Archive for the ‘Philosophie’ Category

2959: Hans-Jochen Vogel ist gestorben.

Montag, Juli 27th, 2020

Mit 94 Jahren ist Hans-Jochen Vogel (SPD) gestorben. Er war Bürgermeister von München und Berlin, Bau- und Justizminister in Bonn, Kanzlerkandidat, Fraktionsvorsitzender im Bundestag und Parteivorsitzender. Der Jurist galt als Technokrat und Macher, er hat das Bild seiner Partei nach 1945 maßgeblich mitgeprägt. Früh nahm er Abschied vom Leitbild der autogerechten Stadt und holte die Olympischen Spiele 1972 nach München. Die wurden dann von einem palästinensischen Terroranschlag überschattet. Hans-Jochen Vogel war zur Stelle, wenn seine Partei ihn rief. Pflichterfüllung war sein Markenzeichen (SZ 27.7.20; Wolfgang Görl, SZ 27.7.20; Heribert Prantl, SZ 27.7.20).

2958: Rechtschreibung: Hohe Hürde für den Polizeidienst

Sonntag, Juli 26th, 2020

1. Der Polizeidienst ist in Deutschland sehr beliebt. In NRW standen 2019 10.000 Bewerber 2.500 Plätzen im gehobenen Dienst gegenüber.

2. Hauptschüler kommen dafür nicht in Frage, nur Gymnasiasten und Realschüler. In NRW braucht man einen Bachelor-Abschluss.

3. Überall ist ein dreitägiger Eingangstest zu bewältigen.

4. Erster Tag: Rechtschreibung, Grammatik, Mathematik, Reaktionsschnelligkeit. Zweiter Tag: Ein Thema muss bearbeitet werden.

5. Die Polizei Niedersachsen hat auf ihrer Homepage einen Übungstest eingestellt, bei dem Gesichter und Namen gemerkt, Zahlenreihen ergänzt und Rechtschreibfehler erkannt werden müssen.

6. Dennoch scheitert in Niedersachsen jeder zweite Bewerber.

7. Die Achillesferse für die meisten Bewerber ist die Rechtschreibung. Die Durchfallquote liegt bei 30 Prozent.

8. Gefolgt von Intelligenztest und Referat mit 27 Prozent.

9. 20 Prozent der Abiturienten und 45 Prozent der Bewerber mit mittlerer Reife scheitern am Diktat.

10. Die sportlichen Anforderungen haben nur sechs (6) Prozent nicht erfüllt (dpa, Die Welt 25.7.20).

2957: Das deutsche Volk bewies 1990 Vernunft.

Samstag, Juli 25th, 2020

Reinhard Mohr hat den Vorteil, dass er als ehemaliger Linker die Verirrungen der einschlägigen Intellektuellen besser und schärfer be- und verurteilen kann als andere. Er zeigt (Die Welt 25.7.20), dass Autoren wie

der Schriftsteller Günter Grass und der Philosoph Jürgen Habermas

die Vereinigung Deutschlands vor 30 Jahren nie wollten.

Der Soziologe Oskar Negt und der „postsozialistische Wendehals“ Gregor Gysi

stellten ab auf das „unsterbliche Ideal des Sozialismus“ und die „sozialistische Renaissance“.

Schon 1990 fragte Monika Maron, die den real existierenden Sozialismus besser kannte als die Sozialisten aus dem Westen, zurück, warum denn, bitte schön, nur die DDR die angeblich von „der Geschichte“ verhängte Kollektivstrafe absitzen musste. Grass tat so, als sei es uns „auferlegt“, „in zwei Staaten zu leben“. Auf der Linken kam schnell die Parole auf „Nie wieder Deutschland“, die Rede war von „nationalem Taumel“, von „Hinrichtungsvorbereitungen“ und vom „Vierten Reich“. Darauf konnten und können wir komplett verzichten.

„Das Resümee 30 Jahre später: Sieht man von den Rechts- wie Linksterroristen aller Couleur ab, von durchgeknallten Reichsbürgern, depperten Vollautonomen, verwirrten Aluhutträgern, Islamisten, Erdogan-Fans, Putin-Apologeten und Sektenpredigern, dann hat das deutsche Volk einschließlich aller Neubürger weitaus mehr Vernunft bewiesen als alle jene Kulturschaffende, deren Hauptaufgabe schon von Berufs wegen das klare Denken sein müsste. Wenn das nicht Mut zur Zukunft macht.“

Bei manchen Protagonisten frage ich (W.S.) mich, wie viel tausend Seiten sie eigentlich schreiben müssen, um zu belanglosen Ergebnissen zu gelangen oder sich vollkommen zu irren. Seien wir froh, dass sie politisch keinen allzu großen Einfluss haben. Ihre Verweigerung der Wiedervereinigung Deutschlands korrespondiert wohl am ehesten mit denjenigen, welche die Bundesrepublik Deutschland insgesamt ablehnen.

2956: Die Nazis kamen aus allen Schichten.

Freitag, Juli 24th, 2020

Der Politologe Prof. Dr. Jürgen W. Falter hat Zeit seines Berufslebens über die Struktur der NSDAP geforscht. 2012 wurde er emeritiert. In einer Publikation aus dem Jahr 1991 formulierte Falter sein Fazit folgendermaßen:

„Volkspartei des Protestes mit Mittelstandsbauch“.

Das modifiziert Falter in seiner neuesten Publikation zum Thema:

Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Frankfurt (Campus) 2020, 584 S., 45 Euro.

Er gleicht seine Daten mit gängigen Theorien ab: „Panik des Mittelstands“, „Extremismus der Mitte“. Er gelangt zu dem Schluss, dass zu jeweils bestimmten Phasen einige Theorien besser passen, aber niemals für die komplette Zeit (Robert Probst, SZ 22.6.20).

Christian Staas hat Jürgen W. Falter interviewt (Die Zeit, 25.6.20):

Zeit: Aus welchen sozialen Milieus rekrutierte die Partei ihre Mitglieder?

Falter: Aus allen. Sie war, wenn man so will, die erste deutsche Volkspartei. Auch damit widersprechen die Daten einer gängigen These – dass die NSDAP ganz überwiegend eine Mittelstandspartei gewesen sei. Diesen Befund muss man zumindest relativieren, denn mit bis zu 40 Prozent hatten auch die Arbeiter einen hohen Anteil. … Überproportional vertreten waren Angestellte und Beamte. Rund 60 Prozent aller Beamten dürften in der Partei gewesen sein, darunter auffallend viele Lehrer.

Zeit: Nur wenige Hundertprozentige, sozialer Druck, Opportunismus – Ihr Blick auf „Hitlers Parteigenossen“ fällt recht nachsichtig aus.

Falter: Es geht um Differenzierung, nicht um Nachsicht. Und nur weil jemand opportunistisch gehandelt hat, spricht ihn das noch lange nicht davon frei, als Partreimitglied das Regime gestützt zu haben. Es wäre außerdem irreführend, zu meinen, „echte Nazis“ seien nur in der NSDAP zu finden gewesen. Vor allem aber gab es sehr viel mehr Deutsche, die dem Regime zugestimmt haben, als die Partei Mitglieder hatte. Wie viel Schuld einer auf sich geladen hat, lässt sich nur im Einzelfall und gewiss nicht allein anhand des Parteiausweises bestimmen. Der individuelle Handlungsspielraum war im Guten wie im Schlechten größer, als viel im Nachhinein glaubten.

 

2955: Zipi Livni kritisiert Israels Politik.

Donnerstag, Juli 23rd, 2020

Zipi Livni war von 2006 bis 2009 Israels Außenministerin, später auch Justizministerin. 2008 bis 2012 war sie Vorsitzende der Kadima-Partei. In einem Interview mit Susanne Knaul (taz 18./19.7.20) kritisiert sie die aktuelle israelische Politik:

„Eine Annexion steht im Widerspruch zu den israelischen Interessen, sie beeinträchtigt die Möglichkeiten, zu einer Einigung mit den Palästinensern und überhaupt mit der arabischen Welt in der Region zu kommen.“

„Die einzige Lösung kann nur ein Staat für jedes Volk sein. Eine gerechte Lösung für die Palästinenser und für die Juden. Ich will meine Kinder und Enkel nicht vor die Wahl stellen, jüdisch oder demokratisch zu sein.“

„In den letzten Jahren beobachten wir besorgniserregende Entwicklungen, darunter Angriffe gegen die Gerichte, gegen die Medien und grundsätzlich die Rechtstaatlichkeit. Was mir ernsthaft Sorgen bereitet, ist, dass die Annexion innerhalb von nur drei Jahren zu einem Beinahe-Konsens geworden ist und dass die politische Debatte so populistisch ist.“

 

2953: Viele Mediziner können nicht gut kommunizieren.

Mittwoch, Juli 22nd, 2020

1. Im normalen Klinikalltag hapert es häufig mit der Kommunikation.

2. Insbesondere, wenn schwierige oder schlechte Nachrichten zu überbringen sind.

3. Grundregeln: Funkgerät aus/ keine Monologe/ Pausen von mindestens drei Sekunden/ Stille aushalten/ Blickkontakt halten/ Emotionen zulassen.

4. Sich am Ende des Gesprächs versichern, dass der Patient jetzt nicht alleine ist.

5. Nicht vorgaukeln, dass die Chemotherapie den Krebs heilt.

6. Schlechte Kommunikation kann für den Patienten verheerende Folgen haben: Depression, Ablehnung der Therapie, Suizidgedanken.

7. Unzulängliche Kommunikation ist ein Behandlungsfehler.

8. Als Gründe werden in Zeiten der Fallpauschalen genannt: Zeitmangel, ökonomische Vorgaben.

9. „Je schneller ich mit dem Fall fertig bin, desto mehr hat die Klinik verdient.“

10. Besonders häufig unter Burn-out leiden Onkologen ohne kommunikative Kompetenz.

11. Voraussichtlich ab 2025 sollen alle Medizinstudenten im Staatsexamen eine praktische Prüfung in Kommunikation absolvieren.

12. Bisher sind Kommunikations-Trainings die Ausnahme.

13. Sinnvoll wären solche Kommunikations-Kurse in der Facharztausbildung und als Pflichtfortbildung.

14. Gute Kommunikation ist eine Leistung, die honoriert werden kann.

15. Am Ende bringt gute Kommunikation ökonomische Vorteile (Ilka aus der Mark, SZ 18./19.7.20).

2951: Olaf Scholz (SPD) wegen Wirecard unter Druck

Montag, Juli 20th, 2020

Als Finanzminister hat Olaf Scholz (SPD) seit langem eine sehr gute Figur gemacht. In der Corona-Krise besonders. Einschließlich der überzeugenden Auftritte im Fernsehen. Er hat sich als Kanzlerkandidat in Stellung gebracht. Nun kommt er wegen Wirecard unter Druck, weil er seit eineinhalb Jahren vom Verdacht der Marktmanipulation, Geldwäsche und irreführenden Rechnungslegung wusste. Der Sachstandsbericht seines Ministeriums ist die Bestandsaufnahme eines jahrelangen, kollektiven Versagens.

Seit 2008 hatte es kritische Presseberichte gegeben. Aber weder Scholz‘ Vorgänger Wolfgang Schäuble (CDU) noch Scholz selbst haben es für nötig gehalten, die schwelende Affäre an sich zu ziehen. Dabei mussten sie doch durch die Skandale um Geldwäsche und Zinsmanipulation bei der Deutschen Bank gewarnt sein. Scholz‘ Staatssekretär hat noch am 27. Juni 2019 bei der chinesischen Regierung für Wirecard geworben (Kerstin Gammelin, SZ 18./19.7.20).

2950: Äbtissin wegen Kirchenasyl vor Gericht

Montag, Juli 20th, 2020

Erstmals in Bayern muss sich die Äbtissin des Klosters Kirchschletten (Oberfranken) vor Gericht verantworten, weil sie ein Kirchenasyl gewährt hatte. Die Staatsanwaltschaft Bamberg hat Anklage erhoben wegen „Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt“. Die Äbtissin habe die Rücküberstellung einer ausreisewilligen Frau aus Eritrea nach Italien verhindert (SZ 20.7.20).

2949: Europa muss sich selbst verteidigen (können).

Sonntag, Juli 19th, 2020

Angesichts der EU-Haushaltsberatungen hat eine Gruppe von europäischen Abgeordneten unter Führung der ehemaligen französischen Ministerin Hélène Conway-Mouret, des außenpolitischen Sprechers der SPD im Bundestag, Nils Schmid, und des ehemaligen polnischen Außenministers, Radoslaw Sikorski, gefordert, die europäischen Verteidigungsanstrengungen zu erhöhen, weil auf die USA in der NATO kein Verlass mehr ist.

1. Bisher sind die Ausgaben für Verteidung in der EU von 13 Milliarden Euro über sieben Jahre auf etwa 6 Milliarden Euro vermindert worden.

2. Für Themen wie Resilienz (Widerstandsfähigkeit) und öffentliche Gesundheit bekommt man in der EU leichter Geld als für Verteidigung.

3. Die Corona-Gesundheitskrise kommt zu den bereits gegebenen Bedrohungen dazu. Eine besondere Instabilität besteht an den Grenzen Europas.

4. Russland setzt sein aggressives Auftreten (Ukraine, Krim, Syrien u.a.) fort. Gegen Europa sind besonders Desinformationskampagnen und Cyberangriffe gerichtet.

5. Die Gesundheitskrise hat die Konfrontation zwischen den USA und China verschärft.

6. Die USA haben ihre Rolle als weltweite Führungsmacht aufgegeben und vernachlässigen die Sicherheit Europas.

7. „In diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit der Europäer, sich selbst zu verteidigen, dringlicher denn je geworden.“ (Die Welt, 18.7.20)

Ergänzung W.S.: Die deutschen Grünen und Linken haben das noch nicht erkannt. Sie betreiben eine falsche Verteidigungspolitik.

2948: Universalismus versus Identitätspolitiken

Sonntag, Juli 19th, 2020

Mark Siemons unternimmt in der FAS (19.7.20) den Versuch, angesichts des um Rassismus tobenden Kampfes unter Intellektuellen und Publizisten eine brauchbare Unterscheidung zwischen Universalisten und Identitätspolitikern vorzunehmen. Das bringe ich in meine Kategorien und meine Sprache:

1. Angeblich wird der Universalismus (der Menschenrechte) vertreten von alten, heterosexuellen, weißen Männern, welche die Macht nicht abgeben wollen.

2. Angesichts der Unterdrückung von Menschengruppen darauf zu bestehen, dass wir vorgeblich alle gleich sind, bedeutet die Beibehaltung der Unterdrückung.

3. Wer den Rassismus bekämpfen will, muss die Perspektive derjenigen einnehmen, die dem Rassismus ausgesetzt sind.

4. Zugleich ist offensichtlich, dass sich selbst die antiuniversalistische Identitätspolitik einem zutiefst universalistischen Antrieb verdankt, dem Ziel, allen Menschen gleiche Rechte zu sichern.

5. Wenn die „Identität“ zum Selbstzweck wird, besteht die Gefahr der Re-Essenzialisierung.

6. In „Harper’s Magazine“ haben 153 prominente Intellektuelle beklagt, dass „auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse“ gestärkt würden, „die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen“.

7. Zu den Unterzeichnern gehören Noam Chomsky (* 1928) und Salman Rushdie (* 1947).

8. Anscheinend gibt es zwischen dem Universalismus der Redefreiheit und dem identitätspolitischen Machtkampf um Sprecherrollen keine Vermittlung mehr.

9. Die Universalisten sagen: „Schlechte Ideen besiegt man, indem man sie entlarvt, durch Argumente und Überzeugungsarbeit, nicht durch den Versuch, sie zum Schweigen zu bringen oder sie wegzuwünschen.“

10. In Deutschland ist die „tageszeitung“ (taz) gespalten in junge (unter 40) Identitätspolitiker und alte (über 40) Verfechter der Solidarität (Universalismus).

11. Für die Jüngeren ist die wichtigste Frage: Wer spricht?, für die Älteren: Wer hat recht?

12. Der herrschaftsfreie Diskurs wird durch die in ihm enthaltenen Machtkategorien angefochten.

13. Der Universalismus wurde vom Poststrukturalismus eines Michel Foucault (1926-1984) und eines Jacques Derrida (1930-2004) bekämpft.

14. Dadurch kam es zu einer Veränderung der Blickrichtung weg vom selbstbestimmten, souveränen Subjekt namens „Mensch“ hin zu anonymen Strukturen.

15. Der Begründer der „Cultural Studies“, Stuart Hall (1932-2014), hat darauf hingewiesen, dass die Identitäten schließlich zugunsten eines „Gemeinsamen“ wieder dekonstruiert werden müssen.

Kommentar W.S.: Als alter, heterosexueller, weißer Mann habe ich praktisch keine Chance. Ich bleibe rettungslos in dem alten, menschenrechtlich (1776) fundierten Universalismus befangen.