Archive for the ‘Philosophie’ Category

2763: Angriffe von rechts auf die Weimarer Republik

Donnerstag, März 19th, 2020

Von Anfang an wurde die Weimarer Republik von Rechtsextremisten, Völkischen und Rassisten angegriffen. So beim sogenannten Kapp-Putsch (13.-17.3.1920). Damals wurde u.a. das Berliner Regierungsviertel besetzt. Benannt ist der Putsch nach dem Generallandwirtschaftsdirektor Wolfgang Kapp (1858-1922). Militärisch geführt wurde er von General Walther von Lüttwitz (1859-1942). Beteiligt waren einer der obersten Steigbügelhalter Adolf Hitlers, General Erich Ludendorff (1865-1937), und Major Waldemar Pabst (1880-1970), der die Federführung bei der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch die Gardekavallerie-Schützendivision am 15.1.1919 gehabt hatte. Beendet wurde der Putsch ziemlich schnell durch einen Generalstreik (ausgerufen von SPD, Gewerkschaften, USPD, Beamtenbund).

Die Putschisten hatten Verbindungen zu dem Industriellen Hugo Stinnes und zum Chef der Heeresleitung, Genraloberst Hans von Seeckt (1866-1936). Gestützt wurden sie vom preußischen Adel, ostelbischen Rittergutsbesitzern, konservativen Politikern, Teilen der Reichswehr und den völkisch-nationalistischen Bewegungen. Ihr militärischer Arm waren die Freikorps, die sich auf Grund der Verkleinerung der Reichswehr nach dem Versailler Vertrag gebildet hatten (Rudolf Walther, taz 13.3.20).

In seinem neuen Buch nimmt sich Klaus Gietinger des Kapp-Putsches an:

Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee (Schmetterling-Verlag), 328 S., 19,80 Euro.

Er ist, wie immer, nicht zimperlich. Seiner Meinung nach müsste der Putsch „Kapp-Lüttwitz-Pabst-Putsch“ heißen. Es habe sich gezeigt, „dass die Rechten keine Chance haben, wenn von den Linken bis zu den Bürgerlichen alle zusammenhalten“. Wir bemerken die bewusste Aktualisierung. Und: Gietinger könnte Recht haben. Mit guten Gründen lehnt er die Gleichsetzung von rechtsextremer und linksextremer Gewalt auch schon für die Weimarer Republik ab (unter Insidern war das immer bekannt) (Oliver Stenzel, Kontext 14.3.20). Nicht ganz so schlüssig ist er da, wo er den Sozialdemokraten (SPD) und der „Weimarer Koalition“ eine Mitverantwortung „am Aufkommen des Faschismus“ zuschreibt. Das gilt gewiss für Verteidigungsminister Gustav Noske und Innenminister Wolfgang Heine. Aber für die ganze SPD?

Zumindest müssten wir dazu auch noch auf die Entwicklung der KPD schauen (gegründet am 30.12.1918). Das können wir kurz und sehr gut anhand von Hermann Webers Schlager

Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus. Hannover (Verlag für Literatur und Zeitgeschehen) 1961 (Sonderdruck der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung), 112 S.

2761: Kurt Kister verlässt SZ-Chefredaktion.

Mittwoch, März 18th, 2020

Nach 15 Jahren scheidet Kurt Kister, 62, aus der SZ-Chefredaktion aus. Seine Nachfolgerin soll Judith Wittwer, 42, werden, die dann gemeinsam mit Wolfgang Krach die Redaktion führt. Seit 2018 ist sie Chefredakteurin des „Tagesanzeigers“ in Zürich. Neu in die Chefredaktion sind auch berufen worden Alexandra Föderl-Schmidt, 49, und Ulrich Schäfer, 52. Föderl-Schmidt ist derzeit Israel-Korrespondentin, Schäfer einer der Nachrichten-Chefs, vorher Leiter des Ressorts Wirtschaft. Als Konstante der Spitze bleibt Wolfgang Krach, 56. Er gehört der SZ-Chefredaktion seit 2007 an und hat sie seit 2015 gemeinsam mit Kurt Kister geführt (SZ 18.3.20).

Sie alle verkörpern den seriösen Spitzenjournalismus, den viele Kritiker („Lügenpresse“) offenbar gar nicht kennen. Viele Menschen wissen gar nicht, was Spitzenjournalismus ist.

2760: Jullien lehnt das Konzept der Identität ab.

Dienstag, März 17th, 2020

Der bei uns in Deutschland relativ unbekannte französische Philosoph Francois Jullien, 69, kritisiert das Konzept der Identität. Martina Meister hat ihn Paris dazu interviewt (Die Welt 14.3.20).

Welt: .. Sie haben einen Einwand, wenn das Konzept der Identität auf Gruppen oder Nationen übertragen wird …

Jullien: Richtig. Die Kultur kennt keine Geburt und keinen Tod, keinen Anfang und kein Ende, genauso wenig wie das Kollektiv. Beide kann man daher nicht dem Schema der Identität unterordnen. Letztere geht außerdem mit der Vorstellung von kultureller Differenz einher, die ich für komplett suspekt halte.

Welt: Was entgegnen Sie den sogenannten Identitären, die mit spektakulären Aktionen einen Grenzpass zwischen Italien und Frankreich sperren, um Migranten an der Überquerung zu hindern.

Jullien: Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen ganz offen über Migration sprechen. Es gibt das Asylrecht, die Pflicht zur Aufnahme. Daran ist nicht zu rütteln. Aber ich höre von Einwandererfamilien in Frankreich, die ihren Kindern verbieten, zu Hause Französisch zu sprechen. Sie positionieren sich absichtlich außerhalb des Gemeinsamen. Das ist inakzeptabel, und der Staat muss einschreiten. Die Politiker müssen wirklich wachsam bleiben. Sie wissen sehr genau, dass Wladimir Putin den Exodus in Syrien provoziert hat, einzig und allein um Europa zu destabilisieren. Die Flüchtlinge können nicht nach Russland und erst recht nicht nach China. Europa ist ihre einzige Möglichkeit. Putin verfolgt mit diesem Krieg und seinen Massakern ganz gezielt politische Ziele.

Welt: Die Entzauberung Europas hängt Ihrer Meinung damit zusammen, dass es sich von seinen christlichen Wurzeln abgetrennt hat. Welch Konsequenzen hat das?

Jullien: Europa vermeidet die Frage des Christentums, weil sie stört, verunsichert und weil man sich einfach nicht mehr traut, sie zu erwähnen. Das wurde deutlich, als die Europäer die Präambel zur Verfassung schreiben wollten. Man wollte definieren, was das Wesen Europas ist. Die Polen sagten: Europa ist christlich. Die Franzosen erröteten und behaupteten: Europa ist laizistisch, aufklärerisch. Man konnte sich nicht einigen. Die Folge: Europa ist in der Krise.

2759: Wie mit China umgehen?

Montag, März 16th, 2020

Der ehemalige Bundesaußenminister Joseph (Joschka) Fischer beantwortet Fragen von Marc Brost und Xifan Yang (Die Zeit 5.3.20).

Zeit: Wie soll der Westen mit China umgehen?

Fischer: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Selbstbewusst kooperieren und keine Unterwerfung. Ich frage die Amerikaner immer wieder: Erst habt ihr China mit zu dem gemacht, was es heute ist, jetzt wollt ihr Chinas Aufstieg stoppen. Habt ihr bewusst einen strategischen Rivalen gefördert? Was war denn euer Plan?

Zeit: Was hören Sie darauf?

Fischer: Nichts. Unabhängig von der politischen Couleur. Die Amerikaner hatten keinen Plan. Ich erinnere mich an ein Treffen mit amerikanischen Wirtschaftsvertretern in New York in meiner Zeit als Minister. Republikaner rechneten mir damals vor, was den USA der Export von Industriearbeitsplätzen nach China bringen würde. China ein strategischer Rivale? Nie im Leben, sagten sie. Heute beklagen die Republikaner den Verlust dieser Arbeitsplätze. Wie viel Kapital die Amerikaner in China investiert haben, wird kaum erwähnt. Oder dass Banken wie Goldman Sachs die wirtschaftliche Transformation in China vorangetrieben haben.

Zeit: Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines chinesisch-amerikanischen Großkonflikts ein?

Fischer: Beide Seiten haben kein Interesse daran. Dennoch wird die Rivalität um Technologiedominanz den einheitlichen Weltmarkt beenden, fürchte ich. Deutsche Unternehmen werden zu Loyalitätsbekundungen in die eine oder andere Richtung gezwungen werden. Die Wertschöpfungsketten werden nicht mehr wie bisher funktionieren. Für Europa wird die Situation alles andere als einfach.

2757: Henryk M. Broder kämpft für die Unschuldsvermutung.

Samstag, März 14th, 2020

Noch nie hat sich der Ludwig-Börne-Preisträger von 2006, Henryk M. Broder („Die Welt“), an schweigende Mehrheiten angepasst oder sich bürgerlichen Milieus unterworfen. Er ist kein Apostel der politischen Korrektheit, sondern unkonventionell und für Überraschungen gut (insbesondere wenn er über linke Tabus und linke Antisemiten schreibt). Das hat er geradezu zu seinem Markenzeichen gemacht. Dass er als Autotester und Mobilitätskritiker der „Welt“ fungiert, kann ich nicht beurteilen, weil ich das nicht lese.

Nun befasst sich Broder mit dem Fall Woody Allen. Da haben 16 Rowohlt-Autoren in einem Brief an den Verlag sich enttäuscht gezeigt, dass Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ dort am 7. April erscheint. Sie möchten das nicht. Und darin sieht

Broder zu Recht,

dass hier die Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt wird. Denn bewiesen ist im Fall Woody Allen (ein Vorgang aus dem Jahr 1992)  ja nichts. Es hat nicht einmal ein Prozess stattgefunden. Die Behauptungen von Mia Farrow und Woody Allen nach ihrer Trennung stehen sich gegenüber, Aussage gegen Aussage. Da hat Allen als unschuldig zu gelten.

Die von Broder hier noch genannten „Lolita“ (Vladimir Nabokov), „Stille Tage in Clichy“ (Henry Miller), „Der Reigen“ (Arthur Schnitzler), „Der Tod in Venedig“ (Thomas Mann) brauchen wir gar nicht („Literarische Welt“, 14.3.20). Als mündige Erwachsene lassen wir uns nicht von Spießern zensurieren. Und Rowohlt-Verlagschef Florian Illies benutzt das Erscheinen von Woody Allens Autobiografie als Verlagswerbung.

2756: Rowohlt bringt Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ raus.

Freitag, März 13th, 2020

Am 7. April bringt Rowohlt Woody Allens Autobiogragie „Ganz nebenbei“ heraus. In den USA kann das Buch nach Protesten nicht erscheinen. Rowohlt musste zunächst rechtlich klären, ob das Buch in Deutschland erscheinen darf. Weil auch Rowohlt-Autoren gegen die Autobiografie protestiert hatten, plant der Rowohlt Verlag laut seinem Chef Floriian Illies eine Auftaktveranstaltung in Berlin zum Thema. Die wird ihre Werbewirkung kaum verfehlen (SZ 13.3.20).

2755: Der Rundfunkbeitrag steigt auf 18,36 Euro.

Freitag, März 13th, 2020

Die Ministerpräsidenten der Bundesländer haben die Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 17,50 auf 18,36 Euro beschlossen. Sachsen-Anhalt enthielt sich. Ministerpräsident Haseloff hat Angst um seine Regierungskoalition. Die Landtage müssen noch zustimmen (SZ 13.3.20).

2754: Burkhard Hirsch ist gestorben.

Freitag, März 13th, 2020

Im Alter von 89 Jahren ist der FDP-Politiker Burkhard Hirsch gestorben. Er war von 1975 bis 1980 NRW-Innenminister und von 1994 bis 1998 Vizepräsident des Bundestages. Er gehörte zu den letzten großen Sozialliberalen, die es heute in der FDP fast nicht mehr gibt. Hirsch war ein Anwalt des Rechts und bestand auf vollständiger Rechtsstaatlichkeit (SZ 13.3.20).

2753: Lindner demontiert seine Partei.

Freitag, März 13th, 2020

Der wichtigste Kommunikationswissenschaftler in Deutschland ist Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Tübingen, Jahrgang 1969. Er ist immer dann gefragt, wenn die Gesellschaft besonders in Bewegung ist. Wie heute. Peter Unfried hat Pörksen für die taz (7./8.3.20) interviewt.

taz: Der Bundes- und Fraktionsvorsitzende Christian Lindner ist nicht die Leere der FDP, sondern verbirgt sie, deshalb kann man auf ihn nicht verzichten?

Pörksen: Absolut. Sein rhetorisches und inszenatorisches Talent verdeckt mehr schlecht als recht, dass der konzeptionelle Überbau fehlt, die Neubegründung des liberalen Gedankens in Zeiten des agggressiven Populismus, der Massenüberwachung, der Sicherheitssehnsüchte in einer Epoche von Terroranschlägen. Auch auf die Klimakrise reagiert er mit Sprüchen und ganz so, als wolle er alle Welt vor ein paar Demonstrationen und der Entwicklung utopischer Energien warnen – eigentlich ein paternalistischer, zutiefst antiliberaler Reflex. Aus meiner Sicht ist Christian Lindner die Symbolfigur einer Strategie der Hyperpersonalisierung und demontiert auf lange Sicht seine Partei, indem er sie kurzfristig mit ein paar Stichflammeneffekten in die Schlagzeilen bringt.

taz: Warum hat Lindner sich verbissen in die Antiposition zu Klimapolitik und gesellschaftsliberalen Positionen? Er geht offenbar davon aus, dass sich das doch noch für ihn auszahlt.

Pörksen: Ich vermute: Er glaubt, dass es zwischen AfD und CDU noch ein Milieu gibt, das man mit Mackersprüchen und Anti-Political-Correctness-Gedröhn begeistern kann. Sein Problem: Wenn es dieses MIlieu gibt, dann ist es vielleicht wirtschaftsliberal, aber definitiv nicht gesinnungsliberal, sondern antimodern und manchmal einfach nur verbittert und verbockt. In dieser Orientierung an der falschen Kundschaft arbeitet Lindner – …

2752: Wladimir Putin – Diktator auf Lebenszeit

Mittwoch, März 11th, 2020

Wladimir Putins Amtszeit als russischer Präsident endet eigentlich 2024. Aber er hat einen – typisch russischen – Taschenspielertrick gefunden, wie er noch 12 Jahre länger, bis 2036, im Amt bleiben kann. Dann wäre er 84 Jahre alt. Und wer weiß, als Diktator ist da noch jung. Vielleicht hängt er dann nochmals eine Verlängerung dran.

Gegangen ist das so: In der Duma hatte die Abgeordnete Walentina Tereschkowa vorgeschlagen, die bisherige Amtszeit Putins auf Null zu setzen. Tatsächlich läuft seine vierte Amtszeit. Das hohe Haus folgte ohne Gegenstimmen. Putin trat auf und war auch dafür. Am 22. April gibt es dann einen Volksentscheid. Das Ganze erinnert an die Tricksereien 2008 und 2012. Solche politischen Betrugsmanöver sind in Russland üblich. Vielleicht gibt es ja „Massenproteste“ (Clara Lipkowski/Frank Nienhuysen, SZ 11.3.20; Silke Bigalke, SZ 11.3.20).