Archive for the ‘Philosophie’ Category

4005: Ukrainer leiden und sterben, Russen können reisen.

Dienstag, August 30th, 2022

Im russischen Vernichtungskrieg war bzw. ist ein Drittel der Ukrainer auf der Flucht. Manche sind schon gestorben. Viele sind ohne Lebensperspektive. Auf russischer Seite sind schon viele Soldaten gestorben. Russland richtet sich auf einen langen Krieg ein. Dem entspricht es, dass der Kollaps der russischen Wirtschaft erst später erwartet wird. Und die Armee wird um 140.000 Mann vergrößert.

Allerdings gehen noch viele Russen auf Reisen. An die Riviera, nach Europa, nach Griechenland oder Ägypten. Das erscheint einigen von uns doch sehr ungerecht. Erwogen wird ein „Reisebann“ für Russen. Die Bundesregierung will ihn nicht. Bundeskanzler Scholz sagt in der für ihn typischen Weise, beim russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine handle es sich um Putins Krieg und nicht um Russlands Krieg.

Bei der bei Linken und Pazifisten verbreiteten Annahme, dass die Russen Putin stürzen würden, wenn sie nicht mehr nach Europa fahren dürften, handelt es sich um die dort schon immer verbreitete krasse Fehleinschätzung.

Es geht nicht um die russische Literatur, die russische Musik, die russische Malerei, die russische Filmkunst usw. Es geht um das russische politische System. Da hat sich seit den Zaren wenig geändert. Damals kam die Opposition nach Sibirien, bei Putin auch.

Einmal abgesehen davon, dass unter Lenin und Stalin Völkermord angesagt war. Da kann es doch wohl keine Illusionen geben. Russlands Distanz zum westlichen Europa ist heute größer als im Kalten Krieg. Aber ein „Reisebann“ würde daran wenig ändern. Betroffen davon wären u.a. die „Westler“, die sich tatsächlich am Westen orientieren und ihm nacheifern wollen. Die hätten dann noch weniger Chancen als jetzt schon.

4004: Geht Winnetou heute nicht mehr ?

Montag, August 29th, 2022

Ein Kinderbuchverlag hat sich gegen ein Begleitbuch zu einem Film entschieden, der sich vage an Karl Mays Büchern orientiert. Geht das heute nicht mehr? Ist Winnetou kulturelle Aneignung? Politisch inkorrekt? Tatsächlich war der 1912 gestorbene Schriftsteller Karl May dem Wilhelminismus verpflichtet, den wir heute wirklich nicht mehr wollen. Die Nazis mochten Karl May. Und Markus Söder darf auf Twitter „Cowboy und Indianer“ spielen.

„Das Problem ist nicht Winnetou, es sind auch weder Junge noch Alte. Es ist, dass sich sehr viele, etwa in Social media, gerade zur Wirklichkeit verhalten wie einst Karl may zu Nordamerika. Wir reisen nicht hin, wir schwelgen lieber in unseren jeweiligen Fantasien eigener moralischer Größe. Und übersehen geflissentlich, welch ungelösten Aufgaben anstehen: das Klima und die Demokratie zu retten, einen Kriegstreiber zu stoppen, eine Reihe von Ungerechtigkeiten ganz real auszugleichen. Es ist viel zu tun.“ (Kia Vahland, SZ 29.8.22)

4003: Israel schadet seinem Ruf.

Sonntag, August 28th, 2022

Im vergangenen Herbst hat Israel ein halbes Dutzend palästinensische NGOs zu Terror-Organisationen erklärt und nach einer nächtlichen Armee-Razzia offiziell geschlossen. Stichhaltige Begründungen wurden keine gegeben. Seit 10 Monaten verlangen Israels Partner, die USA und die EU, Beweise. Denn die mit ihrer Finanzhilfe gestützten NGOs sind die Säulen der palästinensischen Zivilgesellschaft. Gerade das scheint Israel nicht zu wollen. Es stellt sich dadurch in eine Reihe mit autokratischen Staaten (Peter Münch, SZ 27./28.8.22).

4001: Ukraine-Reise der „Linken“ geplatzt

Donnerstag, August 25th, 2022

Die „Linke“ hatte eine Ukraine-Reise geplant. Auf der wollten unter Führung der Vorsitzenden Janine Wissler mehrere Politikerinnen und Politiker sich ein Bild vom zerstörten Irpin machen, Baby Jar besuchen und sich mit befreundeten Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern treffen. Die Reise wurde von der organisierenden Rosa-Luxemburg-Stiftung abgesagt, weil schon vorher darüber in der „Jungen Welt“ berichtet wurde. Es geht das Gerücht, dass die Reise aus dem Kreis um Sahra Wagenknecht an die Zeitung durchgesteckt worden sei (Anna lehmann, taz 18.8.22).

4000: Vor 30 Jahren: Anschlag in Rostock-Lichtenhagen

Donnerstag, August 25th, 2022

Im August 1992 belagerte eine johlende und wütende Menschenmenge in Rostock-Lichtenhagen über Tage das „Sonnenblumenhaus“. Dort wohnten Flüchtline und vietnamesische Vertragsarbeiter. Erst flogen Steine, dann Molotowcocktails. Die Rostocker Polizei wollte die Bedrohten nicht beschützen. Eine sehr große Menge von Anwohnern applaudierte. Das war die Mischung aus Einheimischen und angereisten gewaltbereiten Neonazis. Die waren sich völlig einig. „Es verging nicht eine Woche, in der nicht irgendwo ein Flüchtlingsheim brannte oder auch Menschen, die ausländisch aussahen, angegriffen wurden.“ Damals verbreitete sich der Geist, aus dem die NSU und die AfD hervorgingen (Jan Bielicki, Nina von Hardenberg, Rainer Stadler, SZ 24.8.22).

3999: Zwischenbericht sexualisierte Gewalt Bistum Trier – ein Fall fehlt.

Donnerstag, August 25th, 2022

In einer Aufarbeitungskommission bearbeitet das Bistum Trier seit dem Juni 2021 sexualisierte Gewalt. Den Vorsitz führt der frühere rheinland-pfälzische Justizminister Gerhard Robbers (SPD). Nun soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden. Ein Fall wird darin fehlen. Der von „Karin Weißenfels“ (Pseudonym). Sie war als Gemeindereferentin von einem Priester missbraucht worden. Als ein Kind unterwegs war, verweigerte die fromme Katholikin eine Abtreibung, die der Priester von ihr verlangte. Das Bistum unterstützte sie nicht. Deswegen möchte sie nun in dem Zwischenbericht nicht erwähnt werden (SZ 25.8.22).

3997: Wolfgang Kubicki (FDP) – ein Handlanger Moskaus

Dienstag, August 23rd, 2022

Angesichts der permanenten Erpressungsversuche Wladimir Putins Europa gegenüber fällt Wolfgang Kubicki (FDP) nichts Besseres ein, als die Öffnung von Nordstream 2 vorzuschlagen. Damit macht er sich zum Handlanger des Kremls. Das ist Verrat. Die Sanktionen würden ausgehöhlt. Moskau hätte Berlin wieder mehr in der Hand. Und der Westen würde gespalten, das Lieblingsziel Putins. Geschlossenheit ist und bleibt die stärkste Waffe des Westens. Kubicki möchte anscheinend die total gescheiterte Energiepolitik Angela Merkels (CDU) fortführen. Und wenn wir uns bei Gerhard Schröders (SPD) falscher Politik gar nicht wundern, weil er ein bezahlter Agent Moskaus ist, so hat uns die FDP wohl noch einiges zu bieten.

„Es wird schmerzhaft, teuer, kühl – aber aus dieser Abhängigkeit muss sich das Land befreien. Andernfalls würde es zum Vasallen Moskaus.“ (Michael Bauchmüller, SZ 22.8.22)

3996: Theo Sommer ist gestorben.

Dienstag, August 23rd, 2022

Der langjährige Chefredakteur, dann Herausgeber (gemeinsam mit Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt) der „Zeit“, Theo Sommer, ein Jahrgangsgenosse Helmut Kohls (1930), ist gestorben. Seine Schullaufbahn führte ihn 1942 auf die Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen. Er wurde zum Volkssturm eingezogen, wo er mit Panzerfäusten und Maschinengewehren hantierte. Nach 1945 studierte er in den USA. Theodor Eschenburg empfahl ihn Marion Dönhoff. So wurde er Redakteur der „Zeit“. Er hat wesentlich dazu beigetragen, das Blatt zu „entwilhelmisieren“ und liberalisieren. Die Auflage stieg schließlich bis auf eine halbe Million. Sogar heute noch ist die Wochenzeitung wirtschaftlich stabil. In Sommers Chefredakteurs-Zeit lag auch die Glanzzeit des Feuilletons unter Fritz J. Raddatz. Die „Zeit“ hat die Außenpolitik der Ära Willy Brandt (SPD) positiv, tatkräftig und mit Erfolg unterstützt. Vergaloppiert hatte sich Sommer in der Beurteilung der DDR kurz vor ihrem Ende. Aber da war er ja nicht der einzige (Willi Winkler, SZ 23.8.22).

3995: ARD distanziert sich von RBB.

Montag, August 22nd, 2022

Die ARD-Intendanten erklären zum RBB: „Wir, die Intendantinnen und Intendanten der ARD, haben kein Vertrauen mehr, dass der geschäftsführenden Leitung des Senders die Aufarbeitung der diversen Vorfälle zügig genug gelingt.“ Zurückgetreten sind

die Intendantin Patricia Schlesinger,

der Vorsitzende des Verwaltungsrats, Wolf-Dieter Wolf,

die Vorsitzende des Rundfunkrats, Friederike von Kirchbach.

Der Intendant des HR, Florian Hager, erklärte: „Es braucht jetzt vollständige Transparenz und Aufklärung über die Vorgänge im RBB und einen Neubeginn unter neuer Führung.“ Das Gleiche fordert der Bundesvorstand des DJV. Der geschäftsführende Intendant des RBB, Hagen Brandstäter, der Verwaltungsdirektor, hat, wie jetzt bekannt wurde, ein Jahresgehalt von 230.000 Euro. Am Bonussystem des Senders ist er darüberhinaus mit 30.738 Euro beteiligt. An dem Bonussystem partizipierten bisher 27 Führungskräfte des RBB (Anna Ernst, SZ 22.8.22).

Die Erklärung der ARD-Intendanten kommentiert Cornelius Pollmer (SZ 22.8.22): „In ihr lässt sich ehrliches Misstrauen in die RBB-Geschäftsleitung erkennen, die an der Aufklärung aller Vorwürfe bislang offenbar weniger forsch mitwirkte, als sie das nach außen und selbst nach innen gerne glauben machen wollte. Es lässt sich in der Erklärung Buhrows aber auch lesen, wie stark das Interesse der durch ihn vertretenen Verantwortlichen ist, den RBB zu isolieren, damit dessen Krise sich bloß nicht weiter auswachse von der einzelner Personen und regionaler Strukturen zu einer des gesamten öffentlich-rechtlichen Systems.“

„Dass ARD-Intendanten der Geschäftsführung eines ARD-Senders das Vertrauen entziehen, ist beispiellos. Der Schritt wird als Aufforderung zum Rücktritt verstanden (Claudia Tieschky, SZ 22.8.22).

3993: Hamed Abdel-Samad zum Fall Salman Rushdie

Freitag, August 19th, 2022

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad nimmt in einem Interview mit Evelyn Finger (Zeit 18.8.22) ausführlich Stellung zum Fall Salman Rushdie:

„Ich habe keine Lust mehr, wegen meiner Kritik an meine Herkunftsreligion als Islamfeind beschimpft zu werden. Vor allem möchte ich nicht mehr auf offener Straße, trotz Polizeibegleitung bepöbelt werden. In Berlin und anderen europäischen Großstädten passiert mir das regelmäßig, in Beirut nicht. Meine Frustrationstoleranz ist aufgebraucht.“

„Es sind immer junge muslimische Männer, so zwischen 19 und 25 Jahren, die mich bedrohen, und ich ahne, woher ihre Wut kommt. Sie leben mit Schuldgefühlen, weil ihre Familien oft aus Konfliktregionen stammen, aber im Westen in Frieden leben. Über die neuen Medien sehen sie die Konflikte in der alten Heimat, an denen angeblich der Westen die Schuld trägt – und das lädt sie mit Zorn auf.“

„Militante Islamisten manipulieren die Gefühle junger Menschen, indem sie sagen: Du bist nicht ohnmächtig, sondern Instrument göttlicher Gerechtigkeit. Du kannst dich auszeichnen durch eine edle Tat.“

„Mich macht wütend, wenn es im Westen heißt, islamistische Attentäter seien nur einzelne Spinner, auch dürfe man religiöse Gefühle nicht verletzen. Das ist keine Toleranz, sondern Heuchelei – sie schafft Rückzugsräume für autoritäre Subkulturen. Westliche Politiker und Intellektuelle haben Rushdie im Stich gelassen, weil sie nicht zur Meinungsfreiheit stranden. Als der Showmaster Rudi Carell einmal ein Bild von Ayatollah Chomeini einmal mit Unterwäsche bewarf, musste er sich nachher entschuldigen.“

„Als Muslim lebtr man nirgends freier als im Westen. Wir müssen lernen, dass religionskritik nicht religionsfeindlich ist.“