hinten drauf, keine Huperei den ganzen Tag wie hier. Guradiola wird sehr glücklich sein.

SZ: Bayern kauft Dortmund für 37 Millionen Euro Götze weg, Barcelona zahlt 57 Millionen Euro für Neymar. Was sagt einer zu solchen Summen, der sich wie Sie „hormoneller Marxist“ nennt?

Menotti: Der Ausdruck stammt vom Schriftsteller José Saramago, aber ich fühle mich auch so. Ich empfinde eine gewisse Abscheu für den Kapitalismus. Ich glaube, dass es keine dermaßen ungerechte Welt geben darf. Aber gut, wir leben alle von Geschäft Fußball. Man soll nur innerhalb dieses Systems das Kulturgut Fußball respektieren, das Spiel. Heute gehört der Fußball zum Big Business, und wenn da beschlossen wird, dass um drei Uhr morgens gespielt wird oder in Afrika, dann spielt man um drei Uhr morgens oder in Afrika. Argentinien und Brasilien haben heute keine Fußballkultur mehr. Früher war es in Europa so, jetzt ist es umgekehrt.

399: Das Verhalten des FC Bayern-Aufsichtsrats ist ein „moralisches Armutszeugnis“.

Sonntag, Mai 12th, 2013

In einem Kommentar zur Krise des deutschen Steuersystems nach der Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß beschäftigt sich Hans Leyendecker in der SZ (8./9.5.13) mit dem Verhalten von deutschen Spitzenmanagern im Aufsichtsrat des FC Bayern München. Dessen Vorsitzender ist Uli Hoeneß. Er soll angeboten haben, sein Amt ruhen zu lassen. Die von Leyendecker bewerteten Aufsichtsratsmitglieder sind Vorstände in großen Unternehmen: Timotheus Höttges (Deutsche Telekom), Herbert Hainer (Adidas), Rupert Stadler (Audi) und Martin Winterkorn (VW). Sie haben Hoeneß Angebot nicht angenommen. Leyendecker schreibt:

„Vor gut zwanzig Jahren wurde das Wort Compliance ins deutsche Wirtschaftsrecht eingeführt. Es kling fremd und kompliziert, beschreibt aber einen einfachen Sachverhalt: Gesetzliche Bestimmungen und interne Standards von Unternehmen müssen übereinstimmen. Regelverstöße dürfen unter keinen Umständen akzeptiert werden. Deshalb müssen Konzerne harte Maßnahmen gegen Mitarbeiter ergreifen, die auffällig geworden sind.

Compliance, die mit einem Ethik- und Wertemanagement kombiniert wird, ist ein Teil der deutschen Firmenphilosophie geworden. Wie angesichts dieser Umstände Vorstände großer Dax-Unternehmen, die im Aufsichtsrat des FC Bayern sitzen, das Rücktrittsangebot des Aufsichtsratschefs ablehnen konnten, ist unbegreiflich; mehr noch, es ist instinktlos. Was will der Vorstandschef von VW seinem Compliance-Officer künftig sagen, wenn dieser einem Mitarbeiter nachstellt, der in China einen Zöllner bestochen hat, damit die Autos schneller ins Land kommen? Dass die eigenen Regeln im Fall Hoeneß nicht gelten? Oder will der Telekom-Mann seinen Mitarbeitern verkünden, die neue, nach etlichen Sauereien beschlossene saubere Linie des Unternehmens gelte nicht mehr?

Sollen Regeln, die mühsam erarbeitet wurden, plötzlich keinen Bestand mehr haben? Ist der Fußballbetrieb ein ganz anderer Betrieb als der normale Betrieb? Ist ein Aufsichtsrat in einem solchen Betrieb nur ein Edel-Fan, der es über die Barriere nach oben in die Loge geschafft hat? Der Mensch Uli Hoeneß hat den Fiskus betrogen, nicht der Bayern-Aufsichtsratschef Hoeneß. Das ist wahr, aber eine solche Trennung von Person und Person gibt es in der Welt der Compliance nicht. Es kommt auch nicht allein auf das Strafrecht an; auch moralisch zweifelhafte Verhaltensweisen verlangen Konsequenzen. In diesem Zusammenhang spielt es überhaupt keine Rolle, ob der geständige Steuerhinterzieher Hoeneß angeklagt und verurteilt wird oder nicht. Er hat gestanden, dem Fiskus 3,2 Millionen Euro vorenthalten zu haben – und das zählt. Das Warten der Aufsichtsräte auf die Prüfung der Richtigkeit und Wirksamkeit einer Selbstanzeige ist ein moralisches Armutszeugnis.

Natürlich ist es ein Ärgernis, dass im Fall Hoeneß das Steuergeheimnis gebrochen wurde. Natürlich kann man mit dem Finger auf andere Großverdiener zeigen, die es vorgezogen haben (anders als Hoeneß), ihr Einkommen in Deutschland nicht zu versteuern. Es mag sein, dass deren Verhalten verachtungswürdiger ist als der Fall des Uli Hoeneß; aber eine solche Betrachtung hilft nicht. Das Kontrollgremium hatte sich nicht mit prominenten Steuerflüchtlingen zu beschäftigen, sondern mit dem Chef des eigenen Aufsichtsrats. Eine Lex Hoeneß braucht ein Hoeneß nicht. Seine Verdienste um den Verein sind so groß, dass Vereinsmeierei erbärmlich wirkt. Präsident (nicht aber Aufsichtsratschef!) kann er vermutlich bleiben, wenn er nicht angeklagt wird. Der Fußball war noch nie der Ort der Reinheit und Sauberkeit.“

382: Haben die spanischen Doper in Deutschland gelernt ?

Mittwoch, März 20th, 2013

Die Universität Freiburg gilt seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts als ein Mekka des Dopings. Dafür stehen die berühmten Sportmediziner

Herbert Reindell,

Armin Klümper und

Joseph Keul,

die bei deutschen Sportverbänden höchste Funktionen wahrnahmen. Unmittelbar des Dopings überführt wurden die Mediziner

Georg Huber,

Lothar Heinrich und

Andreas Schmidt.

Sie wurden deswegen 2007 von der Universität Freiburg suspendiert. Die Untersuchungen einer Evaluierungskommission, die in den letzten Jahren von der international hoch angesehenen belgischen Anti-Doping-Spezialistin Letizia Paoli geleitet wurde, scheinen von der Universität Freiburg behindert worden zu sein.

Nun kommt der Nestor der seriösen Anti-Doping-Berichterstattung, Thomas Kistner, in der SZ (19.3.13) zu der These, dass spanische Doper wahrscheinlich in Freiburg „gelernt“ haben. 23 spanische Gastärzte an der Universität Freiburg von 1972 bis 1989 sind namentlich bekannt. Wahrscheinlich waren es noch sehr viel mehr. Dazu gehörten

Eduardo Escobar,

Inaki Arratibel und

Jose Aramendi.

Kistner schreibt: „Escobar betreute viele Jahre lang die Fußballprofis des spanischen Erstligisten Real Sociedad San Sebastian – im Zuge des Prozesses um den Madrider Blutpfuscher Eufemiano Fuentes wurde er soeben beschuldigt, Dopingmittel in geradezu besorgniserregenden Umfängen eingekauft zu haben. Kollege Arramendi soll Anfang der neunziger Jahre sogar mit dem später überführten Freiburger Dopingarzt Andreas Schmidt das Team Telekom betreut haben; später ging er zum ähnlich berüchtigten spanischen Once. Dessen damaliger Chef Manolo Saiz sitzt neben Fuentes auf der Anklagebank.“

363: Matthias Brandt kritisiert Jürgen Trittin.

Freitag, Februar 22nd, 2013

In Zeiten von Fleischskandalen werden selbst Fußballvereine in die Diskussion einbezogen. Etwa die Fans von Werder Bremen, mit denen ich wirklich nichts zu tun habe, obwohl ich „früher“ sehr viel dort im Stadion war. Als der Verein den Geflügelproduzenten „Wiesenhof“ als neuen Sponsor gewann, trat Jürgen Trittin, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, vom Ehrenamt des „Umweltbotschafters“ bei Werder zurück. Das empfand Uli Hoeneß als einen Ausdruck einer „unglaublichen Empörungs-, auch Selbstgerechtigkeitskultur“ (Holger Gertz und Alexander Gorkow, SZ 22.2.13).

Fan-Botschafter bei Werder Bremen ist auch Matthias Brandt. Der viel beschäftigte und inzwischen sehr prominente Schauspieler, ein Sohn Willy Brandts, der als „Tatort“-Kommissar aus München auch im Fernsehen reüssiert, kritisiert Trittin viel schärfer: „Das Unangenehme an Trittins öffentlicher Wichtigtuerei ist, dass man das Gefühl hat, es steckt ausschließlich das Kalkül des Stimmenfängers dahinter – und zwar sowohl beim vermeintlich heißblütigen Bekenntnis zu Werder in seinem offenen Brief als auch bei der Distanzierung von Werder in demselben offenen Brief. Ich finde diesen Kotau vor der öffentlichen Empörung schändlich. Fan zu sein ist nicht ergebnisabhängig, erst recht nicht von Vorstands- oder Geschäftsentscheidungen. Fan sein meint: Liebe, die immer hofft und nichts erwartet. Wo gibt’s das denn sonst noch, verdammte Scheiße?“

359: Spanische Leichtathletik-Weltmeisterin Kundin bei Fuentes

Dienstag, Februar 19th, 2013

Marta Dominguez, die bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin die Goldmedaille über 3000 m Hindernis gewonnen hatte, ist Kundin bei Eufemiano Fuentes gewesen (SZ 18.2.13). Das berichte die spanische Tageszeitung „El Pais“. Danach wurde die international vielfach erfolgreiche spanische Athletin seit Dezember 1997 in den Fuentes-Akten geführt. Damals war sie 22 Jahre alt.

Ein Gericht in Madrid hatte Dominguez 2011 vom Verdacht des Medikamentenhandels freigesprochen, als sie beschuldigt worden war, einem befreundeten Athleten eine Dopingsubstanz besorgt zu haben.

Mit Marta Dominguez gehört eine weitere spanische Hochleistungssportlerin zum Kreis derjenigen, die des Dopings beschuldigt oder überführt worden sind.

351: Don Camillo und der Sportbetrug

Sonntag, Februar 10th, 2013

Holger Gertz (SZ 9./10.2.13) hat, um sich die Frage beantworten zu lassen, warum wir trotz Betrug und Korruption so am Sport hängen, Gunter Gebauer gefragt. Er ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie in Berlin. Und Anhänger von Holstein Kiel. Martin Walser hat er schon widerlegt, der den dummen Satz formuliert hat

„Nur eines ist sinnloser als Fußball: das Nachdenken über Fußball.“

Walser, den wir in diesem Zusammenhang als einen lebensfremden Intellektuellen erleben, ist eben nie und nirgends und weder aktiv noch passiv in einen produktiven Kontakt mit dem Fußball gekommen. Er ist in dieser Frage ahnungslos. Das sehen wir ihm nach, solange er sich über Fußball nicht äußert.

Das ist bei Gunter Gebauer ganz anders. Von ihm stammt das lesenswerte Buch „Poetik des Fußballs“. Der an der klassischen griechischen Philosophie gebildete Wissenschaftler meint, Fußball sei keine humanitäre Angelegenheit und lasse deswegen so tief blicken. In das Verhaltensrepertoire von Menschen.

Für Gertz reißen die Schreckensmeldungen über die Verderbtheit des Leistungssports nicht ab, fast jeder Tag beginnt mit der Botschaft von einer neuen Sauerei.

Gebauer sieht den Grund dafür, dass wir immer noch hinschauen in der Faszination der Bilder, die wir gezeigt bekommen (das gilt dann ja wohl seit es das Fernsehen gibt). „Das Publikum liebt erst mal den Augenschein. Und der wird ja geboten. Es gibt immer noch genug Leute, die diese Komödie zwischen Verdacht, Können und Fake genießen. Die sagen: Ich habe meine wunderbaren Bilder gehabt, mir sind Emotionen geschenkt worden. Und im Nachhinein ist es mir egal, ob das wirklich war, oder nur eine Theaterveranstaltung auf höchstem Niveau. Die Bilder der Sieger habe ich gesehen, auch die der tränenreichen Verlierer. Das hat mich berührt, und das reicht mir. Was danach passiert, kriege ich nicht mehr mit. Das erledigt die Administration, die ähnlich wie bei Kafka hinterher kommt und den Angeklagten still und heimlich in einem Waldstück erledigt.“

Für Gebauer gibt es eine Art gemeinsames Erleben bei Zuschauern und  Sportlern. Momentaufnahmen und Geräusche. „Der menschliche Lärm macht das Unglück erträglicher, das Glück auch.“ Der Sportler ist bereit zu betrügen, um diese Augenblicke erleben zu können. Der Zuschauer ist bereit, den Betrug zu vergessen – oder darüber hinwegzusehen, solange es geht.

Gertz beschreibt dann das Bild von Florence Griffith-Joyner. „Die amerikanische Sprinterin hatte schwarze Haare, ihre Fingernägel waren 16 Zentimeter lang. Eine Frau wie eine Figur aus dem Comicland, Kampfname Flo-Jo; ein Wesen, das mehr flog als rannte. 10,49 Sekunden über 100 Meter. Weltrekord. Das ist das Bild. Die Geschichte dahinter stand Jahre später in den Zeitungen. Schlaganfall, epileptischer Anfall im Schlaf, Versteifung ihrer Gliedmaßen, der Kopf im Krampf ins Kissen gedrückt. Sie ist wohl erstickt, mit 38 Jahren.“

Für Gebauer haben Verbände und Anti-Doping-Agenturen kein Interesse daran, dass der Betrug auffliegt. „Der Sport ist zu mächtig geworden. Den kann man nicht einfach sterben lassen jetzt. Klar könnte man sagen: schaffen wir das doch alles ab. Aber geht das? Wir schaffen auch nicht Geld ab, weil man mit Geld Verbrechen bezahlen kann.“ Gebauer verdächtigt in hohem Maße spanische Sportler. Etwa die Fußballer von Real Sociedad San Sebastian, bei denen einmal Xabi Alonso spielte, der heute mit der spanischen Nationalmannschaft alles gewinnt, die Tennisspieler, die Handballer.

Und die Menschen seien nicht alle gleichermaßen erschüttert über den Sportbetrug. Die Menschen im protestantischen Norden vielleicht, in Deutschland, Skandinavien und Großbritannien. Aus diesen Ländern stamme ja auch der investigative Journalismus, der schon sehr viel aufgedeckt habe. In Spanien dagegen habe man im Prozess gegen Eufemio Fuentes sehen können, dass dem Staat gar nicht an Aufklärung gelegen war. „Spanien ist ein katholisches Land. Im Katholizismus gibt es dieses sozusagen ironische Augenblinzeln, nicht nur in Spanien, auch in Italien. So ein bisschen die Tradition von Don Camillo.“

348: Organisierte Kriminalität: Sportwetten sind attraktiv.

Freitag, Februar 8th, 2013

Der Kanadier Declan Hill hat schon 2008 in seiner Dissertation an der Universität Oxford die Rolle des organisierten Verbrechens bei Spielmanipulationen beschrieben. Zwei Jahre später veröffentlichte er seine Taschenbuch „The Fix“ (deutsch: „Sichere Siege“). Es geht darin um Geldwäsche und Betrug bei einzelnen Spielen (Danyel Reiche in der „Aussenansicht“ der SZ vom 8.2.13). „Deshalb erstaunt es, dass es bis Anfang dieser Woche gedauert hat, bis die europäische Polizeibehörde Europol ihre eigenen Ermittlungsergebnisse vorlegte, die bestätigen, was bekannt ist.“

Einmal geht es um Geldwäsche. Geld aus illegalen Geschäften kann dort, wo Sportwetten legal sind, in die Legalität überführt werden. „Ein Beispiel: Der weltweit führende Online-Sportwetten-Anbieter Bwin bot für das

Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland am Mittwochabend

in Paris für einen Sieg der Franzosen eine Quote von 2,75, bei einem Unentschieden von 3,25 und bei einem deutschen Sieg von 2,50. Dies bedeutet, wer Geldwäsche für 30.000 Euro betreiben will, setzt jeweils 10.000 Euro auf jedes der drei Resultate. Er hat am Ende im ungünstigsten Fall (Unentschieden) 25.000 Euro in die Legalität überführt. Nach dem 2:1-Sieg der Deutschen hätte er sogar noch einen kleinen Gewinn gemacht und 32.500 Euro kassiert.“

Dass sich das organisierte Verbrechen zunehmend Sportwetten zuwendet, in Form von Geldwäsche oder direkter Spielmanipulation, hat vor allem damit zu tun, dass dies ein viel weniger riskanter Geschäftszweig ist als zum Beispiel Menschen-, Drogen- oder Waffenhandel. Spielmanipulation ist in den meisten Staaten kein Straftatbestand. „Das Problem ist, dass der Großteil des Geldes, das auf europäische Fußballspiele gewettet wird, inzwischen außerhalb Europas gesetzt wird, vor allem in Südost-Asien. Deshalb sind auch die Frühwarnsysteme in Deutschland und Europa, die auffällige Bewegungen bei den Einsätzen bei bekannten Wettanbietern nachverfolgen, nicht so effektiv wie erhofft.“

Der Autor des Beitrags, Danyel Reiche, ist Professor für vergleichende Politikwissenschaft an der American University of Beirut (Libanon). Er glaubt, dass die Spielmanipulationen die südost-asiatischen Ligen schon zerstört haben. Deswegen setze die organisierte Kriminalität vermehrt auf Europas Ligen, die ein saubereres Image hätten. Reiche sieht sogar die Tatsache, dass

Didier Drogba und Nicolas Anelka

die chinesische Liga so schnell wieder verlassen haben, in diesem Zusammenhang. „Es liegt nun an den europäischen Sportverbänden und Regierungen, mithilfe des Strafrechts, einer Null-Toleranz-Politik für überführte Täter (wie lebenslange Sperren) und Aufklärungskampagnen die letzte Bastion ehrlicher Spiele im Weltfußball zu verteidigen.“

347: Reghecampf (Energie Cottbus) soll 200.000 Euro erhalten haben.

Donnerstag, Februar 7th, 2013

Laurentiu Reghecampf (Energie Cottbus) soll 200.000 Euro erhalten haben, damit sein Verein am 21. September 2002 bei Bayern München mit drei Toren Unterschied verlieren würde (SZ 7.2.13). Das Spiel endete allerdings 1:3. Das wirft Rumäniens Ex-Nationaltrainer Cornel Dinu Reghecampf vor. Das Geld habe von einer serbischen Wett-Mafia gestammt. Als das Ergebnis 1:3 war, sei er, Dinu, auf Vermittlung des mit Reghecampf befreundeten Profis Julian Chirita nach Belgrad gefahren, um die Serben zu besänftigen. So habe er Reghecampf wahrscheinlich das Leben gerettet. Chirita hat die Darstellung Dinus bestätigt. Reghecampf, der gegenwärtig Trainer von Steaua Bukarest ist, bestreitet sie.