Archive for the ‘Philosophie’ Category

2815: Schriftliches Urteil im NSU-Prozess

Mittwoch, April 22nd, 2020

Fast zwei Jahre nach dem mündlichen Urteil im NSU-Prozess hat das Oberlandesgericht München am Dienstag ein schriftliches Urteil vorgelegt. Es umfasst 3.025 Seiten. Das sind sechs Aktenordner. Hinzu kommen 44 Aktenordner Protokoll. Das Gericht hat sich dafür fast 93 Wochen Zeit genommen. Erst nun kann die Revision anlaufen (RABE, SZ 22.4.20).

Möglicherweise wäre es für den einen oder anderen ganz gut, sich ein wenig einzulesen.

2814: Heinz Bude: Grüne und FDP kriegen Probleme.

Mittwoch, April 22nd, 2020

Für den Kasseler Soziologen Heinz Bude geht mit der Corona-Pandemie eine Ära des Liberalismus (Individualismus) zu Ende. Dazu befragt ihn Tilman Gerwien (Stern, 2.4.20):

Stern: Bei uns haben FDP und Grüne die umfassende Liberalisierung am stärksten propagiert: die FDP wirtschaftlich, die Grünen kulturell. Wenn die liberale Erzählung jetzt in sich zusammenfällt, müssten beide große Probleme bekommen.

Bude: Das erwarte ich. Noch vor kurzem sah es so aus, als ob der zentrale kulturelle Konflikt zwischen AfD und Grünen ausgetragen werden würde. Und die traditionellen Volksparteien schauten von den Rändern zu, wie’s ausgeht. Die Grünen waren für die Lockerheit im Verhalten und für den Ernst des Gewissens zuständig, die AfD für Groll und Missmut. Aber die Konfliktlinien haben sich fundamental verschoben. Wir erleben in der Krise eine Renaissance der Volksparteien. Es wächst die Einsicht: Wir brauchen eben doch Parteien, die im vorpolitischen Raum Konzepte austesten, unterschiedliche Interessen zusammenbringen und nicht Ein-Thema-Ansätze verfolgen wie die AfD mit dem Migrations- und die Grünen mit dem Klimathema. …

2813: Der Klimawandel ist gefährlicher als Corona.

Dienstag, April 21st, 2020

Der Biologe Volker Moosbrugger (Frankfurt) ist Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Ihn befragt Christoph Schäfer (FAS 19.4.20) zur Coronakrise.

FAS: Herr Moosbrugger, die Wirtschaft steht nahezu still. Ist der weltweite Shutdown gut für die Umwelt?

Moosbrugger: Für die Umwelt ist er prima. Die Verschmutzung der Luft und auch die CO 2-Emissionen haben deutlich abgenommen.

FAS: Das Bundesumweltamt sagt, Deutschland könne wegen des Kohleausstiegs und der Corona-Krise seine Klimaziele noch erreichen. Das klingt ebenfalls positiv.

Moosbrugger: Die Corona-Krise zeigt das Dilemma, in dem wir stecken. Das ganze Geschäftemachen, das Reisen und die Produktion führen dazu, dass es uns gutgeht. Aber sie sind schädlich für die Natur, weil wir bis jetzt keinen nachhaltigen Umgang mit ihr gefunden haben. Die Wirtschaft funktioniert im Moment nicht, aber die Natur erholt sich gerade.

FAS: Was ist ihrer Meinung nach gefährlicher: Die Corona-Krise oder der Klimawandel?

Moosbrugger: Gar keine Frage: Der Klimawandel ist die größere Bedrohung. Er hat sehr viel langfristigere Konsequenzen und ist schwieriger zu bewältigen. Und dann kommt noch der Verlust an Biodiversität dazu.

FAS: Führt die globale Rezession auch beim Artensterben zu einer Verschnaufpause?

Moosbrugger: Die Krise ist noch zu kurz, um das Artensterben zu verlangsamen. Außerdem sind die Themen, die das Artensterben vorantreiben, gerade kaum eingeschränkt. Der Amazonas wird immer noch gerodet, und die Landwirtschaft bringt unverändert Pestizide und Düngemittel auf die Felder.

FAS: Der WWF sagt, dieses Jahr könnte zum Wendepunkt für die biologische Vielfalt werden. Solche Warnungen hört man immer wieder: Es gehe nur noch jetzt sofort, sonst sei alles zu spät. Ist das Panikmache oder wissenschaftlich begründet?

Moosbrugger: Ich kämpfe gegen solche Aussagen. Ich höre seit 30 Jahren immer wieder, es sei fünf Minuten vor zwölf. Wenn das stimmen würde, müsste es nach dreißig Jahren ja locker fünf nach zwölf sein. Aber es bleibt offenbar immer fünf Minuten vor zwölf.

FAS: Der amerikanische Autohersteller Tesla lässt für seine neue Fabrik in Brandenburg 90 Hektar Wald roden. Das Unternehmen verspricht, das dreifach zu kompensieren. Ist damit alles gut?

Moosbrugger: Ja, das ist so wunderbar in Ordnung.

FAS: Die Umweltschützer dort haben sich also sinnlos aufgeregt?

Moosbrugger: Aus meiner Sicht ja. Hinzu kommt. Das Waldstück von Tesla war ein Forst, der war ökologisch nicht besonders wertvoll. Wenn Tesla es geschickt macht, sind die Ersatzflächen nachher ökologisch wertvoller.

2812: Paul Celan (1920-1970)

Montag, April 20th, 2020

In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 ging Paul Celan in Paris in die Seine. Der Jude aus Czernowitz hatte seine Eltern durch Mord in einem NS-Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt (Czernowitz war bis 1918 habsburgisch, dann rumänisch, später sowjetisch, heute ukrainisch). Celans von ihm getrennt lebende Frau, Gisèle de Lestrange, schrieb dazu am 10. Mai 1970 an Celans ehemalige Geliebte, Ingeborg Bachmann: „Er hat sich den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“ Celan war der größte deutschsprachige Lyriker seiner Zeit und blieb den Deutschen doch ein Leben lang fremd. Sein berühmtes Gedicht „Todesfuge“ ist gerade neu untersucht worden:

Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts. Stuttgart (dva) 2020, 336 S., 22 Euro.

Im Mai 1952 war es in Niendorf an der Ostsee zu den „Drei Tagen im Mai“ gekommen, bei denen Celan in Anwesenheit von Ingeborg Bachmann das Gedicht als eines von sechs vortrug und dabei von der Gruppe 47 vollkommen missverstanden worden war. Walter Jens schrieb dazu 1976: „Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‚Das kann doch kaum jemand hören‘, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. Der liest ja wie Goebbels, sagte einer. Die ‚Todesfuge‘ war ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit, die sozusagen mit dem Programm groß geworden waren.“

Es war Hans Werner Richter, der den Goebbels-Vergleich angestellt hatte. Milo Dor erinnert sich an Richters Aussage, Celan „habe in einem Singsang vorgetragen wie in der Synagoge“. Klaus Briegleb hat in seiner Geschichte der Gruppe 47 geschrieben, „keine andere kulturelle Agentur in der westdeutschen Nachkriegszeit“ habe „die Ausblendung der Shoah so gründlich betrieben“ wie die Gruppe 47.

Celan war tief verletzt: „Ich war dort beleidigt worden: H.W. Richter, der Inge (Inge = Ingeborg Bachmann, W.S.) nach Hamburg gebracht hatte, sagte nämlich, meine Gedichte seien ihm auch darum so zuwider gewesen, weil ich sie im ‚Tonfall von Goebbels‘ gelesen hätte. Und so etwas muss ich erleben!“

Thomas Sparr schreibt dazu: „Was nahe war und nahegelegen hätte, die gemeinsame, doch so unterschiedliche Erfahrung des Nationalsozialismus, vom ‚Frost an den verschiedenen Fronten‘ wird Celan später in einem Gedicht schreiben, sollte in die Ferne gerückt werden. Goebbels rezitiert die ‚Todesfuge‘. Brutaler kann man die Geschichte nicht auf den Kopf stellen.“

Der Anfang der „Todesfuge“: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts/ wir trinken und trinken/ wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.“ (Sie finden die „Todesfuge“ hier auf meiner Seite unter Gedichten. Sie ist chronologisch geordnet.)

Dass manche deutsche Kritiker Celan später vorhielten, sein Gedicht sei angesichts der ihm zugrunde liegenden Gräuel doch „zu kunstvoll“ geraten, erboste ihn besonders und zu Recht. Die „Todesfuge“ passt nicht so einfach in die deutsche Nachkriegsmoderne. Weder seiner Datierung nach noch in seinen poetischen Mitteln. Die Stunde null, die Idee einer asketischen Moderne auf den Ruinen der Vorkriegswelt, war Celans Sache nicht. Er ruhte in älteren lyrischen Traditionen einer anderen Weltgegend, die seine westdeutschen Generationsgenossen unbekannt blieben.

Celan hatte, als er nach Wien gegangen war, wo er Ingeborg Bachmann kennenlernte, und dann 1948 nach Paris, zunächst vielfältige sehr gute Beziehungen zu deutschsprachigen Literaten gehabt. Dann zerstörte eine vergleichsweise banale Literaturintrige sein Leben. Die Witwe eines deutsch-französischen Lyrikers, Yvan Goll, mit dem sich Celan angefreundet hatte, beschuldigte ihn plötzlich des Plagiats. Das deutsche Feuilleton, das seinerzeit noch von solchen Ex-Nazis wie Günter Blöcker und Hans Egon Holthusen dominiert wurde, walzte die Angelegenheit aus. Und Paul Celan verzweifelte. Noch in den neunziger Jahren machte sich Günter Grass, der in den späten fünfziger Jahren wie Celan in Paris gelebt hatte, über den Lyriker lustig. Celan wandte sich von Grass ab wegen dessen „kleinen und großen Verlogenheiten, vermehrt um die mittlerweile noch höher ins Kraut geschossene Selbstgefälligkeit“. Celan vereinsamte, er wurde Patient in der Psychiatrie.

Hans-Peter Kunisch

Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. München (dtv) 2020, 352 S., 24 Euro,

befasst sich nicht an jeder Stelle schlüssig mit den insgesamt drei Treffen (1967-1970) von Paul Celan und Martin Heidegger in Freiburg und im Schwarzwald. Dass der Antisemit (und das NSDAP-Mitglied) Martin Heidegger und das Holocaust-Opfer Paul Celan sich verstanden hätten, können wir uns nicht vorstellen. Es spricht für die Verwirrung Celans, dass er sich beim Schwarzwälder Kulturkonservatismus der Nachkriegszeit besser aufgehoben gefühlt hat als bei der Gruppe 47. Noch drei Wochen vor seinem Tod las Celan Heidegger in Freiburg vor.

Auf ihrer gemeinsamen Autofahrt im Schwarzwald mit Martin Heidegger, dem Freiburger Germanisten Gerhart Baumann und dessen Assistenten Gerhard Neumann am Steuer, habe er, so schreibt Celan an seine Frau Gisèle, „klare Worte“ gefunden, auf die Heidegger ausweichend oder gar nicht reagiert habe.

Wir wissen sehr viel über Paul Celan aus seinen Briefwechseln:

Paul Celan/Ilana Shmueli-Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2004, 242 S.,

Herzzeit. Ingeborg Bachmann-Paul Celan. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 S.

Die Briefwechsel mit Gisèle Celan-Lestrange, Rudolf Hirsch, Hanne und Hermann Lenz, Nelly Sachs, Peter Szondi, Franz Wurm, Klaus und Nani Demus habe ich nicht gelesen.

2020 neu erschienen:

Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Göttingen (Wallstein) 2020, 400 S.,

Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist. Köln (Galiani) 2020, 208 S. (Böttigers drittes Buch über Celan),

Klaus Reichert: Paul Celan – Erinnerungen und Briefe. Berlin (Suhrkamp) 2020, 297 S.,

Paul Celan: „etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970 Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S. (mit 330 unpublizierten Briefen).

Ich erinnere mich noch gut an das Ende eines Proseminars 1980, in dem wir ausschließlich die Soap Opera „Holocaust“ (1978) von Marvin Chomsky (mit Merryl Streep) analysiert und interpretiert hatten. Am Ende habe ich die Todesfuge vorgelesen. Neue Fragen stellten sich, neue Perspektiven ergaben sich. Wir haben ganz neu und sehr viel gelernt.

(Iris Radisch, Die Zeit 16.4.20; Julia Encke, FAS 19.4.20; Christoph Bartmann, SZ 20.4.20)

 

2811: Österreich-Urlaub möglich

Montag, April 20th, 2020

Wie die österreichsiche Tourismusministerin Elisabeth Köstlinger mitteilte, können Urlauber aus Ländern, die gegenüber der Corona-Krise gut aufgestellt sind wie Deutschland, im Sommer 2020 nach Österreich kommen (SZ 20.4.20).

2809: Keine kürzeren Sommerferien

Sonntag, April 19th, 2020

Die Länder-Bildungsminister lehnen weit überwiegend den Vorschlag von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, CDU, klar ab, die Sommerferien zu verkürzen. Das hatte Schäuble ins Gespräch gebracht, um versäumten Unterricht nachzuholen. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), sagte, das sei Ländersache. Für sie stehe eine solche Lösung „nicht zur Diskussion“. Bayerns Kultusminister sagte, er „möchte an die Ferien nicht rangehen“. Niedersachsen findet die Debatte „nicht hilfreich“. Etc. (dpa, FAS 19.4.20).

2808: Ulrich Kienzle ist tot.

Samstag, April 18th, 2020

Ulrich Kienzle begann seine Karriere 1963 beim SDR. Von dort wechselte er zum WDR. Von 1974 bis 1980 war er Korrespondent für den Nahen Osten, wofür er bei uns Interessierten heute immer noch steht, dann für das südliche Afrika. Es folgten zehn Jahre als Fernsehchefredakteur von Radio Bremen.

1990 ging Kienzle als Leiter der Außenpolitik zum ZDF, wo er das „auslandsjournal“ leitete und mit Moderator Bodo Hauser bei „Frontal“ landete. „Noch Fragen, Kienzle?“ Mit einem Bein blieb Kienzle immer der Auslandskorrespondent. 1990 führte er das sagen-umwobene Interview mit Saddam Hussein, in dem bereits die gesamte politische Entwicklung des Nahen Ostens danach aufschien. In Talk-Shows bewies Ulrich Kienzle seine souveräne, unaufgeregte Streitbarkeit. Das höchste Lob, das wir einem Journalisten zollen (Michael Hanfeld, FAZ 18.4.20).

2807: Karstadt Kaufhof kämpft um Öffnung der Filialen.

Samstag, April 18th, 2020

Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof lässt gerichtlich klären, ob sie ihre Geschäfte in Nordrhein-Westfalen wieder öffnen darf. Das Oberverwaltungsgericht Münster teilte mit, das Unternehmen wende sich in einem Eilverfahren gegen die Corona-Schutzverordnung. Das Land kann nun Stellung beziehen. Der Karstadt Kaufhof-Sachverwalter Frank Kebekus teilte mit, dass er mit einer Öffnung der Filialen Anfang Mai rechne (joja, Düsseldorf, FAZ 18.4.20).

2806: Weltweite Reisewarnung bleibt bestehen.

Samstag, April 18th, 2020

Das Auswärtige Amt hält an seiner weltweiten Reisewarnung fest. Außenminister Maas (SPD) sagte am Freitag, zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne man keine Prognose darüber abgeben, wie lange die Warnung noch in Kraft sein müsse. „Solange es Ausgangssperren gibt in vielen Ländern, wird dort auch kein Urlaub zu machen sein.“ Man versuche, die Aufhebung der Reisebeschränkungen „so gut es geht“ europäisch abzustimmen. Mit dem Rückholprogramm sind inzwischen rund 240.000 Deutsche nach Hause zurückgekehrt (Lt. Berlin, FAZ 18.4.20).

2805: Harari: Die Natur des Menschen verändert sich nicht.

Freitag, April 17th, 2020

Der israelische Bestsellerautor Yuval Noah Harari, 44, ist eine Art Popstar unter den Historikern und international gehandelten Welterklärern. Von ihm stammt etwa „Eine kurze Geschichte der Welt“. Thorsten Schmitz hat ihn für die SZ interviewt (17.4.20).

SZ: Als Historiker ist es ihr Job, weit zurück in die Vergangenheit zu schauen. Wird die Corona-Krise als Fußnote in der Geschichte enden oder ist sie eines der prägendsten Ereignisse unseres Jahrhunderts?

Harari: Irgendwo dazwischen vielleicht. Es ist verfrüht, die Corona-Krise jetzt schon historisch einzuordnen, aber sie ist mit Sicherheit keine existentielle Bedrohung für die Menschheit. Menschen haben in der Vergangenheit schlimmere Pandemien überlebt wie z.B. die Pest im 14. Jahrhundert und die Spanische Grippe 1918. Auch Aids war im Anfangsstadium weitaus tödlicher als das Coronavirus jetzt. Wer in den achtziger Jahren HIV-positiv getestet wurde, war zum Tode verurteilt. Wer jetzt mit dem Coronavirus infiziert ist, selbst ältere Personen, hat eine relativ gute Chance, das zu überleben.

SZ: Viele Menschen machen unsere globalisierte Welt verantwortlich für die Ausbreitung des Virus.

Harari: Im Gegenteil, die Globalisierung hilft uns, es einzudämmen. Epidemien hat es schon viel länger gegeben, weit vor Beginn der Globalisierung. Als die Pest-Pandemie ausbrach, gab es keine Flugzeuge oder Hochgeschwindigkeitszüge, deren Passagiere die Seuche weitergetragen haben in andere Länder. Die einzige Zeit, in der es keine Epidemien gab, war das Steinzeitalter. Und da wollen wir ja nicht wieder hin. Außerdem gibt es viel weniger Epidemien, seit wir in einer globalisierten Welt leben. Sie sind auch weniger vernichtend, gerade weil die Wissenschaft international kooperiert und man Informationen austauscht.

SZ: Werden unsere persönlichen Beziehungen unter der sozialen Distanz leiden?

Harari: Ich glaube nicht, dass wir eine fundamentale Veränderung in unserem Sozialverhalten der Menschen erleben werden nach Monaten mit Ausgangssperren und Kontaktverboten. Menschen sind soziale Wesen, wir mögen Kontakt, wir haben viele Pandemien erlebt, Aids etwa hat nicht die Natur der Menschen verändert.