Archive for the ‘Philosophie’ Category

3771: Israels Vermittlerrolle ist gefährlich.

Montag, März 7th, 2022

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich Israels Ministerpräsident Naftali Bennett zum Vermittler aufgeschwungen. Das ist für Israel nicht ungefährlich.

1. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij, selbst jüdisch, hat Bennett darum gebeten.

2. Bennett möchte diplomatisch an Gewicht gewinnen und aus dem Schatten seines Vorgängers Benjamin Netanjahu treten.

3. Israel eignet sich nur schlecht für eine Vermittlerrolle, weil es sich in seinem eigenen Konflikt mit den Palästinensern oft genug gegen Vermittlung gewandt hat.

4. Als Vermittler muss man sehr stark oder wirklich neutral sein. Das trifft auf Israel nicht zu.

5. Israel muss die russischen Truppen in Syrien fürchten, weil es selbst mit Luftschlägen die aus dem Iran (Israels Hauptgegner im Nahen Osten) massiv unterstützte Hisbollah dort bekämpfen möchte.

6. „Bennett also läuft Gefahr, von Putin nur benutzt zu werden. … Weit gefährlicher für Bennett allerdings wäre es, wenn er durch die Nähe zu Putin Israels Beziehungen zum engsten Verbündeten in Washington belasten würde.“ (Peter Münch, SZ 7.3.22)

7. „Doch je länger der Krieg dauert, desto deutlicher werden die USA wissen wollen, auf wessen Seite Bennett steht.“

3769: Matthias Brandt über das Arschloch Putin

Samstag, März 5th, 2022

Der große Schauspieler Matthias Brandt wird in der SZ (5./6.3.22) von Peter Laudenbach interviewt. Grund ist Brands Mitwirken in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ am Berliner Ensemble. Brandt kehrt ans Theater zurück.

Er sagt am Anfang des Interveiws: „… Im Moment ist aber meine Wahrnehmung sowieso vollkommen überschattet von dem, was in der Ukraine passiert. Es erscheint mir fast obszön, hier über meine Nebensächlichkeiten zu sprechen. Dann denke ich wieder, ich lass mir doch von diesem Arschloch Putin nicht vorschreiben, worüber ich gerade nachdenke. …“

3768: Russland hat das Atomkraftwerk Saporischschja angegriffen.

Samstag, März 5th, 2022

3767: Deutschland muss in Europa mehr Führung übernehmen.

Donnerstag, März 3rd, 2022

„An Deutschland gibt es in Europa eine große Erwartung, Führung zu zeigen. Im Verhältnis zu Putins Kleptokratie muss es um die schnellstmögliche Loslösung von russischen Gas gehen – die Einnahmen sind zentral für das Staatsbudget und die Finanzierung der Militärmaschinerie. Die Brückentechnologie dafür heißt Flüssiggas. Ansonsten wird nun auch sicherheitspolitisch zwingend, was aus Gründen des Klimaschutzes schon vorher unausweichlich war: so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umzustellen.

Politisch und wirtschaftliuch wird man sich auf eine weitreichende Isolierung Russlands, militärisch auf eine Strategie der Eindämmung einstellen müssen, solange Putin in Moskau an der Macht ist. Das schließt Kontakte zur Zivilgesellschaft, Kulturaustausch oder Rüstungskontrolle nicht aus, wie es sie auch im Kalten Krieg gegeben hat. Der Ukraine sollte die europäische Perspektive offengehalten werden – allerdings helfen leere Versprechungen nicht. Wie problematisch sie sein können, zeigt sich auf dem Westbalkan im Umgang mit

Albanien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien und Kosovo:

Dort hat es die EU Putin seit Jahren leicht gemacht, Einfluss zu nehmen, auch weil sie ihre Zusagen allzu oft nicht eingehalten hat.“ (Paul-Anton Krüger, SZ 3.3.22)

3764: Internet-Riesen ergreifen Partei.

Dienstag, März 1st, 2022

Das Social-Media-Unternehmen Meta meldete am Montag, ein Netzwqerk aus etwa 40 Konten auf Facebook und Instagram abgeschaltet zu haben. Dort sollten ukrainische Nutzer manipuliert werden. Über gefälschte Profile und gefäschte Nachrichtenseiten sei Desinformation verbreitet worden. Die Facebook-Konten mehrerer Militärs, Politiker und Journalisten seien in der Ukraine von Hackern angegriffen worden. Die Bundesregierung macht die Hackergruppe „Ghostwriter“ für versuchte Angriffe auf Bundestagsabgeordnete verantwortlich und ordnet sie dem russischen Geheimdienst zu. Der Google-Konzern „Alphabet“ lässt auf seinem Kartendienst Maps keine Live-Informationen mehr über die Ukraine anzeigen. So werden auch keine Staus abgebildet, die zur Überwachung von Truppenbewegungen oder Fluchtrouten dienen könnten (JAB, SZ 1.3.22).

3762: „Zeitenwende“

Montag, Februar 28th, 2022

Angesichts der vom Bundestag (in einer beeindruckenden Sondersitzung) beschlossenen „Zeitenwende“, der grundlegenden Änderung der europäischen und deutschen Sicherheits- und Außenpolitik gegenüber Russland, fiele es mir leicht darauf zu verweisen, dass ich diese Politik vom ersten Tag meines Blogs im Jahr 2010 gefordert habe:

Dass sich Europa mehr selber helfen können muss (ohne die USA), dass die Bundeswehr so aufgerüstet gehört, dass sie kampffähig ist, dass die Staaten des ehemaligen Jugoslawien, die noch nicht der EU angehören, Mitglieder werden müssen, dass wir mit Polen und Ungarn geduldig sein müssen, usw.

Aber mir liegt ein billiger Triumph fern.

Russland war noch nie eine Demokratie, es war noch nie ein Rechtsstaat, dort herrschen Oligarchen unter der Führung eines Diktators und machen sich die Taschen voll, die Russen stehen seit eh und je unter einem Trommelfeuer der Propaganda („Die Presse ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator.“ 1903), Russland verübt Cyber-Attacken und Giftgasanschläge im Ausland. Da dürfen wir von der russischen Bevölkerung nicht allzu viel Widerstand verlangen.

Die EU ist sich diesmal sogar einig, dass alle Mitgliedsstaaten ukrainische Flüchtlinge aufnehmen.

Die Friedensbewegung würde mit Russland niemals fertigwerden, im Gegenteil sie wird bisher zu einem nicht geringen Teil von dort gesteuert.

Die Russlandversteher wie Matthias Platzeck, der ehemalige SPD-Vorsitzende, liegen mit ihrer Politik grundsätzlich falsch.

Was haben Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht (beide Linke) schon für Unfug über die Russlandpolitik verzapft!

3759: Viele Deutsche verstehen Putin nicht.

Freitag, Februar 25th, 2022

„Mit dem Ende des Minsker Abkommens und dem Stopp der Piepline Nord Stream 2 lösen sich aber auch Jahrzehnte deutscher Russlandpolitik in nichts auf.“

„Deutschland ist das westliche Land, in dem der Glaube an das Gute in Purin die Politik, aber auch die Sichtweise in nicht unwesentlichen Teilen der Bevölkerung am stärksten und am längsten geprägt hat. Der Auftritt des damals noch jungen russischen Präsidenten im Bundestag 2001 begründete die bis heute verbreitete Vorstellung, Putins ausgestreckte Hand sei verschmäht worden, die vorrückende Nato der wahre Aggressor.“

„Nicht die Nato-Erweiterung zwingt ihn, Oppositionelle zu vergiften und einsperren zu lassen. Umgekehrt wird die Wirklichkeit daraus. Die Vorstellung, das nach innen repressive Russland könne nach außen ein guter Nachbar sein, war immer bestenfalls naiv.“

„Die Spaltung Europas war eine Folge des von Deutschland entfesselten Krieges. Was hätte es bedeutet, wäre tatsächlich eine Garantie ausgesprochen worden, dass die Nato im Osten keine neuen Mitglieder aufnimmt? Nichts anderes, als dass ausgerechnet Deutschlands Nachbarn im Osten den Preis für die Wiedervereinigung mit fortdauernder Unsicherheit bezahlen.“

„Auch die Ostpolitik Willy Brandts führte einst über Moskau nach Warschau und Prag. Brandt hat es deshalb nicht verdient herzuhalten für die Sehnsucht nach einem Sonderverhältnis zu Russland, das per definitionem nur auf Kosten anderer Länder bestehen könnte.“

„Mit dem vorläufigen und nach Scholz‘ eigener Aussage vermutlich auch langfristigen Aus für die Pipeline Nord Stream 2 ist der Kanzler am Ende eines Irrwegs angelangt.“

„Hauptzweck der Piepline war immer die Umgehung und damit faktisch auch die Schwächung der Ukraine.“

„Der russische Präsident hat der Friedensordnung in Europa den Kampf angesagt.“

(Daniel Brössler, SZ 24.2.22)

3756: Harald Martenstein verlässt den „Tagesspiegel“.

Montag, Februar 21st, 2022

Nachdem der „Tagesspiegel“ Harald Martenstein Kolumne „Nazi-Vergleiche“ im Internet gelöscht hatte, trennte sich der Kolumnist von seinem Blatt, für das er seit 1988 gearbeitet hatte. Martenstein, der auch Kolumnist im „Zeit“-Magazin ist, hatte über das Tragen von „Ungeimpft“-Armbinden in der Form von „Judensternen“ bei Demos gegen die Corona-Maßnahmen geschrieben. Demonstranten wollten sich dadurch „zum totalen Opfer machen“. Das sei „immer eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung, es ist für die Überlebenden schwer auszuhalten“.

Jedoch sei der „Judenstern“ bei den Demos „sicher nicht antisemitisch“, denn seine Träger identifizierten sich mit den in der NS-Zeit verfolgten Juden. An dieser Sichtweise gab es „sowohl innerhalb der Redaktion als auch von Leserinnen und Lesern“ starke Kritik. Martenstein: „Ich habe meine Meinung nicht geändert. Vielleicht irre ich mich. Wo man glaubt, nur man selbst sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz.“ (Tyc, SZ 21.2.22)

3754: Theodor Lessing – der ewige Außenseiter

Sonntag, Februar 20th, 2022

Wenn in Deutschland der Name Lessing fällt, denken viele bestenfalls an Gotthold Ephraim Lessing, den Verfasser von „Nathan, dem Weisen“ oder an die Autorin Doris Lessing. Nahezu gänzlich unbekannt ist Theodor Lessing, der als Professor für Philosophie aus Hannover vor den Nazis in die Tschechoslowakei geflohen war, und dort am 30. August 1933 von sudetendeutschen Nationalsozialisten erschossen wurde. 80.000 Reichsmark hatten die Nazis auf seinen Kopf ausgesetzt, was Lessing amüsierte. 1925 hatte er schon geschrieben: „Es ist möglich, dass solch ein fanatischer Querkopf mich niederschlägt, wie sie

Rathenau

und

Harden

niedergeschlagen haben. Nun, dann werde ich zu Gott beten, dass es schnell geschehe.“

Lessing war am 8. Februar 1872 in Hannover als Kind großbürgerlicher, religiös indifferenter Juden geboren worden. Der Vater war Arzt. Lessing studierte zunächst Medizin, wechselte dann aber zur Psychologie und promovierte in Philosophie. Er war kurze Zeit Theaterkritiker des „Göttinger Tageblatts“ und arbeitete an einem sächsischen Landerziehungsheim. In Dresden konnte er sich als Jude nicht habilitieren. Erst 1908 wurde er Privatdozent an der Technischen Hochschule Hannover. Sein Leben lang wurde er vom Antisemitismus begleitet. 1910 bezeichnete ihn Thomas Mann wegen eines satirischen Artikels über den Literaturkritiker Samuel Lublinski als „Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse“. Im „Sturm“ sekundierte Herwarth Walden. Man könne „ihm nur mit einer Revolverkugel sein Mundwerk stopfen“. Theodor Lessings Jugenfreund Ludwig Klages wandte sich von ihm ab und der okkulten Esoterik zu.

Im Ersten Weltkrieg bekehrte sich Lessing zum Pazifismus. Man müsse stets mit der Not im Bunde sein, niemals mit der Macht. Es entstand Lessings zentrales Werk

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“,

das heute noch ganz aktuell verwendbar ist. Aber damit machte sich Lessing bei den Nationalisten und Rechtsextremen unbeliebt. Sie hielten ihn für „zersetzend“ und „fremdblütig“. Lessing arbeitete unermüdlich weiter und gründete mit seiner zweiten Frau die Volkshochschule Hannover („Wissen ist Macht.“). 1924 klärte Theodor Lessing den Fall des Fritz Haarmann, der von 1918 bis 1924 mindestens 24 junge Männer bestialisch ermordet hatte, als Polizeiskandal. Haarmann hatte für die Polizei als Spitzel gearbeitet.

Theodor Lessing kämpfte gegen die Kaiser-Nostalgie und gegen den pensionierten „Helden von Tannenberg“, den General Paul von Hindenburg, der sich anschickte, für das Amt des Reichspräsidenten zu kandidieren. Hindenburg war Patient von Lessings Vater gewesen. Und Theodor Lessing schilderte ihn in einem Porträt als gefährliche Fehlbesetzung für das Präsidentenamt. Was sich 1933 bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bitter bewahrheitete. „Man kann sagen: ‚Besser ein Zero als ein Nero‘. Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.“ Die Burschenschaften an der Technischen Hochschule wurden zu Todfeinden Lessings. In Hannover wurde ein „Kampfausschuss gegen Lessing“ gegründet. Er geriet in Lebensgefahr und musste seine Professur aufgeben. Sein kleines Haus am Stadtrand von Hannover wurde belagert. Da war Lessing schon geflohen. In seinen Lebenserinnerungen „Einmal und nie wieder“ fragte der Philosoph sich, was von seiner Arbeit geblieben war. „Dankesgrüße jener, denen Freude durch uns zufloss und der Mut zu sich selbst. Das ist der wahre Ertrag alles Wirkens. Sonst kam nichts dabei heraus.“

Theodor Lessing wurde 150 Jahre alt. Einen großen Festakt gab es nicht. Aber es gibt das „ZeitZentrum Zivilcourage“, 20 Gehminuten von der Hindenburgstraße entfernt am Theodor-Lessing-Platz (Martin Hecht, „Die Zeit“ 3.2.2022).

1987 ist Rainer Marwedels großartiges Buch

Theodor Lessing 1872 – 1933. Eine Biographie. Darmstadt und Neuwied (Luchterhand), 446 Seiten,

erschienen.

3751: Werner Bartens: Das Medizinsystem ist krank.

Samstag, Februar 19th, 2022

Werner Bartens (SZ 18.2.22) schreibt:

„Die Wahrheit: Das deutsche Gesundheitswesen ist vollkommen heruntergewirtschaftet. Ein elementarer Kernbereich der Daseinsfürsorge ist verkommen zu einem Industriezweig, übrigens dem umsatzstärksten im Land neben der Automobilindustrie. Die Krankenversorgung, zu der neben dem spröden Wort ‚Pflege‘ auch Nächstenliebe und etwas so Altmodisches wie Barmherzigkeit gehören, wird von Controller-Regimnentern angeführt, Profitmaximierung ist nicht nur gewünscht, sondern sie wird kalt eingefordert. Kliniken müssen Gewinne erwirtschaften; arbeiten Abteilungen unrentabel, weil sie zum Beispiel zu viele unnötige Operationen doch nicht durchführen, werden sie erst zusammengespart, dann geschlossen. Sollen sich Kranke wonanders auskurieren, wenn sie nicht lukrativ genug leiden.

Hat jemand schon einmal davon gehört, dass die Feuerwehr oder die Polizei nach ihren Ausgaben bewertet werden? Dass ihre Stellen danach bemessen sind, ob sie Gewinne machen? Ein Krankenhaus ist keine Schraubenfabrik. Doch kommunale und konfessionelle Krankenhäuser werden seit Jahren meistbietend im Ausverkauf angeboten und an private Träger verschachert, die größtenbteils börsennotiert sind oder in Fonds oder anderen Gelddepots stabile Erlöse garantieren. Mittlerweile sind fast 40 Prozent aller deutschen Klinikbetten in privater Hand. Weltweit ein Spitzenwert, Deutschland hat die USA in dieser Hinsicht längst überholt.

Mit der Privatisierung findet eine gigantische Umverteilung von Geld aus dem Solidarsystem statt, das zur Vermehrung des Shareholder Value dient. Die Beiträge aus der gesetzlichen Krankenversicherung werden dazu benutzt, damit Klinikkonzerne reicher werden und Aktionäre profitieren. Die Kosten werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert. Nicht schlimm, dass es ein paar Krankheitsgewinnler gibt? Von wegen, denn die Patienten leiden unter den systematischen Fehlanreizen, werden falsch oder unnütz oder gar nicht behandelt. Und das Personal sucht das Weite. Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass etliche Pflegekräfte in der Klinik gekündigt haben und in Umfragen regelmäßig mehr als die Hälfte der Ärzte angeben, dass sie ihren Kindern nicht mehr zum Arztberuf raten würden. Diese Menschen wollen gute Medizin machen, was aber mit den Einsparungen an Personal, Material und einer zeitlich immer engeren Taktung kaum noch möglich ist.

…“