Archive for the ‘Philosophie’ Category

3339: Grüne sind gespalten.

Sonntag, April 4th, 2021

Die Grünen haben bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 32,6 Prozent einen grandiosen Wahlsieg errungen. Wohl nicht zuletzt auch wegen Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Aber der konnte sich im Parteirat und im Landesvorstand nur knapp mit seinem Vorhaben durchsetzen, wieder mit der CDU zu regieren. Bei einer Niederlage dort wäre Kretschmann wohl nur der Rücktritt geblieben. Und noch ist die Krise nicht ausgestanden. Viele an der Basis bevorzugen Grün-Rot-Rot oder eine Ampel (Grün-Rot-Gelb).

Tatsächlich ist die CDU in Baden-Württemberg in Sachen Klimaschutz so kompromissbereit wie lange nicht. Wegen ihrer krachenden Wahlniederlage. Außerdem gibt es in Baden-Württemberg immer noch keinen grünen Landrat. Winfried Kretschmann hat zudem erkannt, dass bei dieser Landtagswahl viele CDU-Anhänger diesmal die Grünen und letztlich einen konservativ-grünen Ministerpräsidenten gewählt haben. Einmal abgesehen davon ist die FDP (gelb) in Sachen Klimaschutz immer noch die unzuverlässigste Partei (Rüdiger Soldt, FAZ 3.4.21).

3337: Joseph Beuys 100 – die Legende

Freitag, April 2nd, 2021

Im Mai wäre Joseph Beuys (1921-1986) einhundert Jahre alt geworden. Er hat sein ganzes Leben so an seiner Legende gestrickt, dass die einen ihn heute für einen „Erlöser“ halten, die anderen für einen Scharlatan. 2021 wird in zahlreichen Ausstellungen Joseph Beuys‘ gedacht. Manche sehen in ihm den größten Erweiterer des Kunstbegriffs in viele Richtungen („Jeder Mensch ist ein Künstler“, Kunst als Aktion, als Prozess), für andere hat er den „teuersten Sperrmüll aller Zeiten“ produziert.

Joseph Beuys hat die Grünen mitbegründet und für sie 1980 für den Bundestag kandidiert. Trotzdem schreibt Hanno Rauterberg (Zeit 25.3.21): „Beuys war nicht der, als der er jetzt gefeiert wird. Er war nicht links, kein Systemsprenger und erst recht kein Kämpfer der Aufklärung.“ Er fühlte sich wohl im Geseiere der Esoterik, im Nebel der Begriffe, schätzte anthroposophische Kernsätze und passte gut unter die Aluhut-Träger einer „Querdenken“-Demonstration.

Er nahm Fußwaschungen vor. Ganz im Reich des Aberglaubens. Die 7.000 Bäume, die Joseph Beuys auf der Documenta in Kassel 1982 pflanzte, kommentierte der Künstler mit dem Satz: „Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Erde aufrechtzuerhalten, nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.“ Bis in die sechziger Jahre hinein nahm Beuys an den Kameradschaftstreffen seiner Stuka-Fliegerkameraden teil. Über die Bundesrepublik sagte er: „Diese Gesellschaft ist letztlich noch schlimmer als das Dritte Reich.“

Joseph Beuys wurzelte in der deutschen Romantik. In seiner Jugend war er begeisterter Nationalsozialist. 1941 meldete er sich für zwölf Jahre zur Luftwaffe. Dort soll er die Lehren Rudolf Steiners verinnerlicht haben, auch dessen spezielle Lehren zu Inkarnationen und höheren Wesen, wie sie in Waldorfschulen verbreitet sein sollen. Er begeisterte sich für Urvölker, Schamanen und keltische Symbole (Peter Richter, SZ 27./28.3.21). 1944 wurde er über der Krim abgeschossen. Daraus machte er den Mythos vom „Absturz über der Tundra“. Vielleicht ist das, wie Niklas Maak meint, „essentialistischer Kitsch“ (FAS 14.2.21). Möglichgerweise ist Joseph Beuys der deutscheste aller Künstler – auch, weil man oft nicht sagen kann, ob er in seinem Werk etwas Irrationales, Dunkles, potentiell Gewalttätiges kritisch reflektiert, gebannt oder doch gefeiert wird.

Scharfe Kritiker wie Frank Gieseke und Albert Markert sagen, Beuys sei „in dem Zug sitzen geblieben, in den er 1933 eingestiegen ist, und hat gewartet, bis die Gleise modernisiert wurden“. Für Peter Riegel steht Joseph Beuys ganz im Bann von Rudolf Steiner. Auch da, wo es um einen Volksgeist und die Auserwähltheit der Kelten und Germanen geht. Beat Wyss schrieb: „Im Künstlerhabitus hat Beuys Ideen und Symbole verinnerlicht, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekam.“ Ihm gelinge die Verschmelzung von „völkischem Wandervogel“ und „Achtundsechziger-Rebell“.

Nach 1945 hatte der in Kleve geborene Joseph Beuys seinen Lebensschwerpunkt in Düsseldorf. Dort studierte und arbeitete er, seit 1961 als Professor (Catrin Lorch, SZ 27./28.3.21). Er sammelte auch unter den Studierenden viele Fans um sich und gebärdete sich wie ein charismatischer Führer. Dabei blieb sein Demokratiebegriff antiparlamentarisch. Angeblich ging es ihm um die Erneuerung der Gesellschaft. Zur Wissenschaft hatte er auf Grund seiner esoterischen Basis ein gestörtes Verhältnis. Kunst verstand er auch als „Heilung“, er stand der Homöopathie nahe.

Andreas Veiel, der 2017 einen Film über Joseph Beuys gedreht hat, meinte sehr dezidiert. „Ich finde bei ihm nichts Völkisches.“ Auch Hanno Rauterberg meint, dass er kein Rassist und Chauvinist sei. Beuys selbst schrieb 1972: „Ich will ja nicht zur magischen oder mythischen Welt zurück, sondern ich will anhand dieser Bilder Geschichtsanalysen betreiben.“ Möglicherweise muss Beuys heute viel stärker als bisher historisch gesehen werden. Es gibt einige Filme über sein Werk, die uns dabei behilflich sein können.

3336: EU verklagt Polen.

Donnerstag, April 1st, 2021

Die EU-Kommission verklagt Polen vor dem höchsten europäischen Gericht wegen der polnischen Justizreform. „Die nationalen Regierungen sind frei, ihre Justizsysteme zu reformieren, aber sie müssen sich dabei an die EU-Verträge halten.“ Polen wird vorgeworfen, die Unabhängigkeit von Richtern zu untergraben und sie davon abzuhalten, EU-Recht anzuwenden. Das entsprechende polnische Gesetz verstößt also gegen EU-Recht (SZ 1./2.4.21).

3334: Grüne sprechen mit gespaltener Zunge.

Mittwoch, März 31st, 2021

Machtvoll verlangen die Grünen im Bund bisweilen mehr Entschlossenheit im Kampf gegen Corona. In den elf (11) Bundesländern, in denen sie mitregieren, tun sie genau so jämmerlich wenig wie alle anderen auch. „Glaubwürdig ist das nicht. Wer Konsequenz im Bund postuliert, muss sie sich auch in den Ländern zumuten – oder sollte den Theaterdonner einstellen.“ (Constanze von Bullion, SZ 30.3.21).

3333: Meyerhoff rät Frauen von handwerklich begabten Männern ab.

Montag, März 29th, 2021

Der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff rät in einem Interview mit Sven Michaelsen (MrIcon, Supplement der „Welt“, April 2021) auf die Frage

„Sollte ein Mann einen Autoreifen wechseln können oder reicht es, die Nummer eines Pannendienstes im Handy zu haben?“ das Folgende:

Unbedingt den Pannendienst anrufen. Bloß nicht selbst den Reifen wechseln. Kreuzschraubenschlüssel: ein absolutes No-Go! Ich würde tatsächlich so weit gehen, Frauen grundsätzlich zu raten, sich von handwerklich begabten Männern fernzuhalten.

3331: VW verlangt Schadensersatz von Winterkorn und Stadler

Samstag, März 27th, 2021

Der VW-Konzern verlangt von seinem früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und dem ehemaligen Audi-Chef Rupert Stadler Schadensersatz wegen Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht im Diesel-Skandal. Außerdem von vier weiteren früheren Führungskräften der Marken Audi, Porsche und VW. Grundlage ist ein internes Gutachten der Kanzlei Gleiss Lutz. Sie hat über mehrere Jahre viele Dokumente geprüft und Gespräche geführt. Der Diesel-Skandal hatte VW 32 Milliarden Euro gekostet. Die Manager wiesen die Vorwürfe durch ihre Anwälte umgehend zurück (cmu./hpe./svs., FAZ 27.3.21).

3330: Politbarometer am 26.3.2021

Samstag, März 27th, 2021

Die Forschungsgruppe Wahlen liefert uns zum 26. März 2021 folgende Zahlen:

CDU/CSU                      28,

Grüne                           23,

SPD                              15,

AfD                               12,

FDP                                9,

Linke                              7,

Sonstige                         6.

Die Union hat – historisch einmalig – sieben Prozent verloren. Die Zweifel an Armin Laschet wachsen. Markus Söder liegt besser. Aber da müssen wir einkalkulieren, dass ein CSU-Kanzlerkandidat bundesweit ca. 5 Prozent weniger bekommt. Angela Merkel hat an Rückhalt verloren. In die Zahlen ist das Fiasko um die „Osterruhe“ nur zum Teil eingegangen (Robert Rossmann, SZ 27./28.3.21).

3329: Peter Gauweiler (CSU) erhielt im Bundestag 11 Millionen nebenbei.

Freitag, März 26th, 2021

Der ehemalige Vize-Vorsitzende der CSU und Anwalt Peter Gauweiler erhielt als Bundestagsabgeordneter nebenbei mehr als 11 Millionen Euro Beraterhonorare. Von dem Milliardär August von Finck. Von 2008 bis 2015 schickte Gauweiler dem regelmäßig Rechnungen über ein „vereinbartes Pauschalhonorar“. Gauweiler hat bei Finck auch die Kosten für Gutachten prominenter Professoren wie Hans-Werner Sinn abgerechnet. Der bekam für sein Gutachten 59 500 Euro. Damit ging Gauweiler beim Bundesverfassungsgericht gegen den Rettungsschirm für Griechenland und für den Euro vor. Eine bestimmte politische Schlagseite hatte das Ganze also auch.

Diese Tatsachen dürften die Debatte über Nebeneinkünfte von Abgeordneten anheizen. Finck hat anscheinend den Anti-Europa-Kurs von Gauweiler bezahlt. Der in der Schweiz lebende, 91-jährige Europaskeptiker gilt als stramm konservativ. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) pflegte lange Zeit gute Beziehungen zu ihm. Er erklärte nun, dass er nichts von den regelmäßigen Zahlungen Fincks an Gauweiler gewusst habe (Roman Deininger, Andreas Glas und Klaus Ott, SZ 26.3.21).

Es verstärkt sich der Eindruck, dass es die CSU ist, die mit unerlaubten Nebeneinkünften von Abgeordneten zu kämpfen hat.

3328: War der Holocaust gar nicht singulär ?

Donnerstag, März 25th, 2021

1. Sehr gut kann ich mich noch an die Zeiten erinnern, als wir die Singularität des Holocausts gegen Nationalisten verteidigt haben.

2. Im „Historikerstreit“ von 1986 formulierte Ernst Nolte seinen berüchtigten Satz: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische Tat‘ vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potenzielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen Tat‘ betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglichger als Auschwitz? War nicht der Klassenmord der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords der Nationalsozialisten‘?“ (zit. nach W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2. Aufl. 2009, S. 44)

3. Heute hat sich die politische Perspektive ins Gegenteil verkehrt. „Einst relativierte die Rechte, heute die Linke.“ (Charlotte Wiedemann, taz 17.3.21)

4. Wiedemann kennzeichnet als Besonderheiten des Holocaust: a) die Totalität des Vernichtungswillens, b) die Systematik  des Mordprogramms, c) die geografische Reichweite und d) die Einbeziehung des Volksgemeinschaft in die Verbrechen.

5. Thomas Schmid nennt als Besonderheiten des Holocaust, dass die Vernichtung der Juden der alleinige Zweck war. Und zwar aus einem Grund: weil sie Juden waren (Literarische Welt 27.2.21).

6. Nach Wiedemann dürfen wir den Porajmos nicht vergessen, dem eine halbe Million Roma und Sinti zum Opfer fielen.

7. Eine qualitative Veränderung verlangte Jürgen Zimmerer in seinem Buch „Von Windhuk nach Auschwitz“ schon 2011. Er betrachtet den Völkermord an den Herero durch kaiserliche Truppen 1904 (ca. 50.000 Menschen ließ man in der Wüste sterben) als Vorläufer von Auschwitz und bestreitet damit die Singularität des Holocaust.

8. In einer Stellungnahme für Achille Mbembe 2020 formulierten ca. 70 deutsche „Kulturschaffende“: „Die historische Verantwortung Deutschlands darf nicht dazu führen, andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung moralisch oder politisch pauschal zu delegitimieren.“

9. Als andere Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung sind stets gemeint:

der Archipel Gulag, der Völkermord an den Armeniern, die Vernichtung der Indigenen in Amerika, die Sklaverei, die Terrorherrschaft von Pol Pot und andere.

10. „Die Ermordung von ganzen Bevölkerungsgruppen ist eben nicht einzigartig in der Geschichte, sondern kam und kommt durchaus häufiger vor.“ (Claudius Seidl, FAS 28.2.21)

11. In letzter Zeit ist es besonders der in Los Angeles forschende und lehrende Literaturwissenschaftler Michael Rothberg, der im Zuge seiner „Postcolonial Studies“ darauf besteht, dass die Erinnerung an die deutschen Verbrechen nicht unbedingt bedeuten sollte, dass man darüber die anderen Verbrechen vergisst.

12. Rothberg sieht den Holocaust als ein Phänomen des Kolonialismus.

13. Dem hat schon 1977 der Holocaust-Überlebende Jean Amery über das 20. Jahrhundert entgegengehalten: „Alles wird untergehen in einem ’summarischen Jahrhundert der Barbarei‘.“

14. An Michael Rothberg kritisiert Thomas Schmid: „In diesen Kreisen muss es so etwas wie großen Neid auf die Juden (und Israel) geben.“

15. An Hannah Arendt kritisiert Rothberg ihre, wie er findet, letztlich eurozentristische Sichtweise.

16. „Der Universalismus – etwa: Alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte – sei eine europäische Waffe, um die Welt zu unterwerfen.“

3327: Lebenslang für Raser wegen Mordes

Mittwoch, März 24th, 2021

Das Landgericht München I hat am 23.3.21 einen Raser wegen Mordes und vierfachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Mann war 2019 mit hoher Geschwindigkeit vor der Polizei geflohen (SZ 24.3.21).