Archive for the ‘Philosophie’ Category

2974: Was halten wir eigentlich von der Kleinfamilie?

Dienstag, August 4th, 2020

Thomas Steinfeld stellt in der SZ (28.7.20) Überlegungen zur Kleinfamilie an, die ich um einige Gedanken ergänze.

1. Alva und Gunnar Myrdal, die schwedischen, sozialdemokratischen Sozialforscher, dekretierten 1935: „Dass ein erwachsener Mensch, meistens die Mutter, die Tage zu Hause und mit der Aufsicht von ein oder zwei Kindern verbringen sollte, erscheint als mehr oder minder unangemessen.“

2. In der Coronakrise hat die Kleinfamilie, meistens die Mütter, Aufgaben übernommen, die vorher anders erledigt wurden.

3. Zu meiner Studienzeit (1968-1972) erschien vielen Studierenden die Kleinfamilie als Kernzelle des Faschismus.

4. „Schlüsselkinder“ wurden in der BRD bedauert und in der DDR als Zeichen des Fortschritts verstanden.

5. Immer noch geistert das Märchen herum, in der DDR habe es für Frauen mehr Chancen gegeben als in der BRD.

6. Die Corona-Krise kann von wohlhabenden Eltern, die sich Haushaltshilfen, Therapeuten und Nachhilfelehrer leisten können, besser bewältigt werden als von anderen, so der US-Journalist David Brooks.

7. Generationen folgen seit den neunziger Jahren in Abständen von fünf Jahren oder weniger aufeinander.

8. Weltanschauung, Habitus und Stil sind an die Stelle der Genealogie getreten.

9. „Am Ende tragen die Eltern die gleiche Kleidung wie die Kinder, reden dieselbe Sprache, hören dieselbe Musik, sodass die Kleinfamilie sich gleichsam von innen heraus in eine Wohngemeinschaft verwandelt …“

10. „Zugleich entpuppt sich das Heranziehen von Kindern nicht nur als teures und im Resultat höchst unsicheres Unterfangen, selbst wenn die Eltern beieinander bleiben sollten.“

11. Alva und Gunnar Myrdal (1935): Die Familie sei „eines vorsichtigen Umgangs nicht wert und verlange nach einer radikalen Operation“.

12. Dann können ja die alle froh sein, die nicht in der Kleinfamilie leben müssen: die Alleine-Lebenden, die Allein-Erziehenden, die Alten-WGs usw. usf. Ich gratuliere.

2972: Netanjahu gegen israelische Medien

Dienstag, August 4th, 2020

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat israelischen Medien vorgeworfen, zu Protesten gegen ihn anzustiften. Sie machten für die Proteste geradezu Werbung. Dagegen würden die Medien Morddrohungen gegen ihn und seine Familie verschweigen.

Netanjahu verhält sich wie andere Rechtspopulisten auch: die Medien sind an allem schuld (SZ 3.8.20).

2968: DFG löscht Beitrag von Dieter Nuhr.

Sonntag, August 2nd, 2020

Für den Kabarettisten Dieter Nuhr, 59, bedeutet Wissenschaft, eine „begründete Meinung zu haben“. „Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert.“ Wissenschaft sei „die einzig vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

Das sehen nicht alle so.

Sie fühlen sich von Dieter Nuhr durch seine Kritik in einem Kommentar bei der DFG an Klimaaktivisten provoziert. Sie bezeichnen ihn als „Wissenschaftsleugner“ und nennen ihn in einem Atemzug mit dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen. Sie kritiseren die DFG, weil sie Dieter Nuhr die Möglichkeit zu einem Kommentar eingeräumt hat. Die DFG ist eingeknickt und hat Nuhrs Kommentar gelöscht.

Da rufen andere „Zensur“.

Für Dieter Nuhr ist die Löschung „nicht nur merkwürdig, sondern geradezu alarmierend“. „Es wurde bereits des Öfteren versucht, mich als Wissenschaftsfeind darzustellen, weil ich oft darauf hinweise, dass der Begriff der Wissenschaft nicht missbraucht werden darf, um eine absolute Wahrheit zu proklamieren“. Auch unter Klimawissenschaftlern gebe es zahllose gut begründete Szenarien. „Diese Tatsache zu erwähnen hat mir viel Ärger eingebracht. Es gibt weltweit – Stichwort cancel culture – zunehmend mächtiger werdende Versuche, kritische Stimmen mundtot zu machen. Die DFG hat sich dem nun angeschlossen. Das ist sehr bedenklich.“

In einem Brief an die DFG formuliert Dieter Nuhr: „Die DFG unterwirft sich den Krawallmachern, die im Internet systematisch an der Unterdrückung kritischer Stimmen arbeiten, die in der Mitte des politischen Spektrums stehen.“ (Curd Wunderlich, Welt 1.8.20)

Kommentar W.S.: Dieter Nuhr hat vollkommen recht.

2966: „Frankfurter Rundschau“ 75 Jahre alt

Sonntag, August 2nd, 2020

Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist 75 Jahre alt. Ihre erste Ausgabe erschien am 1. August 1945. Gegründet von sieben Männern, die mit der Nazi-Lügenpresse schnellstens aufräumen wollten. Unter dem ab 1954 alleinigen Herausgeger und Chefredakteur Karl Gerold (1906-1973) wurde daraus das linksliberale Blatt in Deutschland. Zunehmend und zusätzlich verankert im akademischen und studentischen Milieu, basierend auf einer guten regionalen Vernetzung im Rhein-Main-Gebiet (Chefredakteur Thomas Kaspar, FR 1./2.8.20)

1946 schrieb Karl Gerold in einem Leitartikel: „Was wir brauchen, ist nicht nur eine geistige Elite, welche diesen Namen wirklich verdient. Vor allem brauchen wir heute ruhige, rechtlich denkende Männer und Frauen, die den Mut aufbringen in aller Öffentlichkeit wie im privaten Kreise, aus eigener Initiative auf das hinzuweisen, was notwendig ist. Männer und Frauen, die ein festes Ja und ein festes Nein in den Dingen des persönlichen und öffentlichen Lebens zu setzen vermögen und dazu stehen können.“ (FR 1./2.8.20)

Die FR nahm in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auch ökonomisch eine positive Entwicklung. Die verkaufte Auflage stieg stetig. Aber es gab auch angesichts der wachsenden Konkurrenz wirtschaftliche Probleme, die 2006 einen Verlagswechsel nach sich zogen. Gerolds Nachfolger bei der FR von 1973 bis 1992 war Werner Holzer (1926-2016). Er war gestartet als Auslandskorrespondent und wurde führend in der „Dritte-Welt“-Berichterstattung. Bei ihm finden wir schon Auseinandersetzungen mit der Weltwirtschaftsordnung, mit Globalisierung und Kolonialismus, wie sie heute allmählich durchgesetzt werden. Die FR war lange Zeit auf diesen Feldern das führende Blatt.

Wir können uns nur wünschen, dass diese Stimme noch lange zu hören ist und gehört wird.

(Gewidmet Angela und Edgar Heunisch, Adelebsen).

 

2965: USA ziehen 12.000 Soldaten ab.

Donnerstag, Juli 30th, 2020

Die USA ziehen 12.000 von 36.000 Soldaten aus Deutschland ab. Das ist militär-strategisch zwar falsch, aber es geht gar nicht um Strategie, sondern Donald Trumps Wahlkampf. US-Verteidigungsminister Mark Esper war dazu eingeteilt, das Ganze politisch-diplomatisch zu verkleistern. Auch er bezieht sich darauf, dass Deutschland nicht 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung ausgibt, sondern 1,38.

Das militärische Hauptquartier wird von Stuttgart nach Mons/Belgien verlegt (Christian Zaschke, SZ 30.7.20). Alles nicht so schlimm. Eine Verlegung nach Polen wäre wegen des russischen Aggressors sogar sinnvoll gewesen. Aber wir können bei der Verfassung von Trumps Wählerschaft nicht einmal wissen, ob sie überhaupt weiß, wo Polen liegt. Die Hauptleidtragenden des Vorgangs sind die deutschen Zivilangestellten der USA. Darum kümmert sich nun die deutsche Politik.

Die US-Truppenverlegung soll angeblich binnen Wochen vor sich gehen. Das ist unmöglich. Außerdem wird sie sehr teuer. Das ist Trump alles egal. Tatsächlich ist es so, dass die EU sich von den USA militärpolitisch lösen muss. Da müssen dann noch mehr als zwei Prozent unserer Wirtschaftsleistung für Verteidigung ausgegeben werden. Die linken Pazifisten wollen das nicht (Grüne, Linke). Aber während die Grünen noch einigermaßen glaubhaft erscheinen, sind die Linken moralisch verkommen. Sie verteidigen nämlich die russische Annexion der Krim.

2964: Jeder vierte Deutsche hat einen Migrationshintergrund.

Mittwoch, Juli 29th, 2020

Jeder vierte Einwohner hat in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die Zahl stieg im letzten Jahr erstmals über 21 Millionen Menschen. Das waren 26 Prozent der Bevölkerung. Der Zuwachs hat sich abgeschwächt. Er lag gegenüber dem Vorjahr mit 2,1 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit 2011 (dpa, SZ 29.7.20).

2963: Deutsche trennen ihren Müll falsch.

Mittwoch, Juli 29th, 2020

Jeder Deutsche entsorgt im Schnitt 128 Kilo Restmüll im Jahr. Aber nur ein knappes Drittel dessen, was gemessen am Gewicht in den Restmülltonnen landet, gehört da auch hin. Bei 50 Kilo pro Kopf im Jahr handelt es sich stattdessen um Garten-, Küchen- und Essensabfälle. Sie müssen in der Biotonne entsorgt werden, um anschließend zu Kompost und Biogas weiter verarbeitet werden zu können.

Der zweite große Fehlwurf entfällt auf Wertstoffe wie Altpapier, Altglas und Kunststoffe. Vor allem vom Kunststoff wird vieles über den Restmüll entsorgt. Insgesamt 700.000 Tonnen Plastik entgehen so dem deutschen Recyclingsystem. Das entspricht 8,6 Kilo Kunststoff pro Kopf. Bewohner von Städten trennen ihren Müll tendenziell schlechter als Menschen auf dem Land (Sz 29.7.20).

2962: „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ reformieren.

Dienstag, Juli 28th, 2020

Nach einer von Kulturtaatsministerin Monika Grütters vor zwei Jahren beim Wissenschaftsrat in Auftrag gegebenen Evaluation soll die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ reformiert werden. Heute umfasst die SPK 15 Museumssammlungen, die Staatsbibliothek, das Ibero-Amerikanische Institut, das Institut für Musikforschung und das Preußische Staatsarchiv. Das Haus mit seinen 2.000 Mitarbeitern soll in vier selbständige Einheiten verwandelt werden. Der SPK-Präsident Hermann Parzinger unterstützt die Reformvorschläge. Die Museen arbeiten bisher unterhalb ihres Potentials, die Sammlungen können sich auch im Vergleich mit London und Paris sehen lassen, erreichen aber zu wenig Publikum.

Preußen wurde 1947 vom Alliierten Kontrollrat aufgelöst, weil in ihm ein Wegbereiter des Nationalsozialismus gesehen wurde. Völlig zu Recht. Für Hitler war Preußen allerdings eher ein Hindernis. Die Bundesrepublik und die Bundesländer übernahmen die Verantwortung vor der Geschichte. Preußen gehört zur deutschen Vergangenheit. So oder so. Die SPK organisierte so etwas wie ein „kulturelles Gedächtnis“. Das wurde insbesondere nach der Wiedervereinigung 1990 eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Die Mitte Berlins wurde neu erfunden. 1980 hatte es in der Bundesrepublik und in der DDR bereits eine Preußen-Renaissance gegeben. Dafür standen eine Preußen-Ausstellung und die Aufstellung des Reiterstandbilds von Friedrich dem Großen Unter den Linden.

„Das Preußen nicht des Generalstabs, sondern das der Reformer Stein und Hardenberg und der Weltgelehrten Alexander und Wilhelm von Humboldt wurde zur Bezugsgröße der neu geschaffenen Republik, für die Museumsinsel genauso wie für den Reichstag.“ (Ijoma Mangold, Die Zeit 16.7.20)

Insofern ist eine Reform der SPK möglich, ohne Preußen zu verleugnen. Es gehört zur deutschen Geschichte. Wer Preußen exorziert, kann sich mit der Vergangenheit nicht mehr kritisch auseinandersetzen. „Diesen Gedächtnisverlust können wir nicht wollen.“

2961: BER ist fertig.

Dienstag, Juli 28th, 2020

Der Berliner Flughafen (BER) sollte am 24. Mai 2012 eröffnet werden. Nun, am 31. Oktober 2020, ist es wahrscheinlich so weit. Zwischendurch gab es Probleme mit der Sicherheitsinstallation und weitere Pannen, Undurchsichtigkeiten und Absurditäten. Das „German Engineering“ hatte versagt. Wie schon beim Stuttgarter Bahnhofsloch, dem Schummel-Diesel und der Elb-Philharmonie.

In Istanbul wurde ein Großflughafen in vier Jahren errichtet. Aber der ist mit dem BER kaum zu vergleichen. „Berlins neuer Flughafen ist eine perfekt konzipierte, perfekt konstruierte Maschine.“ Die Architekten Gerkan, Marg und Partner (gmp) sind dafür verantwortlich. Vorfeld, Terminal und die Airport City mit den peripheren Nutzungen (Parkhäuser, Hotels, Firmengebäude)  liegen zwischen den beiden Landebahnen. Wachstum ist geplant, damit es keinen Wildwuchs gibt wie in Heathrow. Alle Maße entsprechen dem Grundmodul von 1,25 Metern. Bis hin zum Achsmaß der Flugzeugpositionen (43,75 Meter).

Elegantes Design prägt die Atmosphäre. Mit gedeckten Farben. Plakatflächen und Transparente sind in das Gestaltungssystem eingebunden. Die kurzen Wege von Tegel sind hier nicht zu erreichen. Trotzdem gibt es vergleichsweise kurze Strecken. Man steigt im Untergrund aus dem Zug, fährt zwei Rolltreppen hoch auf die Abflugebene und findet sich direkt in der Halle zum Check-in wieder. Der Passagier erkennt seinen Weg fast intuitiv. Die Gates richten sich nach den Flugzeugen der Kategorie C, Kurz- und Mittelstreckenmaschinen. Sie machen 90 Prozent der Flugzeuge aus.

Ziel ist ein Standzeit von 30 Minuten. Angestrebt ist die „bestorganisierte Gepäckabfertigungshalle“. Abgabeschalter werden nicht von den Airlines, sondern vom BER betrieben. 8.000 Gepäckstücke haben auf den Parkbändern in der mit 100 mal 180 Meter Abmaßen rekordverdächtigen vollautomatisierten Verteilerhalle Platz.

BER hat das Zeug dazu, aus den Schlagzeilen zu kommen (Falk Jaeger, FAZ 25.7.20).

2960: SPD-Kanzlerkandidat: Olaf Scholz

Dienstag, Juli 28th, 2020

Seit Monaten sprechen sich SPD-Spitzenpolitiker wie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer für Olaf Scholz als Kanzlerkandidat aus. Über die Massenmedien findet zur Zeit eine Art inoffizielle Abstimmung für Scholz statt. Das gegenwärtige SPD-Spitzenduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans hatte Scholz im innerparteilichen Wettbewerb noch als Grund für die Probleme der Partei genannt. Deutlicher kann ihr Scheitern nicht werden. Mit solchen Lagen kennt die SPD sich aus. Am Schwielowsee wurde 2008 Kurt Beck geschasst. Aber heute bewegt sich die Partei bei 15 Prozent. Für seinen Wahlkampf braucht Olaf Scholz eine Partei, in der Gegner und Befürworter einigermaßen in Frieden leben (Mike Symanski, SZ 28.7.20).