Peter Unfried, 50, hat als Sportreporter bei der taz begonnen. Heute ist er Chefreporter. Und er ist es, der uns endlich vom simplen Denken im deutschen Fußball befreit (taz, 28./29.1213). Indem er zeigt, wie Joachim Löw mit seinem Konzept den Wankdorf-Fluch besiegt hat.
„Der Wankdorf-Fluch ist die ignorierte Kehrseite des Wankdorf-Mythos. Jener besteht darin, dass Deutschland neun Jahre nach dem verlorenen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Welt durch den WM-Sieg 1954 im Bewusstsein der Deutschen wieder zu existieren begann. Als etwas Positives. Gewonnen wurde die WM gegen einen als übermächtig empfundenen Gegner.“ Die Ungarn hatten tatsächlich die besseren Spieler (Puskas, Csibor. Kocsics, Hidegkuti, Lorant, Buzanski, Grosits und andere). Aber Bundestrainer Sepp Herberger hatte an diesem Tag ebenfalls eine moderne, bewegliche Spielstrategie, die letztlich erfolgreich war.
„Über 50 Jahre sperrten sich die Deutschen danach selbst ein in das Gefängnis der sogenannten deutschen Tugenden. Tenor: Mögen die anderen den schöneren Fußball spielen, am Ende gewinnen wir mit unserem gnadenlosen Grätschen.“ Nur einmal wurde diese Perspektive durchbrochen, bei den Siegen 1972 bis 1974 mit Franz Beckenbauer und Günther Netzer (unter Helmut Schön). „Schönspielen“ war in Deutschland ein Schimpfwort. „Ästhetik wurde zum Trostpreis für notorische Loser wie die Niederlande und Frankreich abgewertet.“
Die Einführung der Fußball-Bundesliga hatte einen Modernitätsschub in den deutschen Fußball gebracht. „Doch ab 1998 war man chancenlos gegen Länder, in denen modern geschult und gespielt wurde; gegen Länder, die Einwanderer ins System integrierten.“
Die positive Veränderung kam mit Jürgen Klinsmann. Nach Meinung von Sascha Schmidt war er der „Change Agent“. Joachim Löw war sein Assistent und wurde dann der „Verstetiger“. Sascha Schmidt erforscht sozioökonomische Auswirkungen des Sports. „Im Auftrag von Sportdirektor Oliver Bierhoff hat er die Nationalmannschaft nach Kriterien erfolgreicher Unternehmensentwicklung untersucht.“
Nach Rudi Völlers Bankrotterklärung bei der EM 2004 konnte Klinsmann die Heim-WM 2006 nehmen für einen ungewöhnlich großen und schnellen Veränderungsprozess. Er etablierte den DFB wieder auf höchstem Niveau. Aber ein „Change Agent“ muss unpopuläre und harte Entscheidungen treffen und bleibt deswegen meistens nur kurz. Das war die Chance für Joachim Löw als „Verstetiger“, der als „Change Agent“ wahrscheinlich nicht geeignet gewesen wäre.
„Seit Sommer 2006 hat er das Team, was die Ergebnisse angeht, auf höchstem Niveau stabilisiert (EM-Vize 2008, WM-Dritter 2010, EM-Halbfinale 2012). Kader und Stil hat Löw in seiner Zeit deutlich weiterentwickelt: Noch nie in der Geschichte dieses Fußballverbands hat die Nationalmannschaft über Jahre hinweg eine derartige Kombination von Erfolg, Ästhetik und Fußballmoderne hinbekommen.“
Die Defensive ist die Achillesferse von Löws Mannschaft. Sie muss verbessert werden. Das „Spiel gegen den Ball muss ein Trainer so überzeugend und identitär vermitteln können, dass die Spieler es als mindestens gleichberechtigten Grund verstehen und erleben, warum sie Fußball spielen wollen. Das Spiel gegen den Ball ist heute Teil des Spektakels. ‚Gegenpressing ist der beste Spielmacher‘, wie Jürgen Klopp sagt.“
Deutschland kann in Brasilien 2014 Weltmeister werden. „Falls man es wird, ums so besser. Falls nicht, liegt es jedenfalls nicht an fehlenden Tugenden, Eiern oder Führungsspielern.“
Das Ganze kann man natürlich auch anders sehen. Dann möchte ich aber gerne Argumente hören.
Weil ich Verwandte in Bern (Schweiz) habe, fahre ich meistens mehrmals jährlich am Wankdorf-Stadion vorbei. Das ist zwar kein Argument. Aber künftig denke ich dabei an Peter Unfrieds Analyse.