Archive for the ‘Sport’ Category

760: Dopingbekämpfung gehört zum Betrug dazu.

Donnerstag, Dezember 4th, 2014

Alle Interessierten haben es ja im Grunde gewusst. Dass es in Russland das härteste und korrupteste Dopingsystem gibt. Es rührt noch aus Sowjetzeiten her. Teilweise mit Personal von damals. Was nicht andere Staaten freispricht, in denen ebenfalls gedopt wird. Die Beweise für das russische Katastrophensystem lieferte nun Hajo Seppelts ARD-Film

„Geheimsache Doping. Wie Russland seine Sieger macht.“ 3.12.14, 18.50-19.50 Uhr.

Darin stammen die Kerninformationen von aktuellen russischen Weltklasseathleten und von einem ehemaligen Dopingbekämpfer. Sie begeben sich in Gefahr und haben Russland zum Teil schon verlassen. Die Marathonläuferin

Lilija Schobuchowa

berichtet, wie sie russischen Funktionären 2011 und 2012 insgesamt 600.000 Dollar gezahlt habe, um einer Sperre wegen auffälliger Blutwerte zu entgehen. Als sie 2014 doch bestraft wurde, habe sie das Geld zurückverlangt – und 400.000 Dollar erhalten. Von der Firma Tidings in Singapur. Etc.

In seinem Kommentar (SZ 4.12.14) schreibt Thomas Kistner u.a.:

Dopingbekämpfung ist Teil des Business; sie ist selbst ein Millionengeschäft. Denn die Dopingbekämpfung überzieht den Sport mit einem Firniss der Glaubwürdigkeit. Längst haben Funktionäre begriffen, welchen politischen und merkantilen Schutz sie ihrem Wirtschaftsgut liefert. Und das Beste: Wada und alle nationalen Agenturen hängen an den Strippen von Sport und Politik. So zeigt Russlands Fall nun in der Nussschale, wie alles ineinander greift: Wie der Betrug Fahndung und Analytik durchdringt und Deckung durch die Politik erfährt. Dabei gab es, was jetzt gebündelt zutage tritt, ja stets: Von Madrid via Wien bis Osteuropa gerieten Wada-akkreditierte Labore in Sabotageverdacht. Athleten wissen, wo sie Urin und Blut für Geld checken lassen. Und ist es verwunderlich, wenn Laborkräfte schwach werden, weil für einen Negativbefund ein Eigenheim herausspringt?

 

 

740: Propagandasender für das IOC ?

Donnerstag, November 20th, 2014

IOC-Präsident Thomas Bach versucht mit einer „Olympischen Agenda 2020“, die aus 40 Punkten besteht, das nach Sotschi schwer angeschlagene Image des IOC aufzubessern. Der Katalog enthält viele Allgemeinplätze und Selbstverständlichkeiten, allerdings auch einen inakzeptablen Vorschlag. Nämlich den, einen eigenen olympischen TV-Kanal zu schaffen, der 365 Tage im Jahr sendet (Johannes Aumüller/Thomas Kistner, SZ 19.11.14).

Wir Sportfreunde müssen schon genug Selbstdarstellung und Selbstbeweihräucherung der IOC-Bosse hinnehmen.

734: Fifa-Korruption geht weiter.

Montag, November 17th, 2014

Die beiden Vorsitzenden der Fifa-Ethik-Kommission Michael Garcia und Hans-Joachim Eckert sind verschiedener Meinung über die Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der Fußball-WM 2018 an Russland und 2022 an Katar. Die Beiden haben keine gemeinsame Zukunft. Auch Franz Beckenbauers Rolle wird nun wieder untersucht.

Dazu kommentiert die internationale Presse folgendes:

„The Guardian“ (Großbritannien): „Die Fifa entblößt ihren völlig verzerrten Sinn für Integrität. Korruption, geheime Absprachen und Stimmenkauf werden erkannt, aber nicht als beschädigend angesehen.“

„Sydney Morning Herald“ (Australien): „Warte mal, Sepp, ich glaube, ich habe Ethik gefunden, hier, hinter dem Regal! Ach nein, doch nicht, es war nur ein altes Sandwich. Vielleicht unten hinter der Couch? Schau mal nach, irgendwo muss doch ein bisschen Ethik zu finden sein.“

„Gazzetta dello Sport“ (Italien): „Selbst ein Kind begreift, dass da etwas nicht stimmt.“

„AS“ (Spanien): „Noch fehlt ein Kapitel dieser Geschichte: Dass alle 435 ursprünglichen Seiten des Garcia-Berichts zur Gänze und ohne jede Zensur veröffentlicht werden.“

„L’Equipe“ (Frankreich): „Der Basar geht weiter.“ (Die Welt, 15.11.14)

721: Kenia unter Dopingverdacht

Montag, November 3rd, 2014

Die diesjährige Gewinnerin der Marathonläufe in Boston und Chicago, Rita Jeptoo (Kenia), ist des Epo-Dopings überführt worden (Johannes Knuth, SZ 3.11.14). Sie war in letzter Zeit die führende Marathon-Läuferin der Welt. Dadurch gerät Kenia weiter unter den Verdacht, dass seine großartigen Langstreckenläufer ihre Erfolge nicht nur der außerordentlichen Begabung verdanken. Im internationalen Langstreckenlauf dominieren bekanntlich die Läufer aus Ost- und Nordadafrika, besonders die aus Kenia. Dort ist Langstreckenlauf seit jeher eine nationale Angelegenheit.

Aus der Trainingsgruppe von Rita Jeptoo stammen auch Helden wie Paul Tergat. Der des Dopings überführte Mathew Kisorio erschien in einer ARD-Dokumentation vor zwei Jahren als Kronzeuge. Er behauptete, kenianische Ärzte verteilten massenhaft Dopingmittel an Athleten und erhielten im Erfolgsfall Boni. Der kenianische 3000-Meter-Hindernis-Spezialist Moses Kiptanui sprach vor einem Jahr von „einer großen Zahl an Athleten, die dopen“. Anscheinend hat es in den letzten beiden Jahren in Kenia 36 Doping-Fälle gegeben. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) forderte, Kenia möge doch bitte endlich eine nationale Anti-Doping-Agentur aufbauen. Rita Jeptoos ehemaliger Manager Barnaba Korir: „Die Glaubwürdigkeit des kenianischen Sports steht auf dem Spiel.“

713: Vier Gründe gegen Olympia in Deutschland

Mittwoch, Oktober 29th, 2014

Für die Ausrichtung von Olympischen Spielen bewerben sich fast nur noch Diktaturen. Beispielsweise für die Winterspiele 2022 Kasachstan (mit Almaty) und China (mit Peking). Weil in Demokratien meistens durch Volksabstimmungen Olympische Spiele abgelehnt werden (SZ 29.10.14). Etwa in Deutschland, Österreich und Norwegen.

Zum Glück.

Denn hier sind die Menschen nicht auf den Kopf gefallen. Sie stellen sich gegen die Potentaten um Thomas Bach im IOC. Und gegen den Olympischen Deutschen Sportbund/DOSB (unter Präsident Alfons Hörmann).

Dieser will eine Bewerbung für 2024 oder 2028. Am 21. März 2015 soll entschieden werden, ob die Bewerbung mit Berlin oder Hamburg abgegeben wird. Eine Bewerbung für 2024 ist ohnehin nahezu aussichtslos, weil alle Experten annehmen, dass dann die Fußball-EM (mit 24 Teams) in Deutschland stattfindet.

Es gibt vier Gründe, Olympische Spiele in Deutschland generell abzulehnen:

1. Olympische Spiele spalten Gesellschaften in Nutznießer (Geschäftemacher) und die Mehrheit, die mit ihren Steuermitteln die Veranstaltung bezahlen muss.

2. Olympische Spiele sind fast immer ein ökologisches Desaster.

3. Die Kosten sind unvertretbar hoch.

4. Die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen entmündigen die Zivilgesellschaft.

712: Uni Freiburg mauert bei der Doping-Aufklärung

Dienstag, Oktober 28th, 2014

Zu Zeiten der Joseph Keul und Armin Klümper galt die Universität Freiburg als Hort der Doping-Entwicklung. In Zusammenarbeit etwa mit T-Mobile. Dies soll eine unabhängige Bewertungskommission unter Leitung der belgischen Professorin Letizia Paoli aufklären. Aber sie fühlt sich seit Jahren von der Universität Freiburg systematisch behindert. Deshalb hat sie sich an die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) gewandt. Einen Schlichtungstermin mit dem Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer bei der Ministerin hat die Letizia Paoli bisher abgelehnt (Johannes Aumüller/Thomas Kistner, SZ 28.10.14).

Anfang Oktober erhielt die Ministerin einen 106 Seiten umfassenden Vorwurfskatalog von der Bewertungskommission. Darin wird die atemberaubende Verhinderungsstrategie der Uni beschrieben, die anscheinend den schlechten Ruf der Keul und Klümper hinter sich lassen will. U.a. behauptete die Uni bisher, die Doping-Aufklärung sollte in einer „Forschungsstelle Sportmedizin“ fortgesetzt werden. Dabei hatte sie selbst durch ein Gutachten klären lassen, dass eine Weitergabe der Daten ohne Veröffentlichung der Kommission Geheimnnisverrat darstelle. Es wäre zu pikant, erst die Arbeit der Bewertungskommission mit dem treuherzigen Hinweis auf eine hausinterne Forschungsstelle zu beenden, um dann festzustellen, dass rechtliche Hürden verhindern, das angehäufte Kommisionswissen zu benutzen.

Zusätzlich geht es um Plagiate in Freiburger Habilitationen. Etwa bei der Habilitation des Mediziners Hans-Hermann Dickhuth. Mit ihm hat die Uni einen Deal vereinbart: Aberkennung der Habilitation bei Beibehaltung des Titels und der Pensionsansprüche. Die Kommission hatte der Uni-Spitze 2011 sechs (6) weitere Habiltationen mit Plagiatsverdacht gemeldet. Nach neuesten Informationen gibt es noch 20 (!) weitere verdächtige Habilitationen.

Letizia Paolis Dokumentation reicht über den Campus hinaus. So lagerten jahrelang umfangreiche Akten der Abteilung Sportmedizin bei der Freiburger Staatsanwaltschaft, die 2007 im Zuge des T-Mobile-Verfahrens beschlagnahmt worden waren. Der Verbleib der Unterlagen ist „ungewiss“. Auch die Stadt Freiburg unterstützt die Paoli-Kommission nicht. Erst ganz kürzlich gingen 18 000 Seiten Akten bei der Kommission ein, die das Innenverhältnis der Kommunalpolitik mit dem affären-umrankten Armin Klümper beleuchten.

Es geht um die deutsche Doping-Praxis und die deutsche Habilitations-Praxis. Na, dann klärt mal schön auf.

711: Hooligans: Salafismus ist nur vorgeschoben.

Dienstag, Oktober 28th, 2014

Die „Schlacht“ am Kölner Dom hat uns wegen der Zahl der Hooligans und ihrer Gewalt erschreckt. Jannis Brühl hat für die SZ (28.10.14) Michael Gabriel dazu befragt. Er leitet die Koordinierungsstelle Fanprojekte in Frankfurt am Main.

SZ: Dass Hooligans Lust auf Stress haben, dürfte wenige überraschen. Aber warum interessieren sich einige von ihnen plötzlich für Salafisten?

Gabriel: Rechte Hooligans gab es schon immer. Die versuchen jetzt, über ein Thema Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu finden. Eine ähnliche Strategie benutzt die NPD ja beim Thema „Härtere Strafen für Kindesmissbrauch“. Das zeigt, dass wir es mit einer gesellschaftspolitischen Fragestellung zu tun haben.

SZ: Diese rechte Kampagne kommt gar nicht aus den Stadien?

Gabriel: Nein, die Fankultur in den Stadien ist mittlerweile von den Ultras geprägt. Die stehen in vielen Teilen für eine bunte, lebendige Fankultur und richten sich auch oft gegen Rassismus. Die Schickeria-Fans des FC Bayern haben ja erst den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußballbundes bekommen, weil sie Kurt Landauer, den jüdischen, ehemaligen Vereinspräsidenten, aus der Vergessenheit geholt haben. Es gibt noch Hooligans in den Stadien, aber die haben keine große Bedeutung mehr für die aktuelle Fankultur. Wir beobachten aber auch, dass alte Hooligan-Gruppen zum Beispiel in Aachen, Dortmund und Düsseldorf antirassistische Ultras angreifen. Wir glauben, dass das eine Parallele zu dem aufweist, was jetzt so massiv in Köln passiert ist. Das Thema Salafismus ist wohl nur vorgeschoben, es geht vielmehr darum, eine breite rechtsextreme Agenda gesellschaftlich durchzusetzen, auch in der Fankultur.

704: Gerd Bonk ist tot.

Mittwoch, Oktober 22nd, 2014

Eines der prominentesten DDR-Dopingopfer ist gestorben. Der Olympia-Zweite im Schwergewichts-Gewichtheben von Montreal 1976, Gerd Bonk, 63, erlag in Greiz seiner schweren Krankheit (vgl. hier Nr. 701 über DDR-Dopingopfer ). Nach Angaben des Doping-Opfer-Hilfevereins war Bonk bereits Ende September „nach einem Totalzusammenbruch und zweifachen Reanimation ins Koma gefallen“. Bonk war u.a. auch Weltrekordler im Gewichtheben. (GT 22.10.14)

701: DDR-Dopingopfer – fast vergessen

Montag, Oktober 20th, 2014

Mehr als 200 DDR-Dopingopfer hat die Bundesrepublik anerkannt. Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH) zählt 700. Über das Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz haben einige der Betroffenen eine kleine Entschädigung erhalten. Einige warten noch auf eine kleine Rente. Die Einzelfälle enthalten himmelschreiendes Unrecht. Anno Hecker hat in der FAZ (18.10.14) 73 Kurzbiografien von Opfern publiziert. Reihenweise tauchen Arthrosen, defekte Wirbelsäulen, Depressionen, Krebs auf. Aber auch sehr viele missgebildete Kinder.

Aus Scham sprechen viele der ehemaligen Athletinnen und Athleten nicht über ihre Beschädigungen. „Die Scham ist so groß, weil es teilweise um sehr intime Schäden geht. Über eine Klitorisverlängerung spricht man nicht so leicht.“ Haupt-Dopingmittel waren die sogenannten blauen Bohnen, Oral-Turinabol. Die zu dopenden Athletinnen erhielten klare Anweisungen. Am besten gar nicht erst schwanger werden, notfalls abtreiben. Das Bundesministerium des Inneren (BMI) beteiligt sich mit 30.000 Euro pro Jahr an der Finazierung der Beratungsstelle des DOHs. Unter seiner Vorsitzenden, Ines Geipel, der ehemaligen Weltklassesprinterin, versucht der DOH einen Fonds zu gründen, der in schweren Notfällen hilft. Etwa bei einem Treppenaufzug für eine Olympiateilnehmerin, die nicht mehr allein in den ersten Stock kommt.

Es taucht auch immer noch neues belastendes Material auf (Boris Herrmann, SZ 20.10.14). So über Rolf Beilschmidt, heute Hauptgeschäftsführer des Landessportbund Thüringen, einst Hochspringer und Stasi-Spitzel. Nicht nur als Athlet, sondern auch noch als Trainer. Beilschmidt hat Ines Geipel und Roland Jahn, den Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, bespitzelt. Die sind sich über die Behandlung Beilschmidts heute nicht immer einig. Jahn ist ein alter Jugendfreund Beilschmidts.

Ines Geipel z.B. erhielt einen Telefonanruf aus Greiz von der Frau des ehemaligen Weltklasse-Gewichthebers Gerd Bonk, 62. Er liegt seit Ende September im Koma und wacht eventuell nicht mehr auf. Bonks Nieren sind kaputt, er sieht nicht mehr richtig, kann schon lange nicht mehr gehen, an der rechten Hand fehlen ihm drei Finger, wegen starker Diabetes hängt er an Dialysegeräten. Verheizt von der DDR, vergessen vom vereinigten Deutschland hat Bonk einmal sein Leben beschrieben. Die breite Öffentlichkeit ist des Themas überdrüssig, den Tätern geht es gut, Stasi-Leute erhalten ihre Rente, die Opfer müssen sehen, wie sie zurechtkommen.

699: 1933: Johann Trollmann – deutscher Meister im Boxen

Freitag, Oktober 17th, 2014

Johann Rukelie Trollmann wurde 1933 deutscher Meister im Halbschwergewichtsboxen. Das konnten die Nazis nicht dulden, weil Trollmann Sinto war. Sie sorgten dafür, dass Trollmann in einem zweiten Kampf, in dem er mit blondgefärbten Haaren und hellgepuderter Haut antrat, den Titel unter betrügerischen Bedingungen wieder verlor. Trollmann wurde verfolgt, 1935 zwangssterilisiert und 1944 im Konzentrationslager ermordet. In der Gedenkstätte des deutschen Widerstands in Berlin ist ihm eine kleine Abteilung gewidmet.

Über Trollmanns Geschichte 1933 hat Stephanie Bart einen Roman geschrieben:

Deutscher Meister. Hamburg (Hoffmann und Campe) 2014, 383 S., 22 Euro.

Er umfasst die Zeit von März bis Juli 1933 mit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April, der Bücherverbrennung am 10. Mai und dem Parteienverbot am 1. Juli. Bart berücksichtig dabei Trollmanns technisch geprägten Kampfstil, der durch Beweglichkeit und Präzision gekennzeichnet war. Manche sehen in ihm dadurch einen Vorläufer von Muhammad Ali, der als Muslim und Kriegsdienstverweigerer ebenfalls seinen Titel verlor. Beide, Trollmann wie Ali, waren Meister darin, den Gegner und das Publikum zu provozieren.