Archive for the ‘Philosophie’ Category

2861: Weg mit den Nazi-Skulpturen am Olympiastadion

Montag, Mai 25th, 2020

Wenn wir zu den Heimspielen von Hertha BSC ins Olympiastadion gehen, bemerken die meisten von uns nicht, dass wir über das Reichssportfeld gehen, das anlässlich der Olmpischen Spiele 1936 errichtet worden ist. Sie haben es eilig, müssen sich noch einem Sicherheits-Check unterziehen etc.

Jetzt hat der ehemalige Senator für Stadtentwicklung in Berlin (1996-2004), Peter Strieder (SPD), einen bemerkenswerten Aufsatz geschrieben (Die Zeit 14.5.20), in dem er die Beseitigung der dort immer noch vorhandenen Nazi-Skulpuren verlangt. Strieder, 67, übt auch Selbstkritik.

Rund um das Olympiastsdion finden wir Skulpturen von Josef Thorak („Boxer“), Arno Breker („Zehnkämpfer“, „Siegerin“) und Josef Wackerle („Rosseführer“). Das Reichssportfeld steht so, wie es 1936 errichtet wurde, heute unter Denkmalschutz. In den Fünfzigerjahren wurden Hakenkreuze, Hitlerbüsten und Hoheitszeichen des Dritten Reichs entfernt. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung auch mit dem baulichen Nazi-Erbe wurde versäumt.

Und so treffen wir dort an: das Maifeld, das Sportforum, das Haus des deutschen Sports, Friesenhof und Friesenstraße, den Glockenturm und die Langemarckhalle. In der Schlacht von Langemarck, als der Erste Weltkrieg schon verloren war, zogen „junge Regimenter“, unzureichend ausgebildet und ausgerüstet sinnlos in den Tod.

Friesenhof und Friesenstraße verweisen auf Friedrich Friesen, einen nationalistischen Eiferer, der zusammen mit „Turnvater“ Jahn die „Leibeserziehung“ zu einem Programm der „sittlich-nationalen Erneuerung“ machte. Heute preist die

AfD

Sachsen-Anhalt ihn: „Gerade in unseren Tagen, da sich Deutschland einer neuzeitlichen Völkerwanderung ausgesetzt und von seinen Funktionseliten übergangen sieht, kann Friedrich Friesen dem deutschen Volk als Vorbild dienen. In seiner Person vereinen sich freiheitliches Sehnen, patriotischer Geist und unverrückbarer Kampfesmut – es handelt sich um jene Tugenden, welche sich das deutsche Volk selbst in seinen dunkelsten Stunden zu bewahren vermochte.“

Wir erinnern uns, dass das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau nach dem Selbstmord von Rudolf Heß 1987 dem Erdboden gleichgemacht wurde, um zu verhindern, dass jemand auf die Idee käme, den Ort zu heroisieren.

Peter Strieder selbstkritisch: „Wir hätten uns nicht auf das Stadion beschränken dürfen. Wir haben nicht berücksichtigt, dass das Stadion Teil des Olympiageländes ist und mit dem Olympiagelände auch das faschistische Erbe unter Denkmalschutz gestellt wurde.“ In Zeiten, in denen wieder von „Umvolkung“ gesprochen wird, vom „Denkmal der Schande“ und vom „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, sind die Nazi-Skulturen am Olympiastadion nicht mehr tragbar.

„Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg. Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt und nutzbar gemacht werden für neue Sportfelder, Trainingsplätze, Spielwiesen. Alle Namen der Gebäude und Straßen und Trainingsplätze aus der Zeit der Nazis gehören revidiert, künftig sollten sie beispielsweise nach Opfern der jüngsten rechtsterroristischen Gewalttaten benannt werden.“

2860: Kritik an Bodo Ramelows (Linke) Vorstoß

Montag, Mai 25th, 2020

Der thüringische Ministerpräsiden Bodo Ramelow (Linke) hat angekündigt, vom 6. Juni an allgemeine Corona-Regelungen wie Abstandsgebot und Maskenpflicht aufzuheben. Das hat scharfe Kritik hervorgerufen. Der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Florian Herrmann (CSU), sagte, man sei „entsetzt, dass elementare Schutzmaßnahmen nun aufgehoben werden sollen“. Besonders problematisch sei, dass der thüringische „Corona Hotspot Sonneberg“ direkt an Bayern grenze. Karl Lauterbach (SPD): „Wenn Thüringen Abstandsregeln und Maskenpflicht kippt, hat das Auswirkungen auf ganz Deutschland.“ Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) nannte Ramelows Ankündigung einen „Gang aufs Minenfeld“ (Kristiana Ludwig, SZ 25.5.20)

2859: Ursula von der Leyen erfüllt die Erwartungen nicht.

Samstag, Mai 23rd, 2020

In Zeiten einer Pandemie müsste die EU-Kommission Europa aus der Krise steuern. Unter Leitung ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen (CDU) (gewählt 2019). Aber davon kann keine Rede sein. Nun kritisiert auch noch der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) sie. Er habe große Hoffnungen gehabt, sei nun aber „enttäuscht“, sagte er dem „Spiegel“. „Ich darf mich um die Seenotrettung kümmern und um die Kinder in den Flüchtlingslagern in Griechenland.“ Das seien Aufgaben der EU. Angesichts der häufigen Klagen der EU gegen Mitgliedsstaaten  (Österreich, Polen, Ungarn, Deutschland) frage er sich: „Wie soll ein Zusammenwachsen in Europa befördert werden?“ (bub, FAZ 23.5.20)

Wenn wir genauer auf die politische Karriere Ursula von der Leyens schauen, Tochter von Ernst Albrecht (1930-2014), wundern wir uns weniger über die unzureichenden Leistungen der EU-Kommissionspräsidentin. Die 1958 geborene Politikerin galt in der Union zunächst als Hoffnungsträgerin, beinahe als Wunderkind. 1980 hatte sie nach anderen Versuchen (auch in Göttingen) ein Medizinstudium an der Medizinischen Hochschule Hannover aufgenommen. 1986 heiratete sie. Dann das Tamtam mit den sieben (7) Kindern (von 1987 bis 1999). Approbation 1987.

1990 Promotion. Von der sich 2015 herausstellte, dass auf 27 von 62 Seiten Textübernahmen nicht als solche gekennzeichnet waren (43,5 Prozent). Die Ombudsstelle der Medizinischen Hochschule Hannover gelangte 2016 trotzdem zu dem Schluss, dass es sich trotz der Plagiate und der um 20 Prozent fehlerhaften Arbeit um einen minderschweren Fall handelte. Es habe „kein durch Täuschungsabsicht geleitetes Fehlverhalten“ gegeben. Von der Leyen könne ihren Titel behalten. Der Berliner Juraprofessor Gerhard Dannemann zeigte dafür kein Verständis. Von der Leyens Arbeit enthalte 23 Fehlverweise, „bei denen die angegebenen Quellen die zitierten Inhalte gar nicht belegten“ (Wikipedia).

Also: ein Freispruch fünfter Klasse.

Zurückzuführen wahrscheinlich auf das System Röschen (vgl. Peter Dausend/Elisabeth Niejahr: Operation Röschen. Das System von der Leyen. Frankfurt am Main/Campus 2015).

Von 2003 an war Ursula von der Leyen fünf mal Minsterin: 2003-2005 Sozialministerin im Kabinett Wulff in Niedersachsen, 2005-2009 Familienministerin, 2009-2013 Arbeitsministerin, 2013-2018 und 2018-2019 Verteidigungsministerin. Hier drohte sie wegen der „Beraterverträge“ vollständig zu scheitern, als sie die Chance bekam, nach Brüssel zu gehen. Wir vergessen nicht, dass alle ihre Vorgänger im Amt des Verteidigungsministers vorher auch versagt hatten. Darüber hat der Historiker Sönke Neitzel 2017 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (27.8., S. 44) den beachtlichen Artikel „Entfernung von der Truppe. Warum Ursula von der Leyen die Bundeswehr nie verstanden hat.“ geschrieben. Der sagt fast alles.

Erwarten wir von Frau der Leyen also nicht zu viel.

2857: Ulrike Herrmann: Corona-Krise darf nicht missbraucht werden.

Donnerstag, Mai 21st, 2020

Nach der jüngsten Steuerschätzung fehlen dem Staat dieses Jahr 100 Milliarden Euro. Bis 2024 dürften es mehr als 300 Milliarden Euro sein. Gleichzeitig steigen die Ausgaben, was das Loch weiter vergrößert. Da tauchen die üblichen Rezepte auf: Die Union will die Grundrente abschaffen. Sie kostet 1,4 Miliarden Euro im Jahr. Und betrifft die Ärmsten. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert, den „Soli“ komplett abzuschaffen. Das würde die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung begünstigen. Und 9 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Die Coronakrise soll also genutzt werden, um die Kapitaleigner zu begünstigen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) verlangt, die Unternehmen „strukturell“ zu entlasten. Also auf ewig. Steuerentlastungen kurbeln die Konjunktur aber nicht an, wie US-Investor Warren Buffet immer wieder betont. „Man investiert, um Gewinne zu machen.“

Gewinne fallen aber nicht vom Himmel. Sie sind nur möglich, wenn sich Waren und Dienstleistungen verkaufen lassen. Es muss also Käufer geben. Da wäre die Grundrente eine geeignete Maßnahme. Die Rentner würden das Geld nicht sparen, sondern zum Konsum verwenden. Genau so sinnvoll wären Investitionen in den Klimaschutz und die Gebäudedämmung. Davon würde die Bauindustrie weit mehr profitieren als von Steuersenkungen. Gegenwärtig besteht im Gegensatz zu dem, was viele Bürger befürchten, noch keine Inflationsgefahr. In einer Krise steigen die Preise nicht, weil Firmen und Läden um jeden Kunden ringen. Die Inflation lag im April bei 0,8 Prozent (Ulrike Herrmann, taz 16./17.5.20).

2856: Britischer Philosoph mag Angela Merkel.

Donnerstag, Mai 21st, 2020

Der britische Philosoph und Unternehmer Alain de Botton ist ein versierter Bestsellerautor. Thorsten Schmitz hat ihn für die SZ interviewt (20./21.5.20):

SZ: Haben Sie den Eindruck, dass unsere Politiker die Krise gut managen?

de Botton: Es gibt in Großbritannien viele Menschen, darunter auch ich, die auch gerne eine Führungspersönlichkeit wie Frau Merkel hätten, die vernünftig ist, Ruhe ausstrahlt, keine Panik verbreitet, Probleme ernsthaft angeht. Stattdessen haben wir es mit einem Regierungschef zu tun, der erst überhaupt nicht besorgt war und dann zu besorgt. Es kommt auch darauf an, wie man mit dem Volk redet. Er hat gesagt, viele Familien würden Angehörige in der Corona-Krise verlieren. So redet kein verantwortungsvoller Regierungschef. Johnson hat damit viele Leute in Panik versetzt.

2855: Die Radikalisierung im Osten spaltet die Gesellschaft.

Donnerstag, Mai 21st, 2020

Der 1972 in Iserlohn (Nordrhein-Westfalen) geborene Michael Kraske, der 1992 zum Studium nach Leipzig ging, arbeitet dort seit langem als Journalist und Buchautor. Er hat jetzt ein Buch vorgelegt, das selbst dann, wenn wir anerkennen, dass es einige adäquate Bücher über die neuen Bundesländer und die Bundesrepublik gibt, aus der Masse heraussticht. Kraske will verstehen, wie es zu der politischen Radikalisierung in Ostdeutschland gekommen ist. Er will Ratschläge geben, diesen „Riss“ durch die Gesellschaft zu kitten.

Michael Kraske: Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. Berlin (Ullstein) 2020, 352. S. 19,99 Euro.

Kraske ist es mit seiner Analyse ernst. Das Buch ist sehr gut recherchiert. Es enthält natürlich auch Partien, die anderswo schon verhandelt worden sind. Kraske stellt ganz und gar auf die „Nachwendezeit“ ab, also die Jahre nach 1990. Tatsächlich hat auch heute immer noch die DDR, ein durch und durch autoritärer Staat, Einfluss auf die Fehlwahrnehmung vieler Ostdeutscher. Aber mittlerweile wohnen viele ehemalige Wessis im Osten.

1990 traf West-Überheblichkeit auf Ostdeutsche, welche die Wiedervereinigung nicht als Befreiung erlebten. Sie verloren ihre Arbeit, fanden ihre Lebensleistung nicht anerkannt, wurden aus ihren sozialen Bindungen gerissen und hatten wenig Vertrauen in die Institutionen der Bundesrepublik. Noch heute glauben 41 Prozent der Ostdeutschen, man könne in der Bundesrepublik seine Meinung nicht freier äußern als in der DDR. „58 Prozent im Osten haben das Gefühl, heute nicht besser vor staatlicher Willkür geschützt zu sein als in der DDR.“ (S. 323) Der Begriff „Heimat“ bekam eine größere Bedeutung. Verbunden mit „Fremdenfeindlichkeit“, die stets ein großes Gewaltpotential mit sich bringt. Spätestens mit der Flüchtlinswelle 2015 trat die AfD auf den Plan, die neben nationalkonservativen Kräften auch Rechtsextremisten eine Bühne bot. Bei Wahlen lag sie regelmäßig bei 25 Prozent. Dabei hat der dort vertretene Rassismus stets auch die Funktion, „nämlich das eigene Selbstwertgefühl durch Abwertung des Fremden aufzuwerten“ (S. 198).

Eine Zäsur hätte das Ende des NSU (Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe) 2011 sein können. Aber in dem Milieu, in die Mörder sich lange Jahre wie Fische im Wasser bewegt hatten, hatte bereits eine Täter-Opfer-Umkehr stattgefunden. „Würdet ihr nicht provozieren, müssten die Nazis nicht zuschlagen.“ (S. 18) „Nicht die systematische Erfassung politischer Gegner durch Rechtsextremisten bereitet Sorgen, sondern wie darüber berichtet wird.“ (S. 173) Sogar bei Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten war partiell Verständis für Rechtsextremisten und Rassisten zu spüren. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, der bei der Wahl die Kastanien aus dem Feuer holen musste, nachdem seine Vorgänger versagt hatten, lehnte „Kollektivurteile“ ab, bemühte sich um Verständnis für die Fremdenfeinde und beschwichtigte permanent. Dies arbeitet Kraske sehr gut heraus. Was auf diese Weise nicht erreicht wurde, war die Zurückdrängung des Hasses auf Langzeitarbeitslose, Obdachlose und Ausländer. Von denen hatte es in der DDR ja kaum welche gegeben. Und wenn, dann lebten sie in ihren Ghettos. Immer mehr Nazi-Sprache setzt sich durch („Umvolkung“, „Überfremdung“, „Volkstod“ etc.). Die Rassisten streben die „Homogenität“ des Volkes an.

In der Bevölkerung halten sich beständig krasse Fehlurteile wie etwa das von der Treuhand, welche die DDR-Bevölkerung zugunsten von West-Unternehmen kalt enteignet habe. Dabei hat der „Spiegel“-Journalist Norbert F. Pötzl gezeigt, dass die meisten Geschäfte, Gaststätten, Hotels, Apotheken, Buchhandlungen und Kinos in ostdeutscher Hand blieben (S. 111). Beliebt sind Sprüche wie „Wir sind aus Cottbus. Und nicht aus Ghana. Wir hassen alle Afrikaner.“ (S. 263)

Mittlerweile gibt es bei einigen Journalisten neue Sichtweisen auf die AfD. So beim Leipziger Büroleiter der „Zeit“. Kern seiner Analyen ist die Überzeugung, „dass wer die AfD ausgrenzt, auch ihre Wähler ausgrenzt – und jene, die darüber nachdenken, vielleicht einmal ihre Wähler zu werden“ (S. 303). Hier hat Kraskes Buch seine wichtigste Stärke, wo er solchen Perspektiven widerspricht: „Wer sie wählt, entscheidet sich bewusst für völkischen Nationalismus, Rassismus und Verachtung der parlamentarischen Demokratie und ihrer Repräsentanten.“ (S. 238) „Nein, man muss kein Neonazi sein, um AfD zu wählen. Aber für rechtsradikale Inhalte zu stimmen, ist auch dann falsch, wenn man kein Neonazi ist.“ (S. 304)

Kraskes Alternative besteht zunächst darin, an die Gemeinsamkeit von uns Demokraten zu appellieren. „Dass wir andere Sichtweisen aushalten müssen, Kompromisse oft Millimeterarbeit sind. Und dass wir in dieser polarisierten Zeit nicht auf schnelle Übereinkünfte hoffen können, so dringend wir eine Verständigung über Gemeinsamkeiten und deren Grundlagen auch brauchen.“ (S. 298) „Nach jahrelangen medialen und politischen Rückzugsgefechten mit Verständnis für offenen Rassismus und aggressive Fremdenfeindlichkeit, für Pegida und ‚Asylkritiker‘, müssen Politiker, Vereine, Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmen und Kulturschaffende nun unmissverständlich klarstellen, dass unsere demokratische Gesellschaftsordnung nicht nur eine mehr oder weniger erträgliche Notlösung ist, sondern die beste und lebenswerteste der deutschen Geschichte.“ (S. 316) Kraske fordert ein Ende der Beschwichtigungen (des Appeasements). In Chemnitz 2018 war der Rechtsstaat noch vor Rechtsextremisten zurückgewichen.

Die AfD will unser System zerstören. Ihre Mitglieder meinen, was sie sagen (Höcke, Gauland, Weidel). Auf dem Kyffhäusertreffen 2017 lobte Alexander Gauland ausdrücklich die Heldentaten deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen. „Der Riss kommt von rechts. Da wird gedroht, zu jagen und zu ‚remigieren‘, kursieren Umsturzfantasien und Feindeslisten, werden Morddrohungen und Beleidigungen ausgesprochen, folgen Hassworten längst Gewalttaten. Diese Enthemmung gilt es nicht zu besänftigen, sondern ihr muss konsequent die rechtsstaatliche Grenze aufgezeigt werden.“ (S. 337)

Michael Kraske weist den Journalisten ihre Funktion zu: „Es ist ihre Aufgabe, den Zusammenhang zwischen verbaler Enthemmung, Homogenitätsideologie und Gewalttaten aufzuzeigen.“ (S. 310)

Sein Fazit: „In letzter Zeit führe ich immer wieder Gespräche mit Menschen, die sich auf eine Zeit ‚danach‘ einstellen. Nicht irgendwo in Ungarn, sondern hier im deutschen Osten, in Leipzig. Staatsanwälte, die fürchten, demnächst möglicherweise Anweisungen von einem AfD-geführten Justizministerium umsetzen zu müssen. Journalisten, die für den MDR arbeiten und sich fragen, ob es ihnen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin möglich sein wird, kritisch zu berichten. Oder ob überhaupt. Regisseure und Intendanten, die fürchten, dass ihren Bühnen der Geldhahn zugedreht wird, wenn sie weiter moderne, gesellschaftskritische Theaterstücke aufführen. Es sind Gespräche, die ich vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Aus vielen spricht Angst. Doch Angst lähmt. Ja, es geht um alles. Um unsere Schulen und Gerichte, Medien und Vereine, Bühnen und Parlamente. Um unsere Art zu leben und zu lieben, wen wir wollen. Das alles, ist bedroht. Aber es ist an uns. Was wir miteinander haben, im Westen wie im Osten, ist zu wertvoll, um klein beizugeben.“ (S. 340 f.)

2854: Grüne: Mindestpreis für tierische Produkte

Mittwoch, Mai 20th, 2020

Angesichts der skandalösen Verhältnisse in der Fleischindustrie (u.a. Häufung von Covid-Fällen) verlangen die Grünen zu Recht einen Mindestpreis für tierische Produkte. Sie wollen Schluss machen mit Billigfleisch und der „Massenproduktion von Fleisch zu Dumpingpreisen“. Das System Billigfleisch müsse ein Ende haben (Constanze von Bullion, SZ 19.5.20).

Das ist eine seit langem fällige, richtige Forderung.

2853: Michel Piccoli ist tot.

Dienstag, Mai 19th, 2020

Er hat wahrscheinlich in mehr Filmen gespielt, die nachträglich als Klassiker galten, als ein anderer Schauspieler. Der Franzose Michel Piccoli, der jetzt im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Er passte in die Filme bestimmter Regisseure wie Jean-Luc Godard („Die Verachtung“ 1963), Luis Bunuel („Belle de Jour“ 1967; „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ 1972), Marco Ferreri („Das große Fressen“ 1973) und Claude Chabrol („Blutige Hochzeit“ 1973). In Nanni Morettis „Habemus Papam“ (2011) spielte er dann den Papst. Immer waren es zerrissene, verzweifelte Figuren, die versuchten, sich selbst zu verstehen (Susan Vahabzadeh, SZ 19.5.20).

2852: Mit der Maut lief es richtig schief.

Montag, Mai 18th, 2020

1. Am letzten Donnerstag hat die frühere Leiterin des Mautreferats im Bundesverkehrsministerium, Frau H., im Untersuchungsausschuss ausgesagt.

2. Was sie sagte, hatte es in sich.

3. Die seinerzeitige Leiterin des Mautreferats war anderer Meinung gewesen als der Minister.

4. Von den vier (4) Bietergemeinschaften waren nämlich schon zwei abgesprungen, eine dritte stand kurz davor. So trat es dann ein.

5. Von da an verhandelte das Ministerium nur noch mit dem Anbieter Kapsch und Eventim. Das hielt Frau H. für falsch, weil so die Wirtschaftlichkeit nicht mehr geprüft werden konnte.

6. Das Ministerium eröffnete Kapsch und Eventim die Möglichkeit, die Infrastruktur der Lkw-Maut mitzubenutzen. Darin sieht der Bundesrechnungshof einen schweren Verstoß gegen das Vergaberecht.

7. „Nach Zuschlagserteilung“, so Frau H., „hat der entsprechende Bieter grundsätzlich einen Anspruch auf den entgangenen Gewinn, bei dem es sich um einen dreistelligen Millionenbetrag handeln kann.“ Das Ministerium wusste also bereits im August 2018 Bescheid.

8. Das Ministerium versuchte, Toll Collect, den Betreiber der Lkw-Maut, auch die Pkw-Maut einziehen zu lassen. Toll Collect sagte ab.

9. Vergaberechtlich war das Ministerium unrechtmäßig vorgegangen.

10. Für die Leiterin des Maut-Referats, Frau H., war die Verhandlung mit nur einem Anbieter ausdrücklich keine Option (Mathias Kamann, Die Welt 16.5.20)

Conclusio: Der verantwortliche Minister, Andreas Scheuer (CSU), muss schnellstens zurücktreten.

2851: Rolf Hochhuth ist gestorben.

Freitag, Mai 15th, 2020

Sein „Stellvertreter“ (1963) brachte ihm den Weltruhm, von dem Rolf Hochhuth wusste, dass er ihn nie wieder erreichen würde. Danach hatte Papst Pius XII. es unterlassen, den italienischen Juden zu helfen, obwohl er von Mordabsicht der Nazis wusste. Hochhuth hatte ausführlich in Rom dafür recherchiert und dabei kundige Informanten gefunden. Nach der gegenwärtigen Forschung im Vatikan (2020) hat der Papst noch andere politische Sünden begangen. Mittlerweile ist der berühmte Autor Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben.

Der aus dem Exil zurückgekehrte Erwin Piscator hatte den Stoff für die Bühne präpariert. Der Skandal rief in Deutschland auch große Ablehnung hervor. Aber Hannah Arendt etwa ging ins US-Fernsehen, um dem damals 33-jährigen Autor beizustehen. Hochhuth, der ursprünglich den Bertelsmann-Lesering geleitet hatte, wuchs in seine Rolle als „Skandalnudel“ hinein. So mit den „Soldaten“ (1967) über die Bombardierung deutscher Städte, in dem Winston Churchill den polnischen Ministerpräsidenten Sikorski hat abstürzen lassen, um Stalin den Weg freizumachen.

Hochhuth wurde der Schreiber zahlreicher offener Briefe und bedeutungsloser Gedichte. Er stürzte den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger (CDU) 1978. Der hatte noch nach der Kapitulation 1945 als Marinerichter an Todesurteilen mitgewirkt („Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“).

Rolf Hochhuth hat ein großes Verdienst darin, dass er sich für den Hitler-Attentäter Georg Elser eingesetzt hat, einen Einzelgänger, dessen Bombe in München 1938 rechtzeitig detoniert war, nur hatte Hitler den Schauplatz verfrüht verlassen. 2011 wurde das Elser-Denkmal in Berlin aufgestellt.

Rolf Hochhuth hatte nach der Wiedervereinigung das Theater am Schiffbauerdamm von seinem jüdischen Vorbesitzer gekauft, in dem Brechts Berliner Ensemble mustergültige Brecht-Aufführungen inszeniert hatte, Highlights der deutschen Theatergeschichte. Dort wurden dann auch Hochhuth-Stücke aufgeführt (Willi Winkler, SZ 15.5.20).