Archive for the ‘Philosophie’ Category

2828: NSU-Urteil über Beate Zschäpe

Donnerstag, April 30th, 2020

Im NSU-Urteil heißt es über Beate Zschäpe:

„Die Angeklagte Zschäpe hat jeweils gemeinschaftlich und vorsätzlich handelnd in 10 Fällen einen Menschen heimtückisch und aus niederen Beweggründen getötet.“

(Annette Ramelsberger, SZ 30.4.20)

2827: Franziska Giffey (SPD): Spielplätze statt Bundesliga

Donnerstag, April 30th, 2020

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) möchte mehr Kinder fördern statt Fußball. „Wir können nicht in einem Atemzug den Kindern die Schaukel verwehren und gleichzeitig darüber nachdenken, wie wir schnellstmöglich wieder Bundesligaspiele stattfinden lassen.“ Vor allem Kleinkinder seien die Leidtragenden der Corona-Krise. Deshalb habe sie sich im Kabinett für eine schrittweise Öffnung der Kitas eingesetzt. Man könne bei der Gruppengröße ansetzen oder bei den Räumlichkeiten (SZ 30.4.20).

Hier können wir Frau Giffey nur zustimmen.

Der Fußball ist abhängig von den Fernsehgeldern, seit im Jahr 2000 Leo Kirch die Übertragungsrechte für 750 Millionen DM pro Saison kaufte (Premiere). Heute liegen die Rechte bei Sky (US-Medienkonzern Comcast) für eine Milliarde pro Spielzeit. Finden keine Spiele statt, muss nicht gezahlt werden. Deswegen sagte Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund): „Wenn wir die nächsten Monate nicht mehr spielen, dann säuft die ganze Liga ab.“ (Caspar Busse, SZ 30.4.20)

2826: BER öffnet am 31. Oktober 2020.

Donnerstag, April 30th, 2020

Nach 14 Jahren Bauzeit öffnet der Flughafen Berlin (BER) am 31. Oktober. Nachdem letzte Woche der TÜV letzte Prüfungsbescheinigungen ausgestellt hatte, hat nun die zuständige Baubehörde das Hauptterminal freigegeben (SZ 29.4.20). Damit kommt einer der größten Bauskandale der Bundesrepublik wohl an sein Ende. Drücken wir die Daumen.

2824: H.G. Adler – Nestor der deutschen Holocaust-Forschung

Dienstag, April 28th, 2020

Bei den Trägern des Namens Adler bin ich in früheren Zeiten manchmal durcheinander gekommen. Da gab es einmal

Victor (Viktor) Adler (1852-1918),

den Begründer der österreichischen Sozialdemokratie (SPÖ), der die Einheit und Gemäßigtheit der österreichischen Sozialdemokraten auf seine Fahnen geschrieben hatte und erster Außenminister der Republik Österreich war. Er wollte den Anschluss Österreichs an Deutschland. Weiterhin kennen wir

Alfred Adler (1870-1937),

den Begründer der Individualpsychologie, der 1904 zum Protestantismus konvertiert war und von 1902 bis 1911 an den Mittwochabendgesellschaften Sigmund Freuds in Wien teilgenommen hatte und (gestützt auf die Theorie von der Organminderwertigkeit) seine eigene Lehre verfocht. Sie kam in den USA gut an, wohin Adler bereits 1934 auswanderte. Er fühlte sich der Arbeiterbewegung verbunden. Schließlich gab es

H.G. Adler (1910-1988),

der als Zeitzeuge der Shoah mit seinen Werken „Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ (1955) und „Der verwaltete Mensch“ (1974) zum Nestor der deutschen Holocaustforschung wurde. Über ihn hat sein Übersetzer Peter Filkins 2019 eine Biografie verfasst:

H.G. Adler. A life in many worlds. Oxford 2019, 416 S.; 19,99 englische Pfund.

Adler wurde in Prag geboren und wuchs mit der deutschen und tschechischen Sprache auf. Früh war er selbst belletristisch tätig. Er studierte Musik, Literatur, Psychologie und Philosophie und wurde 1935 mit einer Arbeit über den deutschen Aufklärer Friedrich Klopstock in Prag promoviert. 1939 gelang ihm die Flucht vor den Nazis nicht. Er wurde mit seiner Frau und Schwiegermutter nach Theresienstadt deportiert. Von dort 1944 nach Auschwitz, wo Frau und Schwiegermutter sofort ermordet wurden. Seine schon in Theresienstadt geschriebenen Texte bewahrte Leo Baeck für ihn auf. Adler wurde in ein Nebenlager von Buchenwald gebracht.

Nach der Befreiung tauschte er seine Häftlingsbekleidung gegen eine von NS-Symbolen befreite deutsche Soldatenuniform. Er lebte einige Wochen in Halberstadt. In Prag traf er seinen Feund Elias Canetti wieder. Er legte seinen Vornamen Hans Günther ab, weil Adolf Eichmanns Nachfolger so hieß. Adler arbeitet in einem Waisenhaus vor allem mit jüdischen, tschechischen und deutschen Kindern. Ihm wurde allerdings 1946 die tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt, weil er Deutsch als Muttersprache hatte. Vor dem Stalinismus floh H.G. Adler 1947 nach London, wo er eine Jugendfreundin, die Bildhauerin Bettina Gross, heiratete, die bereits 1938 nach Großbritannien gegangen war. Ihr gemeinsamer Sohn ist der Dichter und Germanist Jeremy Adler. H.G. Adler lieferte Beiträge für die BBC. Er lebte auch von der Briefmarkensammlung seines Vaters.

In London bewegte Adler sich im Kreis von Erich Fried. 1959 trat er auf Bitten Hermann Langbeins dem Internationalen Auschwitzkomitee ( IAK) bei. Mit Langbein publizierte er 1961 im WDR mehrere Beiträge über den Holocaust. In seiner Holocaust-Forschung übte H.G. Adler fundierte Kritik an den Juden-Ältesten, die später u.a. auch von Hannah Arendt in ihrem „Eichmann in Jerusalem“ (1963) übernommen wurde. 1977 wurde H.G. Adler der österreichische Ehrentitel Professor verliehen. Er ist unverdientermaßen und bedauerlicherweise heute fast vergessen (René Schlott, SZ 27.4.20)

2822: Norbert Blüm ist gestorben.

Samstag, April 25th, 2020

Im Alter von 84 Jahren ist Norbert Blüm gestorben. Er verkörperte das soziale Gewissen der Union (CDU/CSU) und hat dafür gesorgt, dass in der Union eine soziale Politik betrieben wurde. Unter Helmut Kohl war er 16 Jahre lang Bundesarbeitsminister. Am Ende haben sich die Beiden über die Spendenaffäre zerstritten. Zeit seines politischen Lebens kämpfte Blüm für den Sozialstaat und für die Rechte der Arbeitnehmer. Lange Jahre war er Vorsitzender der Sozialausschüsse der CDU.

Mit seinem Satz „Die Rente ist sicher.“ hatte er sich selbst unter Zugzwang gesetzt. Heute wissen wir, dass sein Einsatz für die gesetzliche Rente vollkommen berechtigt war. Er hat die Pflegeversicherung eingeführt, ohne die wir uns das Rentensystem heute gar nicht mehr vorstellen können. Mit der Vereinigung Deutschlands mussten die DDR-Bürger in das Rentensystem integriert werden. Eine Riesenanstrengung, die gelang.

Norbert Blüm hatte die Volksschule besucht und über den zweiten Bildungsweg (und nebenbei in vielen Jobs) seine Karriere gemacht. 1967 promovierte er mit dem Thema „Willenslehre und Soziallehre bei Ferdinand Tönnies“. Ein Intellektueller war er auch noch.

(Eckart Lohse, FAZ 25.4.20; Detlef Esslinger, SZ 25./26.4.20; Stefan Braun, SZ 25./26.4.20, Torsten Krauel, Die Welt 25.4.20)

2821: Putin deckt Folter und Morde in Syrien.

Freitag, April 24th, 2020

In Koblenz findet zur Zeit ein merkwürdiger Prozess statt. Die Opfer sind Syrer, die Täter sind Syrer, der Tatort ist Syrien. Und doch ist der Prozess in Koblenz richtig. Es ist weltweit der erste Prozess wegen Staatsfolter im Reich des Diktators Baschar al-Assad. Dort werden demnächst grauenhafte Verbrechen verhandelt, die das Assad-Regime an zahlreichen Menschen verübt hat. Natürlich gehört das Verfahren eigentlich vor den Internationalen Strafgerichtshof in Haag. Das aber verhindert Wladimir Putin, der russische Diktator, durch sein Veto im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN). Er deckt so massenhaft Folter und Morde (Stefan Ulrich, SZ 24.4.20).

2819: USA: 26 Mio neue Arbeitslose in einem Monat

Freitag, April 24th, 2020

Wie das US-Arbeitsministerium mitteilte, haben die USA im letzten Monat 26 Millonen neue Arbeitslose dazubekommen (dpa, SZ 24.4.20).

2818: Seriöse Fernsehsender profitieren von der Corona-Krise.

Donnerstag, April 23rd, 2020

1. Die AGF Videoforschung hat eine neue Studie („TV-Nutzung in der Corona-Krise“) zum Fernseh-Nutzungsverhalten vorgelegt.

2. Die Mediatheken von ARD, ZDF, Joyn und TV Now haben im März 2020 um zehn (10) Prozent zugelegt.

3. Im März lag die Sehdauer im Gesamtpublikum mit 244 Minuten 18 Minuten über dem Vorjahrsmonat.

4. Haupt-Profiteure sind ARD und ZDF, also die seriösen Sender.

5. An der Spitze liegt die „Tagesschau“. „Die ganze Familie versammelt sich vor dem Fernseher, um gemeinsam Nachrichten zu schauen. Diese erhalten einen Live-Charakter, den wir bisher so nicht gesehen haben.“

6. Auch die spezialisierten Nachrichten-Sender N-TV, Welt und Tagesschau 24 legen zu.

7. Während die öffentlich-rechtlichen Sender bei den Nachrichten gewinnen, steigen die Zahlen der privaten Sender bei der Unterhaltung.

8. Die Nutzung der Bildungskanäle ist stark angestiegen.

9. ARD Alpha bringt jeden Tag von neun bis zwölf Lernfernsehen.

10. Verlierer sind die Sportsender, auch Sky, Dazn, Eurosport und Sport 1 (Lisa Priller-Gebhardt, SZ 16.4.20).

2817: In der Krise: Frankreich und Deutschland im Vergleich

Mittwoch, April 22nd, 2020

Nadia Pantel (SZ 22.4.20) schreibt aus Paris einen Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland:

„Sucht man nach Gründen, warum Frankreich so viel stärker als Deutschland vom Virus betroffen ist, mischen sich Fakten und Spekulation. Sicher ist, dass Frankreich deutlich weniger testet und so infizierte Menschen weniger effizient isolieren konnte. Infizierte wurden zudem oft erst ins Krankenhaus eingewiesen, wenn ihr Zustand bedrohlich schlecht war und eine Heilung unwahrscheinlich wurde. Hinzu kommt, dass in Deutschland doppelt so viele Intensivbetten bereitstehen. Doch die gesundheitliche Versorgung ist nicht alles. Noch fehlen größere Studien, die vergleichen, inwieweit die Strukturen eine Rolle spielen. Eine so große, so eng besiedelte Metropole wie Paris mit seinen Vorstädten gibt es in Deutschland nicht. Immer wieder wird zudem vermutet, die soziale Nähe, durch Begrüßungsküsschen und engeren Zusammenhalt der Familien, sei in Frankreich größer.“

2816: Peter Sloterdijk als Medientheoretiker

Mittwoch, April 22nd, 2020

Zur Corona-Krise wird auch Peter Sloterdijk befragt. In dem Fall von Adam Soboczynski (Die Zeit 8.4.20). Sloterdijk sagt:

„Wir erleben ein großes medientheoretisches Seminar. Man erkennt, im Ausnahmezustand entsteht Monothematismus. Dann sieht man erst richtig, wie moderne Gesellschaften in ihren Stimmungen von Tag zu Tag gewoben sind. Dank der Medien leben wir in Erregungsräumen, die durch wechselnde Themen gesteuert werden. Themen sind Erregungsvorschläge, die von der Öffentlichkeit angenommen werden oder nicht. Dabei schießen die Medienmacher immer etwas Übertreibung zu. Denken Sie an die AfD-Aufregung im Lande: Sie ist ein Luxusthema für unterbeschäftigte Übertreiber. Denken Sie an die MeToo-Welle: Sie hatte einen ernsten Kern, um den lagerten sich sofort die Übertreibungsunternehmen an. Denken Sie vor allem an den Terrorismus. Über den wurde zumeist im Modus der Halbernsthaftigkeit berichtet, man durfte und musste immer zusätzlich übertreiben.

Aus der Sicht der Medien ist etwas, das passiert, nie schlimm genug. Man weiß ja nie, was wie schlimm ist. Das entspricht im Übrigen der klassischen Rhetoriklehre.

Quintilian

sagte: Bei Gegenständen, deren Bedeutung und Dimension nicht sicher bestimmt werden können, ist es besser, zu weit zu gehen als nicht weit genug.“