Archive for the ‘Sport’ Category

513: Sport-Großereignisse in Deutschland bis 2019

Montag, November 4th, 2013

– Leichtathletik-Team-EM in Braunschweig 2014,

– Schwimm-EM in Berlin 2014,

– Finale der Fußball-Champions-League in Berlin 2015,

– Eisschnelllauf-WM in Berlin 2016,

– Leichtathletik-EM in Berlin 2018,

– Handball-WM in Dänemark und Deutschland 2019.

512: Nein zu Olympischen Spielen in Deutschland 2022 !

Sonntag, November 3rd, 2013

Wer Olympische Spiele ausrichtet, kriegt Besuch von den besten Athleten der Welt. In ihren Wettkämpfen erzählen sie spannende und meistens sehr unterhaltsame Geschichten. Ein grandioses Theater. Die Winterspiele 2014 finden an Putins-Gazprom-Badestrand in Sotschi unter den nicht zu verantwortenden Opfern der Wanderarbeiter statt (ähnlich wie in Katar), 2018 ist das südkoreanische Samsung-Retorten-Nest Pyeonchang Austragungsort (Sebastian Kemnitzer „taz“ 25.10.13, Anno Hecker und Christoph Becker „FAS“ 3.11.13). Wahrscheinlich könnte München es ja besser als die Diktatoren, Lügner und Geschäftemacher.

Aber es würde zu teuer.

Und das ist für den Steuerzahler nicht zu verantworten. Das Organisationskomitee müsste dem IOC eine Defizitgarantie in unbegrenzter Höhe geben, damit das IOC selbst kein finanzielles Risiko trägt. Dabei macht das IOC einen Vier-Jahres-Umsatz von über

5 Milliarden Euro (und hat Rücklagen seit 2001 von mehr als 410 Millionen Euro).

Besser wären Investitionen in den Schul- und Vereinssport und in Turnhallen (und deren Instandhaltung). Die Jugend des Deutschen Alpenvereins lehnt eine abermalige Bewerbung Münchens ab: „Im Sinne der Generationengerechtigkeit lehnt die Jugend des Deutschen Alpenvereins die massive Verschuldung durch die notwendigen Investitionen bei einer erfolgreichen Bewerbung ab.“

Auffällig ist, dass die Befürworter einer Bewerbung viel mehr Geld zur Verfügung haben als die Gegner. Und in den Abstimmungsunterlagen fehlen die Gegenargumente, weil es kein offizielles Bürgerbegehren „contra“ gibt. Dabei sagen schon die Plakate der Gegner „Nein“

– zu Schuldenbergen,

– zur Naturzerstörung,

– zum Wachstumswahn,

– zu IOC-Knebelverträgen,

– zur Mietpreis-Explosion.

Am 10. November wird abgestimmt.

507: DFB und DGB beklagen Tote auf WM-Baustellen in Katar.

Freitag, November 1st, 2013

Katar richtet die Fußballweltmeisterschaft 2022 aus. Die Vergabe dorthin steht unter Korruptionsverdacht. Auf den WM-Baustellen sind dort alleine von Juni bis August 2013 vierundvierzig (44) Gastarbeiter ums Leben gekommen. Detlef Esslinger hat dazu den DGB-Borsitzenden Michael Sommer interviewt (SZ 31.10./1.11.13).

SZ: Sie sind auch Chef des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB). Die Organisation hat vor vier Wochen auf die WM-Baustellen in Katar aufmerksam gemacht, wo allein von Juni bis August 44 Gastarbeiter ums Leben kamen. Hat sich die Lage inzwischen gebessert?

Sommer: Es wird weiterhin gequält und gestorben. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und ich haben nun verabredet, dass jeder seine Leute mobilisiert: Er schreibt die 25 Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees an, ich wende mich an die Vorsitzenden der Gewerkschaftsbünde in den Ländern, aus denen diese Mitglieder kommen. Eben, bevor Sie kamen, habe ich einen Brief an meinen chinesischen Amtskollegen unterschrieben, damit der an den Präsidenten seines Fußballverbands herantritt, der im Exekutivkomitee ist. Herr Niersbach und ich haben uns maximal sechs Wochen gegeben. Dann sichten wir die Ergebnisse unserer Aktion und gehen auf die Fifa los.

SZ: Was heißt denn das?

Sommer: Die Fifa soll auf die Kataris einwirken, dass sie entweder die Mindeststandards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) garantieren, also unter anderem Diskriminierung und Zwangsarbeit beseitigen sowie Gewerkschaften zulassen. Oder ihnen wird die WM weggenommen.

SZ: Haben Sie mal mit Fifa-Chef Joseph Blatter gesprochen?

Sommer: Ich bin noch nicht an ihn rangekommen. Deshalb ja der Weg über Niersbach. Wir müssen Mehrheiten finden, um Druck auf die Fifa auszuüben.

SZ: Blatter sind Arbeitsbedingungen in Katar wurscht.

Sommer: Das glaube ich auch. Niersbach jedoch nicht. Fußball ist ein Volkssport, und der Sport hat gesellschaftliche Verantwortung. Ich weiß nicht, wie weit wir kommen werden. Aber wir Gewerkschafter haben einen langen Arm.

496: Erstmals Rente für DDR-Doping-Opfer

Donnerstag, Oktober 3rd, 2013

Das Sozialgericht Berlin hat der ehemaligen DDR-Kanutin Kerstin Spiegelberg, 45, eine Opferrente zugesprochen, weil sie ohne ihr Wissen gedopt worden war und dadurch Brustkrebs bekommen hatte (Aktenzeichen S 181 VG 167/07). Die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfsvereins Ines Geipel, eine ehemalige DDR-Weltklasse-Sprinterin und Weltrekord-Halterin, kommentierte die Entscheidung mit den Worten: „Dies ist ein historisches Urteil.“ (Michael Reinsch, FAS 29.9.13)

In einer Pressemitteilung des Gerichts heißt es. “ Die Verabreichung von Doping-Mitteln durch den Trainer einer DDR-Kinder- und -Jugendsportschule an eine damals 16 Jahre alte Kanuleistungssportlerin stellt einen vorsätzlichen, rechtswidrigen tätlichen Angriff dar.“ Und: „Es ist – jedenfalls im konkreten Einzelfall – davon auszugehen, dass die Sportlerin über die wahre Bedeutung der ihr verabreichten Mittel bewusst im Unklaren gelassen wurde. Insofern lag auch keine Einwilligung in das Doping vor. Wegen der aus dem Doping-Gebrauch resultierenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen ist der Sportlerin eine Rente nach dem

Opferentschädigungsgesetz

zu gewähren.“

Kerstin Spiegelberg wurde 1990 von dem Ehepaar Brigitte Berendonk und Werner Franke auf ihre Doping-Vorgeschichte aufmerksam gemacht, die in Akten aus der DDR enthalten war. Bis dahin war sie ahnungslos gewesen. Professor Dr. Werner Franke (Krebsforschungszentrum Heidelberg) wies in einem wissenschaftlichen Gutachten den Zusammenhang zwischen Doping und Brustkrebs nach. Offensichtlich folgte ihm das Gericht letztlich.

Insgesamt klagen rund vierzig (40) ehemalige DDR-Leistungssportler auf eine Opferrente, zehn (10) allein in Berlin. 2010 haben 167 Doping-Opfer Schmerzensgeld erhalten. Nach Ines Geipel ist die Zahl der Opfer aber viel höher. Sie rechnet mit vier- bis fünfhundert (400-500).

471: Hitzlsperger hört auf.

Mittwoch, September 4th, 2013

Thomas Hitzlsperger hört mit 31 Jahren mit dem Fußball auf. 52 mal stand er in der Nationalmannschaft. Gespielt hat er für Aston Villa (Birmingham), VfB Stuttgart, West Ham United (London), VfL Wolfsburg und FC Everton (Liverpool). Christoph Kneer hat ihn für die SZ interviewt (4.9.13).

SZ: Können Sie sagen, was Sie am Ende der Karriere vor allem belastet hat?

H.: Dieses Gekämpfe, das es in diesem Beruf immer wieder gibt, auf und neben dem Platz. Man verletzt sich, kämpft sich wieder ran, verletzt sich wieder, überlegt, ob man den Arzt wechselt oder eine OP machen lässt, man kämpft sich wieder ran, es kommt vielleicht wieder ein neuer Verein, ein neuer Trainer, es gibt wieder neue Positionskämpfe – all das kostet Substanz. Es müsste sich lohnen. Ich sehe darin aber keinen Gegenwert mehr.

SZ: Konkret gefragt: Gab`s oder gibt`s denn noch gute Angebote?

H.: Na klar. Aus Deutschland und aus England hat mein Spielerberater Anfragen bekommen. Ich bin ja noch leistungsstark, kann noch was zeigen. Aber ausgerechnet in diesen Wochen und Monaten hat sich der letzte Schritt zu einem neuen Kurs herauskristallisiert. Ich habe gemerkt: ich brauche etwas ganz anderes. Daran hätte ein neuer Verein wenig geändert.

SZ: Sie waren immer einer, der sich über diese Szene Gedanken gemacht hat. Was denken Sie über die Branche, die Sie verlassen: Gefällt Ihnen noch, was Sie da sehen?

H.: Wirtschaftlich überdreht ist die Branche schon seit Langem, und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Aber das Produkt als solches ist ja tatsächlich hervorragend, der Fußball ist gut, die Stadien sind voll, man kann sich den Stadionbesuch auch leisten. Aber welche konkrete Rolle der Fußball im Alltag dieser Republik spielt, ist eigentlich nicht mehr normal.

SZ: Was sagen Sie: Wird im Fußball gedopt?

H.: Ich habe in der Kabine nie etwas erlebt, bei dem ich gedacht hätte: Könnte das jetzt Doping sein? Aber klar ist, dass es eine Grauzone gibt, beim Einsatz von Schmerzmitteln etwa. Aber so etwas Flächendeckendes, wie man das aus dem Radsport hört, habe ich persönlich nie mitbekommen, das kenne ich nicht.

460: Corny Littmann: Schwule Fußballer erkennt man an den vielen gelben Karten.

Dienstag, August 20th, 2013

Der ehemalige Präsident des FC St. Pauli, Corny Littmann, seit jeher ein bekennender Schwuler, Theaterbesitzer und Unternehmer, ist von der SZ (2.8.13, Malte Conradi und Kristina Läsker) zu Fußball interviewt worden.

SZ: Er (der schwule Fußballspieler, W.S.) muss seine sexuelle Orientierung also verstecken oder unterdrücken.

Littmann: Grausam! Das ist kein schönes Leben. Und bestimmt nicht leistungsfördernd. Ein Heterosexueller kann sich keinen Begriff davon machen, was es heißt, 24 Stunden am Tag den Verdacht zu vermeiden, man sei schwul. Deshalb ist es einfach: Wenn Sie nach schwulen Fußballern suchen, dann sehen Sie sich die Spieler an, die viele gelbe Karten bekommen. Das sind die, die den harten Hund rauskehren und übertrieben männlich agieren.

458: Thomas Bach weiß nicht Bescheid.

Dienstag, August 20th, 2013

Wir wissen nun, dass seit Hans-Dietrich Genschers Zeiten als Innenminister in der alten Bundesrepublik flächendeckend unter Duldung und Förderung der Bundesregierung gedopt wurde (Boris Herrmann, SZ 17./18.8.13). Der Bericht der Humboldtuniversität Berlin („Doping in Deutschland von 1950 bis heute“) liegt den Beiratsmitgliedern des Auftraggebers vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) seit März 2012 vor. Im BISp-Beirat sitzen auch die DOSB-Vertreter Gudrun Doll-Tepper, Ingo Weiss und Olav Spahl. Sie durften ihrem Präsidenten Thomas Bach nichts sagen, weil sie eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben hatten. Thomas Bach weiß also nicht Bescheid. Wenn er auch sagte: „Es gibt nicht viel Neues im Vergleich zu dem, was bereits bekannt war.“ Hans-Dietrich Genscher hatte sich den 800-Seiten-Bericht kurzfristig auf dem „kleinen Dienstweg“ besorgt.

„In der alten Bundesrepublik wurde systematisch gedopt. Einige der einflussreichsten Sportmediziner haben über Jahrzehnte mit Doping experimentiert, und einige Politiker scheinen das zumindest geduldet zu haben. Neben Anabolika und Testosteron wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren auch schon die leistungssteigernde Wirkung von Wachstumshormonen, Insulin und Epo erprobt. Sportler wurden dabei zum Teil wie Versuchskaninchen benutzt, bekannte Nebenwirkungen ignoriert. Staatliche Organisationen haben diese Experimente aus Steuermitteln finanziert. Es steht ferner der Verdacht im Raum, dass Anabolika auch an Minderjährigen ausprobiert wurden. Nicht nur in diesem Zusammenhang sind offenbar brisante Akten verschwunden. Außerdem gibt es Indizien, dass positive Dopingtests bekannter westdeutscher Sportler von Kontrolleuren diskret entsorgt wurden.“

Thomas Bach kann das alles nicht wissen. Er will am 10. September zum IOC-Präsidenten gewählt werden. Und das IOC hat bekanntlich gar kein Interesse an Doping-Aufklärung. Die wäre nur geschäftsschädigend.

Nach einer Studie der Universität des Saarlandes dopen gegenwärtig 30 bis 35 Prozent der deutschen Spitzensportler. Eine Studie im Auftrag der Deutschen Sporthilfe ergab, dass 5,9 Prozent der Athleten Doping zugeben. 40,7 Prozent geben keine Antwort. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) hat 2012 bei 8567 Trainingskontrollen acht (8) Sportler mit verbotenen Substanzen erwischt. Thomas Bach: „Wir haben Vertrauen in unsere Nada.“ Bach ist gegen ein Anti-Doping-Gesetz, wie es z.B. Frankreich und Italien haben. Er hat sich nicht für eine Opferrente für gedopte Sportler eingesetzt.

453: Jens Hungermann liest Wladimir Putin die Leviten.

Samstag, August 17th, 2013

Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau wird der Weltöffentlichkeit deutlich, in welcher Lage sich Russland befindet. Etwa durch das neue Anti-Homosexuellen-Gesetz. Dabei bekommt Russland die Formel 1 2014 nach Sotschi, und dort finden auch die Olympischen Winterspiele statt. Die Schwimm-Weltmeisterschaften 2015 sind in Kasan. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 läuft in Russland. Jens Hungermann findet, dass dem Land gegenüber Misstrauen angebracht ist („Die Welt“ 17.8.13). Jelena Issinbajewa habe dem Land mit ihrer Verteidigung des Anti-Homosexuellen-Gesetzes einen Bärendienst erwiesen.

Hungermann schreibt: „Schon steckt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem Dilemma. Einerseits hat es kein Interesse an politischen Debatten, die seiner Ware Sport-Entertainment schaden. Andererseits kann es Diskriminierungen oder Eingriffe in seine Autonomie nicht dulden. Schon um nicht unglaubwürdig zu werden. Es ist die dringliche Aufgabe des IOC und anderer Sportverbände, Putins Russland aufzuzeigen, dass mit dem Erwerb von Austragungsrechten weit mehr verbunden ist als der Bau moderner Stadien oder eine glatte Organisation – nämlich eine gesellschaftliche Verantwortung. Ob die Sportfunktionäre dazu den Mut haben?“

452: Leben von FC Bayern-Präsident Kurt Landauer wird verfilmt.

Samstag, August 17th, 2013

1932 in der Präsidentschaft Kurt Landauers feierte der FC Bayern München seinen ersten Meistertitel im Fußball. Inzwischen sind es 23. Die Fanorganisation „Schickeria“ hat nun dafür gesorgt, dass Kurt Landauers gedacht wird (Philipp Selldorf SZ, 30.7.13, Holger Vieth taz, 3./4.8.13). Sogar mit einem Film (Regie: Hans Steinbichler, u.a. „Hierankl“, „Winterreise“). Den Kurt Landauer im Film gibt Sepp Bierbichler, ein deutscher Star.

Als erfolgreicher Präsident musste Landauer 1933 zurücktreten, weil er Jude war. 1938 war er zwei Monate in Dachau. Ihm gelang die Emigration in die Schweiz, woher Landauer 1947 nach München zurückkehrte. Eigentlich wollte er weiter in die USA, blieb aber in München hängen. Und wurde wieder von 1947 bis 1951 Präsident des FC Bayern München. Sein Erfolgsrezept: Jugendarbeit, Professionalität und Internationalität. Landauer war dem Fußball seiner Zeit voraus. Der Film bemüht sich, ihm gerecht zu werden, nachdem beim FC Bayern bis etwa 2000 eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht stattgefunden hat. Wie anderswo auch. Dietrich Schulze-Marmeling hat das in seinem Buch „Der FC Bayern und seine Juden“ anschaulich gemacht. Kurt Landauer starb 1961.

„Dass der überzeugte Ur-Bayer Landauer auch nach seiner Heimkehr wieder als Jude entdeckt wird, nun aber in einer bigotten Gesellschaft, die den gelernten Antisemitismus zu unterdrücken sucht, das ist das eigentliche Thema. Es geht um den Neubeginn im Bewusstsein der Schuld.“

449: WM und Olympia spalten Brasilien. Fifa als Kolonialmacht.

Montag, Juli 15th, 2013

In den hochkorrupten südamerikanischen Staaten haben die dort massenhaft vorkommenden Armen gewiss schon genug zu leiden. Für diese Verhältnisse steht der neue Papst Franziskus, der sie gut kennt und der sie abschaffen will. Sportliche Großereignisse wie Fußballweltmeisterschaften (2014) und Olympische Spiele (2016) verschärfen den Klassenkampf und die Teilung der Gesellschaft.

Das erläutert in einem Interview mit Thomas Kistner (SZ 5.7.13) Chris Gaffney. Der US-Amerikaner ist Professor für Architektur und Straßenbau in Brasilien und einer der Köpfe des Widerstands, der den Confed-Cup begleitet hat.

SZ: Was ist passiert im Land während der zwei Confed-Wochen?

Gaffney: Die Versprechen der wirtschaftlichen Entwicklung blieben unerfüllt. Ja, es gibt höhere Konsum-Standards, man kann sich vieles kaufen. Aber in der Mittelklasse muss man dafür doppelt bezahlen, wenn man sich aus dem miserablen öffentlichen System lösen will: für die Privatschule, die private Sicherheit, für das Auto, weil der öffentliche Verkehr nicht funktioniert. Habe ich dann ein Auto, habe ich keine Straße.

SZ: Welche Rolle spielt die Fifa in dem Prozess – übt sie eine Kolonialmacht aus, wie es öfter heißt?

Gaffney: Ja, absolut. Aber sie fand führende Kräfte in Wirtschaft und Politik, die ihr bereitwillig den Boden bereiten. Die Fifa ist die Kolonialmacht in dieser Zeit. Sie hat die Errichtung einer Parallelregierung verlangt, das ist nun das WM-Organisationskomitee. Dann gibt es das WM-Gesetz, es ändert nationales Recht und ermöglicht Ausnahmen. Dann ist da der Veranstalter-Vertrag, der alles an die Fifa übergibt. Die Fifa sammelt hier 3,5 Milliarden Dollar ein, zieht weiter und hinterlässt teils privatisierte Stadien und Räume, die keinen funktionalen Sinn mehr haben.

SZ: Erwarten Sie noch heftigeren Widerstand gegen die Fifa, wenn die 2014 zur WM zurückkehrt?

Gaffney: Ich hoffe es. Blatter sagt, er wolle Brasilien 100 Millionen Dollar zurückgeben – das ist nichts, gemessen am Profit von 3,5 Milliarden Dollar. Die Fifa wird das Volk schon überzeugen müssen, dass sie Gutes tut.

SZ: Glauben Sie, das interessiert die Fifa?

Gaffney: Nein. Ich glaube, dass sie sehr glücklich ist, anschließend nach Russland und Katar gehen zu können – und nicht nach England und in die USA zu müssen.

SZ: Wie wird Rio nach diesen zwei Events aussehen, in, sagen wir: zehn Jahren?

Gaffney: Kaputt. Mit einem Transportsystem, das kein Netzwerk hervorgebracht hat. Die Steuern werden höher sein. Die Unterschiede zwischen den Schichten werden wachsen. Man wird die Konsolidierung der Olympiastadt sehen, die im südlichen Teil attraktiv, sonnig und sexy sein wird. Der restliche Teil der Stadt wird gewissermaßen vergessen sein: demobilisiert, arm, gewalttätig, mit schmutzigen Stränden.