Archive for the ‘Philosophie’ Category

3691: Blase am Häusermarkt ?

Mittwoch, Dezember 22nd, 2021

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht wachsende Gefahren für Immobilienkäufer. Es zeigten sich „in vielen Fällen explosive Muster in der Preisentwicklung“. In immer mehr Regionen komme es zu „spekulativen Übertreibungen“. In den nächsten Jahren seien „Preiskorrekturen in größerem Ausmaß“ möglich. Vor allem in Metropolen wie Berlin und München (SRY, SZ 22.12.21).

3688: Danke, Martin Luther !

Montag, Dezember 20th, 2021

Martin Luther war vom Reichstag in Worms 1521 geflohen, weil er sich mit Kaiser Karl V. und dem Klerus angelegt hatte. Auf der Wartburg übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Sehr schnell. Und das geht heute nicht nur eine fromme christliche Minderheit an. „Denn die Sprache, die wir hierzulande sprechen und schreiben, den ‚protestantischen Dialekt‘, wie es der Sprachforscher und Märchensammler Jacob Grimm ausdrückte, diese Sprache hat Martin Luther mit geschaffen.“ (Johann Schloemann, SZ 18./19.12.21) Später wurde auch das Alte Testament übersetzt. Das brachte einen Schub von Alphabetisierung und vereinheitlichte die Mundarten in Deutschland. Nach Luther sollte jede und jeder erst einmal selber lesen, was geschrieben steht. Der Buchdruck des Johannes Gutenberg verhalf zur religiösen und kulturellen Wende.

Luther hatte Zusammensetzungen wie „Menschenfischer“ und „nacheifern“ erfunden. Und es bedarf heute kaum noch der Erwähnung, dass dies Katholiken und Evangelische nicht nur nicht mehr trennt, sondern zutiefst verbindet. Dies können wir in Göttingen erleben. Übersetzt wurde auch der berühmte Satz des Paulus in seinem Römerbrief, wonach „der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“. Das Wort „allein“ stand nicht im Originaltext. Dazu Martin Luther: „Wo man’s will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehöret es hinein, denn ich habe deutsch, nicht lateinisch oder greichisch reden wollen.“ Darin steckt auch die Idee der Übersetzbarkeit, die heute wichtiger ist als je zuvor. „Übersetzung ist das tägliche Brot der Verständigung – etwa aus Fachsprachen, wenn plötzlich alle ‚vulnerabel sagen statt verletzlich.“ Der Reichtum der Verschiedenheit entsteht gerade durch den Versuch, alles auch in der eigenen Sprache ausdrücken zu können.

3687: Friedrich Merz mit 62,1 Prozent zum CDU-Vorsitzenden gewählt.

Sonntag, Dezember 19th, 2021

Friedrich Merz ist mit 62,1 Prozent im ersten Wahlgang zum CDU-Vorsitzenden gewählt worden (Norbert Röttgen 25,8 Prozent, Helge Braun 12,1 Prozent). Das ist für die CDU ein gutes Ergebnis. Einmal betrug die Wahlbeteiligung immerhin 66 Prozent. Zum anderen ist die Zeit der „Merkeleien“ endgültig vorbei, wobei viele von uns gar nicht wussten, was die CDU eigentlich wollte. Die CSU wird glücklicherweise domestiziert. Die muss erst einmal die Landtagswahlen in Bayern 2023 überzeugend gewinnen. Und CSU-Kanzlerkandidaten tun der Union bekanntlich nicht gut (vgl. Franz-Joseph Strauß, Edmund Stoiber).

Die Wahl Merz‘ ist eine Cäsur für die CDU. Sie kann wieder versuchen, eine solide Mehrheitspolitik in der Mitte zu führen. Und Friedrich Merz hat gelernt: Intellektuell und rhetorisch ist er sowieso sehr gut. Nun will er auch noch integrieren. Und das ist richtig. Merz will den Berliner Mario Czaja zum Generalsekretär vorschlagen. Und die baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Christina Stumpp als seine Stellvertreterin. Bleibt als Problem Ralph Brinkhaus, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende. Er muss im Frühjahr 2022 neu gewählt werden.

3686: Kramp-Karrenbauer mit Großem Zapfenstreich verabschiedet

Freitag, Dezember 17th, 2021

Die ehemalige Bundesverteidigungsministerin, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), 59, ist mit einem großen Zapfenstreich aus dem Amt verabschiedet worden. Sie hatte einen guten Draht zur Armee gefunden, was man nicht von allen Amtsinhabern vorher sagen kann. Bemerkenswert war, wen Frau Kramp-Karrenbauer neben ihrer Familie als Ehrengäste sehen wollte: Feldjäger, die das Ministerium bewachen, Mitarbeiter aus der Küche, die Reinigungskraft ihres Büros (SZ 16.12.21).

3684: Lebenslang für Tiergarten-Mord

Donnerstag, Dezember 16th, 2021

Das Berliner Kammergericht hat einen 56-jährigen Russen zu lebenslänglicher Haft wegen Mordes verurteilt. Das Gericht sieht es als sehr wahrscheinlich an, dass dieser im Auftrag des russischen Staates handelte. Daraufhin hat Außenministerin Baerbock Russland eine „schwerwiegende Verletzung der Souveränität Deutschlands“ vorgeworfen, den Botschafter Sergej Netschajew einbestellt und zwei russische Diplomaten des Landes verwiesen (SZ 16.12.21).

Meiner Meinung nach geht unter solchen kriminellen Bedingungen Nord Stream 2 gar nicht.

3678: Dem „Spiegel“ werden Berichte untersagt.

Samstag, Dezember 11th, 2021

Der „Spiegel“ ist angeschlagen, seit er dem Fälscher

Claas Relotius

auf den Leim gegangen war. Daran ändert es nichts, dass der „Spiegel“ in Person von qualifizierten Journalistinnen in Talkshows gut vertreten ist. Das Landgericht Hamburg hat im Dezember 2021 dem Blatt die Berichterstattung über den Fall

Luke Mockridge/Ines Anioli

wegen „unzulässiger Verdachtsberichterstattung“ untersagt. Neben Frau Anioli hatten noch drei weitere Frauen anonymisiert Anzeige gegen Mockridge erstattet. Im November 2021 hatte ebenfalls das Landgericht Hamburg dem „Spiegel“ aufgegeben, den Bericht „Vögeln, fördern, feuern“ über den ehemaligen „Bild“-Chef

Julian Reichelt

aus dem Netz zu nehmen. Der „Spiegel“ dazu: „Einen Anlass zu einer Schärfung unserer Standards oder einer Nachjustierung unserer Prozesse sehen wir nicht.“ Das Blatt will seine Berichterstattung „auf dem Rechtsweg in jeder Hinsicht verteidigen“. (Laura Hertreiter, SZ 11./12.12.21)

3676: Georg Stefan Troller 100

Freitag, Dezember 10th, 2021

Er hat wohl über tausend Interviews geführt. 170 Fernsehfilme gemacht. Die immer auch ein wenig seine eigene Geschichte enthielten. Mit seiner Familie musste er 1938 als Jude aus Wien nach Frankreich fliehen. Fühlte sich aber stets als Teil der deutschen Kultur, der Liebhaber von Heine und Goethe: Georg Stefan Troller, der 100 Jahre alt geworden ist. Seit seiner Vertreibung spürte er die enge Verbundenheit mit seinen Landsleuten Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud und Stefan Zweig. 1962 war er zum WDR und dessen „Pariser Journal“ gekommen. Die Freunde Paul Celans dürfte es betrüben, dass Georg Stefan Troller kurz vor dessen Selbstmord noch ein Treffen beim Bier mit dem Dichter hatte. 1972 ging Troller zum ZDF. Und arbeitete dort weiter sehr erfolgreich auf seine provokante und leicht bösartige Weise an seinen Porträts. Er ist eine Jahrhundertfigur (Willi Winkler, SZ 10.12.21).

3675: Grüne verschaffen AfD Vorsitz im Innenausschuss.

Donnerstag, Dezember 9th, 2021

Die Grünen haben der AfD den Vorsitz im Innenausschuss des Deutschen Bundestages verschafft. Unglaublich, aber wahr. Weil sie für den bei der Minister-Vergabe leer ausgegangenen Parteilinken Toni Hofreiter (aus Bayern) den Vorsitz im Europa-Ausschuss vorgezogen hatten, um ihm ein Sprungbrett nach Brüssel zu verschaffen.

W.S.: Was gibt es im Bundestag bloß für blutige Anfänger!

Die Fraktionen können in der Reihenfolge ihres Stimmanteils die Ausschuss-Vorsitzenden wählen. Im Innenausschuss wird bekanntlich über Geheimdienste und den Extremismus beraten. Nun unter Führung der AfD. Dabei will das Bundesamt für Verfassungsschutz im nächsten Jahr die gesamte AfD als rechtsextremistisch einstufen. Auf ähnliche Weise hat die AfD auch den Vorsitz im Gesundheitsausschuss bekommen, die Partei also, die gegen Corona-Schutzmaßnahmen auf die Straße geht. Die anderen Fraktionen hätten gewarnt sein müssen. Und klüger handeln sollen. Die Ausschuss-Vorsitzenden erzielen mit öffentlichen Auftritten Wirkung. Sie bereiten Sitzungen vor, berufen sie ein und leiten sie. Gerade beim Thema

Rechtsextremismus

hat der Bundestag schlecht gewählt (Constanze von Bullion/Henrike Rossbach, SZ 9.12.21; Markus Balser, SZ 9.12.21).

3674: Wie Cerstin Gammelin die Ost-Frauen sieht.

Mittwoch, Dezember 8th, 2021

Cerstin Gammelin ist eine sehr erfolgreiche Journalistin bei der SZ. Sie stammt aus Ostdeutschland. Anlässlich des Rücktritts von Angela Merkel schreibt sie (6.12.21):

„An Kanzlerin Merkel hat DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann jüngst im ‚Tagesspiegel‘ befunden, sei nichts mehr ostdeutsch gewesen, weder im Stil noch in den politischen Inhalten. Dem mögen viele zustimmen, womöglich wäre es Merkel sogar recht, sie wollte ja eine gesamtdeutsche Kanzlerin sein. Das Entscheidende ist etwas anderes. Vom Ende her betrachtet, also Dezember 2021, hat sie es mit ihrem Regierzungsstil ermöglicht, dass in das wiedervereinigte Land Dinge diffundieren konnten, die einst in der DDR funktioniert hatten. Die Selbstverständlichkeit, dass Frauen arbeiten gehen. Das Feministisch-Selbstbestimmte, ein modernes Frauenbild. Flächendeckende Angebote an Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen. Ärztehäuser, die im Osten Polikliniken hießen. Mobile Gemeindeschwestern, die übers Land fahren, wo der Arzt eingespart wurde. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.“

3672: Winterhoff schließt Praxis.

Dienstag, Dezember 7th, 2021

Der Kinderpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff schließt seine Praxis in Bonn. Der 66-jährige teilte mir, er wolle „jüngeren Kollegen Platz machen und den Ruhestand“ antreten. Vor vier Monaten hatten SZ und WDR von fragwürdigen Diagnosen Winterhoffs berichtet. Patienten wurden mit Medikamenten ruhiggestellt. Kinder und Jugendliche erhielten über Jahre Neuroleptika, die eigentlich nur für akute Notfälle vorgesehen sind. Sie verursachen schwere Nebenwirkungen. Viele der Patienten waren in Jugendhilfe-Projekten untergebracht. Die Erziehungsberechtigten wussten häufig nichts von der Art der Behandlung. Mehrere frühere Patienten haben Strafanzeige gegen Winterhoff gestellt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt (STAD, SZ 7.12.21).