Archive for the ‘Philosophie’ Category

3177: Nord Stream 2 wird weitergebaut.

Sonntag, Dezember 13th, 2020

Die Gasleitung Nord Stream 2 wird weitergebaut. Das Schiff Fortuna verlegt einen 2,6 km langen Leitungsabschnitt der deutschen Wirtschaftszone. Alle Bautätigkeiten erfolgen im Einklang mit den Genehmigungen. Über weitere Arbeiten auf See werde später informiert. Die Ostsee-Verbindung ist weitgehend fertiggestellt (FAZ 12.12.20).

3176: Schmutziges Sommermärchen

Samstag, Dezember 12th, 2020

Es erhärtet sich der Verdacht, dass die Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland mit unlauteren Mitteln erreicht wurde. Entsprechende Daten liegen der SZ und dem „Spiegel“ vor. Danach hat

Leo Kirch

gemeinsam mit der Schweizer Vermarktungsagentur CWL unter Geschäftsführer

Günter Netzer

und mit Wissen des DFB mit dubiosen Methoden Stimmenfang betrieben. Stimmberechtigte Fifa-Mitglieder aus Malta und der Karibik erhielten Provisionen für angebliche Beratungsdienste bei Eishockey-Rechten zugeschanzt. Gleichzeitig sorgte der DFB dafür, dass sich Kirch bei anderer Gelegenheit „eine goldene Nase“ verdienen konnte, wie es in einer Mail vom DFB hieß (SZ 12.12.20).

3175: Woelki zum Rücktritt aufgefordert

Freitag, Dezember 11th, 2020

Kirchenrechtler und Laien fordern den Kölner Kardinal Maria Woelki zum Rücktritt auf. Auslöser ist ein Bericht im „Kölner Stadtanzeiger“, wonach Woelki 2015 trotz Missbrauchsvorwürfen keine Untersuchung gegen einen ihm bekannten Priester in Düsseldorf eingeleitet hatte. Das Erzbistum Köln rechtfertigte das mit dem „sehr verschlechterten Gesundheitszustand“ des beschuldigten Priesters, der 2017 starb. Woelki: „Sollte ich im konkreten Fall Fehler gemacht haben, werden diese klar benannt und ich werde danach handeln.“ Gegen den Priester hätten Voruntersuchungen eingeleitet und der Fall hätte dem Apostolischen Stuhl in Rom gemeldet werden müssen. Inzwischen ist die Rede vom „Fall Woelki“. Zuständig dafür ist als dienstältester Bischof in der Kölner Kirchenprovinz, der Bischof von Münster, Felix Genn.

Das Opfer des Düsseldorfer Priesters hatte sich bereits 2010 beim Erzbistum Köln gemeldet. Er war im Kindergartenalter Ende der siebziger Jahre von dem beschuldigten Priester missbraucht worden. Das erfüllt offenbar den Straftatbestand des „schweren sexuellen Missbrauchs“ (§ 176 a StGB). Das Erzbistum Köln sprach dem Opfer 2011 „in Anerkennung des Leids“ eine Summe von 15.000 Euro zu.

„Woelki steht seit Wochen in der Kritik, nachdem er entschieden hatte, eine umfangreiche Studie zu Missbrauchsfällen unter Verschluss zu halten.“ (Christian Wernicke, SZ 11.12.20)

3174: Max Webers Religiosität

Donnerstag, Dezember 10th, 2020

In einem Brief vom 19. Februar 1909 schreibt Max Weber:

„Ich bin zwar religiös absolut ‚unmusikalisch‘ und habe weder Bedürfnis noch Fähigkeit, irgendwelche seelische Bauwerke religiösen Charakters in  mir zu errichten – das geht einfach nicht, resp. ich lehne es ab. Aber ich bin weder areligiös noch irreligiös. Ich empfinde mich auch in dieser Hinsicht als einen Krüppel, als einen verstümmelten Menschen, dessen inneres Schicksal es ist, sich dies ehrlich eingestehen zu müssen.“ (Ulrich Greiner, Die Zeit 26.11.20)

3173: Der Mini-Lockdown ist gescheitert.

Mittwoch, Dezember 9th, 2020

Ein Grund für die Schwierigkeiten, die wir gegenwärtig haben, liegt bei den widerborstigen Menschen, die sich nicht an die staatlichen Vorgaben und Appelle halten. Unverantwortlich. Einige verfahren nach der pubertären Logik, dass etwas unbedenklich sein muss, wenn es nicht verboten ist. Die Zahl der Neuinfektionen verharrt auf hohem Niveau, die Zahl der Patienten und Toten steigt, Intensivbetten werden knapp. Nach dem Prinzip Rasenmäher wurden Gastronomie, Kultureinrichtungen und Sportstätten geschlossen. Zugleich wurden Glühweinstände auf Bürgersteigen eröffnet, an denen sich Menschen und Viren tummeln. Busse und Bahnen sind zu manchen Zeiten übervoll. Im November gab es in Städten wie Düsseldorf und Bielefeld einen Wettbewerb um die günstigsten Angebote. Es bildeten sich Riesenschlangen. Nie war Ansteckung billiger zu haben. Immer finden viele eine Ausnahme für sich selbst. Die Gesellschaft zerfällt in Partikularitäten: Wir und Ihr, Stadt und Land, Home-Office gegen Präsenz-Job, Systemrelevanz gegen Gerade-nicht-so wichtig. Durch die hohe Inzidenz lässt sich die Ausbreitung nicht mehr nachvollziehen. Das Virus ist längst durch die Bevölkerungsschichten diffundiert (Werner Bartens; SZ 8.12.20).

Daraus folgt: Keine Lockerungen zu Weihnachten und Silvester! Ab sofort ein harter Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen!

3172: Eine Quote ist gegen das Grundgesetz.

Montag, Dezember 7th, 2020

Der Professor für Strafrecht, Tonio Walter, der in Regensburg lehrt, überprüft, ob eine Quote mit dem Grundgesetz vereinbar ist:

1. Die fundamentale Gerechtigkeitsnorm ist der Artikel 3 GG: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Das ist auf ein Individuum, einen Menschen bezogen.

2. Deswegen hieß es im Feminismus früher: „Keine einzige Frau darf wegen ihres Geschlechts benachteiligt, kein Mann bevorzugt werden.“

3. 1994 wurde das GG ergänzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

4. Damit war vieles gemeint, etwa der Ausbau der Kinderbetreuung. Eines war nicht gemeint: die Quote.

5. Eine Geschlechterquote ist ein diametraler Gegensatz zu dem Diskriminierungsverbot des Artikels 3. Denn solange sie nicht erfüllt ist, verlangt sie gerade jene Bevorzugung oder Benachteiligung, die Artikel 3 ausdrücklich untersagt.

6. In Hamburg konnten Frauen, die Richterinnen werden wollten, von der Justizverwaltung zurückgewiesen werden, als ihr Anteil dort 60 Prozent überschritten hatte.

7. Heute halten viele Geschlechtergerechtigkeit nicht mehr für individuelle Chancengleichheit, sondern für eine Prozentzahl.

8. Im GG heißt es: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Unsere Verfassung versteht das individuell.

9. Viele schließen gegenwärtig auf Grund von Prozentzahlen darauf, dass Frauen diskriminiert werden. Nach dem Muster: „Woher weißt du, dass Frauen diskriminiert werden?“ „Weil sie unterrepräsentiert sind.“ „Warum sind sie das?“ „Weil sie diskrimimiert werden.“ Ein klassischer

Zirkelschluss.

10. Empirisch ist belegt, dass es zwischen Frauen und Männern in ihren persönlichen Präferenzen statistisch klare Unterschiede gibt.

11. Für immer mehr Kollektive werden „strukturelle Benachteiligungen“ entdeckt und ihre Entschädigung durch Zwangsrepräsentation: Ethnien, Religionen und sexuelle Orientierungen.

12. „Früher dachten nur die Rassisten in Rassenkollektiven. Heute tun es auch die Antirassisten. Früher unterteilten nur religiöse Fanatiker die Menschheit in Muslime und Andersgläubige. Heute tun das auch die Anwälte religiöser Toleranz. Früher hielten nur Sexisten Frauen allesamt für andersartig. Heute tun das auch die Feministen. Früher hielt man es für rückständig, einen Menschen auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine Religion zu reduzieren. Heute betrachtet man das als progressiv.“

13. Je größer die Zahl schützenswerter Kollektive, desto komplizierter wird ihr Verhältnis untereinander.

14. „Auch mir gefällt Diversität. Aber nur, wenn sie das Ergebnis freier Entscheidungen und fairen Wettbewerbs ist; nur, wenn sie mit jener Gerechtigkeit gegenüber dem Einzelnen einhergeht, die bisher auf unseren Fahnen stand – und die auch das Grundgesetz laut und deutlich verlangt.“

(Tonio Walter, SZ 5./6.12.20)

3171: Friedrich Engels 200

Sonntag, Dezember 6th, 2020

Friedrich Engels (1820-1895) war gemeinsam mit Karl Marx der Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“ und (ob wir es nun wollen oder nicht) auch der Mitbegründer des realen Sozialismus, der bekanntlich seinen Höhepunkt im Stalinismus (1929-1955) fand. Jens Bisky schreibt, dass Engels‘ Denken nicht zwangsläufig zum Terror führen musste (SZ 28./29.11.20). Marx und Engels waren eine lebenslängliche Arbeitsgemeinschaft, zu der Engels vor allem seine konkrete Kenntnis der kapitalistischen Gesellschaft und seine geradezu journalistische Formulierungskunst beitrug. Engels schrieb sich selbst die „zweite Violine“ zu. Ich führe hier eine Reihe seiner Schriften auf, die alle gut lesbar, verständlich und insofern sehr wirkungsvoll waren und sind:

– Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie 1844,

– Die deutsche Ideologie 1845,

– Die Lage der arbeitenden Klasse in England 1845,

– Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft 1878,

– Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft 1880,

– Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates 1886.

Schon als ich diese Schriften während meiner 68er-Zeit las, bemerkte ich, dass viele Linke diese Schriften gar nicht wirklich kannten. Vielleicht typisch bis auf den heutigen Tag.

Engels finanzierte Marx permanent, der wie seine Frau nicht mit Geld umgehen konnte. Engels war selbst ein fähiger Manager in der Textilfabrik seines Vaters. Nicht zuletzt in Manchester, das er Marx zeigte. Hier lebte er bis zu deren Tod 1863 mit Mary Burns zusammen, ohne sie zu heiraten. Friedrich Engels war lebenslänglich stets neugierig auf Wissenschaft. Er machte die Theorien von Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-1823) für den Sozialismus fruchtbar. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte Friedrich Engels seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei der Artillerie und hörte in Berlin zugleich die Vorlesungen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (der mit seiner Dialektik den realen Sozialismus geprägt hat). Engels behielt ein Faible für das Militär bei. Was heute gerne übersehen wird, ist die Lebenslust, die Friedrich Engels prägte und ihn auch leiblichen Genüssen zugetan sein ließ. Er führte ein selbstbestimmtes und gelungenes Leben und erschien nie pessimistisch und frustriert.

Nach Karl Marx‘ Tod 1883 wurde Friedrich Engels sein Nachlassverwalter und es gelang ihm, Marx‘ Nachruhm höchst erfolgreich zu pflegen. Er erweckte den Eindruck, als ob Marx‘ Werke topaktuell seien und zugleich von bleibendem programmatischen Wert. Der Band I des „Kapitals“ war 1867 erschienen. Schwer lesbar. Engels sorgte für die Publikation von Band II 1885 und Band III 1894. Aber sie waren nicht in Engels‘ gut lesbarem Stil geschrieben. Friedrich Engels wurde ein vermögender Mann und reicher Aktienbesitzer. Sein Vermögen vermachte er den Marx-Töchtern und deren Familien (Ulrike Herrmann, taz 28./29.11.20; Christian Staas, Die Zeit 26.11.20).

3170: Querdenker – ein gemischter, ungeordneter Haufen mit antisemitischen Spitzen

Samstag, Dezember 5th, 2020

1. Wenn Querdenker mit Gandhi-Bildern und Reichskriegsflaggen demonstrieren, finde ich die Mischung widerwärtig. Aber darauf kommt es nicht an, wir wollen ja wissen, was die wollen.

2. Es gibt jetzt die Untersuchung der Baseler Soziologen Olver Nachtwey, Nadine Frei und Robert Schäfer „Politische Soziologie der Corona-Proteste“. Dabei wurden 1.150 Fragebogen ausgewertet, repräsentativ ist die Studie aber nicht.

3. Bei den Querdenkern handelt es sich um eine relativ alte und relativ akademische Bewegung. Dabei waren viele wohl persönlich nicht allzu erfolgreich.

4. 34 Prozent haben einen Studienabschluss, der Anteil Selbständiger ist deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung.

5. 21 Prozent haben bei der letzten Wahl die Grünen gewählt, die Linke 17 Prozent, die AfD 14 Prozent. Das nächste Mal aber wollen 30 Prozent die AfD wählen.

6. Mehr oder weniger offen treten antisemitische Stereotype zutage.

7. Der Nationalsozialismus wird selten verharmlost.

8. Religion und Kirche spielen bei den Querdenkern kaum eine Rolle.

9. Die Querdenker „betrachten sich selbst als erwacht gegenüber den ungläubigen sogenannten Schlafschafen. Man will der verwalteten Welt und der als technokratisch empfundenen Welt einen Sinn geben, es gibt eine Skepsis gegenüber dem hypermodernen Industrialismus.“

10. Die Grünen verlieren ihre anthroposophisch-esoterischen Kräfte (nach Rassisten wie Julius Steiner) und ähnliche Knalltüten zunehmend an die Querdenker.

11. 41 Prozent der Querdenker hängen einer Naturromantik an. Wer um die Bäume geht, kriegt Erkenntnis.

12. Wissenschaftliche Erkenntnisse eignen sich die Querdenker nicht systematisch an. Sie ziehen die Objektivität der Wissenschaft in Zweifel.

13. Die Querdenker fühlen sich wohl im Modus des Generalverdachts.

14. Die Führungskräfte der Querdenker verdienen mit der Bewegung Geld (Spenden, Sponsoring, Merchandising) (Rüdiger Soldt, FAZ 5.12.20).

15. Ich (W.S.) halte die Querdenker für eine politisch brandgefährlich Gruppe, die weithin bürgerlich harmlos erscheint, aber Nazis duldet, antisemitisch agiert, Verschwörungsmythen anhängt und im Zweifelsfall demokratisch nicht gefestigt ist.

 

3169: Kein Abzug von US-Truppen aus Deutschland

Samstag, Dezember 5th, 2020

Der US-Kongress blockiert den von der letzten Administration geplanten Truppenabzug aus Deutschland. Es heißt dort, der US-Verteidigungsminister müsse vorher darlegen, dass der Abzug im nationalen Interesse der USA liege. Frühestens 120 Tage danach dürfe die Zahl der in Deutschland stationierten US-Soldaten die Grenze von 34.500 unterschreiten. Bundesaußenminister Heiko Maas und andere deutsche Politiker zeigten sich erleichtert. Allein unsere Kommunisten (die Linke), einige Grüne und der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich befürworten den Abzug von US-Soldaten aus Deutschland (dpa, FAZ, SZ 5.12.20).

3168: Unsere Ossis sind anders.

Freitag, Dezember 4th, 2020

Angesichts des

rundfunkpolitischen Desasters der CDU in Sachsen-Anhalt

kommen wir wieder darauf, dass unsere Ossis anders ticken. Viele empfinden es so, dass über Ostdeutschland zu wenig berichtet wird. Und dann häufig auch noch falsch. Seriöse Berichterstattung wird als selbstverständlich genommen. Und das angesichts des verhunzten Journalismus in der DDR. Aber die andere Wahrnehmung finden wir auch bei jungen Leuten. Sie sehen ihre Heimat nicht angemessen charakterisiert. Der MDR ist zwar ziemlich beliebt, hat sich lange Zeit hauptsächlich auf Unterhaltung kapriziert. Und dann zeigen manche

Christdemokraten auch noch eine Affinität zur AfD.

Hier können nur klare Wahlergebnisse eine Verbesserung bringen. Ohne wenn und aber. Besonders betroffen von der schwierigen Lage sind diejenigen Ostdeutschen, die über die schlichten Muster und vorurteilsgeleiteten Schablonen längst hinausgewachsen sind. Es fehlen in manchen Regionen eben auch

bedeutende Regionalzeitungen.

Sie waren anfangs für viele zu teuer (Jens Schneider, SZ 4.12.20).